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Illustration: Familie auf Pferd läuft in einer Küche

Gesellschaft

Flüchtlinge: Wie wir helfen wollten

Da nimmt man Flüchtlingskinder bei sich auf, die nichts mehr haben. Und wird von einer Welle der Dankbarkeit überschwemmt. Denkt man. Autorin Mirjam Mettler über das Familienleben mit zwei eigenen Kleinkindern und drei minderjährigen Asylsuchenden.

Und da waren sie. Unsere drei Flüchtlingskinder. Mit Rucksäcken und langen Gesichtern, über unsere Türschwelle schlurfend. Ein 6000 km langer Weg lag hinter ihnen. Ein ungewisser Weg vor uns allen. Das war definitiv nicht die Standardhilfsaktion, die mein Mann und ich ursprünglich geplant hatten. Der Caritas einen netten Batzen überweisen oder in irgendeinem fernen Flüchtlingslager mithelfen. Entweder zu 08/15 oder viel zu kompliziert. Vor allem mit eigenen kleinen Kindern im Alter von zwei und vier Jahren.

Aber dann hatten wir dieses Inserat entdeckt: «Familien für Flüchtlingskinder gesucht. » «Voilà,» dachten wir, «die meinen uns.» Denn vor einigen Monaten hatten wir das Prüfverfahren für Pflegefamilien durchlaufen. Das Gütesiegel hatten wir also. Und so boten wir dem Verein, der im Kanton Bern für die Platzierungen von UMAs (Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende) zuständig ist, unsere Hilfe an.

Plötzlich zu siebt

«Wir melden uns, wenn wir jemanden haben. » Hiess es. Und an einem Freitag – kurz vor Weihnachten – kam die Anfrage. Drei Brüder aus Afghanistan suchten per sofort einen Platz. Darüber, dass sich spontan die Anzahl Kinder verdreifacht hatte, hatten wir nicht viel Zeit nachzudenken. Der Anruf kam. Die Frage. Die intuitive Ja-Antwort. Und schon rannten wir, ausser uns vor Helferglück, in die Ikea, kauften drei Betten und diskutierten vor allem, wie viele Kommoden die drei Jungs wohl brauchen würden. Vielleicht war ein vom Mittelmeer durchnässter Beutel alles, was sie noch besassen. So stellt man es sich doch zumindest irgendwie vor.

Viel konnte man uns nicht über sie erzählen: Sie waren 7, 10 und 13 Jahre alt. Hatten Namen, die sich keiner merken konnte. Nennen wir sie hier Mehmet, Payam und Kayvan. Gerüchteweise seien sie mit dem Pferd durch den Iran und die Türkei geritten. Hatten keine Eltern in der Schweiz. Nur zwei grosse Brüder. Waren drei Wochen bei einer anderen Familie als Übergangslösung platziert gewesen. Würden Zitronen wie Orangen essen, sich bestimmt prima als Babysitter machen und einem die Einkäufe tragen. Lebenslauf Ende.

Immerhin. Es klang easy. Vielleicht war das – neben der Mischung aus Weihnachtsstimmung und Helfersyndrom – der Grund, weshalb wir uns ins eiskalte Wasser schubsen liessen. Denn nur 24 Stunden nach der Anfrage standen sie da. Unsere neuen Familienmitglieder. Viel zu gross für ihr geschätztes Alter. Und zu dünn für meine Muttergefühle.

Der erste Kultur-Crash liess nicht auf sich warten.

Der erste Kultur-Crash liess nicht auf sich warten. Wir boten ihnen ein Zvieri an. Und sie schnalzten die Zunge, schüttelten den Kopf und platzierten sich dicht aneinandergedrückt dorthin, wo sie den meisten Abstand zu uns und dem Essen hatten. Was, wie wir bald feststellten, nur der Beginn eines tagelangen Hungerstreiks war. Welchen sie eingemummelt unter ihren Bettdecken austrugen. Die Pädagogin, die uns zur Seite stand, war beim Thema afghanische Gepflogenheiten zwar genauso wenig bewandert wie wir, aber ihr kulturübergreifender Rat lautete: «Beziehung aufbauen.» Also übten wir uns in Geduld, als die Jungs die ersten Tage so gut wie gar nichts verdauten – ausser ihrem Kulturschock vielleicht. Und der frustrierenden Tatsache, dass sie in unsere Familie verfrachtet worden waren.

Letzte Hoffnung: Geschenke

«Das wird schon noch.» Dachten wir. Denn das Fest der Liebe stand ja vor der Tür. Bloss, dass unsere schweigenden, muslimischen Familienmitglieder alles andere als beglückt wirkten, mit ein paar blassen Christen Weihnachten zu feiern. Beim Essen hielten sie sich nur die Nase zu und schnalzten wie gewohnt mit der Zunge. Obwohl wir ihnen hochheilig versichern konnten, dass im Chäsfondue kein Schweinefleisch ist. Unsere letzte Hoffnung: Die Weihnachtsgeschenke. Und siehe da. Als sie das Uno auspackten, taute die frostige Stimmung allmählich auf. Gesellschaftsspiele! Natürlich! Eine gemeinsame kulturelle Basis. Dachten wir naiv. Bis zu dem ersten gemeinsamen Spiel. Kulturelle Basis my ass. Der europäische Schweiss, der einem auf die Stirn tritt, wenn man anderen Spielern in die Karten schaut, war nicht annähernd vergleichbar mit dem eiskalten Bescheissen auf persische Art.

