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Kinderwunsch

Hoffen auf ein Kind

Hoffen auf ein Kind Teaserbild

Ungewollt kinderlos – das betrifft viele. Sprechen möchten nur wenige darüber. Zwei Betroffene erzählen von ihrem holperigen Weg zum Wunschkind.

Offenbar können es alle. Die Nachbarin, der Bruder, die Frau hinter der Käsetheke, sogar Hamster und Fische ... Die natürlichste Sache der Welt kann doch nicht so schwer sein: Kinder haben. Für jedes 7. Paar ist es das aber doch. Geschätzte 10 bis 15 Prozent der Pärchen mit Nachwuchswunsch bleiben ungewollt kinderlos. «Fertilitätsschwierigkeiten» sagen Mediziner dazu, «zerplatzte Träume» die Betroffenen. Nach einem Jahr regelmässigem Verkehr zum passenden Zeitpunkt stellt sich im «Normalfall» eine Schwangerschaft ein. Wenn nicht, stehen plötzlich so Wörter wie «steril» oder «impotent» im Raum. Wörter, die mehr sind als die Bezeichnung von etwas Biologischem, sondern ans Eingemachte gehen, Fragen aufwerfen wie «Bin ich überhaupt eine richtige Frau, ein ganzer Kerl?» Gesprochen wird ungern darüber. Wer möchte schon Sexfrequenz, -zeitpunkt und -art mit Dritten besprechen? Wer legt schon Wert auf ein mitleidiges «Das wird schon noch», blödes «Soll ich mal bei deiner Frau vorbeigehen?» und die Phrase «Du musst dich einfach entspannen». Dann lieber schweigen.

Lebensentwürfe sind Skizzen

Noch immer ist ungewollte Kinderlosigkeit ein Tabu. Auch wenn sich die Zahl der künstlichen Befruchtungen in Europa innerhalb der letzten zehn Jahre auf rund 450 000 verdoppelt hat.

In etwa 20 Prozent liegt die Ursache der Unfruchtbarkeit bei der Frau, in 20 beim Mann, in 15 bis 30 Prozent bei beiden und beim Rest ist man schlicht im Unklaren.

Klar aber ist, dass sich generell die Spermiendichte der Männer in den vergangenen 50 Jahren halbiert hat und – dass Paare heute immer später ein Kind wollen. Und es ist nun mal so, wie die Studien der Universitiy of California in Berkely belegen: Die Samenqualität wird mit zunehmendem Alter des Mannes schlechter, die Spermien bewegen sich mit jedem Jahr langsamer und planloser. Im Vergleich zu einem 18-Jährigen hat sich bei einem 45-Jährigen die Anzahl der lebensfähigen Spermien halbiert. Zudem machen anders geplante weibliche Berufsbiographien aus einem vertagten Kinderwunsch zuweilen einen unerfüllten Kinderwunsch.

Nach wie vor liegt die aussichtsreichste Zeit für eine Empfängnis vor dem 25. Geburtstag. Danach sinkt die Chance, schwanger zu werden, bis zum Alter von 30 langsam, stärker bis 35 und ab dann zeigt die Fruchtbarkeitskurve steil nach unten. Bei einer 40-Jährigen ist die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft gerade noch halb so gross wie bei einer 22-Jährigen. Bewusst ist das nur wenigen, so eine Studie der Universität Leipzig. 28 Prozent der Befragten waren der Ansicht, die weibliche Fruchtbarkeit nähme erst mit 40 Jahren ab, 33 Prozent dachten sogar, auch mit 45 liessen sich problemlos Kinder bekommen. Die Realität sieht anders aus. Und sie ist ungerecht.

Kuscheltiere auf Bett

Wer will schon ein mitleidiges «Das wird schon noch» hören.

Die Biologie ist altmodisch

Für Akademikerinnen etwa steht das Zeitfenster zur Familiengründung nicht gerade weit offen. Studium, Examen, Praktika und Berufseinstieg, die erste Chance zum Aufstieg. Das dauert. 42 Prozent der Frauen mit Hochschulabschluss sind mit 40 Jahren kinderlos. Und manche machen erstmals die Erfahrung, dass sich mit Fleiss, Wille und Klugheit nicht alles erreichen lässt, Lebensentwürfe nur Skizzen sind, die man vielleicht zusammenknüllen muss.

