Globi Verlag
Kultur
Globi – ein Phänomen
Herzlichen Glückwunsch, Globi: zum 100. Globi-Klassik-Band! Doch wie entsteht eigentlich so ein Buch? Und warum ist der Vogel seit 94 Jahren Kult? Eine Spurensuche bei seinen Schöpfer:innen und der Wissenschaft.
Samuel Glättli
Globi-Zeichner und Geschichten-Entwerfer
Man zeichne einen Kreis, male einen Halbkreis daran, eine Welle als Mund, ein Erdnüsschen als Mütze. Obendrauf ein dynamisches Zipfelchen. Der Körper in 80-prozentigem Cyan-Blau und 35-prozentigem Magenta. Schnabel: 85-prozentiges Yellow. Hose: 95-prozentiges Magenta, 75-prozentiges Yellow. 7½ Kästchen in Rot und Schwarz pro karierter Hose bei normalem Stand... Und voilà: Globi.
Wer mit Samuel Glättli über Globi redet, sieht den Papagei mit neuen Augen. Durch die Augen seines Schöpfers. Seit 2009 zeichnet der 46-Jährige – abwechselnd mit Daniel Frick – jedes zweite Globi-Buch. Er ist der, der in Absprache mit der Verlegerin das «Drehbuch» entwirft, die Story konstruiert. Fast zwei Jahre Arbeit stecken in jedem Buch, 1 Stunde pro Bildchen. «Ich bin ganz verliebt in Tierthemen», sagt Samuel Glättli und klappt seinen mit Globiklebern verzierten Laptop auf: Tiere seien zeichnerisch viel interessanter als Menschen. «Menschen bestehen doch einfach aus Nase, Mund, Ohren, fertig. Im Wesentlichen sind wir alle gleich.» Tiere dagegen – und jetzt kommt er ins Schwärmen – Rüssel, Flügel, Schwänze, Klauen, riesige Ohren ...Super. «Beispielsweise so ein Tapir: Das ist ein echt fantastisches, irres Tier. Der sieht immer falsch gezeichnet aus, obwohl er richtig gezeichnet ist.» Doch auch Globi ist zeichnerisch nicht ohne. Denn ein Papagei, erklärt der Illustrator, Comiczeichner und ausgebildeter Trickfilmer, funktioniere ausschliesslich im Profil. «Denn wie, bitte, sollte ein Papageienschnabel von vorne aussehen?» Blöd. Ausserdem würde «en face» der Schnabel das Gesicht verdecken. Deshalb gibts Globi nur im Profil. Das allerdings bedeutet für einen Zeichner, dass es nur begrenzte Möglichkeiten für den Gesichtsausdruck gibt. Zentral deshalb: Globis Augenbraue. Ist sie staunend gewölbt? Grübelnd gewellt? Ein mürrischer Strich? Psychogramm in Braue. «Vor allem ‹ peinlich berührt › ist eine Herausforderung», seufzt Samuel Glättli «Globis Mund muss lächeln, darf aber nicht grinsen, schwitzen soll er, weil er sich schämt, aber er darf nicht völlig fertig und miserabel aussehen wie nach einem Marathon ...» Knifflig. Wie auch der gesamte Rechercheprozess etwa jetzt zum 100. Band «Globi bei den Papageien». Da gilt es vor dem Zeichnen erst mal zu klären: Wie sieht es in einem Vogelgehege aus? Auf welche Art trägt ein Tierpfleger einen Flamingo? Welche Pflanzen wachsen im brasilianischen Pantanal? Ist es da sumpfig? Welche Reifen braucht deshalb der Jeep der Rangerin? Ja, es mag nur kurz dauern, ein Globi-Bild zu zeichnen, aber dahinter steckt lange Recherche. Doch jetzt ist Band 100 endlich fertig. Bleibt nur noch die Rückseite: mit Globi im Profil, Cyan-Blau und Gefühl in der Braue.
Samuel Glättli, Globi-Zeichner
Christian «Boni» Koller
Globi-Dichter
Boni heisst eigentlich Christian. Boni, ist das Überbleibsel der Pfadfinderzeit von Christian Koller und irgendwie auch ein besserer Name für einen Ex-Hochseematrosen, Musiker, Schauspieler und Dichter. Seit 2019 dichtet der 64-Jährige für Globi. Stets nach dem gleichen Reimschema: aa, bb. a mit acht Silben b mit sieben. Sechs Viererblöckchen pro Seite.
