Gesundheit
Nahrungsergänzung: Hilfe oder Hype?
Booster für die Immunabwehr, Superkind-Vitamine und Konzentrationspillen – brauchen wir das? Oder sind Nahrungsergänzungsmittel schlicht überflüssig? Sechs Fachleute erklären euch in diesem interessanten Artikel, welche Vitamine und Mikronährstoffe notwendig sind und wo wir blossem Marketing aufsitzen.
Müde Kinder, erschöpfte Eltern, volle Agenden – wir alle ver suchen, unsere straff geplanten Tage zu bewältigen und haben doch stets das Gefühl, nirgends zu genügen. Dass wir dabei ab und zu vermuten, mangelernährt zu sein, liegt nahe. Wie vielversprechend klingt da die Botschaft, mit Pülverchen, Pillen und Powerpräparaten geistig und körperlich wieder zu Kräften zu kommen. Nahrungsergänzungsmittel sind längst im Alltag angekommen. In Apotheken, Droge rien und Onlineshops füllen sie ganze Regale. Dass die Nahrungsergänzungsmittelindustrie uns unter die Arme greifen will, ist ehrenwert – aber auch ein Milliardengeschäft. In der Schweiz konsumieren mittlerweile rund 30 Prozent der Erwachsenen Nahrungsergänzungsmittel, bei den 6 bis 17Jährigen sind es rund 25 Prozent. Dabei werden vor allem Vitamine und Mineralstoffe eingenommen, ferner Omega3 Fettsäuren und Protein- und Aminosäurepräparate. Ist das nötig? Wir haben Expert:innen gefragt.
Michael Seefried
Anthroposophischer Arzt
«Die Anthroposophische Medizin betrachtet den Menschen grundsätzlich als körperliches, seelisches und geistiges Wesen. Diese Betrachtung findet sich auch im therapeutischen Ansatz wieder. Anthroposophische Heilmittel zeichnen sich dadurch aus, dass sie unter diesen Kriterien hergestellt, und entsprechend eingesetzt werden. Nahrungsergänzungsmittel können eine wunderbare Bereicherung sein, um auf pflanzlicher Ebene den Körper zu unterstützen. Ich setze sie aber genauso zurückhaltend ein wie «übliche Medikamente». Immer wieder erlebe ich Patienten, die sehr viele verschiedene Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Dabei kann es zu sogenannten Kreuzreaktionen oder Wechselwirkungen kommen, also unerwünschten Nebenwirkungen. Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass die meisten Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform – und nicht als Tropfen oder Pulver – erhältlich sind. Kapseln werden aus Gelatine (meist Rind oder Schwein) oder pflanzlich /vegan, hergestellt. Selbst bei qualitativ guten Kapseln sind diese eine zusätzliche Belastung für den Organismus. Bevor wir mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln beginnen, empfehle ich meinen Patienten, ihre Lebensgewohnheiten ihren Bedürfnissen anzupassen. Dabei spielen eine möglichst biologische, naturbelassene Ernährung, Bewegung, die guttut und erfüllt, sowie die emotionale Gestaltung des Alltags eine grosse Rolle. Dies gilt bei Kindern gleichermassen.
Michael Seefried
Es gibt viele Anwendungsbereiche für Nahrungsergänzungsmittel wie Verdauungsstörungen, Stressreduktion, Osteoporose, um nur einige zu nennen. Sie sind eine wertvolle Erweiterung des Therapiespektrums und sollten dann eingesetzt werden, wenn Lebensgewohnheiten hinterfragt und gegebenenfalls korrigiert, und wenn allenfalls eine klärende Diagnostik und Laboruntersuchung durchgeführt wurde. Leider werden Nahrungsergänzungsmittel oft «einfach so» eingesetzt, weil sie «guttun». »
Regula Fahrni
Ernährungspsychologische Beraterin
«Viele Eltern wünschen sich nichts sehnlicher, als dass ihr Kind gut gedeiht. Wenn es beim Essen jedoch schwierig wird, das Kind pickt, verweigert oder nur kurz am Tisch sitzen bleibt, wächst oft die Sorge, es könnte «zu wenig» bekommen. Nahrungsergänzungsmittel fühlen sich dann wie ein kleiner Rettungsring an. Oft entsteht dieses Bedürfnis weniger aus einem echten Mangel, sondern aus Stress im Essalltag. Wenn der Familientisch zum Kampfplatz wird, verlieren Eltern das Vertrauen in die natürliche Fähigkeit ihres Kindes, sich zu regulieren. Sobald die Atmosphäre entspannter wird, sinkt auch die Angst und mit ihr der Griff zu unnötigen Supplements.
