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Liebesleben
Die gute Ehe
Was ist eine gute Ehe? Unsere Autorin Caren hat in antiquierten Beziehungsratgebern gestöbert und Tipps herausgesucht, welche das Gelingen einer «guten Ehe» versprechen. Ein erheiternder und überraschender Text über Komplimente, Wertschätzung, Abenteuer - einfach über die Liebe. Mit Einschätzungen des Psychologen Werner Klumpp.
Vielleicht ist «Downton Abbey» schuld. Oder, dass ich jetzt seit 13 Jahren verheiratet bin und schon allein daher häufiger die Liebe nach bröckelndem Putz abscanne, oder vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich berufsbedingt ständig neue Beziehungsratgeber lese. Jedenfalls war sie auf einmal da, diese Frage, warum wir Menschen von heute – trotz der hohen Scheidungsraten – eigentlich meinen, in Sachen Liebe alles viel besser zu wissen und zu machen als die Generationen vor uns . Weshalb sind wir so unumstösslich sicher, dem heiligen Gral der gelingenden Partnerschaft entscheidende Kilometer näher gerückt zu sein ? Und zwar dadurch, dass wir alles Vergangene ohne Zögern kübeln. Denn könnte es nicht sein, dass es mit Ratschlägen vergangener Zeiten ein bisschen ist wie mit dem Ausmisten des Estrichs: Es kommt viel merkwürdiger Plunder zum Vorschein – doch manchmal auch etwas richtig Tolles, von dem man nur den Staub herunterpusten muss. Ein Selbstversuch mit Husten vom Pusten, antiquarischen Büchern, Paartherapeut Werner Klumpp, einem verwirrten Ehemann – und dieser Sache mit der Schleife im Haar.
Blanche Ebbutt
«Don'ts für die Ehefrau», 1913
Versäumen Sie nicht, Ihrem Ehemann gelegentlich ein Kompliment zu machen. Wenn er sich recht hübsch für die Oper zurechtgemacht hat, dann sagen Sie es ihm. Wenn er mit seiner Hühnerzucht ( ... ) erfolgreich war, gratulieren Sie ihm.
Caren Battaglia : Fällt leicht, da der Mann glücklicherweise keine Hühnerzucht besitzt, dafür aber bei uns zu Hause alles schraubt, klebt, repariert. Komplimente sind einfach etwas Schönes und machen froh ! Fazit: Wird übernommen. Werner Klumpp : Komplimente und Wertschätzung sind in einer Beziehung sehr bedeutsam: Sie stärken die Verbundenheit und sind Ausdruck der Liebe. Die Bedeutung wird vielfach erst bewusst, wenn sie in der Partnerschaft vermisst werden. Gerade, wenn man als Paar im Alltagskarussell feststeckt, in welchem vieles als selbstverständlich angesehen wird, sollte man umso bewusster innehalten: «Habe ich heute schon ein Kompliment gemacht ?» Die positiven Auswirkungen sollten in jedem Fall nicht unterschätzt werden ... Heben Sie Ihr schönstes Lächeln und Ihr bestes Benehmen nicht für Fremde auf; zuerst kommt Ihr Ehemann, dann die anderen. Caren Battaglia : Würde ich bei irgendjemand anderem so auf der Couch lümmeln ? Einem Fremden langfädig von diesem vermaledeiten Zahn erzählen, davon, was der Zahnarzt gesagt und ich bei der Rechnung gedacht habe ? Eher nicht. Leider allerdings stellt sich heraus, dass der Tipp gar nicht einfach zu befolgen ist. Denn: Dauerlächeln wirkt manisch, und abends auf der Couch zu sitzen wie eine Sekretärin aus einem 50er-Jahre-Film auf dem Bürostuhl, finden Bandscheiben ungemütlich. Fazit: Ja, auch mein Mann hat Mr. Jekyll verdient und nicht nur Mr. Hyde. Aber : alles mit Mass.
Werner Klumpp : Die Grundidee ist hier : Den Partner oder die Partnerin als «Nummer eins» anzusehen, und dies auch mit dem eigenen Verhalten auszudrücken. Wenn zum Beispiel ein Paar zum Elternpaar wird, erlebe ich nicht selten in der Beratung, dass sich der Mann zurückgesetzt fühlt. Aber ebenso kann dies umgekehrt erlebt werden, wenn der andere sich zum Beispiel intensiv in Beruf oder Weiterbildung engagiert. Da ist es wichtig, dem Gegenüber immer wieder zu zeigen : «Du bist mir wichtig». Gleichzeitig ist es ratsam, authentisch zu bleiben: Sich permanent in seinen Bedürfnissen zurückzunehmen, erzeugt ebenso Frust, wie ständig ein Lächeln aufzusetzen, das nicht adäquat ist.
