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Aus dem Vaterland

«Wir verfaulen alle…

Vater sitzt mit Sohn im Zug und zeigt ihm etwas

Auch Kinder philosophieren über den Tod. Und das meist raffinierter als ihre Eltern, wie unser Kolumnist Matto Kämpf auf einer Zugreise erfährt.

Wie oft, mein liebes Väterchen», hub das Kind an, «muss ich noch schlafen, bis du tot bist?»

«Noch viele tausend Mal, mein liebes Kindchen.»

«Ist das, mein geliebter Vater, viel?»

«Ziemlich viel, mein Augäpfelchen.»

«Mehr als Neunzigmillionen Hunderttausend Komma Hund?»

«Nein, mein Kindlein, etwas weniger».

«Aha».

Pause.

Bald setzte sich das Gespräch fort, wir sassen gerade im Zug, es ging um passende Nachnamen für böse Wikinger, um Entersäbel und Angelhaken, um die Vorzüge des Zweihänders gegenüber der Armbrust und ähnlichen Alltagskram. Auf meinen bevorstehenden Tod kamen wir nicht mehr zu sprechen. Gern hätte ich gewusst, ob sich mein Kind darauf freut oder sich ängstigt, ob es mir ein ewiges Leben gönnen täte oder ob es mich lieber heute als morgen vom Thron stürzte und meinen Platz im Ehe-Bett einnähme, aber ich getraute mich nicht, nachzufragen, eine ernüchternde Antwort scheuend. Leider hatte mich mein Kind auch nicht mit «mein liebes Väterchen», geschweige denn mit «mein geliebter Vater» angesprochen, obwohl dies die Formulierungen wären, die dem Thema die nötige Gravität hätten verleihen können. Nein – völlig ohne Gefühl für Stil und Pietät hatte es sich nach meinem Sterben erkundigt, nebenbei und irgendwie nonchalant.

Das Kind, dachte ich, muss neben dem Ernst des Lebens auch den Ernst des Todes kennenlernen. Doch wie soll das gehen? Soll ich ihm ein Foto von meinem toten Grossvater zeigen? Das wird kaum die beabsichtigte Wirkung haben. Als Anschauungsmaterial am geeignetsten wäre etwas eben noch Lebendes und nun plötzlich Totes. Doch wie soll ich das anstellen, wenn ich nicht gerade eine Grosstante oder ein Meerschweinchen vergiften will? Es bleibt nur das sokratische Gespräch:

«Was, mein Sohn, macht man, wenn man tot ist?»

«Man versteckt sich im Boden.» «Aha. Und was macht man dort?»

«Liegen.»

«Nur liegen? Und wenn man Hunger hat?»

«Im Boden geht alles in den Bauch. Das Essen kommt durch eine Röhre von oben und der Mund bleibt zu. Die Augen sind auch zu.»

«Und wie lange liegt man da?»

«Für immer.»

«Interessant.»

«Stimmt es nicht?»

«Doch, doch.»

Hmm, ich fahre grübelnd in mich und frage mich, ab welchem Alter ich mit der Verwesung auffahren soll. Ich beschliesse: später. Doch schon sagt das Kind:

«Wir verfaulen alle, hat der Luca von der Kita gesagt. Was heisst verfaulen?»

«Tja, weisst du noch die Banane gestern, die du zum Zvieri essen wolltest.» «Die braune?»

«Die war eben verfault.»

«Dann müssen wir sie auch im Boden verstecken!»

«Das wäre etwas aufwendig, jede Banane einzeln zu begraben. Wobei die Vorstellung eines Bananenfriedhofs durchaus reizvoll ist.»

«Wirst du auch verfaulen?»

«Wir werden sehen.»

«Bist du dir noch nicht sicher?»

«Noch nicht ganz.»

Ich schaue aus dem Fenster und beschliesse, das Gespräch wieder in Richtung Wikinger zu lenken. Um das Thema für mich selber befriedigend abzuschliessen, flüchte ich mich ins Theoretische: Die eigene Verwesung ist ein Axiom, heisst ein Naturgesetz, das auf oft Beobachtetem fusst, aber im strengen Sinne nicht bewiesen werden kann. Et voilà. Solange das so ist, bleibt offen, ob auch ich, mein Kind und alle meine Liebsten dereinst verfaulen werden. Vielleicht fällt uns ja etwas Besseres ein.

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