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Eizellen-Vorsorge

Ein Ei für alle Fälle?

Mutter mit ihrem Neugeborenem

Babyglück für später: Die Eizellen-Vorsorge der Firma Ovita verspricht den Frauen ein Leben ohne den Druck der biologischen Uhr. Reporterin Bettina Weber hat sich das Versprechen genauer angesehen.

Die Klinik Marienfeld wirkt unscheinbar. Vollkommen unglamourös. Und der Ort, an dem sie sich befindet, Niederuzwil (Nähe Wil bei St. Gallen), ist es noch viel mehr. Der Kontrast zwischen der verschlafenen Gegend und dem, was im nüchternen Gebäude angeboten wird, könnte nicht grösser sein. Denn hier geht es um allermodernste Medizin. Um Reproduktionsmedizin. Hier befindet sich das In-vitro-Fertilisationszentrum Ovita von Dr. Nicolas Zech. Und das bietet nicht nur die Befruchtung im Reagenzglas an, sondern auch, und das ist einigermassen spektakulär, die Eizellen-Konservierung.
Andere Kliniken hierzulande bieten dies zwar ebenfalls an – mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass dazu nur kranken Frauen geraten wird, deren Eizellen aufgrund von schweren Medikamenten dauerhaft beschädigt werden. Eizellen einfrieren galt bisher in der Schweiz als eine Art Notfall-Vorgehen –, Zech hat daraus ein Geschäft für gesunde Frauen gemacht.

Kein Tick-Tack mehr?

Es ist denn auch die Rede von Eizellen-Vorsorge, und der Versicherungsjargon ist durchaus beabsichtigt. Frauen, bewirbt Ovita das Angebot, sollen «ihr Leben ohne die biologische Uhr planen können». Und so werden die Eizellen also entnommen und gelagert, bis die betreffende Frau den Kinderwunsch verspürt. Ganz günstig ist das nicht: Für Entnahme und Einfrieren werden 2700 Franken verlangt, für die Lagerung pro Jahr knapp 300 Franken. (Für das Auftauen, Befruchten und Einpflanzen des Embryos muss nochmals mit 4500 Franken gerechnet werden.)
Der «Blick» berichtete darüber, der «Tages-Anzeiger» ebenfalls, letzterer unter dem Titel «Das Geschäft mit der Torschlusspanik » sehr kritisch, denn die Meinungen, ob es etwas bringt, wenn gesunde Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen, gehen unter Fachleuten auseinander. Auch juristisch ist die Frage umstritten; die Eizellenspende für Fremdzwecke ist in der Schweiz wie in vielen anderen Staaten verboten. Das kann man durchaus als Ungerechtigkeit und auch als Verstoss gegen das Gleichheitsprinzip der Geschlechter empfinden, denn die Samenspende ist fast überall erlaubt. Genau aus diesem Grund gelangte ein österreichisches Paar an den Europäischen Gerichtshof – und bekam 2010 in erster Instanz recht mit der Begründung, das Verbot sei menschenrechtswidrig. Ein Jahr später wurde das Urteil revidiert. Es hiess darin etwas salopp formuliert, dass das schon in Ordnung sei so, schliesslich gäbe es andere Länder innerhalb der EU, die dies erlaubten; von daher sei es dem Paar zuzumuten, dorthin zu reisen, wo eine Eizellenspende möglich sei. Ein Beispiel dafür, wie wenig hilfreich die Justiz mitunter sein kann, wenn sie keine Lust hat, sich auf ein moralisches Minenfeld zu begeben.

Hollywood gaukelt den Frauen vor, es sei ein Kinderspiel, jenseits der 40 Mutter zu werden

Ab 37 zählt jeder Monat

Man macht sich deshalb auf nach Niederuzwil. Für einen Augenschein inkognito. Erstaunlich schnell hat man einen Termin für ein eineinhalb Stunden dauerndes Beratungsgespräch bekommen, mit der Aufforderung, doch bitte die nötigen medizinischen Befunde – Hormone, Infektionsserologie – gleich mitzubringen. Irritierend ist bloss der Hinweis, dass eine Absage sieben Tage im Voraus erfolgen müsse, ansonsten ein Ausfallhonorar in der Höhe von 254 Schweizer Franken verrechnet werde. Als Erklärung wird hinzugefügt, die Sprechstunden seien nun mal derart begehrt. Zwei Tage später erhält man per Post ein Kuvert mit einer ausführlichen Informationsbroschüre und einem Werbeprospekt, in dem schöne Sätze stehen: «Ovita – Ihr Partner für eine moderne und selbstbestimmte Lebensplanung ». Das wirkt professionell, auf jeden Fall, so professionell aber auch, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, es gehe hier in erster Linie um ein Geschäft. Um das Geschäft mit Eizellen.

Späte Mutter mit ihrem Kind

Ein Leben ohne biologische Uhr: Spätes Mutterglück dank Einfrieren von Eizellen?