Denken Sie nicht, es sei unter Ihrer Würde, Ihrem Ehemann die Hausschuhe bereitzulegen. Besonders an kalten Abenden macht es den Unterschied für sein Wohlbefinden, ob seine Fusssohlen durchgehend warm sind.
Caren : Ehemann windet sich vor Scham, Ehefrau windet sich vor Scham. Fazit : Vergiss die Fusssohlen !
Werner Klumpp : Und was wäre die Idee für Sommerabende ? Dies ist wohl unerheblich für das Motiv, unter welchem man diese historische Regel neu beleuchten könnte: Dem Partner beziehungsweise der Partnerin eine Freude bereiten, etwas tun, was dem anderen wichtig ist: Die Lieblingsschoggi vom Einkauf mitbringen, pünktlich sein oder – den WC-Deckel zu schliessen. Dabei sollte nicht Selbstaufgabe oder Unterdrückung eigener Bedürfnisse die Motivation darstellen, sondern vielmehr die bewusste Entscheidung, die Liebe für die Partnerin oder den Partner zum Ausdruck zu bringen.
Weigern Sie sich nicht, die Witze Ihres Ehemanns zu ertragen. Sie mögen ziemlich schlecht sein, aber es wird Ihnen nicht wehtun, über sie zu lachen.
Caren: Gilt das auch für Geschichten, die man auswendig mitsprechen kann, und das im Wortlaut ? (Damals in Peru, als plötzlich blablabla ... ) Doch : Nichts ist illoyaler, als wenn in grösserer Runde nicht mal die eigene Partnerin die erzählte Story hören mag. Das fand ich aber immer schon. Fazit : Zähne zusammenbeissen und weiter so !
Werner Klumpp : Humor ist eine wichtige Ressource für die Paarbeziehung. Wenn beide über eine Situation lachen können, kann dies Spannung lösen. Er kann Leichtigkeit in die Partnerschaft bringen, vorausgesetzt, er wird nicht auf Kosten des Gegenübers eingesetzt. Auch in puncto Humor ist Authentizität wichtig: Sich also durchaus auch zu weigern, die Witze des anderen zu ertragen, und das Unbehagen hierzu zu kommunizieren, ist somit auch dienlich.
Denken Sie nicht, dass es zu viel Aufwand ist, abends zu singen oder etwas vorzuspielen, wenn der Ehemann das einzige Publikum ist.
Caren: «Vorspielen» entfällt mangels Instrument, und Vorspielen etwa der Weihnachtsgeschichte als Ochs, Esel, Maria und kleiner Heiland in Personalunion wird wohl nicht gemeint sein. Dann also : Singen. Aber was ? « Sexbomb »? « I will always love you»? Oder doch eher etwas mit geringer stimmlicher Anforderung bei gleichzeitig hoher Textsicherheit ? «Bruder Jakob» ginge. Oder auch : «Sweet Caroline » erprobt auf vielen Skihütten und daher : Klassiker. Fazit : unerwartet positiv. Der Ehemann zeigt sich aufrichtig gerührt, was allerdings auch damit zu tun haben könnte, dass ich als A-cappella-Zugabe auch noch die Hymne seines Fussballvereins drauflege. Insgesamt: Prädikat «wertvoll».
Werner Klumpp : Dem Partner oder der Partnerin vorzusingen oder auf einem Instrument etwas vorzuspielen, kann eine Liebessprache sein; vorausgesetzt, dies wird vom Gegenüber auch gewünscht und geschätzt. Ebenso kann gemeinsames Musizieren verbindend wirken, da man miteinander in emotionale Sphären eintaucht.
Dr. Karl Weisbrodt
«Die eheliche Pflicht », 1879
Zur ehelichen Beiwohnung eignen sich im All gemeinen und ganz besonders feste elastische Matratzen aus Pferdehaar. Ebenso wird die ehe liche Beiwohnung bedeutend erleichtert, wenn während derselben alle Kopfkissen entfernt wer den, sodass das Weib in waagerechter Lage auf dem Rücken liegt.