Grosse Hoffnungen setzen Betroffene auf die Reproduktionsmedizin. Schliesslich wurde Louise Brown, das erste Retortenbaby, schon 1978 geboren und seitdem hat die Medizin grosse Fortschritte gemacht. Nur Wunder bewirken kann sie noch immer nicht. In jedem Behandlungszyklus mit Hormonstimulation, Befruchtung im Reagenzglas oder Injektion des Spermiums in die Eizelle liegt die Baby-take-home-Chance bei 15 Prozent. Je nach Durchhaltewillen und Portemonnaie lässt sich durch eine höhere Anzahl der Durchgänge die Erfolgsquote auf etwa fifty-fifty bringen. Immerhin. Doch der Weg dahin ist kein Spaziergang. Ein Mann und eine Frau erzählen.

Sie

Verena Brüring* (37) lebt mit ihrem Mann in einem Dorf in Glarus. 12 Jahre lang hofften sie vergeblich auf ein Baby. Dank Reproduktionsmedizin gibt es seit 10 Monaten Benny. Früh heiraten. Früh Kinder. Schon als Mädchen hatte ich klare Vorstellungen von meiner Zukunft. Mein Vater starb, als ich elf Jahre alt war. Vielleicht kommt daher meine Sehnsucht nach einer richtigen eigenen Familie. Ich finde, Familie ist etwas, das bleibt, Sicherheit, Glück und Geborgenheit gibt. Heile-Welt-Sicht? Vielleicht. Aber ich erlebe das in meinem Umfeld auch so. Babys sind für mich immer das Allersüssteste gewesen. Schon als Schülerin habe ich babygesittet. Kurz: Kinder waren der zentrale Punkt meiner Lebensagenda. Dummerweise ist der Spruch von John Lennon «Leben ist das, was passiert, während man andere Pläne macht» aber verdammt wahr. Mit meinem Mann bin ich jetzt seit 12 Jahren zusammen. Er ist ein Engel. Wir lieben uns, er tut alles für mich. Nur – es wollte und wollte nicht einschlagen. Am Anfang habe ich das locker gesehen, schliesslich war ich noch jung. Ganz nach der Devise: Dann halt nächstes Mal. Trotzdem habe ich mich bei jeder Schwangeren, die ich gesehen habe, immer öfter gefragt: «Wann bin ich jetzt endlich dran?» Leider kam auch der Gedanke «Vielleicht ist ja mein Mann nicht der richtige für mich. Vielleicht hat es einen Sinn, dass wir zusammen keine Kinder bekommen.» Und plötzlich war da dieser andere ... Völlig bescheuert, die Sache. Zum Glück haben mein Mann und ich wieder zusammengefunden. Unsere Liebe ist etwas Besonderes. Deshalb haben wir beschlossen, mit dem Kind ernst zu machen und uns abklären zu lassen. Ergebnis: medizinische Gründe – keine. «Einfach nicht dran denken », «Nicht verspannen», «Alles psychisch » ... Dauernd musste ich mir ab da solche Phrasen anhören. Mit der Zeit habe ich angefangen, sie zu hassen und – zu glauben. Ich fühlte mich richtig schuldig, weil ich ja offensichtlich völlig «verkopft » war. Dann kam mein 30. Geburtstag. 30 Jahre! Nicht verheiratet! Kein Kind! Alle Lebensträume geplatzt. Ich habe nur noch geweint. Deshalb haben wir wenigstens geheiratet und versucht, uns abzulenken. So nach dem Motto: «Dann machen wir es uns eben zu zweit schön.» Reisen, ausgehen, eine runde Badewanne ins Haus bauen. Nur – Malediven und Wanne hin oder her – es fehlte etwas. Auch die Methode: «Ich stürz mich jetzt in die Arbeit, denn Kinder kommen immer dann, wenn es am wenigsten passt», hat nicht funktioniert. Mit 33 Jahren wurde ich Teamleiterin bei meiner Bank. Morgens um 6 Uhr aus dem Haus, abends um 22.30 wieder daheim. So sah mein Tag aus. Babybauch? Fehlanzeige.

