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Monatsgespräch
«Das Geschlecht spielt eine Rolle»
Krankheiten und Beeinträchtigungen verlaufen bei Jungen und Mädchen nicht genau gleich. Die Kinderchirurgin Uchenna Kennedy erklärt, welche Rolle die geschlechterspezifische Medizin in der Pädiatrie spielt.
wir eltern: Uchenna Kennedy, als Kinderchirurgin und Kinderurologin forschen Sie unter anderem im Bereich der Gendermedizin. Erklären Sie uns kurz, was darunter zu verstehen ist.
Uchenna Kennedy: Eigentlich ist die geschlechtersensible Medizin ein Teil der individualisierten Medizin, auf die in den letzten Jahren immer stärker fokussiert wird. Frauen waren in der medizinischen Forschung sehr lange unterrepräsentiert – bis man merkte, dass das Geschlecht sowohl bei der Entstehung einer Erkrankung als auch bei deren Behandlung eine Rolle spielt. Die Ursprünge der Gendermedizin kommen aus der Kardiologie. Da erkannte man schon vor Jahren, dass Frauen ein höheres Risiko als Männer haben, an einem Herzinfarkt zu sterben.
Und was genau verstehen Sie unter « Geschlecht »?
Geschlecht hat verschiedene Dimensionen: Es gibt das biologische Geschlecht mit seinen inneren und äusseren Geschlechtsmerk malen. Weiter sprechen wir von der Genderidentität, die etwas darüber aussagt, wie sich ein Mensch fühlt. Dann gibt es die Geschlechterrollen. Das sind gesellschaftlich geprägte Erwartungen darüber, wie wir uns aufgrund des zugeschriebenen oder angenommenen Geschlechts verhalten sollen. Sie beeinflussen zum Beispiel Kleidung, Berufswahl oder das Verhalten in einem bestimmten soziokultu rellen Kontext. All diese Komponenten sind als Spektrum zu sehen und haben einen Einfluss auf die Gesundheit und Krankheiten.
Gendermedizin befasst sich vor allem mit erwachsenen Frauen und Männern. Wie relevant ist sie bei Kindern? Wird in der Pädiatrie auf geschlechtsspezifische Unterschiede geachtet?
Als ich mich als Kinderchirurgin mit dem Thema zu befassen begann, fiel mir auf, dass tatsächlich auch bei Kindern viele Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen oder weiteren Geschlechtern existieren. Die Medizin geht aber noch nicht konkret und umfassend darauf ein.
Können Sie ein Beispiel für geschlechtsspezifische Unterschiede bei Kindern nennen?
Bei extrem früh geborenen Kindern etwa weiss man, dass die Anfälligkeit für schwere Infektionen und Sterblichkeit bei Jungen grösser ist als bei Mädchen. Das hängt wahr scheinlich mit den Hormonen zusammen. Jungen haben schon im Bauch der Mutter einen höheren Testosteronspiegel, weil das Hormon bei der Entwicklung der Geschlechtsorgane eine wichtige Rolle spielt. Weibliche Föten wiederum haben einen höheren Östrogenspiegel. Östrogene schützen unter anderem die Lunge und das Immunsystem. Da durch gibt es bei Mädchen im Bereich der Lungen und der Gehirnentwicklung weniger Schäden, wenn sie sehr früh geboren werden. Die genauen Mechanismen sind aber noch nicht abschliessend geklärt.
Hat dieser Fakt einen Einfluss auf die Untersuchungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt?
Kinderärztinnen und -ärzte kennen das Problem, und das erhöhte Risiko für Knaben wird in der Beratung und Entscheidungsfindung berücksichtigt. Aber in der konkreten Situation muss immer individuell entschieden wer den.
Gibt es Unterschiede bezüglich Abortraten zwischen männlichen und weiblichen Föten?
Gewisse Studien postulieren, dass es mehr Fehlgeburten bei weiblichen Embryonen gibt – diese aber bei der Geburt die höheren Chancen haben, gesund auf die Welt zu kommen. Bei Jungen stellen wir mehr angeborene Fehlbildungen wie etwa Darm oder Lungenfehlbildungen fest.
