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Gesundheit

Tickst du noch richtig?

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Was tut man, wenn ein Kind von einem Tag auf den anderen den Kopf in den Nacken reisst, Grimassen schneidet oder unwillkürliche Schreie ausstösst? Am besten erst mal gar nichts.

Was war das eben? «Warum reisst denn du den Mund so weit auf? Tut dir was weh?» Doch statt einer Antwort gibts nur einen verständnislosen Blick der Fünfjährigen. Naja. War wohl nix. Aber schon ein paar Minuten später reisst sie den Mund wieder auf, tonlos, weit, verzerrt. «He, warum tust du das? Hör auf damit.» Was geht hier ab? Ticks oder Tics (Fachwort französisch). Sie schleichen sich ein, langsam, leise, sind irgendwann da, einfach so. Wie Besuch, den man nicht eingeladen hat. Und haben sie es sich erst mal gemütlich gemacht, sind sie nur schwer wieder wegzubekommen.

Eltern mit Tic-Kindern kennen das: Die Kinder zwinkern mit den Augen, hüsteln, rümpfen die Nase, werfen den Kopf nach hinten. Sie zucken, reissen Grimassen, nicken bei unpassenden Gelegenheiten mit dem Kopf. Sie schniefen, bellen, zischen, rotzen. Und: Sie nerven. Selbst abgebrühteste Eltern reagieren innert kürzester Zeit irritiert, besorgt oder völlig entnervt.

Provokation?

Oft wird der Sprössling in einer ersten Phase der willentlichen Provokation und Vorsätzlichkeit bezichtigt. «Hör jetzt auf mit dem blöden Kopfschütteln, das hält ja kein Mensch aus.» «Was denken die Leute, wenn du solche Grimassen schneidest.» «Wenn du jetzt nochmal den Rotz raufschniefst, gehst du den Müll raustragen, dann vergehts dir dann schon.» Oder einfach: «Hör SOFORT auf damit!» Doch all das nützt schlicht nichts. Im Gegenteil. Durch Druck dürften sich diese Tics nur noch verstärken (siehe Box, unten).

Zugegeben: Es ist starker Tobak, wenn ein Kind plötzlich anders tickt. Doch nur schon ein Telefonat oder Besuch bei einer kompetenten Fachperson kann Beruhigung ins gestörte Familienleben zurückbringen. Denn erstens: Tics sind meist vererbt. Sie kommen und geschehen, da steht keine Absicht dahinter, da kann der kleine Mensch nichts für. Das Kind kann sie weder steuern noch deren Auftreten verhindern. Es kann den oder die Tics höchstens für kurze Zeit unterdrücken. Nur um sie dann später, wenn es sich in druckfreier Umgebung befindet, in geballter Ladung loszulassen. Und zweitens: Tics sind keine Seltenheit. Rund vier bis zwölf Prozent aller Kinder ab vier Jahren haben Tics. Aber nur ein Teil davon ist behandlungsbedürftig. Chronisch werden lediglich drei bis vier Prozent aller Tic-Störungen. Und bei rund einem Prozent spricht man vom Tourettesyndrom. Die meisten Tics aber sind innerhalb eines Jahres verschwunden.

Das heisst jedoch nicht, dass sie für die Betroffenen leichte Kost sind. «Anfangs scheinen sich die Kinder gar nicht so sehr zu stören an ihren Tics und nehmen sie selbst kaum wahr», sagt Frederika Tagwerker Gloor, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich. Dauert das Verhalten aber an, über Monate, Jahre vielleicht, erleben Kinder den Verlust der Selbstkontrolle schmerzlich. «Der Leidensdruck steigt, Ängstlichkeit, Traurigkeit, Depressivität und soziales Rückzugsverhalten sind mögliche Auswirkungen», schreiben Manfred Döpfner, Veit Roessner, Katrin Woitecki und Aribert Rothenberger im «Ratgeber Tics», einer Informationsbroschüre für Eltern, Lehrer und Erzieher. «Auch der Leidensdruck bei Eltern steigt mit dem Andauern der Störung. Sie sind beunruhigt, da sie ihrem Kind Leid ersparen möchten. Sie befürchten, dass sich die Tics in eine komplexe und sozial auffällige Richtung entwickeln», steht im Ratgeber weiter. Frederika Tagwerker Gloor empfiehlt: «Dauert die Tic-Störung länger als ein Jahr, empfehlen wir, einen Arzt aufzusuchen.» Und auch dann, wenn Kind oder Eltern einen Leidensdruck verspüren und die Situation so nicht mehr aushalten.

