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Teenager

Aus dem Vaterland

«Der Ferienkatalog erschien als Rettung»

Ein Sohn in der Pubertät kann das Familiengefüge erschüttern. Unser Kolumnist Markus Kellenberger berichtet von der Hormon- und Ablösungs-Front.

Unser Ältester wollte nicht mehr mit uns in die Sommerferien fahren – und wir nicht mehr mit ihm. Denn er hatte jenes Stadium der vollreifen Pubertät erlangt, die schon lange kein vernünftiges Zusammenleben mehr ermöglichte. Sein Zimmer war eine offene Müllkippe und an den Wochenenden eine muffige Dauerschlafhöhle, die Schulnoten im Keller. Widerstand als Lebenszweck. Mein ehemaliges Knuddelbaby hatte sich in eine wandelnde Hormonbombe verwandelt. Kamen wir irgendwo auf ihn zu sprechen – ich rollte nur noch hoffnungslos mit den Augen.
Als der Katalog von Feriencamps.ch ins Haus flatterte, schien die Rettung nah. Die Organisation vermittelt weltweit Sprach-, Sport-, Abenteuer- und Weiterbildungscamps für Jugendliche. Viele davon sind Sun and Fun, andere nur mit harter Arbeit und Durchhaltewillen zu bestehen. Für uns stand fest: Für eines dieser Sommercamps musste sich unser Sohn entscheiden. Und wir machten uns auch keine Illusionen darüber, zu welcher Kategorie sich unser schul- und elternmüder Revoluzzer hingezogen fühlen würde. Drum drückte ich ihm, naiv, wie ich manchmal bin, den Katalog mit einem saloppen, «Du wählst, ich zahle», in die Hand.
Eine überraschend kurze halbe Stunde später verkündete uns der vorher noch murrende Teenager strahlend seine Wahl, und die Welt war eine andere. Ich war baff, seine Mutter hell entsetzt. Unser Sohn hatte sich für den vierwöchigen Kurs Leadership an der Army and Navy Academy in Carlsbad, Kalifornien, entschieden. Das Programm für die angepeilten 15- bis 17-jährigen Teilnehmer: Jeden Tag um fünf vor sechs aufstehen, vor dem Frühstück eine Runde um den Campus joggen, danach vier Stunden Unterricht über Führungsinstrumente, Teambildung, Politik und Geschichte, kurzer Lunch, nachmittags Sport, Drill und praktische Teamübungen auf der Kampfbahn. Abendessen und Ruhezeit, um 22 Uhr «lights off». An den Wochenenden geführte Ausflüge in die Umgebung, selbstverständlich in der Academy-Uniform. Ein Verstoss gegen die Regeln – und man trat den Heimweg an. Ein Bootcamp für Freiwillige!

Wir stritten und schrien wild durcheinander, man hätte mit den wüsten Szenen eine Sitcom-Staffel drehen können. Der Entscheid unseres Sohnes hatte die Familie tief gespalten. Doch er («Du hast gesagt, ich wähle, Du zahlst …») blieb stur, und in den folgenden Tagen schaltete sich auch noch die besorgte Verwandtschaft ein, die von mir wissen wollte, warum ich als Vater nicht von Anfang an Grenzen gesetzt und auf einen gemeinnützigen Ferieneinsatz im Sinne von pädagogisch wertvollem Trockenmauerbau gedrängt hätte. Als Urheber des Familiendramas stand ich mit dem Rücken zur Wand, der an mich gerichtete Auftrag war klar: Den Sohn umzustimmen, und zwar subito.
Geknickt begab ich mich in sein Zimmer. Dort stand er, mein Sohn, mitten in seinen wahllos herumliegenden und mit Schulmaterial übersäten Kleidern. Ich hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, er die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. So standen wir einander stumm gegenüber und schauten uns an. Und plötzlich sah ich die Ernsthaftigkeit in seinen Augen. Und ich sah, wie wenig wir ihm zutrauten und wie sehr er das wusste. Und noch etwas sah ich in diesem einzigartigen Augenblick: Nämlich den Mann in ihm, der zu werden er auf dem Weg ist. Ohne ein Wort gewechselt zu haben, verliessen wir beide sein Zimmer und stellten uns der Familie.
So flog der junge Mann letzten Sommer allein nach Kalifornien ins Camp der Army and Navy Academy. Dort holten wir ihn nach vier Wochen ab. Stolz und glücklich umarmte er uns, mit deutlich breiteren Schultern und mehreren Orden für sportliche und schulische Leistungen auf der geschwellten Brust. Und was den gemeinnützigen Trockenmauerbau angeht: Unser Sohn beginnt diesen Sommer eine Lehre als Maurer. Nach der Rekrutenschule möchte er als Blauhelmsoldat irgendwo auf der Welt den Frieden sichern. Ich traue ihm das zu.

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