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Lehrplan 21

«Familien sind heutzutage mobiler»

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Mit dem Lehrplan 21 soll geregelt werden, was ein Schüler können muss. Ein Gespräch mit Christian Amsler, dem Schirmherrn des LP 21.

wir eltern: Herr Amsler, im Vorfeld gab es eine Menge Erwartungen und Begehrlichkeiten. Jetzt steht der Lehrplan 21. Wem gegenüber haben Sie das schlechteste Gewissen?

Christian Amsler: Niemandem gegenüber. Wir haben rund neun Jahre mit über 100 Fachleuten (Lehrern, Didaktikern, Wissenschaftlern ...) daran gearbeitet und gute Arbeit geleistet. Ich muss keinem gegenüber schlechte Gefühle haben. Klar sind wir mit Wünschen und Ansprüchen bombardiert worden und sicher haben sich nicht alle davon erfüllt. Das ist normal. Ausserdem war es nicht unsere Absicht, die Schule neu zu erfinden, sondern Renovierungsbedürftiges auf den modernsten Stand zu bringen und vor allem mehr Harmonie in den Lehrplänen herzustellen. In der Planungsphase haben wir uns in die Küche gucken lassen, jetzt kann jeder in die Töpfe sehen. Und die Suppe würzen, das machen jetzt vor allem die Schulen und Lehrer. Selbstverständlich gibt es Diskussionen. Und das ist gut so.

Der Lehrplan 21 vereinheitlicht die Lehrpläne der 21 deutschsprachigen oder zweisprachigen Kantone. Ist «vereinheitlichen» ein netteres Wort für «auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen»?

Konsens ist nicht zwingend gleichbedeutend mit zusammengeschrumpft und verdünnt. Das ist es auch in diesem Fall nicht.

Jetzt mal – ganz pädagogisch wertvoll – positiv: Wer profitiert vom Lehrplan 21?

Die Lehrer, weil der Lehrplan 21 eine praxistaugliche Richtschnur ist. Damit profitieren in direkter Folge die Kinder. Und für die ist die Schule da. Ausserdem sind Familien heutzutage mobiler. Das muss die Schule berücksichtigen. Wenn etwa bei einem Umzug in einen anderen Kanton dort ein vollkommen anderer Stoff behandelt wird, ist das schwierig und nicht zeitgemäss.

Naja. Wirrwarr gibt es sogar schon innerhalb eines Kantons. Dort, wo ich wohne, gibt es die gegliederte Sekundarschule. Fährt man mit der S-Bahn eine Haltestelle Richtung Stadt, hat die dortige Sekundarschule das Mosaiksystem mit Leistungsstufen; fährt man von uns aus 5 Minuten in die andere Richtung, gibt es beide Systeme ...

Soll ich ehrlich sein? Sinnvoll ist das nicht. Ich wünschte, das wäre anders. Aber das Schulsystem wird halt kantonal geregelt. Vielleicht ist der Lehrplan 21 ja ein Anfang. Ein bisschen versuchen wir, das Durcheinander mit den jetzt eingeführten Lernzyklen aufzufangen. Also alle Kinder, die in einem bestimmten Zyklus sind – zum Beispiel in Mathe das Basiswissen des 1. Zyklus’ haben – sollten deshalb auch in einer anderen Schulstruktur im gleichen Zyklus zurechtkommen. Jaja, ich weiss, logisch wäre eine Weiterführung der einheitlicheren Lehrpläne bis hin zu einheitlicheren Strukturen.

Humboldt verstand unter Bildung noch Arbeit an der Persönlichkeit. Das Ziel sei «seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen». Von Bildung ist aber in der ganzen Diskussion nichts mehr zu hören. Stattdessen ist nur noch von Kompetenzen die Rede. Was soll man sich genau darunter vorstellen?