Caren: Die Beherzigung des Tipps gestaltet sich schwerer als erwartet : schlägt doch die « Chalet Luxus Matratze Imperial» mit Rosshaar, Alpaka und sage und schreibe 3770 Federkernen – laut Recherche – mit 10 206,70 Franken zu Buche, das günstigere Modell «Romy» immerhin noch mit 1358,47 Franken. Pferdehaare werden also gestrichen. Aber : Waagerecht liegen geht. Fazit: Nix gegen zu sagen, gegen waagerechte Beiwohnung.
Werner Klumpp : In der Therapie frage ich äusserst selten danach, ob das Paar Pferdehaarmatratzen zu Hause hat. Aber : Spass beiseite ! Entscheidend in der Sexualität ist: Was macht Lust ? Was sind die Vorlieben der beiden ? Welche Fantasien sind vorhanden ? Im Gegensatz zur vorgenannten Regel, in welcher davon ausgegangen wurde, dass es das perfekte Rezept für den perfekten Sex gibt, geht es vielmehr darum, dass das Paar über Sexualität sprechen kann. Dies macht erst deutlich, wo Gemeinsamkeiten, aber auch, wo unterschiedliche Vorstellungen sind. So kann sich Lust finden !
«Housekeeping monthly», 1955
Machen Sie sich schick, bevor er ankommt. Legen Sie Make-up nach, knüpfen Sie ein Band ins Haar, sodass Sie adrett aussehen.
Caren : Ein Tipp, der das Selbstbewusstsein in sich zusammenfallen lässt wie nach einer gezielten Sprengung. Da denkt man seit 15 Jahren unbefangen vor sich hin, dass der Mann einen immer schön findet, und muss jetzt – angesichts des Haarband-Schleifen-Tests – erfahren, dass mein gern und oft getragener «Messy Bun» ihm schon seit Jahren (seit 15, genaugenommen) ein verhasster Dorn, beziehungsweise Dutt im Auge ist. Und ja, ihm sei jede Frisur lieber, wirklich jede, – ob mit Schleife oder nicht – als dieses grausliche Haarnest. Fazit: Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Zu Lösungen ohne üble Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Coiffeur oder Ihre Coiffeuse.
Werner Klumpp : Wenn diese Idee dadurch ergänzt wird, dass sich idealerweise beide schick machen und sich etwas Zeit nehmen, sich auf das Gegenüber einzustellen, könnte sie glatt als Vorläufer der heute empfohlenen «Zeit zu zweit » durchgehen. Eine Zeit, in welcher man sich einander abseits des Alltags zuwendet, sich etwas erzählt und zuhört. Regelmässige Paarzeiten stärken die Liebe. Aber auch das bewusste Begegnen und Verabschieden in der Beziehung ist bedeutsam, sei es durch Umarmung oder Kuss.
Das Weib tut recht und handelt wahrhaft christlich, wenn sie den Mann nicht aus eigenem Antriebe zum Beischlafe reizt. Hüte dich vor allen geflissentlichen und künstlichen Erregungen der Geschlechtslust durch wollüstiges Buhlen, durch reizende Speisen und Getränke oder gar durch Wollust reizende Arzeneien.
Caren: Sollten diese Ratschläge die Ehe nicht eigentlich pimpen ? Eine kurze Lagebesprechung mit dem Mann ergibt jedoch, dass er – obwohl früher Messdiener ! – gar nicht so recht einverstanden ist mit dem allzu christlichen Handeln. Und dass er persönlich eindeutig eher Freund als Feind des wollüstigen Buhlens sei und man nun wirklich nicht jeden völlig hirnverbrannten Quatsch mitmachen müsse und nein, auch nicht zu Recherchezwecken. Tja. Das Weglassen «reizender Speisen, Getränke und Arzeneien» dagegen stösst auf keine Gegenwehr, zumal das gängige Premium-Aphrodisiakum «Austern » ohnehin fies glibberig ist. Fazit : Durchwachsen. Ehe ohne Buhlen ist fad und führt nur zu Komplikationen. Recherche zu reizenden Speisen und Getränken kann hingegen durchweg positiv als wertvoller Wissenszuwachs verbucht werden. Plane für die Zukunft heimliche Versuche mit der Andenknolle Maca.
Werner Klumpp : Autonomie und sexuelle Selbstbestimmung, welche selbstverständlich in unserer modernen Gesellschaft sind, verorten diesen Tipp eindeutig in der Historie.
