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Geburt

Das Auge der Fatima

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Religion und Tradition bestimmen die Geburt in allen Kulturen. In der Maternité im Zürcher Triemlispital ist man offen für die Rituale, Regeln und Bedürfnisse von Frauen aus aller Welt.

Zürich, Stadtspital Triemli, Maternité, Donnerstagnachmittag. Im offenen Empfangsbereich gehen Menschen ein und aus, mit Geschenken in der Hand, Blumensträussen, auf Besuch. Hier sitzen Mütter auf den Ledersofas, ihre Babys in verglasten Babybettchen neben sich oder auf dem Arm, warten auf ihre Männer, auf Verwandte, lesen ein Magazin, ein Buch.

Gleich nebenan, hinter einer milchverglasten Schwingtür, ist die Gebärstation. Hier ist es ruhig, still schon fast. Die Wände sind in sanften Farben gestrichen. Entlang dem langgezogenen Korridor, rechts und links, Türen, dahinter Gebärzimmer, grössere, kleinere, mit und ohne Gebärwanne. Ein Operationssaal für Notfälle, ein Reanimationsbereich mit zwei kleinen Babytragen, eine Isolette im Korridor, bereit für den Transport in die gegenüberliegende Neonatologie des Stadtspitals. Sieben Frauen sind gerade hier. Frauen in den Wehen oder kurz vor dem Gebären. Etwa 2000 Kinder werden hier geboren pro Jahr. 2000 Babys verschiedenster Nationalitäten, mit Eltern verschiedenster Kulturen und Glaubensrichtungen. Und unterschiedlichen Bedürfnissen. Beim Gebären und auch nach der Geburt. «Es ist uns ein grosses Anliegen, den individuellen Bedürfnissen und dem psychosozialen Anspruch der Menschen hier gerecht zu werden», sagt Stephanie von Orelli, Chefärztin der Frauenklinik. Nicht alles sei machbar, aber «viele Bedürfnisse und Rituale werden angepasst, auf die Gegebenheiten abgestimmt», so von Orelli. «Wir machen möglich, was möglich ist.» Das sei kein Konzept, sagt sie, «das hat sich so eingespielt im Laufe der Zeit». Es ist Alltag. Normalität.

Religiöse Regeln, Gebräuche und Riten rund um die Geburt aus aller Welt. Geburtsritual: alles öffnen Indien: die Haare öffnen, den Schmuck ausziehen, die Kleider lockern, die Türen öffnen, die Tiere freilassen. Marokko: das Kopftuch ablegen, den Gürtel lockern. Türkei: Der Mann öffnet die Schnürsenkel, das Hemd. Mit diesen Riten soll die Geburt leichter und schneller verlaufen, die Öffnung des Muttermundes wird symbolisch unterstützt.

«Ja, es sind schon andere Bedürfnisse, die beispielsweise muslimische, jüdische oder Hindufrauen haben, andere, als Schweizer Frauen», sagt Jane Kerrison. Sie ist freiberufliche Hebamme und Stillberaterin und arbeitet zusätzlich seit zweieinhalb Jahren im Triemli. «Doch auch innerhalb der Glaubensrichtungen sind die Ansprüche wieder sehr unterschiedlich», sagt sie. Es gebe keine für alle gültigen Regeln. «Es kommt auf das Paar an und auch darauf, was es will und vor allem, ob es eher strenggläubig ist oder weniger bis gar nicht gläubig.» Was alle Frauen beim Gebären bräuchten, egal, ob Schweizerinnen oder Migrantinnen, sei Zuwendung, Zuspruch, gute Betreuung. Aber sonst sei das Feld breit, so Kerrison. «Strenggläubige Muslimas sind bei der Geburt gerne bedeckt», sagt die Hebamme. «Vor allem dann, wenn ein Mann das Zimmer betreten könnte. Dann dürfen so wenig wie möglich nackte Haut und Haare zu sehen sein.» Wenn auf Wunsch, meist der Ehemänner, kein Arzt oder Geburtshelfer, also kein Mann den Raum betreten darf, haben Muslimas keine Probleme mit nackter Haut. «Frauen unter Frauen sind recht offen», so Kerrison.

Die muslimischen Väter spielen bei der Geburt laut Kerrison eher eine zurückhaltende Rolle. «Obwohl sich bei der jüngeren Generation der Muslime schon einiges verändert hat, gibt es immer noch viele Männer, die sich eher im Hintergrund halten. Im Zimmer oder davor.» Zur Unterstützung der Muslima ist häufig die Schwiegermutter dabei. «Die Schwiegermütter packen mit an», erzählt Jane Kerrison. Sie stützen, halten, massieren die Gebärende, sie kühlen die Stirn, machen Mut, trösten. «Es sind meist Frauen, die selber schon mehrmals geboren haben. Sie wissen, wies geht. Und mit diesem Wissen unterstützen sie ihre Schwiegertöchter.» Warum sind es nicht die Mütter, die ihre Töchter zum Gebären begleiten? «Das ist so Tradition», so Kerrison. «Auch nach der Geburt werden die Frauen von ihren Schwiegermüttern im Haushalt unterstützt, sie putzen und kochen, damit die jungen Mütter Zeit haben, sich um ihr Baby zu kümmern und sich das Stillen einspielen kann. Eine Muslima, die gerade Mutter geworden ist und selber den Haushalt macht, erlebe ich selten.»

Nach der Geburt nehmen einige Muslimas das Baby erst in den Arm, wenn es gewaschen ist oder in Tücher eingewickelt. Denn Blut gilt in dieser Kultur als unrein. Doch Kerrison betont nochmals, dass es primär bei strenggläubigen Muslimen so sei. Im Triemli will man nicht verallgemeinern, nicht pauschalisieren. Denn sehr oft gebären Migrantinnen nicht anders als Schweizerinnen. Ist das Baby auf der Welt, gibt es bei den Moslems unterschiedliche Rituale. Eines ist beispielsweise das Auge der Fatima, das zum Schutz des Babys auf den Body oder ins Bettchen geklebt wird. Ein anderer Brauch ist, wenn der Vater seinem neugeborenen Kind den Adhan, den Gebetsruf, viermal in das rechte Ohr flüstert und den Iqama, den zweiten Gebetsaufruf, in das linke Ohr.

Warm und geschlossen: Mexiko: alle Fenster und Türen schliessen. Nigeria: mehrmals heisse Bäder. Anden: Getränk aus Gewürzen, Getreide und Alkohol. Das hält warm und hält böse Geister fern, für deren Fluch Mutter und Kind bei der Geburt besonders anfällig sind.

Die Klinik am Fusse des Uetlibergs ist beliebt bei Menschen allerei Couleur. Besonders auch bei strengreligiösen Juden. Das liegt einerseits daran, dass viele religiöse Juden im Quartier nahe der Klinik leben. Und dass man weiss, dass man hier respektiert und akzeptiert wird. «Orthodoxe Juden haben viele Kinder, es können schon mal sieben bis acht sein, einige haben sogar noch mehr», sagt Daniel Passweg, stellvertretender Klinikchef und selber auch Jude. Passweg ist bei den Juden bekannt und beliebt. Die Hebamme Jane Kerrison sagt, dass Jüdinnen aus aller Welt zu Passweg zum Gebären kommen. Warum? «Meist sind die Frauen hier aufgewachsen und haben nach Belgien oder England geheiratet, kommen aber für das erste oder auch noch für das zweite Kind zurück in die Schweiz zum Gebären», erklärt Daniel Passweg.

«Wir versuchen die Kaiserschnittrate tief zu halten. Die natürliche Geburt hat zum Beispiel bei Muslimen und religiösen Juden einen hohen Stellenwert», so Passweg. «Das ist auch unsere Haltung als Klinik. Für uns ist ein Kaiserschnitt ein Notfall.» Dazu sagt Jane Kerrison: «Eine jüdische Frau traut sich normalerweise eine Geburt zu. Ihre Mütter haben schon 12 Mal geboren oder mehr, ihre Grossmütter auch. Das ist normal, das ist fraulich, weiblich.»

Magisch: Malaysia: stachelige Ananas und eine Mischung aus Reis, Salz, Safran und Tamarindenfrucht, verstreut in alle vier Himmelsrichtungen. Zum Schutz für Mutter und Kind; gegen Geister. Mongolei: mit einer mumifizierten Bärentatze wird der Bauch der Frau massiert, soll die Kraft des Bäres übertragen.

Romantisch? Nein, das seien diese Geburten nicht. «Romantik ist eher in unserer Kultur gefragt», sagt die 46-jährige Kerrison. «Bei gläubigen Juden berührt der Mann die Frau während der Geburt kaum. Er steht die meiste Zeit abgewendet und betet, rezitiert Psalme laut vor sich hin. Betet für eine gute Geburt, betet für die Mutter, für das Kind. Das ist seine Aufgabe.» Strenggläubige jüdische Frauen würden sehr darauf achten, dass sie vollkommen bedeckt seien und kein eigenes Haar rausguckt, eine Perücke, die sie während der Geburt immer wieder zurechtrücken oder von einer Doula, einer Geburtsbegleiterin, zurechtgerückt wird. «Jüdinnen ist es wichtig, dass möglichst wenig nackte Haut zu sehen ist. Sie machen keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, auch ich als Hebamme sollte sie nur nackt sehen, wenns unumgänglich ist.» In diesem Kulturkreis komme oft eine jüdische Doula mit, so sei die Gebärende optimal betreut, was eine sehr positive Wirkung auf den Geburtsverlauf habe. Rebecca Spielman ist eine Doula. Sie ist 47 Jahre alt, Jüdin und hat selber 13 Kinder. Mit 20 hat sie ihr erstes Kind bekommen, mit 26 das sechste. Warum hat sie so viele Kinder? «Warum so wenige?», sagt sie und lacht leise. «In unserer Kultur überlegt man sich nicht, ob man Kinder will. Das ist einfach normal.» Und will sie noch weitere Kinder? «Wenn noch eins kommt, gerne.» Jedes Kind bringe wieder neue Freude.

Mythen und Umgang mit Wehenschmerzen: Thailand: Schreit eine Frau bei der Geburt, sagt man, das Kind werde frech. Zeigt sie keine Regungen, wird sie mit einem braven Kind belohnt. Buddhismus: Leidet eine Frau während der Geburt, bezahlt sie für Sünden von einem vorherigen Leben. Marokko, Ägypten: Die Frauen beissen sich auf die Haare oder auf ein Tuch. Sie müssen Selbstbeherrschung und Tapferkeit beweisen. Benin: Wünscht sich die Gebärende vor lauter Schmerzen, nie schwanger geworden zu sein, wird sie sofort unfruchtbar. Senegal: Schreit eine Frau beim Gebären, wird sie nicht in die Gemeinschaft der Frauen des Dorfes aufgenommen. Mexiko: Frauen dürfen zwar Schmerzen zeigen, werden aber verspottet.

«In Israel gibt es schon länger Doulas», erzählt Spielman. «Ich habe gemerkt, das brauchen wir auch hier. Denn bei einer Geburt sind die Frauen viel allein, die Hebammen haben ja meist nicht nur eine Geburt zu betreuen. Und wenn die Frau offen ist, also wenn der Muttermund geöffnet ist, darf der Mann sie nicht mehr anfassen und helfen.» Er könne ihr aber Mut und Dankbarkeit zusprechen. «Zuspruch tut gut. Und er kann auch die Augen sprechen lassen.» 150 Frauen hat Rebecca Spielman beim Gebären begleitet. Sie kennt eigentlich alle Frauen schon vorher, von Geburtsvorbereitungskursen, die sie gibt. «Viele der Frauen sprechen nur englisch, oder hebräisch, ich spreche beide Sprachen und das ist wichtig, denn ich sage immer, gebären muss man in der Muttersprache, da kann man nicht noch übersetzen.» Als Doula sei es ihre Aufgabe, der Frau beizustehen, Kraft geben, Mut machen, massieren, schauen, dass sie bedeckt ist, aber auch kühlen Kopf bewahren, Ratschläge geben, Ideen reinbringen, zum Beispiel zur Entspannung ein Bad vorschlagen, ein frisches Nachthemd anziehen. Der Austausch mit der Hebamme sei wichtig, «aber wir reden einander nicht rein, sie macht ihren Job, ich meinen». Und auch wenn es eigentlich vom Glauben her nicht erwünscht ist: Wenn die Frau entscheide, dass sie eine PDA (Periduralanästhesie) wolle, dann bekomme sie eine. «Das ist immer noch besser als ein Geburtstrauma. Denn die meisten Jüdinnen gebären ja nicht nur einmal.» Ziel sollte immer sein, so Spielman, dass sich eine Frau nach der Geburt auf die Schultern klopfen könne mit dem Gefühl, «das habe ich gut gemacht». Dürfen jüdische Frauen während der Geburt schreien und schimpfen? «Es kommt auf das Temperament an. Schimpfen nicht grad, aber manche schreien schon, andere nicht. So ist es. Unterschiedlich halt. Aber man darf schon laut sein.»

In der letzten Phase der Geburt würden die jüdischen Männer oft den Raum verlassen oder rein und rausgehen und sehr intensiv beten. «Ist das Kind da, sind die Reaktionen unterschiedlich, die einen Väter weinen und bedanken sich bei der Mutter für die erlittenen Schmerzen und für das Baby, andere sind eher still und zurückhaltend.» Aber eine Freude sei eine Geburt immer, auch wenn man es den Vätern nicht unbedingt ansehe, sagt die Doula. Das Kind darf gleich nach der Geburt zu den Eltern. «Meistens übergibt man es der Mama sofort, auch ungewaschen», sagt Rebecca Spielman. Dem Neugeborenen werden nach jüdischem Ritual Gebetszettelchen in der Wiege oder im Zimmer aufgehängt. Von der Familie feierlich willkommen geheissen werden die Mädchen zu Beginn des ersten Schabbat nach der Geburt in der Synagoge, wo sie auch ihren Namen erhalten. Für die Jungen gibt es acht Tage nach der Geburt eine Brit Mila. An diesem Willkommensfest werden die Jungen beschnitten und erhalten ihren Namen. Schreien während der Geburt ist in vielen Kulturen verpönt. Wie erlebt das die Hebamme Jane Kerrison? «Was man sich in Sachen Schmerzäus serungen für die Geburt vornimmt, ist oft während der Geburt nicht umsetzbar. Das gilt für alle Kulturen. Auch Schweizer Frauen nehmen sich manchmal vor, nicht zu schreien, und dann tun sie es doch. Ich sehe hier keine kulturellen Unterschiede.»

Anders als bei Juden oder Moslems gibt es bei den Hindus keine grossen Unterschiede zur Schweizer Gebärkultur. «Hier gibt es viel Körperkontakt. Die Männer sind sehr ruhig, unterstützen die Frauen liebevoll, umsorgen sie sehr», sagt Jane Kerrison. Eines der Rituale der Hindus nach der Geburt ist das Räuchern des Babys, das unter freiem Himmel stattfindet. Dieses Ritual soll die bösen Geister verjagen und das Kind schützen. Dazu wird das Kind über den Rauch eines Feuers oder einer Feuerschale gehalten, dem Weihrauch und Harze beigemischt werden. Ein Ritual, das in einer Klinik nicht durchgeführt werden kann. «Ja, es ist schon sehr spannend, was wir hier erleben», sagt Kerrison. Es sei eine grosse Herausforderung für das Team und verlange grosse Flexibilität. «Respekt ist wichtig, Verständnis. Sonst geht das nicht.» Jane Kerrison sagt auch, sie finde es sehr schön, wie besorgt und umsorgend manche Kulturen mit Müttern umgehen, die gerade einen Säugling geboren haben. «Sie erhalten grosse Unterstützung durch die Familie. Selten wird eine Frau mit ihrem Baby nach dem Klinikaufenthalt allein gelassen. Dass bei uns die Mutter oder Schwiegermutter nach der Geburt für ein paar Wochen einzieht, könnten wir uns kaum vorstellen. Wir empfänden es eher als Einmischung und lehnen Unterstützung meist sogar ab, wenn sie uns jemand anbietet, weil es nicht unsere Tradition ist», sagt Kerrison. Das sei schade, findet die Hebamme. Denn darum seien in unserer Kultur viele Mütter die ersten Wochen nach der Geburt sehr erschöpft. Auch das Stillen sei bei Migrantinnen etwas völlig Natürliches. «Frauen unseres Kulturkreises sind oft sehr belastet durch die neue Situation mit dem Baby. Dazu kommt ein möglichst früher Wiedereinstieg in den Beruf. Sie können die 14 Wochen Mutterschaftsurlaub oft gar nicht geniessen», so Kerrison. «In der Stillberatung ist bei Schweizerinnen oft Thema, ob sie genügend Milch haben werden oder wie lange man stillen soll. Sowas hört man bei einer Muslima nie.» Stillen sei in vielen Kulturkreisen völlig selbstverständlich und natürlich. «Hätte ich nur Mütter aus Pakistan, wäre ich meinen Job als Stillberaterin los», sagt Jane Kerrsion, und schmunzelt.

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