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Gesellschaft

Kinderwunsch: Sperma per Post

Kinderwunsch und keinen Partner? Kein Problem für die Frau von heute. Die nötige Portion Sperma lässt sich auftreiben, allerdings oft auf halblegalem Weg.

Die Biologie ist ein emanzipationsresistenter Gleichberechtigungsgegner. Frauen wie Männer machen heute zum Teil mehrstufige und komplizierte Ausbildungen, erklimmen die Karriereleiter, gründen ein eigenes Geschäft oder starten in der Politik durch. Spätestens Ende 30 lässt sich die Frage nach der Familienplanung für das weibliche Geschlecht jedoch nicht mehr mit «später» beantworten. Wer sich ein Kind wünscht, muss jetzt den geeigneten, zeugungswilligen Partner zur Hand, besser bereits schon im Bett haben – und vorwärts machen. Ganz anders der Mann: Er hat keine Eile, kann auch erst Mitte 40, 50 oder 60 Vater werden. Und sich in der Zwischenzeit launige Gedanken darüber machen, wie es sich anfühlt, zur zeitgeistigen «Generation beziehungsunfähig» zu gehören.

Was tun, wenn der Kinderwunsch übermächtig ist, frau jedoch jeden Morgen alleine aufwacht oder der Mann an ihrer Seite noch oder noch nicht bereit ist, mit ihr zusammen die Verantwortung für einen heranwachsenden Menschen zu übernehmen? Die Reproduktionsmedizin gaukelt Frauen vor, eine Lösung zu haben. Mit Social Freezing, dem Einfrieren von Eizellen, wird das Problem jedoch bloss auf die lange Bank geschoben. Da Alleinerziehende mittlerweile – anders als noch vor 40 Jahren – nicht mehr wie Aussätzige behandelt werden und auch Kinder, die nicht in sogenannt intakten Familien aufwachsen, in der Schule keine Minderheit mehr sind, erfüllen sich Frauen heute ihren Kinderwunsch auf eigene Faust.

Maya: «Seit einigen Jahren hatte ich keine Beziehung mehr, auf die ich bauen konnte. Beruflich war ich als Künstlerin sehr mit meinen Projekten beschäftigt. Als ich Mitte 30 beinahe ein Burn-out erlitt, merkte ich, dass ich mich nicht den Rest meines Lebens nur mit mir selbst beschäftigen wollte. Der Kinderwunsch stand plötzlich im Raum, ich ging ihn an wie ein Projekt. Zwei Monate habe ich gebraucht, um mich zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden: Co-Elternschaft mit einem schwulen Mann, der ebenfalls einen Kinderwunsch hatte, konnte ich mir vorstellen. Bin aber zum Schluss gekommen, dass es ein zu grosses Risiko ist, mich neben dem Kind noch auf ein zweites fremdes Leben einzulassen. Nicht infrage kam für mich, mir bei einem One-Night-Stand ein Kind machen zu lassen; abgesehen vom gesundheitlichen Risiko finde ich es unethisch, einen Typ so in die Pfanne zu hauen. Ich entschied mich für einen Samenspender, den ich im Web gefunden hatte.»

Sperma vom Pöstler

Für Singlefrauen ist es nicht möglich, auf legalem Weg in einer Klinik für Reproduktionsmedizin eine Samenspende zu erhalten. Zwar befürwortet die Nationale Ethikkommission mittlerweile die Samenspende im Sinn der Nichtdiskriminierung auch für alleinstehende Frauen, die Gesetzesänderung lässt aber auf sich warten. Immer noch ist eine heterologe Insemination, also eine Samenspende mit Sperma, das nicht vom Partner ist, nur bei Unfruchtbarkeit erlaubt. Die Frau braucht also einen Mann, und dieser ist in der Klinik verpflichtet, sich auszuweisen, wodurch er zum sozialen Vater des Kindes wird. «Die kantonalen Gesundheitsbehörden kontrollieren uns alle zwei Jahre», sagt Peter Fehr von der Kinderwunschklinik OVA IVF in Zürich. Fehr kann jedoch Frauen ohne Partner trotzdem helfen, zu einem Kind zu kommen, da die heterologe Insemination für Alleinstehende in anderen europäischen Ländern legal ist. Beratung und Ultraschalluntersuchungen werden in der Schweiz gemacht. Darauf fliegt die Frau nach Spanien – sofern sie sich einen anonymen Spender wünscht – nach England oder Dänemark, wenn das Kind mit 18 Jahren erfahren können soll, wer sein biologischer Vater ist. Kostenpunkt je nach gewähltem Prozedere zwischen 800 und 8000 Euro – die Reise nicht gerechnet.

