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Interview

«Es geht auch ohne Vater»

Mutter mit kleiner Tochter

Misa Yamanaka-Altenstein, Fachpsychologin Psychotherapie FSP und Leiterin des Klaus-Grawe-Instituts in Zürich, findet die Perspektive des Kindes wichtig.

wir eltern: Sie beraten Frauen, die sich überlegen, ohne Partner und durch Samenspende ein Kind zu bekommen. Was sind das für Frauen?

Misa Yamanaka: Es sind Frauen, die einen ausgeprägten Kinderwunsch haben und aus verschiedenen Gründen nicht dazu gekommen sind, sich diesen Wunsch erfüllen zu können. Einige Frauen haben nicht den passenden Partner gefunden, andere entscheiden sich bewusst für diesen selbstbestimmten Lebensentwurf. Aus Studien weiss man, dass es mit steigendem Alter und Bildungsgrad schwieriger wird, einen passenden Partner mit Kinderwunsch zu finden. Nicht zuletzt ist die Samenspende natürlich für homosexuelle Frauen eine Möglichkeit, zu einem Kind zu kommen.

Worum geht es in Ihren Beratungen?

Viele Frauen erhoffen sich, von mir für ihre Entscheidung eine moralische oder ethische Berechtigung zu bekommen. Meine persönlichen Moralvorstellungen sind bei einer Beratung nicht relevant. Als Psychologin fokussiere ich auf die individuellen Bedürfnisse und Beweggründe und kläre diese zusammen mit der Klientin. Ein weiterer Schwerpunkt in der Beratung ist die Perspektive des Kindes – es stellen sich die Fragen: Kann ich mit diesem Lebensentwurf eine verlässliche Mutter sein? Sind die Voraussetzungen für das gesunde Aufwachsen eines Kindes gegeben? Was kann ich konkret dafür tun, um diese zu fördern?

Der grosse Teil der Gesellschaft steht dieser Art von Familiengründung kritisch gegenüber.

Das ist so, deshalb geht es in einer Beratung auch darum, eine persönliche und standhafte Haltung zu entwickeln und herauszufinden, wie man mit der Familie oder mit Freunden, die kritisch eingestellt sind, umgehen kann.

Soll man überhaupt sagen, wie das Kind entstanden ist?

Entscheidung. Bleibt der Zeugungsweg ein Geheimnis, gilt es, dieses tragen zu können, was bisweilen belastend sein kann. Auch muss gewährleistet werden, dass das Geheimnis nicht zufällig vom Kind aufgedeckt werden kann, da dies einem Vertrauensbruch gleichkommen würde. Entschliesst man sich für den offenen Weg, sollte eine vollständige Offenheit gewährleistet werden können. Ich rate von einem Mittelweg ab: Man kann aus Rücksicht auf das Kind nicht nur einem Teil des Umfelds die Wahrheit sagen, sondern sollte sich für die eine oder die andere Strategie entscheiden. Ansonsten liegt die Last auf dem Kind. Die Mehrheit der Frauen entschliesst sich deshalb für eine offene Kommunikation.

Wächst ein Kind ohne seinen Vater auf, fehlt die männliche Bezugsperson. Ein Risiko?

Aus der Sicht des Kindes ist es wichtig, dass mindestens eine Person da ist, die Konstanz in der tragfähigen Beziehung gewährleistet. Hilfreich ist zudem ein unterstützendes Umfeld. Ob dies aus dem Vater, einer anderen Frau oder mehreren Personen besteht, ist irrelevant. Vergessen wir nicht: Die traditionelle Familie ist kein Erfolgsgarant. Wenn Eltern ständig im Konflikt sind – und man weiss, dass rund 50 Prozent der Partnerschaften konfliktbeladen sind, kann dies negative Auswirkungen auf das Kind haben. Ausserdem ist es auch in traditionellen Familienmodellen oft so, dass ein Elternteil viel häufiger präsent ist.

Bei einer anonymen Samenspende erfährt das Kind nie, wer sein Vater ist. Wie problematisch ist das für das Kind?

In den ersten sechs Lebensjahren ist für das Kind das normal, was gegeben ist. Klar ist es schön zu wissen, wer der Vater ist, aber es ist keine Voraussetzung, um gesund aufwachsen zu können. Die beständige und bedingungslose Liebe in der Beziehung zu mindestens einer Person ist wichtiger. In der Pubertät erwacht das Bedürfnis, über die eigene Identität nachzudenken. Dann macht es sicher einen Unterschied ob die Mutter dem Kind verheimlicht, wie es entstanden ist oder ob der Umgang mit dem Zeugungsweg offen und pragmatisch ist. Wenn das Kind nachvollziehen und einordnen kann, aus welchen Gründen sich seine Mutter für diesen Lebensentwurf entschieden hat, wird es mit der Situation einfacher klarkommen.

Samenspende kann als demütigend empfunden werden.

Ist es problematisch, wenn ein Mann gleich mehrere Dutzend Kinder zeugt?

Ein Samenspender muss damit umgehen können, wenn er irgendwann von «seinen» Kindern kontaktiert wird. Auch bei anonymen Samenspenden kann es dazu kommen.

In unserer romantischen Vorstellung entsteht ein Kind in einem Akt der Liebe. Was bedeutet es, wenn dem nicht so ist?

Viele Frauen empfinden eine Samenspende deshalb auch als demütigend, weil sie die Verschmelzung als mechanisch wahrnehmen. Das kann Auswirkungen haben auf das Selbstwertgefühl der Frau. Frauen können sich in dieser Situation als unfähig, nicht weiblich oder liebenswert empfinden.

Wie reagieren Sie auf solche Gefühle Ihrer Klientinnen?

Ich vermittle, dass solche Empfindungen normal sind. Es geht deshalb darum, den Selbstwert auch über andere Aspekte zu definieren, eine persönliche Entscheidung zu fällen und dazu zu stehen, auch wenn es ein unkonventioneller Lebensentwurf ist.

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