Jedenfalls wurden – abgesehen vom Uno – die restlichen Weihnachtsgeschenke kommentarlos retourniert. Ich gab es ja ungern zu. Aber unbewusst hatten wir wohl erwartet, dass sie uns als ihre Helden in der Not bejubeln würden. Und jetzt waren wir nur die idiotischen Bleichgesichter mit Grössenkomplex. Denn unsere grosse Wohnung war in ihren Augen nicht etwa ein Spielplatz zum Austoben. Sondern eine ziemlich ungenierte Einladung für Einbrecher. Und es war nicht etwa nobel von uns, dass wir jedem ein eigenes Zimmer anboten. Für sie waren ja schon die jeweils eigenen Betten eine Überforderung. Auch ihre Kleidersammlung – eine Hose aus Ungarn hier, ein Shirt aus Griechenland dort – war eher spärlich. In etwa so spärlich wie ihre Dankbarkeit, als wir ihnen neue Klamotten schenkten.

Die Vorstellungen so armen Kindern was zu bieten und tränenüberströmte Gesichter des Dankes zu ernten, zerplatzten schneller als Seifenblasen. Aber das wird schon noch. Dachten wir. Bloss, dass sich neben dem ständigen «Das wird schon noch»-Mantra ein neuer Gedanke einschlich: Ächz. Was war ich doch naiv. Ein Kind mehr oder weniger. Das wird lustig. Aber mit den eigenen Kindern hat man die Routine. Da läuft es einfach. Mal gut, mal schlecht. Aber es läuft. Nur jetzt mussten wir von null auf hundert eine Beziehung aufbauen.

Was solls. Durchbeissen und Vertrauen gewinnen. Beim Uno-Spielen ehrlich bleiben. Mit Kleinigkeiten beweisen, dass man es gut meint mit ihnen. Also kitzelte ich sie durch, wenn sie sich vor dem Zähneputzen drückten. Sortierte eine endlose Liste an Lebensmitteln aus, die ihnen nicht schmeckten und servierte unermüdlich zu jeder Mahlzeit Fladenbrote und Ketchup. Ich attackierte sie aus dem Hinterhalt mit Wasserpistolen. Und liess die gute innere Hausfrau in einem hauseigenen See ertrinken. Es war witzig. Aber emotionale Knochenarbeit.

Ade, merci, 08/15-Leben. Auch das Leben meiner Kinder änderte sich schlagartig. Nicht nur, dass sie persische Wörter wie bescheissen (= tachalobi) lernten. Sie mussten auch lernen, auf Mamas Aufmerksamkeit und Zeit zu verzichten. Die blondgelockte Jüngste machte die Jungs zu Marionetten ihres Charmes und somit zu ihren Lückenbüssern. Doch mein Sohn fiel zwischendurch. Wenn er nicht gerade dabei war, sich mit allen Mitteln des Kampfes wieder zurück in den Mittelpunkt zu katapultieren, versuchte er erfolglos, zum Mitglied der eingeschweissten Afghanen-Truppe zu werden.

Illustration: Familie auf Pferd verlässt die Küche

Nach turbulenten Monaten gestand sich die Autorin erschöpft ein: «Die Jungs müssen gehen.»

Freakiges Patchwork

Irgendwie hatten wir uns alle damit abzufinden, dass unser einfaches Leben vorbei war. Wir waren nicht mehr die nette Familie von nebenan. Sondern wirkten wie ein freakiges Patchwork, das auf der Strasse alle Blicke magnetisch anzog. Waren wir zu Besuch eingeladen, mussten wir den Jungs erklären, dass man nicht nach der Katze seiner Gastgeber tritt. Hatten wir selbst Besuch, rannten die Jungs blitzartig auf ihre Zimmer und liessen unsere Bekannten mit ausgestreckter Hand wortlos zurück. Weder höflich, noch dankbar. Sie waren für jeden Schweizer irritierend.

