pexels
Nachgefragt
Kinder willkommen?
Von Caterina Melliger
Restaurantbesuche mit Kindern können ein Balanceakt sein. Eltern möchtenentspannte Momente und ein bisschen Verwöhnung, Kinder am Tisch haben ihre eigenen Bedürfnisse. Stimmen aus der Gastro- und Foodszene zeigen, wie Familien in Schweizer Restaurants ankommen – und warum Kindermenüs oft die gleichen sind.
Auswärts essen gehen mit Kindern kann wunderschön sein – und herausfordernd zugleich. Eltern freuen sich auf gemeinsame Zeit ausser Haus, auf einen Verwöhn-Moment, auf Gespräche ohne Koch-topf im Blick und darauf, ihren Kindern Genuss und Tischkultur näherzubringen. Gleichzeitig schwingt oft Unsicherheit mit: Werden unsere Kinder still sitzen bleiben? Werden sie etwas finden, das sie mögen? Und fühlen wir uns mit lebhaftem Nachwuchs überhaupt willkommen?
Viele Mütter und Väter kennen den inneren Spagat zwischen dem Wunsch nach einem entspannten Restaurantbesuch und der Realität hungriger, müder oder neugieriger Kinder. Nicht jedes Kind teilt die Begeisterung der Eltern für neue Geschmackserlebnisse, und nicht jeder Betrieb wirkt gleich offen, wenn es am Nebentisch lebendig wird.
Wie willkommen Familien mit Kindern in Restaurants tatsächlich sind, wollten wir genauer wissen. Deshalb haben wir Fachleute aus Gastronomie und Foodszene gefragt, wie sie die Situation in der Schweiz einschätzen, warum auf Kindermenüs so oft Pommes, Nuggets und Pasta stehen und wie sie Restaurantbesuche mit ihren eigenen Familien erleben. Ihre Antworten zeigen, wie stark Erwartungen der Eltern, betriebliche Möglichkeiten und gesellschaftliche Haltungen darüber entscheiden, wie willkommen sich Familien im Restaurant fühlen.
Alex Kühn
Foodjournalist bei GaultMillau Schweiz
Ein Kind, das mit Freude isst, bereichert das Gastronomieerlebnis. Als ich klein war, haben sich viele Gastronomen über mein Interesse am Essen gefreut und mir sogar die Küche gezeigt oder etwas Spezielles zum Probieren gegeben. In den «Kunststuben» in Küsnacht ZH (heute «Rico's») durfte ich mit zwölf eine Mini-Schnupperlehre machen, nachdem wir dort zu Gast waren. Das fand ich fantastisch. Ich höre auch ab und zu Geschichten von Spitzenköchinnen oder -köchen, die neugierige Kinder zu Gast hatten und das grossartig fanden.
Ich sehe immer wieder aussergewöhnlich kinder- und familienfreundliche Betriebe. Die Bindella-Restaurants zum Beispiel, wo Kinder je nach Preislevel des Lokals für 10 oder 15 Franken essen können, worauf sie Lust haben. Auch die Brasserie «Freilager» in Zürich, «Allen's Table» in Wollerau oder das Restaurant «Löwen» in Bangerten BE sind mir als besonders kinderfreundlich aufgefallen. Für Fine-Dining-Lokale mit grossen Menüs ist es naturgemäss schwierig, Kinder zu integrieren. Welches Kind sitzt schon freiwillig vier Stunden an einem Tisch. Das geht nur mit Kindern, die ein besonderes Interesse am Essen haben.
Dass Kindermenüs fast überall aus Pommes und Pasta bestehen, sagt weniger über die Branche als über die Nachfrage aus. Restaurants richten sich nach dem, was bestellt wird. Ich beobachte in meinem privaten Umfeld, dass manche Eltern ihren Kindern kein noch so kleines kulinarisches Abenteuer zutrauen. Im Restaurant will man einen ruhigen Abend haben, da scheut man Risiken noch mehr.
Wenn Kinder im Restaurant ausgegrenzt oder besonders behandelt werden, spiegelt das auch gesellschaftliche Haltungen. Es gibt sicher kinderfreundlichere Kulturen als unsere hier in der Schweiz – ich denke etwa an Italien. Die Gastronomie ist im Durchschnitt aber kaum weniger kinderfreundlich als der Rest der Gesellschaft.
Eine persönliche Erinnerung prägt mich bis heute: Als ich neun oder zehn war, besuchte ich mit meinen Eltern und der Familie eines Onkels ein 2-Sterne-Restaurant im Elsass. Auf meinem Platz lag eine Kinderkarte, ich wollte aber das «richtige» Menü essen. Die Erwachsenen wollten das erst nicht, als ich aber nicht aufhörte zu toben, brachte mir der Service die grosse Karte und ich durfte schliesslich essen, was ich wollte.
Alex Kühn, Foodjournalist bei GaultMillau Schweiz
Kareen Vaisbrot
Direktorin GastroSuisse
Als Mutter von zwei Töchtern im Teenageralter weiss ich aus eigener Erfahrung: Ein Restaurantbesuch mit Kindern ist selten planbar, aber fast immer bereichernd. Gastfreundschaft zeigt sich nicht im perfekten Ablauf, sondern in der Art und Weise, wie Gastgeberinnen und Gastgeber auf ihre Gäste eingehen. Diese kleinen, lebendigen Momente machen für mich Gastfreundschaft aus.