Vor zweieinhalb Jahren war ich wegen ständiger Müdigkeit bei meinem Hausarzt. Er ist alt und kennt mich schon ewig. Nach der Untersuchung hat er mich ernst angesehen und gefragt: «Was willst du eigentlich wirklich vom Leben, Mädchen?» Da bin ich in seiner Praxis in Tränen ausgebrochen und habe ihm von meinem Kinderwunsch erzählt, von den Schuldgefühlen, davon, dass Sex ein bisschen etwas von Pflicht bekommen hat … halt die ganze Geschichte. Er hat mich kein Mal unterbrochen und dann gesagt: «Ja, dann tun wir jetzt mal was für deine Wünsche, gell», und hat mich an die Reproduktionsklinik Fiore in St. Gallen überwiesen. Die Ärztin dort war toll. Als Erstes hat sie uns gefragt: «Wie weit sind Sie bereit zu gehen? » An so einer Therapie hängen ja enorme Kosten und Belastungen. Für die Frau. Für die Partnerschaft. «Alles ausser einer künstlichen Befruchtung», haben wir damals gesagt. «Man darf nichts erzwingen.» Was waren wir blöd!

30 Jahre. Kein Kind. Alle Träume geplatzt.

Verena Brüring* (37)

Es folgte Untersuchung auf Untersuchung. Ein Schilddrüsenproblem wurde bei mir festgestellt und dass ich gar keinen Eisprung hatte. «Meine Schuld», dachte ich wieder. «Mein Körper bringts einfach nicht.» Unglaublich, wie minderwertig man sich fühlen kann. Aber auch das Spermiogramm meines Mannes war schlecht. Ohne Hilfe würden wir nie ein Kind haben. «Tja, Schatz, ich bin wohl kein besonders gutes Böckli», hat er gewitzelt. Männer! Das ging ein paar Wochen so. Bis zu dem Abend, als er ganz ruhig gesagt hat: «Okay, wir machen das mit der künstlichen Befruchtung.» Was habe ich ihn in diesem Augenblick geliebt! Ich habe mit den Hormonspritzen angefangen. Meine Freundin hat mir die gesetzt. Ich selber wäre ohnmächtig geworden. Vier Inseminationen hatten wir. Im Job habe ich mit offenen Karten gespielt, ich musste ja manchmal während der Arbeitszeit nach St. Gallen sausen. Man sollte meinem Chef ein Denkmal für sein Verständnis setzen. Aber auch so klappte es nicht. Also der nächste Schritt: ICSI. Bei der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion wird das Spermium direkt in die Eizelle gespritzt. Ein rechter Eingriff. Aber man kommt wie in einen Sog. Und: Gleich im allerersten Zyklus schlugs ein. Begeisterung. Euphorie. Reines Glück. Ich habe den Test in die Ecke geschmissen und meinem Mann ein MMS gesendet mit einem «Papa ist the best»-Nuggi. In der 8. Woche habe ich das Baby verloren. Mir fällt es noch heute schwer, davon zu sprechen. Man glaubt sich am Ziel all seiner Wünsche und dann das. Diese masslose Enttäuschung. Dass so etwas passieren könnte, hatte ich nicht auf dem Schirm. Meine Ärztin schon. Sie hat mich getröstet und: 6 Wochen später war ich wieder schwanger! Das ist wie ein 6er im Lotto mit Zusatzzahl. Ich habe geweint, geweint, geweint. Und mir Unterstützung jenseits der Schulmedizin gesucht. Ich weiss, viele halten das für Esoterik-Kram. Mag sein. Aber das ist mir gleichgültig. Ich hätte alles getan, um dieses Baby nicht zu verlieren. Habe ich auch nicht. Benny wollte bei uns bleiben. Er ist jetzt fast 10 Monate alt. Es ist so wunderbar, Mutter zu sein. Genauso wie in meinen Träumen. Nein, besser! Ich habe aufgehört zu arbeiten, denn ich möchte keinen Moment mit ihm verpassen. Ob wir ein zweites Kind wollen? Gern. Ob wir nochmal nachhelfen würden? Ja. Nein. Ich weiss nicht. Sehn wir mal.

