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Namenswahl

Vornamen wählen: Was Eltern wissen müssen

Wie Vornamen unser Leben beeinflussen, warum manche Vornamen im Trend sind und was uns als Eltern beim Vornamen-Wählen beeinflusst. Lektüre für Eltern beim Vornamen aussuchen.

Wenn das Kind auf die Welt kommt, ist vieles bereits in ihm angelegt. Seine Augenfarbe zum Beispiel. Ob es später im Erwachsenenalter kurzbeinig, langgliedrig oder etwas dazwischen wird. Ebenso sein Temperament. Bloss einen Vornamen bringt es nicht mit, ist diesbezüglich das sprichwörtlich unbeschriebene Blatt. Wie wäre es mit Lea? Jolka? Aurora? Jakob, wenn es ein Bub ist, Matteo oder Omar?

Sind die Eltern nicht verheiratet und liegt die elterliche Sorge für das Kind bei der Mutter, entscheidet sie in der Schweiz laut Zivilgesetzbuch allein über den Namen. In allen anderen Fällen haben Papa und Mama bei der Namensgebung gemeinsam das Sagen.

Was beim Vornamen verboten ist

Nur sie beide müssen mit dem Rufnamen einverstanden sein (was allerdings manchmal schwierig genug ist!) – und das Zivilstandsamt. Dieses kann den Namen zurückweisen, wenn er die Interessen des Kindes offensichtlich verletzt, beispielsweise wenn der Vorname lächerlich oder anstössig ist. So geschehen etwa bei Puhbert, Pfefferminze oder Satan. Darüber hinaus sind den Eltern bei der Namensgebung kaum Grenzen gesetzt.

Das ist einerseits grossartig und den meisten Eltern fällt die Namenswahl «leicht» oder «eher leicht», wie eine Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) von 2013 unter 962 Eltern ergab. Nur zwei Prozent der Befragten fiel sie «sehr schwer», 14 Prozent «eher schwer».

Namensgebung gut überdenken

Doch aufgepasst! Die Namensgebung will gut überdacht sein und sollte keinesfalls auf die zu leichte Schulter genommen werden. Denn der Vorname, den wir für unser Kind wählen, wird Teil seiner Persönlichkeit und begleitet es sein ganzes Leben lang – sofern es ihn später nicht in Eigenregie abstreift wie ein zu enges oder unvorteilhaft sitzendes Kleid, was allerdings nicht ganz einfach ist – aus rechtlichen wie aus praktischen Gründen.

Über den Vornamen lassen sich Rückschlüsse auf die Herkunft ziehen, etwa bei ausländischen Namen. Er beeinflusst, wie wir uns fühlen, wenn wir beim Namen gerufen werden. Wie ein Mantra hören, sagen und schreiben wir ihn unser ganzes Leben lang.

Vorname beeinflusst das Leben

Das bleibt nicht ohne Wirkung. Die Psychoanalytiker Wilhelm Stekel und Karl Abraham beobachteten schon vor 100 Jahren, dass die Leiden mancher ihrer Patient* innen eigentümlich zu deren Namen passten und rätselten, ob dem Namen nicht eine «determinierende Kraft» oder gar eine unbewusste «Verpflichtung» für den Lebensweg innewohne, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet.

In neuerer Zeit stellte auch der amerikanische Sozialpsychologe Brett Pelham fest, dass der Name ungeahnt häufig die Richtung im Leben beeinflusst. Ihm fiel auf, dass Amerikaner, die George oder Geoffrey gerufen wurden, mit einer 40 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit Geowissenschaftler werden. Wer hingegen Dennis, Denise oder Denny heisst, wird überproportional häufig Dentist, wählt also einen Zahnarztberuf.

Revival von alten Namen

«Welchen Rufnamen ein Kind erhält, hängt stark davon ab, an welchem Ort und in welcher Zeit es lebt», sagt Simone Berchtold Schiestl, Namensforscherin an der Uni Zürich. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung wurden Kinder in unseren Breitengraden nach germanischen Kriegern und Göttinnen benannt. Kampf, Heldentum und Naturverbundenheit inspirierten unsere Vorfahren.

Manche Namen sind bis heute erhalten geblieben oder erlebten irgendwann ein Revival. Freya, Herbert, Gandolf oder Saskia etwa. Krimhild, Walda oder Ragin haben das hingegen noch nicht geschafft.

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Mit den Römern und durch die Christianisierung weiter Teile Europas kamen ab dem 11. Jahrhundert alt- und neutestamentarische Namen wie David, Elisabeth, Johannes oder Magdalena zu uns. «Diese eingewanderten Namen drängten das bestehende, bei uns verankerte Inventar an germanischen Namen zurück», sagt Simone Berchtold, «weil die biblischen Namen aber schon so lange bei uns sind, nehmen wir sie heute nicht mehr als fremd wahr.»

Weitere Wellen neuer Vornamen schwappten im 18. und 19. Jahrhundert von England und Frankreich zu uns, ebenso aus dem Süden, den Nordländern und aus Russland. «Auch wenn man damals noch kein Handy hatte, gab es doch schon Austausch, etwa über das Reisen und die Kultur», sagt die Wissenschaftlerin.