Ja, der Kompetenzbegriff erhitzt die Gemüter. Zuweilen wird unterstellt, Schüler müssten künftig nichts mehr wissen, sondern nur noch schwammige «Kompetenzen» zeigen. Das ist Unsinn. Jedem «Können» geht ein «Wissen» voraus. Früher wurde schlicht etwas «durchgenommen». Lehrer haben den vorgeschriebenen Stoff abgehakt. Was davon beim Schüler hängen blieb, stand in den Sternen. Ich finde es sinnvoller, zu schauen und zu überprüfen, was genau ein Schüler am Ende des Schuljahres kann.

Fördert das nicht die Lückentext-Mentalität? Der Schüler muss lediglich Gefordertes ausspucken. Sich eigene Gedanken zu machen und ein Weltbild zu entwickeln, scheint obsolet. Also: «Ordne den Ersten Weltkrieg historisch ein?» Antwort: «Er begann 1845, 1914 oder 1976.» Erforderliche Kompetenz dabei, volle Punktzahl?

Nett auf die Spitze getrieben. Aber so wird es selbstverständlich nicht aussehen. Bildung verstehe ich persönlich als ganzheitliches Lernen. Ein facettenreiches Bild entwickeln, Wissen erwerben, in einen Kontext einbinden und anwenden. Davon, wie es früher lief – Jahreszahlen stupide aufzusagen –, halte ich nichts. Vielleicht weist der Begriff «Kompetenz» in die richtige Richtung, zeigt nämlich, dass Wissen zu etwas zu gebrauchen ist, angewendet werden kann.

Wenn die harmonisierten Kompetenzen dann schweizweit standardisiert abgeprüft werden, wie es ja jetzt schon beim Cockpit, Stellwerk und später beim Multicheck so ist, wird die charismatische Lehrerpersönlichkeit überflüssig. Trainer oder Neudeutsch «Lerncoach» zum Fitmachen reicht ...

Unterricht bleibt Lehrersache. Punkt. Die Lehrperson ist es schliesslich, die auf ihre ganz individuelle Art und mit ihren eigenen Methoden die Schüler zum Lerninhalt hinbringt. Eine Entwertung kann ich da nicht erkennen.

Viel Schelte haben Sie dafür bezogen, dass auch der Kindergarten voll einbezogen ist; sogar bei den Kleinen schon Kompetenzen vorgeschrieben sind, die es zu erreichen gilt und die bewertet werden. Zu meiner Kindergartenzeit haben wir einfach im Sand gebuddelt und gesungen.

Als ich klein war, haben wir auch «gsändelet» und im «Stübli» mit der Ordensschwester Lieder gesungen und Verse aufgesagt. Ob das geschadet hat? Ich meine Nein! Meine ganz persönliche Meinung ist, dass man Kinder Kinder sein lassen muss. Andererseits ist es eben auch Realität, dass das Schulsystem – und der Kindergarten gehört dazu – heutzutage manche Aufgabe des Elternhauses mit übernehmen muss. Ich hatte neulich mit Drittklässlern zu tun, von denen nur ein paar jemals einen Molch in der Hand hatten, viele sich vor Libellen fürchteten und noch niemals auf einen Baum geklettert waren. Aber ich schweife ab. Ich hoffe sehr, dass alle Kindergartenkinder so etwas tun können und Zeit dafür haben.

Zeit? Ist es nicht eher so, dass immer mehr in die Kinder hineingestopft wird, weil ständig nach der Wirtschaftswelt geschielt wird? Schon allein die Wortwahl ist bezeichnend: Lerncoach, Assessment, IT ... Haben Pädagogen Minderwertigkeitskomplexe?

Jedenfalls braucht es mehr Selbstbewusstsein an den Schulen bei den Pädagogen. Die machen einen guten Job. Andererseits ist die Wirtschaft der Abnehmer. Deren Anforderung darf man also nicht aussen vor lassen. Deshalb haben wir auch IT und Medien als fächerübergreifende Kompetenzen eingeführt. Das muss heutzutage sein. Allerdings darf man nicht die Welt der Ökonomie über die Schulen stülpen. In der Wirtschaft geht es um Stückzahlen und Gewinn. In der Schule geht es um Menschen. Selbstverständlich muss man junge Menschen auf den rauen Wind der Wirtschaft vorbereiten. Aber vor allem sind es junge Menschen.

