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Interview Väter heute

«Neue Väter»: Ein Witz?

Jahrhundertealte Rollenbilder ändern sich im Kriechtempo. Aber – sie ändern sich. Ein Gespräch mit Vaterforscher Dieter Thomä über neue Väter – und ein volles Leben...

wir eltern: Waren Sie ein «neuer Vater», Herr Thomä?

Dieter Thomä: Ich war ein «neuer Vater» ohne zu wissen, dass ich ein neuer Vater war. Ich bin mit 25 Jahren Vater geworden und habe zu der Zeit an meiner Doktorarbeit geschrieben. Meine Frau ist arbeiten gegangen und ich war die ersten fünf Jahre daheim mehr als sie für die Betreuung der Kinder zuständig. Allerdings ist der Begriff «neuer Vater» ein Witz.

Witz? Wieso?

Wenn irgendetwas 30 Jahre lang «neu» bleibt, ist was faul. Das ist so, als preise man die «neue Apfelernte» an, aber die Äpfel liegen schon 30 Jahre im Keller. Mit dem «neuen Vater» redet man seit Jahrzehnten scheinheilig etwas herbei, das nicht ist. Aber kommen wird. Hoffentlich. Vielleicht ist «aktiver Vater» eine bessere Bezeichnung.

Stimmt, so richtig häufig sind sie nicht zu entdecken, besagte «aktive» Väter. 87 Prozent der Schweizer Väter arbeiten Vollzeit. Fast jede dritte Frau mit Kindern unter 25 (!) Jahren arbeitet weniger als 50 Prozent. Das traditionelle Familien-Ernährer-Modell ist offenbar langlebig. Tut sich denn gar nichts?

Wenn ich mit meinen Studenten rede, höre ich, dass sich keiner mehr das «Heimchen am Herd» als Lebensmodell wünscht. Trotzdem kommt es bei der Familiengründung oft so. Warum? Das hat zwei Gründe. Strukturen und Köpfe.

Erst mal zu den Strukturen…

Die Familienpolitik der Schweiz ist von vorvorgestern. Die Öffnungszeiten der Kitas, die horrenden Kosten für Fremdbetreuung, die Regelungen am Arbeitsplatz für Eltern… Alles komplett veraltet.

In Deutschland hat man ja an den Strukturen einiges getan. Elternzeit, Elterngeld plus wenn auch die Väter zwei Monate frei nehmen nach der Geburt eines Kindes.

Ja, das ist gut. Doch die meisten Väter nehmen höchstens exakt diese beiden Monate. Oft macht die Familie in der Elternzeit auch noch eine lange Reise. Kurz: Das Engagement der Männer bleibt bei einer sehr eng umgrenzten Bereitschaft stecken. Womit wir bei den Köpfen wären.

Ach ja, die Köpfe…

In den Köpfen sitzen unbewusst jahrhundertealte Rollenbilder. Männer wie Frauen stellen oft fest, dass sie nicht aus ihrer Haut können, weil da lauter «als gute Mutter solltest du», als «guter Vater müsstest du», «eine Frau müsste», «ein Mann sollte doch» umherschwirren. So schnell kann man sich nicht davon befreien. Da mag man geistig noch so mit den Händen ringen. Geschichte ist nun mal ein langsamer Prozess, Veränderungen verlaufen im Kriechtempo.

Wäre ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub nicht ein wichtiger Schritt?

Manchmal deprimiert mich die Schweiz. Die gleichen Gruppen, die bei Sozialausgaben auf der Bremse stehen, propagieren auch traditionelle Familienbilder. Es geht und geht einfach nicht voran. Deshalb ist auch die winzigste Bemühung gut, das zumindest ein kleines bisschen aufzubrechen. Aber: Es gibt Indizien, dass gesellschaftlich dennoch etwas in Bewegung ist.
Hurra! Welche?

Bei den jungen Männern ist der Lack vom traditionellen Lebensentwurf ab. Die klassische «männliche» Karriere mit 80 Stunden Arbeit, dickem Gehalt und Traumurlaub in den Tropen lockt kaum noch jemanden hinterm Ofen vor. Mag die Wirtschaft sich damit auch schwertun: Der Stellenwert der Arbeit sinkt bei den jungen Menschen. In den Jahren zwischen 20 und 30 ist ihnen der Fun Factor im Leben genauso wichtig. Und da ist die Chance.

Die Chance für was?

Zur Veränderung. An den Strukturen sowieso, da muss Gravierendes geschehen. Aber eben auch in den Köpfen. Jetzt wäre eine gute Zeit, den Vätern von morgen zu sagen: «Ich hab da was für euch.»

Und was genau hätten Sie da im Angebot?

Ein unschlagbar attraktives Paket: das ganze volle Leben. Mit verschiedenen Facetten. Warum sich mit einem Ausschnitt beschränken, wenn man doch – im besten Fall – Spannendes im Beruf und Spannendes mit den Kindern erleben kann. Das ist Lebensqualität.

Ein richtiges Plädoyer.

Gewissermassen. Aber ein Mann alleine kann das gegen eine Gesellschaft nicht schaffen. Alle müssen mitziehen.

Auch die Frauen.

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