Er

Martin Kolb* (36) hatte fast alles. Eine Frau, die ihn liebt, ein Leben, das ihn erfüllt – nur ein Kind fehlte noch. Vor einem Jahr erfuhr er, dass er unfruchtbar ist. Danach wurde alles anders. Ein Protokoll.

Ich weiss nicht warum, aber ich hatte Angst, dass es nicht klappen könnte. Im Wartezimmer einer Praxis las ich, dass es zu 30 Prozent am Mann liegt, wenn keine Kinder entstehen. Immerhin, dachte ich und legte das Heft zurück, so etwas hört man ja immer mal, und konnte es doch nicht vergessen. Würde es bei mir klappen? Plötzlich wollte ich wissen, ob ich dazu in der Lage bin, ein Kind zu zeugen. Also vereinbarte ich einen Termin beim Urologen.

Wenn mich Freunde beschreiben, sagen sie, ich habe einen Hang zum Perfektionismus. Ich sei zuverlässig, treu und ehrlich, aber oft, sagen sie, dauert es eine Weile, bis ich mich mal fallen lasse. Wenn man etwas haben will, muss man nur dafür kämpfen, dachte ich immer.

Ich sass mit feuchten Händen in der Praxis und der Arzt schaute auf den Laborbericht. Er machte es kurz. «Sie haben kaum Spermien, und die wenigen sind fast bewegungslos», sagte er. «Wahrscheinlich sind Sie nicht zeugungsfähig.» Alles weitere verstand ich nicht mehr, denn der Ton hatte sich abgestellt. Um mich herum war alles wie in Watte gehüllt. Als sei jemand gestorben.

Das war ein Schock. Ein Gefühl von Ohnmacht. Ich habe mir 1000 Fragen gestellt, darunter immer wieder diese: Warum kann jeder Idiot Kinder zeugen, nur ich nicht? Es dauerte nicht lange und ich wurde richtig wütend. Bevor die Trauer kam, kam Wut. Und die hielt sich. Wochenlang.

Ich erzählte niemandem von dem Termin oder dem Ergebnis, auch nicht meiner Freundin. Wenn sie anrief, war ich einfach wortkarg. Ich war wütend, dass sie einen Kinderwunsch überhaupt je geäussert und mich aus meinem Trott gezogen hatte. Gleichzeitig schämte ich mich, überhaupt so zu denken. Ich wollte doch selbst Kinder. Ich stand völlig neben mir. Heute tut mir mein Verhalten leid, denn meine Freundin kam einfach nicht mehr an mich heran. Eine Weile lang gelang mir das Dichtmachen. Doch wenn sie nicht da war, fiel ich in ein tiefes Loch. Dann war alles still. Und voller Trauer. Niemals würde es jemanden geben mit meinem Lächeln, meiner Augenfarbe vielleicht, den Stirnrunzeln oder meinem Haarwirbel im Nacken. Jemand, der ein paar meiner Macken hätte. Die charmanten und die weniger charmanten. Niemand, der unverkennbar mein Kind sein würde. Ich hatte viele Anrufe in Abwesenheit auf meinem Anrufbeantworter. Darunter zwei von dem Arzt, der mich bat, zurückzurufen. Nur, warum? Damit er mir sagen konnte, dass es Möglichkeiten zur Adoption gibt oder Gesprächskreise für Impotente?

Ich fühlte mich nicht mehr als richtiger Mann.

Martin Kolb* (36)

Sie fand den Befund zerknüllt in einem Karton mit Unterlagen. Es war etwa zwei Monate nach der Diagnose, und es war so angespannt zwischen uns, dass wir eine Auszeit brauchten. Sie war vorbeigekommen, um ihre Sachen zu holen. «Was ist das?», fragte sie. Zuerst reagierte ich nicht, dann schlug mir das Herz bis zum Hals. Mir wurde klar, dass sie mich wegen dieser Sache verlassen oder schlimmer noch, mich bemitleiden würde.

