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Kinderwunsch

«Stress ist nicht der Grund»

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Professor Dr. Christian De Geyter, Leiter der Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Basel, spricht
 über seine Erfahrungen aus 27 Jahren Kinderwunschberatung.

wir eltern: Heute bekommen viele Frauen erst mit 40 Jahren ihr erstes Kind. Inwieweit spielt das Alter des Mannes eine Rolle?


De Geyter: Anders als bei Frauen gibt es bei Männern keine Menopause. Sie produ- zieren Spermien noch bis ins hohe Alter. Aber ab 40 nimmt auch bei ihnen die Zeu- gungsfähigkeit ab. Die Form der Spermien verändert sich, die Anzahl, die Beweglichkeit und das Volumen des Ejakulats. Je älter der Mann, desto mehr bröckelt das genetische Material innerhalb der Samenzellen, und das Ei kann sich nach der Befruchtung nicht weiterentwickeln. Dass ihre Zeugungsfähigkeit abnimmt, ist den meisten Männern – aber auch Frauen – nicht genügend bewusst.

Welche Ursachen hat die fehlende Zeugungsfähigkeit bei Männern?


Die häufigste Ursache ist eine Krampfader am linken Hoden, eine sogenannte Vari- kozele, welche zu Durchblutungsstörungen im Hoden und zu einer Schrumpfung beider Hoden führt. Der zweithäufigste Grund liegt in einer verspäteten Wanderung der Hoden. Bei manchen Säuglingen befinden sich die Hoden nach der Geburt noch im Bauchraum. Normalerweise wandern sie schon im Mutterleib in den Hodensack. Bei Betroffenen passiert das aber erst, wenn sie etwa sechs Jahre alt sind. Ihre Hoden sind unterentwickelt und produzieren zu wenige Samenzellen mit zu niedriger Qualität.

Es gibt Männer, die überhaupt keine Spermien im Ejakulat aufweisen – könnten sie dennoch Vater werden?


Selbst wenn sie ein paar Spermien haben, ist eine künstliche Befruchtung möglich. Bei der verminderten Zeugungsfähigkeit ist im Wesentlichen die Transportfunktion der Samenzellen in das Ei gestört. Die künstliche Befruchtung übernimmt den Transport des Genmaterials der Samenzellen in die Eizelle.

Nimmt die Fruchtbarkeit manchmal erst beim zweiten Kind ab?


Ja, das kommt vor. Wenn das Paar beim ersten Kind um einiges jünger war, das Geschwister also erst in einer Zeit geplant wird, in der die Fruchtbarkeitsphase beider Partner nachgelassen hat.

Wie gross ist der Einfluss von Stress oder Depressionen auf die Spermienproduktion?


Da gibt es keinen Einfluss. Die Menschheit wäre längst ausgestorben, wenn Stress und Depressionen der Grund wären, warum keine Kinder entstehen Manchmal stimmt vielmehr etwas in der Paarbeziehung nicht. Meine These ist, dass Paare, die Probleme haben, den Moment der Fruchtbarkeit immer unbewusst verpassen. Das ist nur meine Meinung, nichts Wissenschaftliches.

Wie sicher sind Spermiogramme aus Arztpraxen?


Da wird auch manchmal gepfuscht. Es gibt Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation, nach welchen Samenproben untersucht werden sollten. Viele nicht entsprechend zertifizierte Einrichtungen, darunter sind auch oft kleine Arztpraxen, machen diese Tests nicht präzise genug. Sie haben auch gar nicht die labortechnischen Möglichkeiten dazu. Schon Seifenrückstände können etwa das Bild verfälschen. Die Wahrscheinlichkeit der Zeugungsfähigkeit wird dann manchmal schlichtweg geschätzt. Seriöse Labore und Praxen für Reproduktionsmedizin sind ISO-zertifiziert. Darauf sollte man achten.

Man sagt, nicht zeugungsfähige Männer leiden weniger als Frauen. Stimmt das?


Zum grossen Teil ja. Frauen tun oft alles, um schwanger zu werden. Männern fällt ein Kind einfach zu. Es wird ihnen im Krankenhaus als Bündel gereicht. Viele fühlen sich erst als Vater, wenn sie ihr Kind in den Armen halten oder sich selbst darin wiedererkennen. Diese Einstellung zum Kind ist einerseits Erziehungssache, andererseits auch eine Art Instinkthandlung – Männer müssen ja nicht schwanger werden und das Kind neun Monate austragen. Das beeinflusst den Leidensdruck.

Wie bringt man einem Paar die Diagnose «Unfruchtbar» möglichst schonend bei?


Es ist wichtig, genau über das Thema aufzuklären. Wenn man vor den Untersuchungen ein ausführliches Beratungsgespräch führt, muss man auf die Möglichkeiten, Wünsche und die jeweilige Beziehung eingehen.

Und wenn der Partner sich aus lauter Scham so isoliert, dass man nicht mehr an ihn herankommt?


Das ist eine schwere Aufgabe für ein Paar. Es braucht viel Verständnis und Geduld seitens des Nichtbetroffenen. Er oder sie muss es schaffen, den Partner in eine gute Beratung zu bringen, am besten in ein Reproduktionslabor. Daran führt kein Weg vorbei. Denn dort können spezialisierte Ärztinnen und Ärzte viel retten. Das Paar wird umfassend aufgeklärt, untersucht und hat gleichzeitig eine Anlaufstelle für eine eventuelle künstliche Befruchtung. Zu uns etwa kamen auch schon Männer, denen mit ein paar kalten, technischen Sätzen Unfruchtbarkeit diagnostiziert wurde. Sie sind dann oft am Boden zerstört. Aber viele von ihnen können trotzdem auf natürlichem Wege Kinder zeugen.

Wie ist das möglich?

Die Diagnose wurde einfach nicht richtig gestellt. Man muss da sehr vorsichtig sein. Ein Beispiel: Laut Befund besteht nur eine sehr kleine Wahrscheinlichkeit beim Mann, dass er ein Kind zeugen kann. Aber die Frau ist unter dreissig und normal fruchtbar. Erst wenn dieses Paar bereits zwölf Monate vergeblich versucht hat, schwanger zu werden, sind wir als Labor bereit, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. Ich habe schon Paare wieder nach Hause geschickt, weil sie es noch nicht lange genug probiert hatten.

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