Gibt es weitere Bereiche in der Pädiatrie, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt?
Ja, zum Beispiel bei den Impfungen. Da ent wickeln Mädchen höhere Impftiter, das heisst, sie bilden mehr Antikörper als Jungen. Eine Impfung schützt Mädchen also schneller und besser. Andererseits sind sie dadurch anfälliger für Impfnebenwirkungen.
Uchenna Kennedy, Oberärztin am Kinderspital Zürich.
Zieht man daraus Konsequenzen?
Bei Impfungen müsste man untersuchen, ob die Impfdosen je nach Geschlecht angepasst werden könnten. Das wäre sinnvoll und hätte einen grossen Effekt, weil es praktisch alle Kinder betrifft. So weit sind wir aber noch nicht.
Lange wurde die Gendermedizin generell sehr stiefmütterlich behandelt ...
Um Effekte herauszufinden, braucht es gross angelegte Studien. Trotzdem glaube ich, dass man breiter und individueller zu denken be ginnen sollte und erkennen muss, wo die eigenen Vorurteile liegen und wo man etwas ändern kann.
Wie intensiv wird denn geforscht?
Die Forschung läuft weltweit. Erst kürzlich gab es ein grosses Symposium zur Gendermedizin in Bern. In der Schweiz gibt es mittlerweile in Zürich und Bern je einen Lehrstuhl für Gendermedizin. Und das Thema wird im Medizinstudium und in Nachdiplomstudien breit vermittelt.
Das heisst, es wächst im Moment die erste Generation an Medizinstudent:innen heran, die in Gendermedizin unterrichtet werden. Was fasziniert Sie persönlich an der Gendermedizin?
Es gefällt mir, althergebrachte Denk- und Handlungsweisen zu hinterfragen. Es ist in der Medizin nicht anders als in anderen Wissenschaften: Wir müssen unsere Lehrmei nungen überdenken und dazulernen und nicht einfach die Dinge, wie sie vor 50 Jahren galten, beibehalten.
Viele Studien basieren nach wie vor auf männlichen Probanden ...
Ja, der Standardmensch bei der Erforschung von beispielsweise Medikamenten war sehr lange der 70 Kilogramm schwere, weisse Mann. So war es natürlich einfacher, zu Resultaten zu kommen. Aber man weiss mittlerweile, dass bei gewissen Medikamenten wie etwa Betablockern, es bei Frauen bereits bei Standarddosierungen zu mehr Nebenwirkungen als Nutzen kommen kann. Das hat mög licherweise schwerwiegende Folgen.
Zurück zu den Kindern: Gibt es bezüglich Krankheiten oder Beeinträchtigungen weitere Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?
Das Immunsystem ist ein wichtiger Faktor in der Gendermedizin, auch bei Kindern. So löst Östrogen eine stärkere Immunantwort aus. Deshalb sind Mädchen besser geschützt gegen Infektionen. Die Kehrseite davon ist aber ein höheres Risiko einer überschiessenden Immunantwort.
Das bedeutet?
Die Folge eines «überreagierenden» Immunsystems sind zum Beispiel mehr Autoimmunerkrankungen bei Mädchen und Frauen. Sie leiden etwa häufiger an Rheuma. Es gibt aber auch andere Ursachen. Autismus und andere Entwicklungsstörungen werden häufiger bei Jungen diagnostiziert. Dies ist wahrscheinlich auf genetische Ursachen zu rückzuführen. Aber bei der Autismusspektrum-Diagnose weiss man, dass Mädchen sozial besser kompensieren können und deshalb oft später diagnostiziert werden. Eventuell wäre eine frühere Diagnose wichtig für entsprechend früh einsetzende Therapien.
Viele Eltern kennen es: Ein Kind klagt oft über Bauchweh, das andere steckt Schmerzen scheinbar locker weg. Nehmen Mädchen und Jungen Schmerzen unterschiedlich wahr?