Und obwohl wir erleichtert waren, dass sich das Vertrauen zwischen uns allmählich aufbaute, merkten wir bald, dass es dadurch auch nicht unbedingt einfacher wurde. Nach der Sprache mussten sie unsere Regeln lernen. Manchmal wirkten sie wie Alice, die durch das Hasenloch geplumpst war. Alles war anders. Und die Einsicht, sich uns anzupassen, war beschränkt. Wir waren zwar anders. Aber in ihren Augen nicht unbedingt besser. Sie mochten auf uns vielleicht grobschrötig wirken. Wir auf sie dagegen kompliziert. Wir hielten sie für maulig. Sie uns für stocksteif und ernst. Wir verstanden nicht, warum sie es nicht schafften, pünktlich zu sein. Und sie nicht, warum wir uns keine zwölf Stunden Zeit zum Kochen nehmen konnten. Auf Schlittschuhen stolperten sie zwar wie Storche, nahmen mir aber tatsächlich unaufgefordert die Einkaufstaschen ab. Sie kümmerten sich liebevoll um meine Kinder und waren erschüttert, dass die Kleinen getrennt von uns schlafen und vor Mitternacht ins Bett müssen. Mal plagten die zwei Machos Mehmet und Kayvan das sensible Sandwichkind Payam. Mal zeigten sie sich so loyal, dass man überzeugt war, sie würden füreinander über glühende Kohlen laufen.

Wir hielten sie für maulig. Sie uns für stocksteif und ernst.

Nächtliches Zureden

Je mehr ich mich bemühte, den Jungs unsere Regeln einzutrichtern, desto mehr hinkte ich meinem Sohn hinterher, der dabei war, die schlechten Angewohnheiten unserer drei Afghanen zu übernehmen. Ich war so stolz auf die Rückmeldung der Lehrer der Integrationsklasse: «Nicht nur intelligent, sondern auch irrsinnig fleissig.» Und bekam den Schlag ins Gesicht von der Spielgruppenleiterin: «Ihr Sohn verhält sich auffällig. » Kayvan konnte zwar nichts mit unserem Essen anfangen. Aber dafür begriff er, welche Chancen er hier hatte und träumte davon, in Bern ein afghanisches Restaurant zu eröffnen.

Wann immer ich erfolgreich auf der einen Seite war, scheiterte ich auf der anderen. Waren die Jungs einen Tag lang anständig, machten meine Kinder die Nächte durch. Hatte ich das Gefühl, bei einem durchgedrungen zu sein, entglitten mir vier andere. Nacht für Nacht redete ich mir zu, dass es nicht richtig war, jetzt aufzugeben. Aber es wurde zu einem Über-Wasser- Halten. Und so schön es war, dass sie sich nicht mehr nur in ihre Zimmer zurückzogen, so anstrengend war es, dass sie mich pausenlos mit sinnlosen Fragen bombardierten. Und so herzerwärmend sich Mehmets Kopf an meiner Schulter anfühlte, wenn wir zusammen Hausaufgaben machten, so herzzerreissend war es zu sehen, wie mein Sohn unter seiner Aussenseiterrolle litt.

Ich musste ehrlich zu mir selbst sein. Zu meinem Mann, der seine beruflichen Auszeiten hatte und nicht annähernd so erschöpft war wie ich. Und zu unserer Familienbegleiterin bei unserem Krisengespräch: «Die Jungs müssen gehen.» Obwohl sie absolut Verständnis dafür hatte, hatte ich das Gefühl, in jeder Hinsicht versagt zu haben. Von der banalen Frage, ob es wirklich umsonst gewesen sein sollte, dass ich mir arabisches Verhandlungsgeschick angeeignet hatte. Bis zu der tafferen Frage, ob ich wirklich in der Lage war, traumatisierte, heimatlose Kinder zutiefst zu enttäuschen. Und mich selbst.

Abschied nach vier Monaten

Es tat weh, zu merken, dass ich in meiner Bereitschaft zu helfen, so sehr an meine eigenen Grenzen stiess. Obwohl es nicht schwer war, sich von der Massenansammlung an Zahnbürsten aus dem Bad zu verabschieden. Von den Grosseinkäufen. Den Ölflecken in der Küche. Und den riesigen Wäschebergen. War es irrsinnig schwer, unseren drei Jungs Lebewohl zu sagen. Und meine Tochter Tage später von den Treppenstufen aufzulesen, die dort in alter Gewohnheit nach Payam rief.

Mein Sohn hingegen nutzte ihre Abwesenheit dazu, mich in ungewohnter Häufigkeit zu umarmen. So hatte er seine Mama wieder und ich das Gefühl, vielleicht doch etwas richtig gemacht zu haben. Und die schlechten Gefühle versickerten weiter, als wir erleichtert feststellten, dass ihre neue Familie sie ebenso herzlich aufnahm wie wir. Zu guter Letzt stirbt vielleicht nur unsere Hoffnung, dass sie unsere afghanische Chaostruppe dazu bringen kann, doch einmal ein Chäsfondue zu probieren. Und manchmal Danke zu sagen. Und die Hoffnung, dass sie – wer weiss – irgendwann einmal dankbar sein werden für die vier Monate, die wir ihnen geschenkt haben.

Mirjam Mettler, 29, hat jetzt ihr 08/15-Leben zurück.
Über dieses bloggt sie im Mama-Trio unter www.mamasunplugged.ch

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