Deutlich günstiger ist es, bei einem ausländischen Anbieter wie Cryos in Dänemark, laut Eigenwerbung die grösste Samenbank der Welt, Spermien zu bestellen und eine Selbstinsemination vorzunehmen. Eine anonyme Spende mit Basis-Profil kostet gerade mal 63 Euro, eine offene Spende mit erweitertem Profil (Stimmaufnahme des Spenders hören, Babyfotos sehen etc.) bis zu 700 Euro, ohne Mehrwertsteuer und Versandkosten. Da für die Einfuhr von Keimzellen eine Bewilligung benötigt wird, ist der Sperma-Import illegal. Franziska Wirz von der Beratungsstelle appella bezeichnet ihn sogar als absoluten Blindflug: «Die Frau weiss nichts über die Gesundheit des Spenders. Zudem finden wir es wichtig, dass das Kind die Möglichkeit erhält, spätestens mit 18 seinen biologischen Vater kennenzulernen. » Wirz empfiehlt Singles mit Kinderwunsch, im Bekanntenkreis einen Erzeuger zu suchen.

Biologisch oder im Becher?

Klappt dies nicht, zeigt ein Blick auf einschlägige Internetseiten, dass an zeugungswilligen Männern kein Mangel herrscht. Ob biologische oder Bechermethode – alles ist möglich. Biologisch bedeutet schlicht normaler Geschlechtsverkehr; anscheinend sind die Erfolgschancen so grösser als bei der Bechermethode. Hier ejakuliert der Spender in einen sterilen Behälter, übergibt ihn der Frau und diese führt das Sperma möglichst bald, jedoch nicht später als nach einer Stunde mittels Einwegspritze in die Vagina ein. Zur Fremdinsemination oder Bechermethode gibt es im Internet detaillierte Anleitungen.

Maya: «Ich habe verschiedene Samenspender getroffen und mich schliesslich für Reto entschieden, der fast gleich alt ist wie ich. Abgesehen von seinen Mails mit katastrophaler Rechtschreibung trat er sehr professionell auf. Er zeigte mir unaufgefordert sein Spermiogramm, macht regelmässige HIV-Tests und führt Statistik etwa darüber, wie viele Mädchen und Jungen er bereits gezeugt hat – nämlich halbe-halbe. Das fand ich lustig, aber auch irgendwie irritierend. In letzter Konsequenz hat mich seine Unemotionalität entlastet: Er war absolut zuverlässig, in keiner Weise übergriffig. Es war klar, dass er nicht auf der Suche nach einer Partnerin war.»

Es ist mir wichtig, mein Familienmodell als Normalität zu etablieren.

Reto sitzt im Frühstücksraum einer Hotelkette, öffnet auf dem Laptop die Datei mit den Fotos der Kinder, deren Erzeuger er ist, fast 60 sind es. Bei den ersten acht – so viele sind gesetzlich erlaubt – war er noch Samenspender in einer Reproduktionsklinik. Mittlerweile hat er sich selbstständig gemacht.

Reto: «Kinder sind etwas Positives und ich schliesse nicht aus, dass ich einmal selber welche haben werde, sein muss es aber nicht. Vom Gefühl her war es für mich falsch, dass ich in der Reproduktionsklinik nicht erfuhr, wer die Kinder bekommt. Auch hat mich gestört, dass ich bloss 3000 Franken Spesen erhielt, die Klinik mit meinem Sperma jedoch ein Vielfaches eingenommen hat. Ich meldete mich deshalb auf einer privaten Website als Samenspender an. Unter den Interessentinnen sind zunehmend auch Frauen ohne Partner, denen die Zeit davonläuft. Ich freue mich, wenn ich helfen kann und mache es nicht des Geldes wegen. Ich verlange gerade mal meine Fahrspesen.»