Beliebtheitskurven von Vornamen

Dank der statistischen Möglichkeiten von heute lässt sich für die vergangenen 100 Jahre vielfältig abbilden, wie sich die Vornamen in der Schweiz verändert haben und welche Namen wann wie oft gegeben wurden.

Es wird ersichtlich, dass praktisch alle Namen, aber ganz besonders die Modenamen eine ähnliche Beliebtheitskurve haben: Diese kraxelt mehr oder weniger kontinuierlich in die Höhe, bleibt dort eine längere oder kürzere Zeit und fällt langsam wieder ab. «Vornamen unterliegen eindeutig Modeströmungen», sagt Linguistin Berchtold. «Wie es in unserem Wortschatz Modewörter gibt, die sich im Laufe der Zeit erneuern, verändern sich auch die Namen. Wir mögen den Wandel, die Abwechslung – zumindest unbewusst.»

Auf vornamen.opendata.ch kann die Kurve jedes beliebigen Vornamens für den Zeitraum zwischen 1902 und 2019 veranschaulicht werden. Der Name Sandra etwa erreichte 1972 mit 1757 Vergaben seinen Höhepunkt; 2019 erhielten nur noch sechs Babys in der Schweiz diesen Namen. Die Beliebtheit von Lara nimmt seit 2009 wieder ab, Ella hingegen ist noch in der Aufstiegsphase.

Wer die Vornamenshitlisten der vergangenen Jahrzehnte anschaut, stellt fest, dass die Namensvielfalt deutlich zugenommen hat. Heute reichen etwas mehr als 400 Nennungen, um auf dem ersten Platz zu landen. Vor 50 Jahren brauchte es dazu ein Vierfaches.

Trend: informelle Kurzform als offizieller Name

Seit der Jahrtausendwende fallen vor allem zwei Phänomene auf. Die Vornamen werden immer kürzer und bestehen fast nur noch aus zwei Silben: Es wimmelt heute von Milos, Noras, Leons und Linas. «Oft handelt es sich um Abkürzungen von ehemals langen Namen: aus Benjamin wird Ben, aus Helena Lena», sagt Berchtold.

Man ist also dazu übergangen, die informelle Kurzform, den Kosenamen zum offiziellen Namen zu machen. Die Namensforscherin erklärt den Trend mit der Tatsache, dass Kindheit und Jugend in unserer Gesellschaft heute einen höheren Stellenwert haben im Vergleich zu früher, als sich Kinder möglichst bald mit ihrer Arbeitskraft in die Gesellschaft einzufügen hatten.

Heutige Namen sollen harmonisch klingen

Eine weitere Auffälligkeit ist das harmonische Klangmuster der heute beliebten Vornamen. Besonders häufig werden l, m und n mit Vokalen kombiniert. «Diese Laute klingen in der deutschen Sprache am weichsten, denn bei ihrer Aussprache wird der Luftraum nirgends gestoppt und es gibt keine Explosion wie etwa bei p, t, k, die sehr hart klingen», erklärt Berchtold.

«Beliebt sind heute hochgradig sonor klingende Namen wie Lina, Liam, Mia, Leo oder Elin. Namen, die harte Verschlusslaute enthalten wie Erika, Margrit, Peter oder Kurt sind out.»

Wie bedeutsam der Klang des Namens heute ist, zeigt die Untersuchung der Gesellschaft für deutsche Sprache: 72 Prozent der unter 40-jährigen befragten Eltern gaben an, bei der Namenswahl sei besonders wichtig gewesen, dass sich der Name schön anhöre. Bei den über 70-jährigen Befragten gaben dies nur 59 Prozent zu Protokoll.

Interessant: Ist das Kind ein Mädchen, legen 79 Prozent der Eltern besonderen Wert auf einen gefällig klingenden Namen, während dies bei Söhnen nur für 65 Prozent der Eltern eine Rolle spielt. «Solche Geschlechterzementierungen sind tief vergraben und werden unbewusst weitergegeben», sagt Simone Berchtold.

Welcher Trend wohl den Boom der kurzen und sonor klingenden Namen ablösen wird, kann auch Namenforscherin Berchtold nicht sagen. Sicher ist: Die wenigsten Eltern werden ihrem Kind absichtlich einen beliebten Namen geben, sondern werden erst merken wie trendy ihre Wahl war, wenn überall Kinder auftauchen, die gleich heissen.


Was ist Eltern bei der Vornamenwahl wichtig?

Eine Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache im Jahr 2013 unter knapp 1000 Eltern ergab folgende Kriterien für die Wahl des Namens ihres Kindes.

Wichtig war den Eltern:

  • 72 % dass er gut klingt
  • 52 % dass er gut zum Nachnamen passt
  • 42 % dass der Name dem Kind keinen Nachteil bringt
  • 31 % dass er zu jedem Alter passt
  • 27 % dass er eine bestimmte Länge hat
  • 19 % dass es kein Modename ist
  • 18 % dass er auch den Grosseltern und der Familie gefällt
  • 16 % die Bedeutung des Namens
  • 11 % dass es ein traditioneller Name ist
  • 7 % dass es ein religiöser Name ist
  • 5 % dass er mit einem bestimmten Buchstaben anfängt

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