Echt jetzt! Warum regen sich eigentlich alle über den balkanischen Erziehungsstil auf? Maja Zivadinovic, Journalistin mit serbischen Wurzeln, fand ihre Jugo-Kindheit super.
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Maja Zivadinovic (38) ist freischaffende Journalistin und Kolumnistin. Ihr Lieblingsjob ist aber jener der liebenden Tante und Heldin für ihre Nichte Lola, 3.
Als Kind war ich sehr begehrt. Nicht weil ich besonders cool war. Meinen Beliebtheitsgrad verdankte ich meinen Eltern, die es mit geregelten Abläufen nicht so eng sahen. Meine Eltern sind Serben. Oder, umgangssprachlich, Jugos. Sie sind in den 70ern als Gastarbeiter eingewandert. Sie mussten eine neue Sprache lernen und sich auf eine ihnen fremde Kultur einlassen. Ausserdem waren sie knapp 20, als sie meine ältere Schwester und vier Jahre später mich bekamen. Diese Umstände führten dazu, dass es bei uns daheim relativ locker zu und her ging. Vor allem in den ersten zehn Jahren meines Lebens floss viel aus der serbischen Kultur in unsere Erziehung. Ich schnallte schon als Kind, dass dies das Beste ist, was uns passieren konnte.
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So wohnt die Schweiz: Nur 2 Prozent der Kinder unter 25 Jahren leben in Wohnungen mit weniger als 3 Zimmern. 50 % leben in Wohnungen mit 5 oder mehr Zimmern, 35 % in einer Vierzimmerwohnung. Im Durchschnitt verfügen Kinder über 30 Quadratmeter Wohnfläche.
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Rund 876 000 Kinder (47%) leben in einem Mehrfamilienhaus, 684 000 (37%) in einem Einfamilienhaus und 247 000 (13%) in Wohngebäuden mit Nebennutzung. Die Übrigen (39 000 Kinder) wohnen in Gebäuden mit teilweiser Wohnnutzung.
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Lediglich 22% der Kinder aus Einelternfamilien leben in einem Einfamilienhaus. Überdurchschnittlich häufig (10%) leben Kinder aus Einelternfamilien in Gebäuden mit mehr als 20 Wohnungen. Bei den anderen Familientypen sind es nur 6%.
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Kinder mit mindestens zwei Geschwistern wohnen 1,7-mal häufiger in Einfamilienhäusern als Einzelkinder.
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Nahezu die Hälfte der Kinder (49%) lebt in Wohnungen, die ihren Eltern gehören. Alle anderen leben in Mietwohnungen.
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Jedes fünfte Kind hat kein eigenes Zimmer. Je mehr Geschwister da sind, desto tiefer der Anteil der Kinder mit eigenem Zimmer: Bei Einzelkindern sind es 95%, bei den Kindern mit einem Geschwister 87%, bei jenen mit zwei oder mehr Geschwistern 57%.
Während Schweizer Kinder selbst bei schönstem Wetter um 17.55 Uhr den Spielplatz verlassen mussten, um Punkt 18 Uhr Znacht zu essen, Zähne zu putzen und spätestens um 19.30 Uhr im Bett zu sein, packte meine Mutter jeweils alles, was der Kühlschrank hergab, in Tupperwares. Dann picknickten wir unter der grossen Eiche auf dem Spielplatz hinter unserem Arbeiterblock. Weil meine Eltern die lauen Sommerabende ebenfalls genossen, verzichteten sie darauf, ihre Energie in mühselige Zubettgeh-Rituale zu investieren. Wie oft durften wir bis 21 Uhr rumrennen, dreckig werden und ungewaschene Erdbeeren ab Strauch essen. Meine Schweizer Gspänli wurden zum Zvieri mit Apfelschnitzen malträtiert. Ein Schoggistängeli? Allerhöchstens am Geburi. Danach mussten sie sofort die Milchzähne schrubben. Sonst tobte die Zahnfee.
Mein Vater, ein serbischer Lebemann, und meine Mutter arbeiteten in Schichten. Die Kinderbetreuung teilten sie auf. Während sich Mama hie und da pro forma darum bemühte, dass wir auch mal ein Rüebli essen, liess es Papa krachen: Berliner, Rüeblischnitte und Schoggibrötli statt Darvida. Die Kinder im Quartier wussten: Bei den Zivadinovics ist es super. Da gibt es ein ganzes Chuchichäschtli voller Süssigkeiten. Und einen Fernseher, den man jederzeit einschalten darf. Über Mittag waren meine Schwester und ich oft allein daheim. Den vorgekochten Zmittag assen wir vor der Kiste. Was haben wir über all die Folgen «Eine schrecklich nette Familie» gelacht. Natürlich hatten auch wir «intelligente» Spielsachen. Holzklötze, Gesellschaftsspiele und ein Gestell voller Bücher. Unsere Eltern haben uns aber nie gezwungen, mit Klötzchen unser Raumvorstellungsvermögen zu trainieren oder Büechli der Fernbedienung vorzuziehen.
Im Sommer war es jeweils am lässigsten. Meine Eltern packten viel zu viele Kinder in unseren Kombi und fuhren mit uns zur Badi. Glace-Plausch inklusive. Was der Pessimist als Larifari-Erziehung und Untergang der Milchzähne interpretiert, war alles andere als pädagogischer Schrott. Denke ich an meine Kindheit, sehe ich eine bunte Wiese voller Versuchungen, denen wir nie widerstehen mussten. Was dazu führte, dass wir schon früh lernten, vernünftig mit solchen umzugehen. Genau weil unsere Eltern beruflich so eingebunden waren, wuchsen meine Schwester und ich zu einem Duo zusammen, das sich bis heute nicht näher stehen könnte. Seit drei Jahren dreht sich unsere Welt nun um meine Nichte. Obwohl meine Schwester und ich in vielen Belangen nicht schweizerischer sein könnten, lassen wir beim Zuckermädchen viel von unserer Erziehung einfliessen. Zum dritten Geburi backen wir für die Spielplatz-Clique einen fetten Schoggikuchen mit Smarties, Gummibärli und Marshmallows. Drei Kinder dürfen nicht mitessen: Lotti wächst vegan auf, Samuel darf nur sonntags naschen und Max’ Mama besteht auf eine No-Sugar-Ernährung. «Walum?», will meine Nichte wissen. Ich kanns ihr nicht erklären. Mein Schwager, ein Fricktaler, schnallts auch nicht. Meine Eltern, derweil bestens integriert und eingebürgert, hegen einen Verdacht: «Diese Leute sind doch Anhänger einer Sekte, oder etwa nicht?!»
PS: Meine Freunde finden übrigens heute noch: Eure Jugo-Eltern rocken.