Gertrud Oheim:
« Die gute Ehe », 1959
Finanzen: «Man muss allerdings eines tun, was viele Hausfrauen als viel zu unbequem ablehnen: nämlich ein Haushaltsbuch führen.»
Caren : Haushaltsbuch, Tag 1 : Fr. 6.50 Chai Latte ; Fr. 12.50 Mittagessen-Fertig-Salat aus dem Supermarkt (lappig für den Preis), Tasche vergessen, daher 30 Rappen für Tüte. Krankenkasse: Fr. 584.30, SOS-Komfort-Maske fürs Gesicht: Fr. 53.50 (dafür «mit Butter von wilder Mango », Schnäppchen insofern ! ), sehr hübschen Jupe erstanden zu einem Preis, über den auf ewig geschwiegen werden muss. Fazit: Das macht ja nun überhaupt keinen Spass ! Ist aber ernüchternd und – nützlich. Leider.
Werner Klumpp : In der Partnerschaft ist es wichtig, dass auch das Thema Finanzen auf Augenhöhe miteinander verhandelt wird. Vielfach ist zu erleben, dass das Thema Geld Konflikte her - vorruft : Unterschiedliche Wahrnehmungen, wer wie viel in die Beziehung einbringt, und die Bewertung von Nichtmonetärem, wie zum Beispiel Care-Arbeit, bringen das Beziehungskonto in unliebsame Schwingung. Da kann die Erstellung eines Budgets hilfreich sein; jedoch nicht als Pflicht, dieses gegenüber dem anderen als Rechenschaft führen zu müssen, sondern als Basis für weitere Gespräche übers Geld: Was ist jedem wichtig ? Aber auch : Welche familiäre Prägung habe ich im Umgang mit Geld ? Das Wissen darum kann Grund lage für gegenseitiges Verständnis schaffen. Taschengeld für beide kann ebenso hilfreich sein, um jeweils finanziellen Spielraum ohne Rechtfertigung sicherzustellen. Und : Gerade, weil man sich liebt, sollte man frühzeitig übers Thema Geld sprechen.
Nicht jede Frau ist in der glücklichen Lage, dass ihr Mann ein Hobby hat, das für sie angenehm zu ertragen ist und nicht zuzügliche Arbeit bereitet. Es gibt Männer, die weisse Mäuse züchten oder fünfzig kreischende Wellensittiche besitzen ... (Aber) ist es nicht gerade dieses der Ehefrau lästige Hobby, das den Mann ans Haus bindet, ihn vom Stammtisch, der Skatrunde oder anderen Abwechslungen fernhält?
Caren : Easy-Peasy-Tipp, ihm sein Hobby zu gönnen. Für mich erfreulich leicht zu befolgen. Denn der Mann wurschtelt – tief im Keller verborgen – an seiner Modelleisenbahn. Stört nicht, schmutzt nicht und hat nichts mit Mäusen zu tun. Fazit : 1a-Ratschlag.
Werner Klumpp : Angenommen, Sie würden versuchen, Ihren Partner oder Ihre Partnerin ans Haus zu binden : einen Tag, eine Woche, einen Monat lang ... Was wäre wohl das Resultat ? Sie erahnen, was in der Paartherapie als unbestritten gilt : Sowohl Autonomie als auch Verbundenheit sind tragende Säulen für eine gute Paarbeziehung. Diese beiden Grundbedürfnisse können im Paar unterschiedlich ausgeprägt sein : Während zum Beispiel einer von beiden viel Zeit auch für sich, für Hobbys und Freundschaften benötigt, wünscht der andere möglichst viel gemeinsam verbrachte Zeit. Dies kann schnell zum Konflikt führen, wenn über die zugrundeliegenden Bedürfnisse nicht miteinander gesprochen wird. Das Aushandeln dieser beiden Bedürfnisse und die Lösungs suche sind daher wichtig : Wann verbringen wir als Paar gemeinsam Zeit, wann hat jeder Me-Time. Am besten ist, diese Zeiten in einem Wochenplan festzuhalten, um Beständigkeit sicherzustellen. Und: Egal, ob die Mäuse im Keller oder im Vereinshaus gezüchtet werden. Me-Time ist Me-Time.