Schmerz ist ein grosses Thema. Es gibt Studien, die über die Lebenszeit untersucht haben, welche Faktoren in welcher Lebensphase eine Rolle spielen. Schmerzempfinden scheint eher individuell und sozial geprägt zu sein. Aber man weiss aus der Forschung, dass es wichtig ist, wer zuhört, wenn jemand über Schmerzen klagt. Ist es ein Arzt oder eine Ärztin? Das Geschlecht ändert den Output. Aber dass man ganz klar sagen kann, dass Mädchen den Schmerz anders wahr nehmen als Jungen, dazu gibt es noch keine Studien.
Wie unterscheiden sich Mädchen und Jungen im Umgang mit Stress, Leistungsdruck und sozialen Konflikten ? Wie können Eltern adäquat darauf reagieren?
Ich weiss von meinen psychiatrischen Kolle ginnen, dass Depressionen viel häufiger bei Mädchen vorkommen – und sich diese ge schlechtsspezifische Erkrankung durch das ganze weitere Leben zieht. Wieder stellt sich aber die Frage: Sind die Buben allenfalls unterdiagnostiziert ? Das betrifft vor allem Jugendliche. Wir wissen, dass der Umgang mit psychischen Erkrankungen auch stark sozial geprägt ist und nicht zwingend eine Folge des biologischen Geschlechts.
Jungen werden oft als risikofreudiger wahrgenommen als Mädchen. Worauf sollten Eltern achten, wenn ihr Kind eine besonders verletzungsanfällige Sportart wie Fussball, BMX oder Trampolin wählt?
Es umzustimmen versuchen? Es gibt Studien zu Bewegung und motorischen Fähigkeiten, die zeigen, dass der Ver lauf der Entwicklung bis zur Pubertät sehr ähnlich ist. Aber dabei spielt das Training eine wichtige Rolle. Buben werden von der Umgebung oft stärker unterstützt bei risikoreichen Sportarten, und sie trainieren diese entsprechend intensiver. Einschränken sollten die Eltern ihre Kinder nirgends, sondern vielmehr in dem unterstützen, was sie gern machen, unabhängig vom Geschlecht, gleichzeitig aber auch darin, was sie vielleicht nicht so gern machen.
Sie haben drei Mädchen. Versuchen Sie, der gesellschaftlichen Rollenteilung entgegenzuwirken und sie genderneutral aufzuziehen?
(Lacht) Meine Kinder sind natürlich auch stark sozial geprägt. Auch sie erhalten zu Weihnachten oder zum Geburtstag häufig «Mädchengeschenke». Aber ich versuche, ihnen bezüglich aller Diversitätsthemen wie Geschlecht oder Hautfarbe vor allem Offenheit mitzugeben. Da ich am Kinderspital Zürich auch Kinder betreue, die eine Variation der biologischen Geschlechtsmerkmale haben, versuche ich, meinen Kindern anhand von Erzählungen oder Büchern aufzuzeigen, dass es viele unterschiedliche Arten gibt, normal zu sein. Und dass es toll ist, dass wir alle unterschiedlich sind. Aber wenn sich meine Mädchen «typisch Mädchen» verhalten oder kleiden wollen, bekämpfe ich das keineswegs.
Was wünschen Sie sich von Kinderärzt:innen, Schulen und Eltern, damit Mädchen und Jungen gleichermassen gut versorgt sind?
Ich wünsche mir ein Thinking out of the Box. Dass man den Menschen individuell anerkennt mit all seinen Facetten. Dazu gehören etwa soziale Aspekte, Geschlecht oder Alter. Ich persönlich setze mich dafür ein, dass das Bewusstsein für geschlechterspezifische Themen weiterhin geschärft wird.

Zur Person
Uchenna Kennedy, 40, ist Oberärztin am Kinderspital Zürich. Die Kinderchirurgin mit Schwerpunkt Kinderurologie (Niere/Blase/ Genitale) kümmert sich im klinischen Alltag auch um Kinder mit Variationen der Geschlechtsmerk male und forscht und lehrt zur Gendermedizin. Sie ist verheiratet, hat drei Mädchen und lebt mit ihrer Familie in Dübendorf (ZH).
Foto: Valérie Jaquet, Kinderspital Zürich.