Nur vier bis acht Wochen braucht er für ein komplettes Buch. Die Geschichte bekommt er von Samuel Glättli oder Daniel Frick, den Zeichnern der Globi-Klassik-Bände. Und dann: ein Monat Verse schmieden, Hardcore. «In der Dicht-Zeit ziehe ich mich vollständig zurück. Sogar von meiner Familie», erzählt Boni Koller : «Ich rede und denke in der heissen Phase ja nur noch in Globi-Reimen. Das ist für mein Umfeld schwer auszuhalten.» Warum gerade Globi ? Millionengagen ? Goethe-Vibes ? «Wenn es doch die Millionengagen wären », lacht Koller.
«Aber im Ernst : Ich liebe an Globi, dass er älter ist als wir alle und doch jung. Er ist rührend bieder, gleichzeitig lustig und verschmitzt.» Schaffenskrisen ? Nö. Die kennt Koller nicht. Offenbar ist seine Muse auf Koks. Globi, Liedtexte, Lesungen und dann noch Auftritte am Wochenende ... Wo normale Menschen schon vom Zuhören Schnappatmung kriegen, bleibt Boni Koller gechillt. Obwohl : «Dieser 100. Band ist ja der erste Band, der gleichzeitig auch auf Mundart erscheint. Das war etwas kompliziert.» Schliesslich gebe es ja im Dialekt kaum anerkannte Regeln, was dazu führe, dass selbst im « Züritüütsch » fast jede Familie wieder ein bisschen anders spreche. «Das Reimschema einzuhalten, war nicht leicht. Auch der hintere Teil der Globi-Bücher ist aufwendiger.» Denn dann seien schon viele gängige Reime auf den Anfangsseiten ausgereizt. «Haus – raus, gesehen – geschehen, reihen – verzeihen ... sollten sich ja nicht wiederholen. Alternativen zu finden, dauert länger.»
Aber sonst ... Solls ein Reim sein ? Bitteschön, hier kommt, zack, zack seine Arbeit für Globi in Reimen:
Schon seit über 90 Jahren
trotzt er wacker den Gefahren,
die der Zeitgeist mit sich bringt:
Globi reimt sich, lacht und singt !
Zu den Streichen und Geschichten
darf ich für ihn Verse dichten.
Ich beschreibe, was geschieht,
falls man es im Bild nicht sieht.
Samuels und Danis Skizzen
sind meist prall gefüllt mit Witzen.
Und wer die nicht gleich versteht,
merkt im Reim, um was es geht.
Christian Fichter
Professor für Wirtschaftspsychologie an der Kaleidos Fachhochschule in Zürich
Globi ist nach psychologischen Massstäben klug konstruiert. Er ist als anthropomorphes Mischwesen aus Mensch und Tier eine ideale Identifikationsfigur. Ausserdem ist Globi zeitlos.
Einmal in dem Sinne, dass er Modernes, Zeitgeistiges aufgreift, und dann ist er auch zeitlos, weil dieser Papagei kein wirkliches Alter hat. Er ist ein Erwachsener, da er Erwachsenensachen macht, aber er ist auch Kind geblieben. Globi ist ein Sympathieträger, weil er – obwohl Papagei – so menschlich ist. Er macht Fehler, er spielt Streiche, er ist nicht perfekt. Ein schelmischer, cleverer Underdog.
Psychologisch gesehen braucht es eine Prise Normalität zur Identifikation. Das Makellose ist ja ohnehin unerreichbar. Wir Menschen – vor allem Kinder – stossen ständig an Grenzen. Globi erkundet die stellvertretend, scheitert an ihnen und überschreitet sie manchmal. Das macht liebenswert. Wer mag schon Leute ohne Fehl und Tadel? Niemand.
Auch Eltern lieben den Globi. Das ist wirtschaftlich wichtig, denn schliesslich sind sie es, die die Bücher, Hörspiele und Merchandising-Produkte kaufen. Ein Grund: Sie kennen ihn aus ihrer eigenen Kindheit. Ein weiterer: Mit Globi können die Kinder etwas lernen. Und das ohne nervig erhobenen Zeigefinger, sondern verpackt in eine Geschichte, die zwar abenteuerlich ist, aber nicht zu sehr. Die Bücher können Eltern also getrost auch vor dem Einschlafen vorlesen. Kluges Mittelmass.
Zudem hat Globi, werbepsychologisch gesehen, die idealen Farben. Knalliges Blau, Gelb, Rot und Schwarz. Primärfarben mit hoher Signalwirkung und grossem Wiedererkennungseffekt. Wiedererkennen – das ist wissenschaftlich bestens belegt – sorgt für Vertrauen. Globi sieht seit drei Generationen gleich aus. Das wirkt verlässlich, wertig. Ein weiterer Pluspunkt ist der Reim. Die menschliche Psyche liebt Reime. Sie signalisieren kognitive Leichtigkeit. Vieles von unserem Alltagswissen und unserer Tradition wird in Reime gepackt: Sprüche, Lieder, Gedichte ... Gereimtes ist eingängig.
