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Papacode
Männeryoga beim Barber
Der Besuch beim Barber ist für unseren Kolumnisten Reto eine Auszeit - wie Wellness. Das änderte sich auch nicht, als er seine zwei Jungs mitnahm. Sie schätzen den Besuch dort genau so wie er, aber nicht aus den selben Gründen.
Meine Frisur ist nicht die allerkomplizierteste der Welt. Wäre sie ein Möbel, käme sie wahrscheinlich aus Schweden. Denn sogar ich, jemand mit zwei linken Händen, kann ganz allein ein Kallax-Regal zusammendübeln, und dementsprechend komme ich auch mit meinen «Haaren» ganz gut zurecht. Alain Berset kennt das: Zwei-, dreimal pro Woche mit dem Rasierer über den Schädel flitzen und die «Frisur» sitzt. Wer jetzt glaubt, ich gehe deshalb nie zum Coiffeur, hat sich geschnitten. (Haha!) Obwohl ich seit rund 20 Jahren Bart trage, habe ich es nie geschafft, diesen selbst akkurat zu trimmen (linke Hände, you know... ). Nicht, dass ich es nicht probiert hätte. Trimmer um Trimmer habe ich angeschafft, für Hunderte von Franken. Sie verstauben alle in einer Schublade, zusammen mit meinem Stolz. Und der Bart sah jeweils aus wie ein Emmentaler. Schmeckte mir nicht. Irgendwann hörte ich mit den Selbstversuchen auf und gehe seitdem regelmässig zum Profi.
Diese 20 Minuten beim türkischen oder arabischen Barber sind für mich wie Männeryoga – zumindest solange ich dort allein hinging. Der Geruch von Aftershave, heisser Schaum im Gesicht, türkischer Tee dampft in der Ecke. Im Hintergrund läuft Musik. Die Rasierklinge arbeitet präzise, dann kommen die Fäden für die Augenbrauen, zum Schluss das brennende Wattestäbchen. Dazu wird geschwiegen, nur unterbrochen von einem gelegentlichen «Alles okay, Chef?». Es ist herrlich. Seit ein paar Jahren sind die Zwillinge in ihrem «Frisurenalter» angekommen. Das heisst: Es reicht nicht mehr, ihnen alle paar Wochen die Mähne selbst zu stutzen, sondern es soll einigermassen eine Falle machen. Rückblickend weiss ich nicht mehr genau warum, aber die Sache mit dem Haareschneiden ist bei uns zu einem Vater-Söhne-Ding geworden. Sie mögen die Barberbesuche. Also, glaube ich. Wohl aber weniger wegen der Atmosphäre, sondern eher wegen des lockereren Umgangs mit Süssgetränken – «Wettsch Cola?».
Männer unter sich
Jedenfalls bin ich seit ein paar Jahren ihr persönlicher Stylist (quasi). In dieser Rolle habe ich sämtliche Frisurenwünsche – wie Cristiano Ronaldo!, wie Jack Grealish! – im Keim erstickt. Wir sind weder Real Madrid noch Manchester City, und schon gar nicht Al Dingsbums, sondern Winti. Nämlich! Da ist alles eine Spur weniger extravagant, also gibts auch keine Promifussballerfrisuren. Sondern ganz simpel: kurz an den Seiten, oben etwas länger. Plus «echli Übergang». Fertig. Für mich ist das Yoga-Feeling trotz Begleitung geblieben. Die Zwillinge brauchen weder ein iPad noch sonstige Bespassung, sondern sitzen einfach still dort und lassen die Männer ihre Arbeit machen. Derweil kann ich meinen Tee fertigschlürfen und gedankenverloren in der Parfumwolke baden.
Das einzig Komplizierte an der Sache ? Die Terminfindung. Früher bin ich einfach vorbeigegangen und habe gewartet, bis ich dran war. Heute ist es nicht mehr so leicht, einen passenden Termin zu finden zwischen Schule, Job, Fussballtraining, Geräteturnen und Elterngesprächen. Ich kann ja nicht nur von Haaren schreiben – ein digitaler Twist gehört zum Papacode schliesslich dazu. Et voilà: Es gibt eine App, in der ich online gleich drei Termine buchen kann. Einfach, schnell, unkompliziert. Fast wie meine Frisur.