Regula Fahrni
Ein Nährstoffmangel zeigt sich nicht an einzelnen Mahlzeiten oder Phasen des «Picky Eating», sondern an klaren medizinischen Hinweisen, wie auffälliger Müdigkeit, Konzentrationsproblemen, Wachstumsstagnation, sehr blasser Haut oder häufigen Infekten. Entscheidend ist die Abklärung beim Kinderarzt durch Laborwerte und nicht über das Bauchgefühl oder die Werbung auf Social Media. Der beste «Nährstofflieferant» ist meist nicht eine Tablette, sondern der Familientisch, an dem Kinder mit Freude essen dürfen, statt müssen. Die meisten Kinder bekommen in der Schweiz alles, was sie brauchen, wenn sie in einem vielfältigen, entspannten Essumfeld aufwachsen und das Angebot der Vielfältigkeit der Nahrung auf dem Teller erforschen und kennenlernen dürfen, ohne ständig zurechtgewiesen zu werden. Wenn Eltern die Esssituation als sicheren, warmen Ort gestalten, wie am traditionellen Familientisch, dann nehmen Kinder automatisch viel mehr mit, als jedes Nahrungsergänzungsmittel je leisten könnte: Geborgenheit, Vertrauen und eine lebenslange, gesunde Beziehung zum Essen.»
Stéphanie Bieler
Fachexpertin Ernährung bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE
«Dass durch die intensive Landwirtschaft und Hochleistungssorten Obst und Gemüse weniger Nährstoffe enthalten als früher – wie oft behauptet wird – lässt sich nicht bestätigen. Heute wer den andere Sorten angebaut, was sich grund sätzlich auch im Nährstoffgehalt niederschlagen kann. Dieser muss aber nicht zwingend geringer sein als früher. Wir von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE empfehlen Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen nicht. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung deckt mit wenigen Ausnahmen (Jod, Vitamin D) den Bedarf an essenziellen Nährstoffen. Eine ausreichende Zufuhr an Jod wird durch die Verwendung von jodiertem Speisesalz sichergestellt – es gehört in jede Küche !
Stéphanie Bieler
Vitamin D wird unter Sonnenexposition in der Haut gebildet. Für Kinder ist die Supplementierung mit Vitamin D in den ersten drei Jahren sicher sinnvoll. Werden einzelne Lebensmittelgruppen komplett gemieden, ist eine individuelle Ergänzung empfehlenswert. So ist etwa in einer veganen Ernährung die Supplementierung mit Vitamin B 12 unumgänglich. Zudem sollten Frauen, die mit der Familienplanung noch nicht ab geschlossen haben, präventiv ein Folsäurepräparat ein nehmen.»
Raoul Furlano
Leiter Gastroenterologie am Universitäts Kinderspital beider Basel, UKBB.
«Die wissenschaftliche Evidenz für viele Nahrungsergänzungsmittel, wie Vitamine, Probiotika und Proteinpräparate, ist oft begrenzt. Ohne medizinische Indikation können diese Präparate zu Überdosierungen führen, vor allem bei fettlöslichen Vitaminen wie A und D, was toxische Reaktionen auslösen kann. Probiotika und Proteinpräparate sind häufig unnötig und können bei gesunden Kindern Nebenwirkungen wie Blähungen oder Magenbeschwerden verursachen. Aber es gibt sie, die Nährstoffmängel bei Kindern. In meinem Klinikalltag sind dies vor allem Vitamin D und Eisen. Manche Kinder haben – besonders im Winter – zu niedrige Vitamin D-Spiegel. Eisenmangel tritt häufig bei Kindern auf, die wenig Fleisch essen, sich vegan oder vegetarisch ernähren und nicht korrekt supplementiert sind, und/oder bei denen die entsprechenden Diäten nicht korrekt durchgeführt werden. Oft greifen Eltern zu Vitaminpräparaten, obwohl eine ausgewogene Ernährung mit eisenreichen Lebensmitteln (z. B. Fleisch, Hülsenfrüchte) und genug Sonnenlicht für Vitamin D ausreicht.