«Das heisst also: Wenn ich selbst unfruchtbar wäre, würdest du dich von mir trennen?», sagte sie und guckte mich an wie einen Schuljungen. Dann tröstete sie mich damit, dass ich noch nicht einmal im Ansatz die Möglichkeiten ausgeschöpft habe. Dass es noch den Weg einer künstlichen Befruchtung gäbe und auch eine Adoption denkbar sei. Vielleicht hat sie sich damals extra zusammengerissen und ihre Trauer nicht gezeigt, aber sie war in dem Moment wie ein Fels. Sie fasste in Worte, was eigentlich klar war, ich aber nicht erkennen konnte: Dass das Thema Kinderkriegen und Liebe nichts mit Eitelkeit zu tun hat. Ich war immer noch wie benebelt, aber ihre Worte gaben mir irgendwie Kraft.

Die Diagnose «Unfruchtbar» hat an meinem Selbstverständnis gerüttelt. Lange habe ich mich nicht mehr als ganzer Mann gefühlt. Aber ich war dennoch Mann genug, um reinen Tisch machen zu wollen. Um mich der Diagnose zu stellen. Zuerst rief ich den Urologen an, der keine Selbsthilfegruppe erwähnte, sondern mir erklärte, dass ein weiterer Test manchmal anders aussieht. Ergebnisse können durch Stress, ungesunde Ernährung oder sogar Seifenreste im Ejakulat beeinflusst werden. «Sie werden auch beim nächsten Mal kein Topergebnis haben», sagte er, «aber vielleicht ein besseres.»

Auch wenn es aussichtslos wäre, wollten meine Freundin und ich etwas tun, einen Plan verfolgen. Nicht nur, aber auch aus Dankbarkeit, dass unsere Beziehung nicht zerbrochen war. Wir nahmen uns eine Auszeit, fuhren ans Meer. Es gelang uns, einmal wirklich abzuschalten.

Es war eine Woche vor dem Termin in einer Fruchtbarkeitsklinik. Ich weiss es noch ganz genau. Mittags, während der Arbeit, hatte meine Freundin angerufen. Zuerst verstand ich kein Wort. Aber dann, nach einer Weile, diesen Satz: «Ich bin schwanger!»

Da habe ich angefangen zu weinen. Wie ein Schlosshund.

*Namen von der Redaktion geändert

Interview

«Stress ist nicht der Grund, warum keine Kinder entstehen»

wir eltern: Heute bekommen viele Frauen erst mit 40 Jahren ihr erstes Kind. Inwieweit spielt das Alter des Mannes eine Rolle?

De Geyter: Anders als bei Frauen gibt es bei Männern keine Menopause. Sie produzieren Spermien noch bis ins hohe Alter. Aber ab 40 nimmt auch bei ihnen die Zeugungsfähigkeit ab. Die Form der Spermien verändert sich, die Anzahl, die Beweglichkeit und das Volumen des Ejakulats. Je älter der Mann, desto mehr bröckelt das genetische Material innerhalb der Samenzellen, und das Ei kann sich nach der Befruchtung nicht weiterentwickeln. Dass ihre Zeugungsfähigkeit abnimmt, ist den meisten Männern – aber auch Frauen – nicht genügend bewusst.

Welche Ursachen hat die fehlende Zeugungsfähigkeit bei Männern?

Die häufigste Ursache ist eine Krampfader am linken Hoden, eine sogenannte Varikozele, welche zu Durchblutungsstörungen im Hoden und zu einer Schrumpfung beider Hoden führt. Der zweithäufigste Grund liegt in einer verspäteten Wanderung der Hoden. Bei manchen Säuglingen befinden sich die Hoden nach der Geburt noch im Bauchraum. Normalerweise wandern sie schon im Mutterleib in den Hodensack. Bei Betroffenen passiert das aber erst, wenn sie etwa sechs Jahre alt sind. Ihre Hoden sind unterentwickelt und produzieren zu wenige Samenzellen mit zu niedriger Qualität.

Es gibt Männer, die überhaupt keine Spermien im Ejakulat aufweisen – könnten sie dennoch Vater werden?

Selbst wenn sie ein paar Spermien haben, ist eine künstliche Befruchtung möglich. Bei der verminderten Zeugungsfähigkeit ist im Wesentlichen die Transportfunktion der Samenzellen in das Ei gestört. Die künstliche Befruchtung übernimmt den Transport des Genmaterials der Samenzellen in die Eizelle.