Ratgeber

Ratgeber Tics. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher; von Manfred Döpfner, Veit Roessner, Katrin Woitecki und Aribert Rothenberger; Hogrefe-Verlag; 10.50 Franken.

Die häufigsten Tics

Motorische Tics: Augenzwinkern, Augenrollen, Gesichtverziehen, Kopfrucken, Schulterzucken, Arm- oder Hand, Bein- oder Fussbewegungen, Zuckungen im Brust- und Beckenbereich.

Vokale Tics: Husten, Räuspern, Bellen, Schniefen, Pfeifgeräusche, Grunzen, Quieken, Silben, Worte oder Schreie ausstossen, Wortwiederholungen.

Leiden Kinder unter den Tics?

Eltern leiden stärker. Sie sind besorgt oder beunruhigt, da sie ihrem Kind Leid ersparen möchten. Sie befürchten, dass sich die Tics in eine komplexe und sozial auffällige Richtung entwickeln. Viele Eltern sind über das Wesen und die Breite des Störungsbildes zu wenig informiert und fürchten sich vor der Entwicklung zu einem Tourettesyndrom, wie man es sehr selten sieht. Kinder selbst leiden in der Regel, wenn sich die Tics immer wieder verändern und sich ihrer Kontrolle entziehen. Oft werden sie auch häufiger beobachtet oder darauf angesprochen. Viele Kinder geben an, dass die Tics «nerven».

Was Tics und ADHS gemeinsam haben

Manche Kinder mit Tics haben noch weitere Auffälligkeiten wie etwa motorische Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, bringen angefangene Dinge nicht zu Ende, hören nicht zu, sind leicht ablenkbar und handeln, ohne zu überlegen. Typisch ist auch ein ausgeprägter Rededrang. Bei vielen Kindern sind die Probleme so stark ausgeprägt, dass zusätzlich eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wird.

Zur Behandlung von Tics gibt es Entspannungs-, Atem- und Selbstkontrollübungen. Voraussetzung für gute Therapieergebnisse: hohe Therapiebereitschaft und positiv eingestellte Eltern, die zur Mitarbeit bereit sind. Zudem gibt es von Kinder- und Jugendpsychiatern ausgewählte Medikamente, die gute Wirkung zeigen. Eine begleitende Verhaltenstherapie wird immer empfohlen.

DAS MUSS MAN WISSEN

  1. Ungewollt Das Kind kann nichts für die Tics, sie geschehen einfach so und es steht keine Absicht dahinter. Die Tics sind keine gegen andere gerichtete Provokationen. Ermahnungen oder Bitten, den Tic sein zu lassen, bringen nichts, sie verstärken die Tics eher.
  2. Stress Tics können unter Belastungen zunehmen. Stress rausnehmen, Ruhe reinbringen.
  3. Stärken Tics belasten die Familie. Darum möglichst die Stärken des Kindes unterstützen, bewusst gemeinsam schöne und ruhige Zeiten verbringen, Lieblingsinteressen fördern, den Spass nicht vergessen. Das macht stark, das Kind und die Beziehung.
  4. Kraft Die Tics zu kontrollieren erfordert vom Kind viel Willenskraft. Darum: Dafür loben und positiv bestärken.
  5. Selbstbewusst «Mein Tic gehört zu mir.» Statt dem Kind das Gefühl zu geben, so ein Tic sei peinlich, möglichst offen damit umgehen und darüber sprechen. Selbstbewusstes Auftreten lässt Hänseleien oft gar nicht entstehen.
  6. Ausser Haus Lehrpersonen über die Tics informieren, damit sie kompetent damit umgehen können und sich nicht durch sie provoziert fühlen. Dies kann auch für Freunde und Bekannte der Familie gelten.

(Quelle: Ratgeber Tics, Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher)

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