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Gewaltprävention
«Trennungsphasen bergen ein Eskalationsrisiko»
Herr Gosteli, Sie sind Sozialarbeiter und Gewaltberater beim Mannebüro Züri. Können Sie kurz erklären, was Sie unter Gewalt verstehen? Wo beginnt sie, die Gewalttätigkeit gegen Frauen?
Ich arbeite mit der Gewaltpyramide, weil sie zeigt: Körperliche Gewalt und Femizide sind nur die Spitze des Eisbergs. Darunter liegen psychische Formen – Kontrolle, Abwertung, Drohungen – und ganz unten die Einstellungen und Überzeugungen, die Gewalt möglich machen.
Die da wären?
Schon sexistische Haltungen oder die Idee, Frauen seien weniger wert oder müssten kontrolliert werden, sind gewaltvoll. Die Pyramide hilft zu verstehen: Gewalt ist ein Kontinuum, nicht ein Einzelereignis.
«Männer sind halt von Natur aus Testosteronbolzen ... » Wie oft hören Sie diese Entschuldigung für übergriffiges und gewalttätiges Verhalten vonseiten Ihrer Klienten? Und vonseiten von Frauen? Das Männerbild wird ja auch von Frauen portiert.
Solche Aussagen höre ich oft. Das sind Täterstrategien, um Verantwortung abzugeben. Sie reduzieren Männer auf Biologie und blenden Kultur, Sozialisation und persönliche Verantwortung völlig aus. Gleichzeitig zementieren sie das Bild des «triebgesteuerten Mannes» – ein Bild, das Männer selbst einschränkt.
Viele junge Männer möchten sein wie Andrew Tate, ein umstrittener Influencer und Ex-Kickboxer, der mit machohaftem Auftreten, Luxus-Inszenierung und provokativen Aus-sagen von sich reden macht. Haben Sie manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen anzukämpfen?
Ich empfinde das weniger als Kampf gegen Windmühlen, sondern als Hinweis auf ein Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit. Im aktuellen Podcast «Alpha Boys» der SRG kommen junge Männer zu Wort, die sich an Tate orientieren: Sie lehnen seine Misogynie teilweise ab, relativieren sie aber auch. Für mich ist das Ausdruck einer grundsätzlichen Unsicherheit darüber, wie man «Mann sein» soll. Genau dort müssen wir andere, vielfältige Formen von Männlichkeit sichtbar machen.
Wichtig ist auch die Botschaft: Du genügst – und zwar ohne schnelles Auto und ohne viel Geld. Es braucht keine Überhöhung, um ein wertvoller Mensch zu sein.
Mit Kindern zusammenzuleben, ist mitunter nervenzehrend – für beide Elternteile. Nimmt die Gewaltbereitschaft bei Männern in der Familien-phase eigentlich zu?
Ja, Familiengründungs- und Trennungsphasen sind Risikosituationen. In Trennungssituationen kommt es besonders häufig zu Gewalt. Diese gelten in der Gewaltforschung als klassische Eskalationsphasen, weil sie starke Gefühle von Verlust, Kontrollabgabe und Identitätsbedrohung auslösen können. Besonders Männer, die stark in traditionellen Rollenmustern sozialisiert wurden, reagieren empfindlich auf den Eindruck, die Kontrolle über Partnerin, Kinder oder familiäre Abläufe zu verlieren. Die Trennung kann dann als persönliches Scheitern oder als Infragestellung der eigenen Männlichkeit erlebt werden.
Haben Sie Söhne? Welches Männerbild möchten Sie diesen vermitteln?
Nein, ich habe keine Söhne. Hätte ich welche, würde ich ihnen ein Männerbild vorleben, das Männer nicht einschränkt: emotional zugänglich, reflektiert, verbunden mit sich und anderen. Starre Rollen schaden allen. Und wichtig: die Vielfalt anderer gelebter Männlichkeiten sichtbar machen – damit Buben und Männer mehr Optionen sehen als Härte und Kontrolle.
Wir alle sind ab und zu emotional aufgeladen und drohen zu explodieren. Wo lassen Sie persönlich Dampf ab?
Mir helfen regelmässige sportliche Aktivität und Musik. Das Spielen mit meiner Band hat für mich die Wirkung, ganz unmittelbar in den Moment zu kommen. Wenn ich spiele, kann ich negative Emotionen sublimieren, also in etwas Kreatives und Produktives verwandeln. Die Energie, die sich im Alltag anstaut, wird in Klang, Rhythmus oder Ausdruck überführt. Das ist intensiv, unmittelbar und gleichzeitig konstruktiv.
Eine gesunde Art, Dampf abzulassen…
Gerade als Mann ist es aber entscheidend zu fragen: Warum ist der Dampf überhaupt entstanden? Häufig steckt darunter etwas Tieferes – Enttäuschung, Überforderung, Trauer oder das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Erst wenn man das erkennt, kann man wirklich gut für sich sorgen.
Christoph Gosteli ist Gewalt- und Männerberater beim Mannebüro Zürich, Präsident von Solvio, dem Schweizerischen Dachverband für Gewaltprävention. Er ist Co-Host des Podcast «Wurst-Käse-Salat», der sich kritisch mit gesellschaftlichen Vorstellungen und dem Patriarchat auseinandersetzt und Themen wie Krisen, feministische Analysen und persönliche Erfahrungen diskutiert.
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