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Tics

«Tics beginnen meist schleichend»

Ein Gespräch mit Frederika Tagwerker, Spezialistin in der Sprechstunde für Tic- und Zwangstörungen, über Tics, die keine Marotten sind.

wir eltern: Früher galt ein Zucken im Gesicht, eine Grimasse als eine Marotte, eine Eigenart, über die man schmunzelte oder die gar man als liebevoll oder charmant bezeichnet hat. Heute spricht man beim gleichen Phänomen von Tic-Störungen.

Frederika Tagwerker Gloor: Das sehe ich ganz anders. Kinder mit Tics oder anderen Besonderheiten erfahren heute viel mehr Toleranz. Früher wurden Kinder, die auffielen, erbarmungslos ausgelacht und es gab weniger Verständnis für sie. Und: Tic-Störungen sind keine Marotten. Marotten kann man unterdrücken, wenn man darauf hingewiesen wird. Tics kann man weitgehend nicht unter Kontrolle bringen.

Wie aber weiss ich, ob mein Kind eine Tic-Störung hat oder nur eine schnöde Marotte?

Während sich Marotten ähnlich bleiben und das Kind nicht stören, verändern sich Tics typischerweise häufig oder wechseln sich ab und stören das Kind mit der Zeit. Aber für eine korrekte Diagnose braucht es eine längerfristige Beobachtung durch die Eltern und meist die Abklärung durch eine Fachperson.

Was ist ein Tic?

Wir unterscheiden motorische und vokale Tics: plötzliche, unwillkürliche, sich wiederholende rasche Bewegungen, plötzliche Laute, die keinen Sinn oder Zweck haben wie Blinzeln, Augenverdrehen, Grimassieren oder Schulterzucken und so weiter (Lesen Sie dazu den Artikel «Tickst du noch richtig?»). Leider werden Tic-Kinder von Aussenstehenden oft als schlecht erzogen bezeichnet oder ihnen wird ein mangelhafter Charakter zugeschrieben. Das sind falsche Annahmen.

Tauchen Tic-Störungen plötzlich auf?

Tics beginnen meist schleichend mit einem Räuspern oder Augenzwinkern, welches sich hartnäckig hält und nicht wieder verschwindet.

Warum triffts die einen Kinder, andere nicht?

Tic-Störungen im Kindesalter sind häufig. Die Veranlagung dazu ist zu einem grossen Anteil genetisch bedingt, wird also vererbt. Daher sieht man auch eine Häufung von Tic-Störungen innerhalb von Familien über Generationen. Es gibt weitere Hypothesen wie immunologische oder allergologische Einflüsse. Heute geht man von einer Kombination verschiedener Einflüsse aus.

Können auch Kummer, Angst, Stress oder psychische Leiden Auslöser sein?

Eher nicht. Besteht jedoch eine Veranlagung für eine Tic-Erkrankung, dann können emotionale Probleme, Sorgen und Stress eine schlummernde Tic-Störung in Gang setzen. Und: Eine bereits bestehende Tic-Störung wird meist durch positiv und negativ erlebte Erregung und Anspannung verstärkt. Aber grundsätzlich sind Kinder mit einer Tic-Störung so fröhlich, intelligent und sozial wie andere Kinder auch.

Also sind Tic-Kinder eigentlich völlig gesund?

Das kann man so nicht sagen. Der Umgang mit den Tics kann eine grosse Herausforderung sein, zumal Tic-Störungen häufig von anderen psychiatrischen Störungsbildern begleitet werden. Am häufigsten sind Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS), Zwangsstörungen und emotionale Störungen wie Angst und Depression. Diese Begleiterkrankungen sind oft für die Entwicklung der Betroffenen deutlich beeinträchtigender und stellen einen grösseren Risikofaktor für ihre weitere Entwicklung dar als die Tic-Störungen.

Wann sind die Tics ein Fall für den Arzt oder die Psychologin?

Der Leidensdruck bestimmt die Dringlichkeit. Wir empfehlen eine Abklärung, wenn die Tic-Störung länger als ein Jahr anhält. Bereiten die Tics den Eltern oder dem Kind aber grosse Sorgen, besteht eine schulische oder soziale Beeinträchtigung, dann sollte man bald einen Arzt aufsuchen.

Wie behandelt man Tics?

Bei milden oder vorübergehenden Formen von Tic-Störungen oder bei sehr jungen Kindern, unter acht Jahren, wird meistens nur eine ausführliche Beratung und Information empfohlen. Kindgemässe Entspannungstechniken können im Alltag eingebaut zu guten Resultaten führen. Bei mittelstarken und bereits chronischen, anhaltenden Ausprägungen einer Tic-Störung wird eine verhaltenstherapeutische Behandlung empfohlen. Das geht jedoch meist erst bei Kindern ab neun bis zehn Jahren. Anhaltende, schwere Tic-Störungen werden oft zusätzlich medikamentös behandelt.

Grundsätzlich: Kann aus jedem Tic ein Tourettesyndrom entstehen?

Ja, grundsätzlich schon. Doch Vorsicht: Der Begriff Tourettesyndrom ist in der Bevölkerung mit verzerrten Vorstellungen verknüpft. Tourettesyndrom ist ein medizinischer Begriff, der für chronische Tic-Störungen steht, die mehrere motorische und mindestens einen vokalen Tic über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr beinhalten. Nur gerade ein Prozent aller Tic-Betroffenen entwickeln ein Tourettesyndrom. Doch geht dieses nicht zwangsläufig mit obszönen Lauten und Gesten einher. Es gibt Menschen mit einem diagnostizierten Tourettesyndrom, die nach aussen kaum auffällige Tics haben. Trotzdem kann der jahrelange Umgang mit den Tics für das Kind und die Familie sehr beeinträchtigend sein. Eine Beratung und Behandlung kann hier deutliche Entlastung bewirken.


Frederika Tagwerker Gloor, lic. phil., ist Psychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich. Sie arbeitet als Spezialistin in der Sprechstunde für Tic- und Zwangsstörungen.

Bei Fragen: Tel. 043 499 26 26; E-Mail: info.tic-zwang@kjpdzh.ch

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