Es gehört zu den grundlegenden Forderungen des guten Benehmens, dass man seine innersten Gefühle anderen Menschen gegenüber nicht zur Schau stellt. Diese Forderung gilt auch für Eheleute.
Caren: Hätte ich mir ja gleich denken können, dass mir die Disziplin « unterkühlte Sachlichkeit » nicht sonderlich liegt und den Mann in kürzester Zeit auf die falsche Fährte von «Ist was ? Bist du sauer ? Hab ich was gemacht ? » locken würde. Ich stelle meine Gefühle nämlich in all ihrer Pracht sehr gerne zur Schau. Mein Mann stellt seine Gefühle gerne zur Schau. Kurz: Langweilig wirds bei uns nie. Fazit : Doofer Rat.
Werner Klumpp : Eine offene Kommunikation, welche gerade auch die eigenen Gefühle zum Ausdruck bringt, ist Grundlage für eine gelingende Beziehung. Sich gegenseitig zu öffnen, setzt Vertrauen voraus. Nicht selten wird in der Paarberatung der Wunsch geäussert, dass der andere vermehrt über seine Gefühle spricht. Und gerade bei älteren Paaren erlebe ich häuf iger, dass sie es nicht gewohnt sind, über Gefühle zu reden. Einfache Kommunkations-Tools helfen, besser miteinander als Paar zu kommunizieren.
Allzu offenkundig benutzte Cremedosen und zur Unzeit aufgesteckte Lockenwickler bei der Frau oder mangelnde Badezimmeretikette des Mannes nehmen unter den Scheidungsgründen keinen geringen Raum ein.
Caren : Das mit der Scheidung hat mir ja einen Heidenschreck eingejagt, vor allem, weil ich eigentlich durchgängig in cremigem Zustand anzutreffen bin (trockene Haut ! Siehe : Butter von wilder Mango). Allerdings sei hier zugegeben, dass ich die fettfreie Zeit noch nicht eingeläutet habe. Schliesslich müssen die angebrochenen Cremes erst mal aufgebraucht werden ! Fazit : Vorsatz für die Zukunft : nicht mehr allzeit fettig durchs Leben glitschen, sondern ästhetische Bedürfnisse des Mannes stärker beachten. Ich hab ihn ja auch lieber frisch rasiert und geduscht !
Werner Klumpp : Egal ob früher oder heute: Es sind selten die Cremedosen, Lockenwickler, oder nicht geschlossenen Zahnpasta-Tuben per se, die schliesslich zum Scheidungsgrund mutieren. Substanziell ist letztendlich, was sich jeweils dahinter verbirgt : « Das Gefühl, vom Gegenüber nicht gesehen zu werden », «Das Gefühl, nicht wichtig zu sein oder übergangen zu werden », wiederkehrende Verletzungen, Respektlosigkeit usw. ... Daher ist es wichtig, dem Lieblingsmenschen frühzeitig zu sagen, was stört und vor allem weshalb. Dabei gilt häuf ig : Was früher einmal faszinierend war ( zum Beispiel, dass der andere gerne etwas unternommen hat ), kann plötzlich nerven.
Es gilt, kleine Abenteuer und Überraschungen in den Alltag einzubauen. ( ... ) etwa ein fröhlicher Tanzabend mit Freunden.
Caren: Rat beherzigt und einen Wochenendausflug inklusive Hotelübernachtung gemacht. Mensch, war das schön ! Tanzabend an störrischer Verweigerungshaltung des Ehemanns gescheitert. Fazit : Häufiger mal raus aus allem, das bringts !
Werner Klumpp : Es sind gerade die gemeinsam erlebten Abenteuer und Überraschungen, die die Liebe beleben : Sei es der Städtetrip am Wochenende oder das gegenseitige Überraschen am Paarabend, zum Beispiel mit dem Lieblingsgericht. Das gibt neue Energie, in den Alltag zurückzu - kehren. Die Herausforderung ist vielmehr, die Zeit dafür freizuschaufeln.
Fernsehen hat bei vielen Menschen die Fähigkeit verkümmern lassen, ihre freie Zeit selbst aktiv zu gestalten. Deshalb sollte das, was gemein- sam unternommen werden kann, nicht vergessen werden : das gemeinsame Musizieren, das Spie len, das Vorlesen, das Spazierengehen und die Gespräche.
