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Interview Paula Lambert

Sex-Expertin Paula Lambert über Elternsex und Treue

Baby da. Sex war gestern. Die deutsche Sex-Expertin und TV-Frau Paula Lambert spricht über Flaute im Bett, Erschöpfung und Erektionsstörungen. