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Alternative Lebensformen

Familie Sonnentänzer

Familie Sundance am Strand

Sie reisen um die Welt und sind im Internet Tausenden bekannt als Rawfoodfamily. «wir eltern» hat die Familie Sundance in Deutschland getroffen – kurz bevor das fünfte Kind, Luna, auf die Welt kam.

Acht Koffer hatten Katie (35) und Ka Sundance (38) und ihre vier Kinder dabei, als sie im vergangenen Mai in Deutschland landeten: einen Koffer Lego, einen voller Schleichtiere, einen dritten für Comics und Schulmaterial. In den übrigen vier fanden Kleider und alle anderen Besitztümer der Familie Platz. Mit dabei seit sieben Jahren der Vitamix, ein 750 Franken teures Hochleistungsmixgerät zur Herstellung von Säften.
Nach Deutschland kommt die Rawfoodfamily regelmässig auf Familienbesuch; Katie und Ka sind hier aufgewachsen. Ende Sommer reisen sie weiter: «Wir haben ein Grundbedürfnis nach Wärme», sagt Ka. Neun bis zehn Monate im Jahr leben sie im Süden: auf Bali, in Thailand, Australien, Costa Rica – ein Funken Neid? Kürzlich teilten sie ihren rund 14 000 Facebook-Freunden mit, sie hätten ihre Pässe erneuern lassen, weil nicht mehr genug Platz da war für weitere Ein- und Ausreisestempel.

Die Welt als Schulzimmer

«Viele Leute sagen, sie möchten auch leben wie wir, sie projizieren ihre Träume auf uns», sagt Ka. «Meine Frage lautet dann: Worauf bist du bereit, zu verzichten?» Dass ihre Kinder die Grosseltern nicht regelmässigsehen, ist für Katie und Ka die schwierigste Entbehrung. Doch: «Wir lieben den tropisch relaxten Lebensstil. Deutschland ist uns zu stressig, alles dreht sich um die Arbeit. Die Leute klagen dauernd, sie hätten keine Zeit.» Aber, und der Familienvater sagt, was alle Eltern wissen: Kinder und Stress ist keine gute Kombination. «Also haben wir uns entschieden, aus diesem System auszubrechen. Denn mit der Zeit ist es wie mit der Liebe: Je mehr du sie verschwendest, desto mehr hast du davon.»
Die Rawfoodfamily ist, man kann es nicht anders sagen, ein Phänomen. Wovon andere träumen und für wenige Tage im Jahr planen, leben Katie, Ka und ihre Kinder das ganze Jahr. Um die Welt reisen mit der Familie? Sie tun es seit 13 Jahren. Schule? Das Leben und der Alltag sind Schule genug. Der 12-jährige Beni, der 10-jährige Jaro und die 7-jährige Ronja haben noch keinen Tag ihres Lebens in einem stickigen Schulzimmer verbracht. Lesen, schreiben und rechnen können die beiden älteren Kinder trotzdem. Und sie sprechen mehrere Sprachen. «Lesen haben sie selber gelernt, gerechnet wird zum Beispiel, wenn 20 Cherrytomaten unter vier Kindern aufzuteilen sind», sagt Katie. Wollen die Kinder wissen, wie Elefanten und Giraffen leben, wird eine Reise nach Afrika geplant – und auch gemacht. Erzählt die deutsche Oma vom Zweiten Weltkrieg, wird Ka zum Geschichtslehrer. In diesem Fall eine echte Herausforderung, wie er gesteht. Haben die Eltern keine Antwort auf eine Frage, wird im Internet gesucht. Oder eins der Schulbücher kommt doch noch zum Einsatz. «Vieles spielen die Kinder mit ihren Tieren und Figuren während Tagen nach», erzählt Katie. Oder sie zeichnen. Malen zusammen ganze farbenprächtige Comics, etwa über Ureinwohner oder ihre eigene Familie.

Wenn das Interesse vorhanden ist, saugen die Kinder Wissen auf wie ein Schwamm.

Unschooling nennt sich diese Form von Bildung. Die Überzeugung dahinter: Wenn das Interesse vorhanden und von alleine gekommen ist, saugen die Kinder das Wissen auf wie ein Schwamm. «Alles, was wir tun, ist ihnen Materialien zur Verfügung zu stellen, damit sie sich das Wissen, das sie sich aneignen wollen, selbstständig erarbeiten können», sagt Ka. Und Katie ergänzt: «Für Physik oder Chemie oder wenn die Kinder das Abitur machen wollen, werden sie einen Lehrer brauchen.» Kein Zweifel, dass dies möglich sein wird. Kommt Zeit, kommt Rat. Oder in Katies Worten: «Wir haben gelernt, einen Schritt nach dem anderen zu tun.»
Nein, dies ist keine Floskel. Sondern die hauptsächliche Erfahrung, die sie auf ihren Reisen gemacht haben. «Es geht immer, man braucht keinen Plan. Tolle Möglichkeiten tauchen jeden Tag auf, und so hat man die Offenheit, sie wahrzunehmen», sagen beide. Ihre Erzählungen machen jedoch deutlich, dass diese Lektion nicht von heute auf morgen gelernt worden ist. Dass Zweifel und harte Zeiten dem stabilen Vertrauen vorangegangen sind.

Kinder schauen aus dem Fenster

«Wir haben ein Grundbedürfnis nach Wärme.»

«Wir kommen aus der Armut», sagt Ka. Weder Erbe noch Lottogewinn ermöglichten das Reisen, sondern Gelegenheitsjobs als Handwerker, ein bescheidener Lebensstil und eine extragrosse Portion Mut. Geld war lange Zeit knapp. Ka erinnert sich: «Als wir in Sydney ankamen, damals erst mit zwei Kindern, hatten wir noch genau 30 Dollar in der Tasche.» Sie hätten sich entscheiden müssen, ob sie mit dem Geld aus der Grossstadt raus fahren und eine günstige Bleibe suchen oder ins nächste Hotel gehen und ausschlafen wollten. «Wir entschieden uns fürs Hotel. Als ich das Geld an der Rezeption hinlegte, war mir bewusst, dass wir komplett pleite waren. In diesem Moment sagte der Mann zu mir: ‹Sind Sie Handwerker? Ich suche einen.›»
Dass sie zur Rohkostfamilie wurden und seit vier Jahren als selbstständige Unternehmer mit Rawfood-E-Books, E-Kursen, YouTube-Videos und Coaching ihren Lebensstil finanzieren können, war zu allererst ebenfalls eine Leidensgeschichte. Sohn Jaro war als Einjähriger derart stark an Asthma erkrankt, dass Kortison und tägliches Inhalieren nötig waren. Nichts half, auch kein Heiler, keine alternativ-medizinische Therapie.

Ich hatte schon als Punker den Wunsch, die Welt zu verändern.

Bis Katie in der Bücherwand ihrer Eltern den Rohkostklassiker «Willst du gesund sein, vergiss den Kochtopf» von Helmut Wandmaker entdeckte und vorschlug, dies zu probieren. Von einem Tag auf den andern ass die Familie nur noch Ungekochtes. Nichts kam mehr auf den Teller, das über 42° Celsius erhitzt worden war. Fleisch, Milch und alle anderen tierischen Produkte wurden vom Speiseplan verbannt und durch Gemüse, Früchte, rohe Nüsse, Samen, kalt gepresste Öle, Kokosnüsse, grüne Säfte und Smoothies ersetzt. Innert weniger Tage war Jaros Asthma weg, die verschleimten Atemwege frei, die Medikamente überflüssig. Aus der totalen Begeisterung und Freude über diese simple und natürliche Heilung entstand ihre Leidenschaft, anderen Eltern auf der Welt zu helfen. Und das Internet erwies sich als bestes Werkzeug für das Unternehmen «Rawfoodfamily».

Kinder geniessen den warmen Regen in den Tropen

Ein warmer Regen in den Tropen ist für die Kinder ein Genuss.

Party People

Wer Ka vor 20 Jahren kannte, hätte nie gedacht, dass er jemals zum Gesundheitsapostel würde. Seine Geschichte ist eine klassische Saulus-Paulus-Geschichte. «Ich war Sänger einer Rockband, trug zerrissene Klamotten, soff, kiffte, war bekannt wie ein bunter Hund weit über die Stadtgrenzen hinaus », erzählt er. Trotz Abitur und ohne wirkliche Berufung machte er eine Schreinerlehre – um gegen seine Mutter und die Gesellschaft zu rebellieren. Mit 21 haute er ab, lernte in Australien die18-jährige Katie kennen. «Wir waren beide Party People und reisten zusammen rund um die Welt.» Bis eines Tages Katies Periode ausblieb.
Der positive Schwangerschaftstest, den ihnen der Apotheker in einem peruanischen Andendörfchen strahlend überreichte, war ein Schock. Katie und Ka kauften einen Kasten Bier, den letzten, und beschlossen an diesem Abend, ihr Leben komplett zu ändern. «Das war die beste Entscheidung, die wir je gefällt hatten. Und sie war nötig.»

Familie Sundance badet in Thailand

Die grösste und schwerwiegendste Veränderung in ihrem Leben sei jedoch gewesen, auf 100 Prozent Rohkost zu gehen. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis die Rawfoodfamily auch im Internet geboren war. 2009 schliesslich nahm die Familie den Namen Sundance an, «unser spiritueller Name», und Ka stellte sein erstes Video auf YouTube. «Ich hatte schon als Punker den Wunsch die Welt zu verändern », sagt er, «und habe ihn immer noch. Meine Mission ist, den Menschen zu mehr Gesundheit und Liebe zu verhelfen.»
Mittlerweile haben rund 20 000 Leute die Rawfoodfamily auf YouTube abonniert. Das Unternehmen steht finanziell auf sehr gesunden Beinen. Der Erfolg ist auch darauf zurückzuführen, dass Ka weder dogmatisch noch weltabgewandt auftritt und kritische Themen wie einen allfälligen Nährstoffmangel offen angeht. Alle Familienmitglieder machen regelmässig Blutchecks. Die Resultate, die durchwegs gut sind, werden offen kommuniziert. In den ersten Jahren seien sie allerdings recht engstirnig gewesen, erinnert sich Ka, hätten versucht, sich 100 Prozent von Rohkost zu ernähren – «mit entsprechenden Schuldgefühlen, wenn ich dann doch mal einer Pizza nicht widerstehen konnte.»

Ehepaar Sundance in Costa Rica

Katie und Ka im Winter 2011 in Costa Rica.

Doch mal gekochter Reis

Kurz nachdem sie ihr Internet-Unternehmen gestartet hatten und nach vier Jahren ausschliesslicher Rohkosternährung äusserte Beny, der älteste Sohn, den Wunsch, wieder mal etwas Gekochtes zu essen. «Ich erschrak. Das passte nicht in unser Konzept», sagt Ka. «Gleichzeitig war ich gerührt, dass er dies so ehrlich sagte. Wir nahmen seinen Wunsch ernst und ich ging mit ihm in ein Restaurant.» Damals waren sie gerade in Thailand. Benny bestellte gekochten Reis mit Gemüse. Es schmeckte ihm und seither werden Gemüse wie Brokkoli oder Blumenkohl hin und wieder auch kurz gedünstet, ab und zu gibts Quinoa und wenn die Kinder wollen, bekommen sie auch Ziegenkäse oder ein Ei. «Das kommt jedoch nur alle paar Monate vor», sagt Katie. Für diese flexible Haltung wird die Familie von engstirnigen Leuten der Rohkostbewegung angefeindet. «Für uns stimmt es so», sagen Katie und Ka, «wir machen unsere eigene Realität und sind voll dafür verantwortlich.»
Noch nie gegessen haben die Kinder Gummischlangen, Zuckernudeln oder eine Glace vom Kiosk; dafür gibts regelmässig rohe Schokolade und selbstgemachtes Eis aus rohen Zutaten. Sehen sie im Supermarkt diese leuchtenden Packungen mit Gummizeugs, fragen sie schon mal: «Kann man das echt essen? Das sieht so künstlich aus.»
Und schon ist die Rawfoodfamily weiter gezogen, dahin, wo es sommerlich warm ist, nach Costa Rica. Mittlerweile reisen sie zu siebt. Am 12. Juli kam Luna auf die Welt. Und Katie und Ka sind daran, ihre nächste Vision zu verwirklichen: An einem warmen, tropischen Ort das erste ökologisch nachhaltige «Sundance Healing Resort » aufzubauen – «für Menschen auf der Suche nach körperlicher Heilung und spiritueller Weiterentwicklung», so Ka. Sesshaft wird die Familie damit nicht. Aber möglicherweise eine Basis haben, von der aus sie ihre Reisen unternimmt.

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