Essay
Vatersein mit Eminem
Über das eigene Vatersein nachdenken. Welch grosse Aufgabe! Welch kleine Aufgabe. Im Vergleich zum Kinderhüten. Doch dazu später.
Bereits als werdender Vater, während der Schwangerschaft meiner Freundin, habe ich mir überlegt, auf was es beim Vatersein wohl so ankommen könnte: Wie packt man diese Aufgabe an? Was sind die wichtigsten Eigenschaften von «guten» Vätern? Und wie haben das andere Väter angestellt? In meinem Leben habe ich mich immer auch an anderen orientiert. Zunächst an Menschen im nächsten Umfeld; an meinen Eltern, an meinem Bruder, an Freundinnen und Freunden, Verwandten und Bekannten. Aber auch an berühmten Figuren aus Sport, Musik oder Literatur. Renato Tosio war eine Inspiration als Eishockey-Goalie, Bob Marley als Musiker, Hannah Arendt als (Nach-)Denkerin. Lucky Luke war eine der ersten rein fiktiven, weil literarischen Figuren, die mich mit ihren Skills und ihrer Coolness inspiriert haben. Auch der mutige und verantwortungsbewusste Schüler Martin Thaler aus Erich Kästners «Fliegendem Klassenzimmer» hat mich geprägt, mit seiner Sensibilität, ebenso Otfried Preusslers Tonda aus «Krabat».
Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson hat bereits in den Siebzigerjahren von der kindlichen Entwicklung berichtet. Etwa davon, wie sich ein Kind mit ganz unterschiedlichen Aspekten anderer Menschen identifiziert. Menschen, die am stärksten auf das Kind einwirken, in Wirklichkeit, oder in der Fantasie. Die eigene, quasi übergeordnete Identität schliesst dabei all diese Identifikationen mit ein, verändert sie aber auch. So entsteht nach und nach ein gänzlich neues, einzigartig zusammenhängendes Ganzes. Durch diese vielen verschiedenen Identifikationen mit anderen Menschen beginnt das Kind schon früh, sich eine Vorstellung oder Erwartung davon zu bilden, wie es einmal sein wird, wenn man älter ist. Auch diese Erwartungshaltungen werden Teil der eigenen Identität. Ähnlich wie ein Kind bei der Ausbildung seiner eigenen Identität, habe auch ich versucht, mich im Verlaufe der Schwangerschaft meiner Freundin probeweise mit anderen Charakteren zu identifizieren. Um vielleicht eine leise Ahnung zu erhalten, was als frischgebackener Vater so alles auf mich zukommt.
Mutgebender Rap
Ohne Genaueres über sein Vatersein ausfindig gemacht zu haben, kam mir da spontan Eminem in den Sinn. Eminem, der Skandalrapper aus Detroit, mit dem scheinbar nicht gut Kirschen essen ist. Eminem hat mich bereits inspiriert, als ich selbst noch ein Kind war. Als Zehnjähriger kaufte ich mir sein Album «The Marshall Mathers LP» mit dem eigenen Taschengeld. Später habe ich im Kino den autobiografisch angehauchten Film «8 Mile» gesehen, mit Eminem in der Hauptrolle. Spätestens da habe ich für mich den Entschluss gefasst, selber Raptexte zu schreiben. Meine neuerliche Identifikation mit Eminem ist nun weniger musikalischer als vielmehr familiärer Art. Wie man der Presse entnehmen konnte, ist Eminem 2025 Grossvater geworden. Natürlich habe ich keinen blassen Schimmer davon, wie sich der berühmt-berüchtigte Rapper im Alltag als (Gross-)Vater so anstellt. Aber für meine persönliche Erfahrung des Vaterwerdens (und Vaterseins) reicht es mir aus, zu wissen, dass Eminem, der weltbeste Rapper, auch Vater ist.