Familien sind in der Schweizer Gastronomie ein willkommenes Gästesegment. Sie sind ein Spiegel unserer Gesellschaft: bunt, lebendig und manchmal auch etwas laut. Aber Restaurants sind Orte der Begegnung. Orte, an denen Generationen zusammenkommen, an denen Kinder lernen, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt, Rücksicht nimmt und gleichzeitig willkommen ist.
Natürlich finden sich auf vielen Kindermenüs Klassiker wie Pommes oder Chicken-Nuggets. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die Gastronomie das anbietet, was sich ihre Gäste und gerade auch Kinder wünschen. Verlässliche Lieblingsgerichte geben Orientierung und Sicherheit. Gleichzeitig reagiert die Branche sehr wohl auf veränderte Erwartungen von Familien: Immer mehr Betriebe ergänzen ihr Angebot bewusst um frische, ausgewogene und liebevoll zubereitete Gerichte und zeigen damit, dass moderne Gastronomie zuhört und sich weiterentwickelt.
Die Schweizer Gastronomie lebt von Vielfalt. Ob familienfreundlich, ruhig, urban oder bewusst erwachsen ausgerichtet – unterschiedliche Konzepte sprechen unterschiedliche Gäste an. Dort, wo sich Betriebe bewusst an Familien richten, gehören Offenheit, Geduld und Herzlichkeit zum Selbstverständnis. Sie stärken das Miteinander und investieren in langfristige Gästebeziehungen.
Rudi Bindella
Unternehmer
Wir orientieren uns an der italienischen Lebensart – und in Italien sind Kinder ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft. Genau dieses Gefühl möchten wir in unseren Ristoranti leben. Kinder sind bei uns von Herzen willkommen. Dafür schaffen wir, wo immer möglich, die passenden Rahmenbedingungen: Kinderstühle, Lätzchen, Spielecken und kleine Beschäftigungen am Tisch wie Malsets sorgen dafür, dass sich die Kleinen wohlfühlen.
Auch kulinarisch lassen wir uns von Italien inspirieren. Dort essen Kinder grundsätzlich das Gleiche wie Erwachsene – einfach in kleineren Portionen. So handhaben wir es auch in unseren Ristoranti: Kinder wählen aus der gesamten Karte zum Pauschalpreis.
Als Elternteil wünsche ich mir vor allem eines, wenn wir auswärts essen: entspannt gemeinsam am Tisch sitzen zu können. Wenn Kinder spüren, dass sie dazugehören, verändert sich die ganze Stimmung. Diese Gelassenheit ist Teil unserer Italianità und prägt unseren Restaurantalltag.
Heiko Nieder
Chef Fine Dining und Culinary Director «The Dolder Grand»
Bei Kindern muss man vor allem flexibel sein und die eigenen Ansprüche manchmal etwas anpassen. Zu Hause ist das oft entspannter als früher, als man gegessen hat, was auf den Tisch kam.
Geschmäcker entwickeln sich bei Kindern sehr individuell. Das ältere Kind ist vielleicht schon offener für Neues oder bereits überzeugter Vegetarier, während das jüngere noch vorsichtiger bleibt. Ähnlich ist es auch im Restaurant: Manche Kinder möchten ganz klassisch Schnitzel, Pommes oder Pasta, andere probieren neugierig das Menü der Eltern mit. Am Ende ist das Wichtigste, dass alle am Tisch glücklich sind. Vor allem sollen Eltern bei uns keinen Stress haben, sondern die gemeinsame Zeit entspannt geniessen können.
Für mich bedeutet kindgerechte, aber ernst gemeinte Küche vor allem: unverfälschte Lebensmittel, nicht zu stark gesalzen, frische und gesunde Zutaten, idealerweise direkt vom Bauern. Gleichzeitig finde ich es schön, Kindern Gerichte zu servieren, die ihnen später in Erinnerung bleiben. Vielleicht verbinden sie diese Speisen irgendwann mit einem Familienausflug oder einem besonderen Restaurantbesuch. Solche kulinarischen Erlebnisse können später Glück und unbeschwerte Erinnerungen hervorrufen.
Das klassische Kindermenü hat definitiv seine Berechtigung und gehört für mich einfach dazu. Wir sind nicht dafür da, Kinder im Restaurant «richtig» zu erziehen oder zu ernähren – das ist Aufgabe der Eltern. Wenn ein Kind gerne Pommes essen möchte und die Eltern das unterstützen, ist das für uns völlig in Ordnung. Wir haben alles da. Problematisch wird es eher, wenn man Kindern etwas aufzwingt, wofür sie geschmacklich noch nicht bereit sind. Wenn es dann nicht schmeckt, Frust entsteht und am Ende der Abend für alle stressig wird, ist niemandem geholfen. Wichtig ist, dass der Restaurantbesuch für die Familie entspannt bleibt.
Mit Blick auf Fine-Dining-Lokale und die gehobene Gastronomie ist für mich klar: Wenn Kinder Lust haben mitzukommen oder Eltern sie mitnehmen möchten oder manchmal auch müssen, dann sind sie herzlich willkommen. Und wenn ein Kleinkind zwischendurch schreit, gehört das eben zum Leben dazu. Das kann für andere Gäste kurz mühsam sein, aber Familien sind Teil unserer Gesellschaft und sollten auch in der gehobenen Gastronomie ihren Platz haben.
Als Vater bevorzuge ich privat mit meiner Familie ganz ehrlich: alles. Ich liebe sehr viele Küchenrichtungen, da muss meine Familie manchmal einfach mit. Und da es inzwischen in fast jedem Restaurant gute vegetarische Optionen gibt, ist auch für unser grosses Kind immer gesorgt.
Heiko Nieder, Chef Fine Dining und Culinary Director «The Dolder Grand»