Caren: Na gut, dann eben Spielen. Sagt ja schon Schiller: « Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. » Also dann, eine abendliche Runde Skip-Bo statt netflixen. Fazit : Risikoreicher Tipp, da erhebliche charakterliche Defizite des Ehemannes zutage treten. Denn a) will er mich nicht gewinnen lassen und b) unbedingt (und überraschend verkniffen ! ) eine Revanche, weil ich trotzdem gewonnen hab. Andererseits : Macht dennoch Spass, mal etwas anderes zu machen. Wird jetzt häufiger getan !
Werner Klumpp : Ein wertvoller Grundgedanke ist hier: Was verbindet das Paar ? Welche gemeinsamen Hobbys und Interessen gibt es ? Vielleicht ist es auch ein ganz neues Hobby, das miteinander entdeckt wird. Die gemeinsam erlebte Zeit tut der Liebe gut. Und dabei : Fernsehen, Tablet und Co. beiseitezulegen und sich ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Die oben vorgeschlagenen Ideen sind auch heute noch eine wertvolle Anregung.
Man bürste nach dem morgendlichen Waschen möglichst bei offenem Fenster mit Luffaschwamm oder Trockenbürste die ganze Haut des nackten Körpers. Danach ermanne man sich zu ein paar leichten Freiübungen: 1. Zehn tiefe Kniebeugen 2. Je zwanzig Mal jeden gestreckten Arm im Schultergelenk kreisen lassen 3. Zehn Mal Rumpfkreisen und -beugen 4. Mehrmals tief ausatmen und durch die Nase schnüffelnd einatmen.
Caren : Wusste gar nicht, dass Bürsten und Beugen die Pärchen-Ratgeber-Geheimwaffen sind, Ehe sana in corpore sano, so in etwa ? Aber, warum nicht ? Fazit : Sehr gemischt. Positiv : Gar nicht schlecht, so eine Rubbelkur. Die Haut ist weich, wenn auch rot, genauer blau-rot, wegen offenen Fensters, Winter und krasser Minusgrade. Turnen kurbelt den Kreislauf an. Muskulöser und komplett durchdefinierter Body, ich komme. Hurra ! Nur das absonderliche Schnüffeln wird in Zukunft weggelassen, da dabei nur die Nase anfängt zu laufen. Negativ : höchst unerspriessliche Diskussion mit dem Ehemann über «ewig offenstehende Fenster bei Kälte », «explodierende Heizkosten » und Geld mit vollen Händen aus ebendiesen offenen Fenstern schmeissen. Muss man gegeneinander abwägen. Oder im Sommer noch einmal probieren.
Werner Klumpp : Nun: Ich habe dieses Rezept meinen Paaren noch nie mitgegeben. Aber was spricht dagegen, dass Sie es mal ausprobieren ? Idealerweise zeitgleich und nebeneinander. Auch wenn es bloss dazu führen sollte, dass Sie beide herzhaft lachen müssen – und sich möglicherweise an die Pferdehaarmatratzen erinnern ...
Gesamtfazit Caren: Sind Rollenbilder in historischen Paar-Ratgebern veraltet? Ja, oft schon. Sind sie deshalb blöd und unbrauchbar? Nein, nicht durchgängig. Denn manchmal geht im Gewusel des Alltags verloren, dass der Mensch da, mit dem man zusammenlebt, gar nicht so alltäglich ist, dass man längst nicht alles über ihn weiss und ruhig öfter mal fragen oder genauer hinhören sollte ( Haardutt ! ). Und dass das, was man zusammen hat, etwas Besonderes ist. Etwas zum Pflegen, Giessen und Päppeln. Vielleicht mit Luffaschwamm, Liedern, Haarschleifen, Lachen und einer Prise Maca.

zvg
Werner Klumpp ist Psychologe und arbeitet seit vielen Jahren als Paar- und Familientherapeut bei «Paarberatung im Kanton Zürich». Er berät in der Beratungsstelle in Bülach und bloggt zu Paarthemen aller Art. Anfangs war er skeptisch, ob er an diesem Selbstversuch zur guten Ehe mit seiner fachlichen Einordnung teilnehmen sollte. Wäre der historische Kontext der Tipps nicht viel zu verschieden davon, wie Paare heute leben und lieben? Doch dann fragte er sich: Was ist das Potenzial eines solchen Selbstversuchs? Könnte es nicht reizvoll sein, sich darauf einzulassen? Zum Glück hat er das getan und uns an seinen klugen Gedanken teilhaben lassen ... → paarberatung.zuerich