Das klingt aber weichgespült. Ist deshalb im Lehrplan verankert, dass der Lehrer seine Bewertung «positiv» halten soll. Nach dem Motto: «Peter isst sehr appetitlich sein Pausenbrot, aber in der Mathematik hat er noch Potenzial.»

Ich bin ein Freund davon, 1:1 zu sagen, was Sache ist. Das Leben ist nicht ständig positiv. Andererseits galt lange Zeit – und leider vielerorts auch heute noch – diese Schlechtmach- und Rotstift-Mentalität. Da wurde auf Schwächen rumgehackt, nur das Negative gesehen. Das hat so manche Schulkarriere geknickt und Kinder fertig gemacht. Ich denke, dass es gut ist, Stärken zu sehen und zu stärken. Ins Lächerliche darfs aber auch nicht kippen.

Neue Ansätze, aber die Schulzeugnisse bleiben unverändert.

Gegen die Noten-Zeugnisse habe ich nichts. Mit «hard facts» kann man sich besser auseinandersetzen. Das kann ja auch Ansporn sein. Das Leben ist ein Sich-Miteinander-Messen und eben auch Selektion. Watte hilft niemandem weiter.

Ein bisschen wattig wird es aber rund um den Lehrplan 21 doch: Das Fach Sexualkunde kommt nicht. Haben Sie sich über den Wirbel darum im Vorfeld gewundert?

Allerdings. Vermutlich sorgt in keinem anderen europäischen Land Sexualkunde noch für Aufregung. Nur in der Schweiz. Vor allem christlich-konservative Kreise sind dagegen. Sie finden, Aufklärung im weitesten Sinne sei ausschliesslich Sache des Elternhauses. Möglicherweise reden Kinder und Jugendliche aber mit neutraleren Personen wie Lehrer leichter darüber. Mehr Unverkrampftheit täte jedenfalls gut.

Letzte Frage: Würden Sie selbst gerne heutzutage unterm Lehrplan 21 noch mal zur Schule gehen?

Und wie. Es gibt so viele interessante neue Möglichkeiten. Inhaltlich, von den Lehrmitteln her; Schüler haben keine Angst mehr vor den Autoritätspersonen ... Die Kinder sind freier. Allerdings ist es für die Lehrer manchmal schwieriger. Da fahren Eltern schnell mal gleich mit dem Anwalt ein, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich finde, Schule ist – seit meiner eigenen Schulzeit in Dörflingen – spannender, aber wohl auch anspruchsvoller geworden. Auf beiden Seiten des Pultes. Lehrer ist ein toller, interessanter Job. Okay, Regierungsrat auch.


Christian Amsler

Der 49-jährige Regierungsrat (FDP) ist Vorsteher des Erziehungsdeparte­ments des Kantons Schaffhausen, Präsident der Erziehungsdirektorenkon­ferenz der Deutschschweiz (D-EDK) und Schirmherr des Lehrplans 21. Der ausgebildete Pädagoge ist mit einer Lehrerin verheiratet und Vater von drei Kindern.


Facts zum Lehrplan 21

Der Lehrplan 21 ist ein Projekt der Deutsch­schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. Sein Ziel ist, den Artikel 62 der Bundes­verfassung umzusetzen. Das heisst: Für alle 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone gilt künftig ein gemeinsamer Lehrplan. Darin wird geregelt, was ein Schüler am Ende eines Schuljahres können muss, über welche «Kompetenzen» er verfügen soll. Die elf Schuljahre – inklusive Kindergarten – sind in drei «Zyklen» gegliedert. In jedem Zyklus gibt es einen «Mindestanspruch», der erfüllt sein muss, und erweiterte Anspruchsniveaus. Aufgeteilt ist der LP21 in sechs Fachbereiche. Dazu gibt es fächerübergreifende Themen wie «Berufliche Orientierung», «ICT» (information and communication technology), «Medien». Zwar bleibt Schule Kantons­sache, aber 80 Prozent des vermittelten Wissens und Könnens wird überkantonal harmonisiert. Bis Dezember 2013 läuft noch die Konsultation zum LP21.

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