Raoul Furlano
Nahrungsergänzungsmittel gelten rechtlich nicht als Medikamente. Unklare Dosierungen und irreführende Werbeaussagen sind daher leider nicht selten, und die Produkte sind nicht streng reguliert. Das verwirrt Eltern und kann zu falschen Dosierungen führen. Nahrungsergänzungsmittel sollten klarer gekennzeichnet und einen wissenschaftlich fundierten Nutzen haben. Ich wünsche mir deshalb strengere gesetzliche Vorschriften und eine bessere Qualitätssicherung. Eltern sollten aber auch klar über die tatsächliche Notwendigkeit oder eben Nicht-Notwendigkeit und mögliche Risiken aufgeklärt werden. Und selber mehr Eigenverantwortung tragen, indem sie sich informieren!»
→ ukbb.ch
Christian Fichter
Sozial-, Wirtschafts-, Konsumpsychologe.
«Bezüglich Nahrungsergänzungsmitteln erleben wir den Triumph von Marketing über Wissenschaft. Konsumenten:innen folgen blind Internet-Gurus und Podcastern, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben, aber oft faktisch unhaltbare Dinge behaupten. Das Vertrauen in diese parasozialen Online-Freunde ist oft grösser als in den Hausarzt. Es ist eine moderne Form des Ablasshandels: Man kauft sich mit einer Kapsel von der Angst vor Krankheit und Tod frei. Dass die Wirkung meist im Placebo- Bereich liegt, wird ausgeblendet – der Glaube an die Wunderpille oder das Wunderpulver und der Wunsch nach Kontrolle sind stärker als jede Vernunft. Das Verhalten von Herstellern und Influencer:innen ist oft skrupellos. Das Narrativ ist dabei stets dasselbe: Es wird suggeriert, der menschliche Körper sei unfähig, mit normaler Nahrung gesund zu bleiben, und müsse dringend entgiftet oder sonst wie optimiert werden. Das ist wissenschaftlich unhaltbar und ein klassisches Beispiel für Angst-Marketing. Influencer:innen nutzen ihre Reichweite, um gesunden Menschen einzureden, sie seien mangelhaft. Ich sage ganz klar: Wer Gesundheit verspricht, aber eigentlich nur Unsicherheit sät, um überteuerte Produkte im Abo zu verkaufen, handelt ethisch verwerflich.
Christian Fichter, Sozial-, Wirtschafts-, Konsumpsychologe
Die aktuelle Situation ist aus Konsumentensicht bedenklich. Der Kern des Problems ist, dass solche Produkte rechtlich als Lebensmittel gelten dürfen. Damit umgehen Hersteller die strenge Arzneimittelkontrolle durch Swissmedic. Sie müssen keine Wirksamkeit nachweisen, sondern lediglich lebensmittelrechtliche Mindeststandards erfüllen. Dieses regulatorische Schlupfloch wird gezielt genutzt. Hinzu kommt der Online-Handel: Über soziale Medien gelangen internationale Produkte direkt zu den Konsumenten:innen. Wir brauchen eine Regulierung, die gesundheitsbezogene Produkte dort einordnet, wo sie hingehören: unter das Heilmittelgesetz. Wer Heilsversprechen abgibt, muss Belege liefern.»
Gabriele Rauscher
Fachärztin Gynäkologie und Geburtshilfe am Kinderwunschzentrum Baden
«Für Frauen ist es besonders wichtig, bereits zu Beginn des Kinderwunsches mit der Einnahme von Folsäure 0,4 mg täglich zu starten. Damit wird das Risiko einer kindlichen Fehlbildung wie einem offenen Rücken entscheidend gesenkt. Auch auf ausreichend Vitamin D ist zu achten. Abhängig von den individuellen Ernährungsgewohnheiten kann die Ergänzung von Vitamin B 12 oder Jod sinnvoll sein, oder bei nachgewiesenem Mangel ein Eisenpräparat. Nicht zu empfehlen ist Vitamin A in Form von Retinol, weil es die Entwicklung des Embryos beeinträchtigen kann. In unserem Kinderwunschzentrum weisen wir Männer darauf hin, dass Vitaminpräparate Spermiogramm-Ergebnisse bei manchen Patienten verbessern können. Ob sie die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Schwangerschaft erhöhen, ist aber nicht klar erwiesen. Eine generelle Empfehlung ist also nicht gegeben.
Gabriele Rauscher
Im medizinischen Bereich ist es elementar, sich ständig fortzubilden und zum Wohle unserer Patienten up to date zu bleiben. Wir orientieren uns nicht an schön verpackten Versprechungen, sondern an den Empfehlungen der Fachgesellschaften wie der Bundespublikation zur «Ernährung rund um Schwangerschaft und Stillzeit», dem Expertenbrief der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zur Präkonzeptionsberatung und der Europäischen Gesellschaft für Reproduktion und Embryologie, ESHRE.»