Wir empfinden es als stimmig und glaubwürdig. Nicht umsonst wird in der Werbung viel gedichtet. Auch thematisch sind die Geschichten klug. Sie sind sehr nah am Leben. Jedes Kind kennt die Probleme, die da behandelt werden. Der Müllwagen kommt, man geht in den Zoo, man wird krank ... Jeder wird so abgeholt, dazu kommt noch eine kleine, überraschende Wendung. Vorbildlich. Ich denke, ich sollte meine Studenten und Studentinnen unbedingt mal den Globi analysieren lassen. Der ist echt beispielhaft.»
Gisela Klinkenberg
Leiterin des Globi-Verlages
Gisela Klinkenberg sitzt in ihrem Büro im Orell-Füssli-Haus in Zürich-Wiedikon. Die Regale sind vollgestopft mit, klar, Globi-Büchern, Papa Molls und Globine-Bänden. Seit 25 Jahren ist die 65-Jährige jetzt Leiterin des Globi-Verlages. Ein Berufsleben im Zeichen des Papageis.
«Ich habe halt den schönsten und abwechslungsreichsten Beruf der Welt» findet sie, zeigt voller Begeisterung ihre Liste der Globibuch-Pläne bis zum Jahr 2030, erklärt temperamentvoll, dass ein einziger Band rund zwei Jahre Vorbereitungszeit benötigt, wie man mit Zeichnern, Textern und, wie jetzt aktuell zur Eröffnung des Pantanal-Geheges, mit dem Zürcher Zoo zusammenarbeitet ...
Da fällt ihr Blick auf den kleinen Kaktus auf ihrem Tisch. Der «Kaktus der Woche» verliehen von der «Schweizer Illustrierten» für einen besonderen Flop, Lapsus oder Fauxpas. Anlass: In «Globi und der Wald» stand zu lesen, Schweizer Kühe würden zu 80 Prozent mit Kraftfutter gefüttert. Richtig wären 10 bis 15 Prozent gewesen. Der Bauernverband schäumte, die Presse bauschte, von «Globi-Gate» ist die Rede ... Skandal in Papageienform. «Es hätte nicht passieren dürfen», sagt Gisela Klinkenberg zerknirscht. Längst hat sie sich öffentlich kiloweise Asche übers Haupt gestreut, sich entschuldigt, immer wieder. Schliesslich müsse der Globi korrekt sein. Deshalb gehe jeder Band durch viele, viele Hände, lesen Fachleute, Lektor:innen, Korrektor:innen ... nochmal und nochmal und nochmal. Und doch: Fehler passieren. Wo nicht ? Deshalb wurmt Gisela Klinkenberg das Gelärme auch ein kleines bisschen. Schliesslich ist Globi ein Kult-Produkt und Riesenerfolg.
So schlecht kann sie ihren Job dann doch wohl nicht machen. Bekanntheitsgrad von 98 Prozent bei der Schweizer Bevölkerung, 12 ½ Millionen verkaufte Globi-Bände.
Stets Spitzenplätze in den Schweizer Kinderbuch-Rankings und Spitzenpreise zahlen Sammler für nicht mehr erhältliche Globis. Aber das Wichtigste: Alle Kinder lieben ihn. Das muss man erstmal nachmachen. Trotzdem ist Globi-Bashing fast so alt wie der Vogel selbst. Ein Kolonialist soll er sein, weil er in «Globis Weltreise» von 1935 einer farbigen Frau die Halsreifen abzieht. Ein Tierquäler, weil er in «Wie Globi Bauer wurde» von 1941 einen nervend krähenden Hahn grilliert, ein Mansplainer oder auch ein woker Vogel ... irgendwas vergessen?
«Ach herrje», seufzt Gisela Klinkenberg. Globi-Bücher entstünden halt in ihrer Zeit für ihre Zeit. «Kein Mensch würde heute noch die uralten Bücher mit dem damals typischen Zeitgeist verlegen. Wir haben sie auch nicht nachgedruckt.» Aber dann, lacht sie, sei wieder von Globi-Zensur die Rede gewesen. Wie mans macht, macht mans verkehrt. Oder vielleicht doch sehr richtig? Denn jetzt erscheint der 100. Globi Klassik-Band «Globi bei den Papageien». Ein typischer Globi: zeitgebunden, weil es um Artenschutz geht. Zeitnah, wie jetzt bei der Eröffnung des Pantanal-Geheges. Und vor allem: zeitverschönernd !
Glückwunsch Globi, zum 100. Band !