Maya: «Ich fand Reto attraktiv, ja sogar sexy. Das war mir wichtig, weil ich das Kind auf natürlichem Weg empfangen wollte. Wir einigten uns schnell und wenige Wochen später trafen wir uns in einem Hotel irgendwo im Mittelland. Ich vertraute ihm, wie man auch vertraut, wenn man verliebt ist. Ich war wahnsinnig guter Dinge und natürlich auch ein bisschen aufgeregt. Geniess den Geschlechtsverkehr soweit wie möglich, sagte ich mir, dann klappt es am ehesten. So wars dann auch, vielleicht nicht brillant, aber völlig ok. Und ich auf Anhieb schwanger.»

Reto: «Am liebsten ist mir die Bechermethode. Doch manche Frauen wünschen sich die biologische Variante, weil es ihnen natürlicher erscheint. Manchmal sage ich zu, aber nicht immer, denn meist ist die Situation für beide etwas unangenehm. Zweimal hatte ich Frauen, die noch nie Geschlechtsverkehr hatten; das sind dann schon spezielle Erlebnisse. Es freut mich, wenn ich nach der Geburt oder auch später ein Foto vom Kind bekomme, denn es interessiert mich, ob es mir gleicht. Regelmässigen Kontakt will ich nicht, bin aber selbstverständlich bereit, die Kinder zu treffen, wenn sie 18 Jahre alt sind.»

Gegenwind aus Kunstszene

Rechtlich begibt sich ein privater Samenspender wie Reto aufs Glatteis. Frauen, die auf diese Weise ein Kind bekommen, geben den Erzeuger im Geburtsformular nicht an. Wenn jedoch ein Neugeborenes ohne Vater registriert wird, sind die Behörden verpflichtet herauszufinden, wer der Vater ist. Einerseits weil das Kind ein Recht hat zu wissen, von wem es abstammt. Andererseits weil ein privater Samenspender Unterhaltszahlungen für das Kind leisten müsste – anders als ein offizieller Spender.

Reto: «Im Kontakt mit den Frauen verhalte ich mich absolut diskret. Niemand erhält meine Nummer oder weiss, wo ich wohne oder arbeite. Weder mein Bekanntenkreis noch meine Eltern oder Geschwister wissen von meinem Doppelleben. Einzig, wenn ich eine Freundin hatte, erzählte ich es. Verträge mache ich keine; diese wären wegen Rechtswidrigkeit sowieso ungültig. Es ist reine Vertrauenssache.»

Maya: «Meine Tochter ist drei. Noch fragt sie nicht nach ihrem Vater. Sie wird im Bewusstsein aufwachsen, dass uns jemand geholfen hat, dem wir sehr dankbar sind. Auf die Fragen der Behörden gab ich an, es sei ein One- Night-Stand in London gewesen. In meinem Bekanntenkreis bin ich jedoch absolut offen. Ich verheimliche nicht, wie meine Tochter gezeugt wurde. Es ist mir wichtig, mein Familienmodell als Normalität zu etablieren. Ich empfehle es aber nur dann, wenn man absolut sicher ist, dass es der richtige Weg ist. Um die Geschichte hinterher zu ertragen. Finanziell bin ich unabhängig. Meine Familie hat mich von Anfang an unterstützt. Anders mein Umfeld: Sogar in der linken Kunstszene hat man mir vorgeworfen, ich würde egoistisch handeln. Wie verlogen ist denn das! Kinder haben ist doch per se egoistisch.»

Pionierinnen wecken Neid

Bleibt die Moralfrage. Darf frau das? Sich jeden Wunsch erfüllen, wie es ihr gerade passt? «Wer verzichtet, gilt heute als Versager», sagt Katrin Wiederkehr, Psychologin in Zürich. «Doch jede Wahl ist ein Verzicht.» Selbst hat die 73-Jährige es sich erlaubt, zugunsten der Karriere keine Kinder zu haben. «Ich bin keine Asketin sondern dafür, dass das Leben voll ausgeschöpft wird. Doch scheint man heute alles zu können, Anspruch auf alles zu haben.» Die Psychologin gibt zu, dass ihre Generation diesen Frauen gegenüber, die sie als Pionierinnen bezeichnet, auch eine Spur Neid verspüre. Andererseits sei es nötig, Grenzen zu ziehen. «Die Lebensenergie muss für die Lebensleistung genügen. Und ein Kind ohne Unterstützung des Erzeugers grosszuziehen ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.»

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