Nimmt die Fruchtbarkeit manchmal erst beim zweiten Kind ab?

Ja, das kommt vor. Wenn das Paar beim ersten Kind um einiges jünger war, das Geschwister also erst in einer Zeit geplant wird, in der die Fruchtbarkeitsphase beider Partner nachgelassen hat.

Wie gross ist der Einfluss von Stress oder Depressionen auf die Spermienproduktion?

Da gibt es keinen Einfluss. Die Menschheit wäre längst ausgestorben, wenn Stress und Depressionen der Grund wären, warum keine Kinder entstehen Manchmal stimmt vielmehr etwas in der Paarbeziehung nicht. Meine These ist, dass Paare, die Probleme haben, den Moment der Fruchtbarkeit immer unbewusst verpassen. Das ist nur meine Meinung, nichts Wissenschaftliches.

Wie sicher sind Spermiogramme aus Arztpraxen?

Da wird auch manchmal gepfuscht. Es gibt Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation nach welchen Samenproben untersucht werden sollten. Viele nicht entsprechend zertifizierte Einrichtungen, darunter sind auch oft kleine Arztpraxen, machen diese Tests nicht präzise genug. Sie haben auch gar nicht die labortechnischen Möglichkeiten dazu. Schon Seifenrückstände können etwa das Bild verfälschen. Die Wahrscheinlichkeit der Zeugungsfähigkeit wird dann manchmal schlichtweg geschätzt. Seriöse Labore und Praxen für Reproduktionsmedizin sind ISO-zertifiziert. Darauf sollte man achten.

Man sagt, nicht zeugungsfähige Männer leiden weniger als Frauen. Stimmt das?

Zum grossen Teil ja. Frauen tun oft alles, um schwanger zu werden. Männern fällt ein Kind einfach zu. Es wird ihnen im Krankenhaus als Bündel gereicht. Viele fühlen sich erst als Vater, wenn sie ihr Kind in den Armen halten oder sich selbst darin wiedererkennen. Diese Einstellung zum Kind ist einerseits Erziehungssache, andererseits auch eine Art Instinkthandlung – Männer müssen ja nicht schwanger werden und das Kind neun Monate austragen. Das beeinflusst den Leidensdruck.

Wie bringt man einem Paar die Diagnose «Unfruchtbar» möglichst schonend bei?

Es ist wichtig, genau über das Thema aufzuklären. Wenn man vor den Untersuchungen ein ausführliches Beratungsgespräch führt, muss man auf die Möglichkeiten, Wünsche und die jeweilige Beziehung eingehen.

Und wenn der Partner sich aus lauter Scham so isoliert, dass man nicht mehr an ihn herankommt?

Das ist eine schwere Aufgabe für ein Paar. Es braucht viel Verständnis und Geduld seitens des Nichtbetroffenen. Er oder sie muss es schaffen, den Partner in eine gute Beratung zu bringen, am besten in ein Reproduktionslabor. Daran führt kein Weg vorbei. Denn dort können spezialisierte Ärztinnen und Ärzte viel retten. Das Paar wird umfassend aufgeklärt, untersucht und hat gleichzeitig eine Anlaufstelle für eine eventuelle künstliche Befruchtung. Zu uns etwa kamen auch schon Männer, denen mit ein paar kalten, technischen Sätzen Unfruchtbarkeit diagnostiziert wurde. Sie sind dann oft am Boden zerstört. Aber viele von ihnen können trotzdem auf natürlichem Wege Kinder zeugen.

Wie ist das möglich?

Die Diagnose wurde einfach nicht richtig gestellt. Man muss da sehr vorsichtig sein. Ein Beispiel: Laut Befund besteht nur eine sehr kleine Wahrscheinlichkeit beim Mann, dass er ein Kind zeugen kann. Aber die Frau ist unter dreissig und normal fruchtbar. Erst wenn dieses Paar bereits zwölf Monate vergeblich versucht hat, schwanger zu werden, sind wir als Labor bereit, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. Ich habe schon Paare wieder nach Hause geschickt, weil sie es noch nicht lange genug probiert hatten.


Professor Dr. Christian De Geyter, Leiter der Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Basel, spricht über seine Erfahrungen aus 27 Jahren Kinderwunschberatung.

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