Kurz vor der Geburt unseres Kindes, als meine Freundin und ich bereits im Spital einquartiert waren, habe ich auf meinen zahlreichen, nervösen Spaziergängen quer durch den Berner Rosengarten immer mal wieder Eminems Musik gehört. Das hat mir Mut gemacht, Gott (oder Erik H. Erikson) weiss, wieso. Mut ist ein passendes Stichwort. Bei Eminem habe ich gelernt, genügend Mut zusammenzubringen, um mit einem Mikrofon auf eine Bühne zu stehen und vor Publikum zu performen. Auch der Entscheid, eine Familie zu gründen, braucht Mut. Vielleicht hat mir die Identifikation mit Eminem den nötigen Mut beschert, überhaupt Vater werden zu wollen und diese verantwortungsvolle Aufgabe bewusst anzunehmen. In meiner Wahrnehmung ist Eminem einer, der sich von anderen nicht ganz so schnell aus dem Konzept bringen lässt. Sondern – wenn nötig auf sich allein gestellt – konsequent seinen Weg geht. Als junger, weisser Rapper aus einem bitter armen Viertel von Detroit, bis hinunter nach Los Angeles, ins Studio vom weltbekannten Produzenten Dr. Dre. Bei solch existenziellen Entscheidungen, wie jener, ob man Kinder haben möchte, hilft es zuweilen, genügend Mut aufzubringen, um sich für einen Weg zu entscheiden.
Langstreckenlauf
Den eigenen Weg gehen. Darin ist auch Sifan Hassan Meisterin, im wortwörtlichen Sinn. Sifan Hassan ist eine Langstreckenläuferin aus Äthiopien. Wie Eminem in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, musste Sifan Hassan als Kind tagein, tagaus zur Schule rennen. Aus der Pflicht hat sie eine Tugend gemacht. Nach ihrer Flucht von Äthiopien nach Europa – sie startet heute für die Nieder lande – begann Sifan Hassan, professionell zu laufen, und wurde entsprechend gefördert. Mittlerweile ist sie Weltmeisterin und Olympiasiegerin über die 10 000 Meter. Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 gewann sie die Goldmedaille sogar im Marathonlauf. Mit über 40 Kilometern ist der Marathon die längste olympische Laufdisziplin in der Leichtathletik. Und funktioniert insofern ganz gut als Metapher fürs Kinderhaben und Vatersein.
Als Jugendlicher spielte ich Unihockey auf Leistungsebene, mit bis zu vier Trainings pro Woche. Im Sommer stand jeweils ein intensives Konditions- und Krafttraining auf dem Programm, mit Ausdauer , oder Langstreckenläufen. Was mir damals sehr viel Durchhaltevermögen abverlangte – ich spielte Unihockey, weil es mir Spass machte, nicht, um stundenlang an der Rhone entlangzurennen –, scheint mir heute als Vater sogar entgegenzukommen. Zumindest glaube ich, so ungefähr nachvollziehen zu können, was Sifan Hassan während eines Marathonlaufs so alles durch stehen muss.
Rad im Räderwerk
Vatersein ist vor allem eine körperliche Angelegenheit: wenig Schlaf, viel auf den Beinen, das Kind auf dem Arm. Wenn das Kind mitten in der Nacht schreiend aufwacht und man es in völlig verschlafenem Zustand zu nächst zu beruhigen versucht, um es dann ganz vorsichtig wieder in den Schlaf zu wiegen, sind Geduld und Ausdauer willkommene Tugenden. Spätestens da hat mir die Identifikation sowohl mit Eminem als auch mit Sifan Hassan geholfen: eine Richtung einschlagen, diesen Weg entlanggehen, über wiederkehrende Ängste und Zweifel hinweg, weiter und weiter, in gemächlichem Tempo zwar, aber doch kontinuierlich, in beinah ständiger Bewegung.
Hat man die Situation eines Marathonlaufs, in dem sich Eltern im übertragenen Sinne befinden, erst einmal angenommen und akzeptiert, fühlt man sich bald als funktionierendes Rad in einem Räderwerk, dessen Sinn darin besteht, ein neugieriges Lebewesen beim Aufwachsen zu begleiten. An der offensichtlichen Sinnlosigkeit anderer Räderwerke gemessen, in denen sich die Erwachsenenwelt so tummelt, macht die Aufgabe des Vaterseins richtiggehend Freude. Sie ist, tatsächlich, erfüllend.
Lukas Tschopp arbeitet als Heilpädagoge an einer Schule im Kanton Bern und schreibt frei schaffend für verschiedene Publikationen. Er lebt mit seiner Familie in Bern und ist seit Mai 2025 Vater einer Tochter.