Im Wartezimmer hat es eine Kinderecke. Mit Spielsachen, kleinen Stühlen und Zeichnungen. Passt das in eine IVF-Klinik? Ist das als Zeichen an all die Hoffnungsvollen zu verstehen? Dass es bei anderen doch noch geklappt hat? Dank Hilfe von Ovita? Dann der Auftritt von Doktor Maximilian Murgartner, ein Österreicher. Er strahlt. Nimmt höchst interessiert die Anamnese auf, fragt nach Krankheiten in der Familie, nach all den Dingen halt, die zu einer Patientengeschichte gehören. Und tippt das alles etwas umständlich in den Computer ein. Er analysiert die mitgebrachten Hormon-Befunde und meint zum Schilddrüsenwert, dass der aus Sicht eines Reproduktionsmediziners etwas zu hoch sei und medikamentös gedrückt werden müsste, was allerdings kein Problem sei. Genauso wenig wie das Alter der Patientin – sie ist 37 Jahre alt –, die meisten Frauen kämen in diesem Alter zu ihm. Das sei spät, aber gerade noch rechtzeitig. Allzu lange warten dürfe man nicht mehr, bereits Monate könnten entscheidend sein. Jahre verstreichen zu lassen könne man sich definitiv nicht mehr leisten. Weshalb man sich für eine Eizellen-Vorsorge interessiert, fragt er nicht, auch nicht, ob man in einer Beziehung ist – so viel Diskretion wirkt äusserst sympathisch, zudem macht die Zurückhaltung deutlich, dass man hier Frauen und ihre Wünsche respektiert, und das ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Natur hält sich leider nicht immer an die Lebenspläne von Frauen

Hormone und Bauchweh

Und dann holt der Doktor aus. Erklärt den ganzen Vorgang des weiblichen Zyklus, detailliert, mit all den dazugehörenden Fachbegriffen. Wer biologisch nicht einigermassen sattelfest ist, wird das nicht als hilfreich, sondern als verwirrend empfinden, auch wenn es der Doktor zweifellos gut meint, enthusiastisch, wie er ist. Der Vortrag dauert. Und dauert. Dann endlich kommt er zum entscheidenden Punkt, nämlich zur Eizellenentnahme. Dafür nötig ist vorerst eine Hormonbehandlung zwecks Anregung der Eizellenproduktion. Ein erstes Mal gelingt es einem, den Redefluss zu unterbrechen: Wie fühlt sich diese Hormonbehandlung an? Was sind die Nebenwirkungen? Dr. Murtinger lehnt sich zurück. Nun, die Erfahrungen seien komplett unterschiedlich, das könne man nicht verallgemeinern. Es verhalte sich damit wie mit den Periodenbeschwerden: Die einen hätten Bauchweh, bei den anderen spannten die Brüste, die dritten hätten zudem Rückenweh und die vierten spürten überhaupt nichts. Die Antwort mag korrekt sein, lässt einen aber dennoch ziemlich ratlos zurück. Dr. Murtinger strahlt schon wieder, weil er nun den Vorgang der Eizellenentnahme schildert. Der sei kinderleicht, für einen Arzt ein geradezu langweiliger Eingriff, und dauere nur eine Viertelstunde. Danach bestehe das Risiko der üblichen postoperativen Komplikationen wie Blutungen, Schwellungen oder Infektionen; das sei ihm in seiner ganzen Karriere noch nie passiert. Die Eizelle würde durch das Einfrieren keinerlei Schaden nehmen (Kritiker sind der Meinung, das sei nicht erwiesen, es fehlten Langzeitstudien). Es seien, gerät der Arzt ins Schwärmen, schon Kinder gezeugt worden mit Sperma, das 40 Jahre lang konserviert worden sei.

Die Befunde können noch so genau sein, sie allein sagen wenig aus, wenn nicht diejenigen unter die Lupe genommen werden, um die es geht: die Eizellen. Weshalb zum Beratungsgespräch auch eine Ultraschalluntersuchung gehört. Da ist der Herr Doktor wieder in seinem Element, strahlt und erklärt detailliert, was auf dem Bildschirm zu sehen ist – was dieses Mal aber höchst willkommen ist, weil man als Laie nun wirklich nichts zu erkennen vermag auf diesen wolkigen Schwarz-Weiss-Bildern.

Hollywood lügt

Was er sieht, gefällt ihm, und das sei bei einer 37-jährigen Frau keineswegs selbstverständlich. Er ärgert sich über die unkritischen Berichte aus Hollywood, wo die Prominenz scheinbar problemlos jenseits der Vierzig noch Kinder bekommt. Das, sagt er, sei fatal, weil den Frauen suggeriert werde, es sei ein leichtes, auch in diesem Alter noch schwanger zu werden. Dem sei aber nicht so, schlicht und einfach nicht, ab 40 Jahre werde es äusserst kritisch.
Und daran, das ist der Punkt, ändert auch «Ovita» nichts: Das Angebot mag zwar jenen Frauen etwas Zeit schenken, die eher später als früher Mütter werden wollen – womit den veränderten weiblichen Lebensplänen Rechnung getragen wird. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass sich die Natur nicht an diese Lebenspläne hält. Und daran ändert auch die Eizellenspende nichts. Wer sie in Betracht zieht, ist in der Regel über 35, hört die biologische Uhr also bereits ticken. Vorher stellt sich das Problem noch nicht. Und selbst wenn die Eizellen rechtzeitig eingefroren werden, ist das noch keine Garantie für eine Schwangerschaft – und erst recht nicht für eine komplikationsfreie Schwangerschaft. Auch diese ist ab Mitte 30 deutlich seltener. Nicht umsonst raten Gynäkologen Frauen davon ab, den Kinderwunsch zu lange aufzuschieben.
Die Eizellenvorsorge klingt gut, aber die Patentlösung ist sie nicht. Die biologische Uhr lässt sich so einfach nicht überlisten. Auch nicht von lächelnden Doktoren der Firma Ovita.
www.ovita.eu

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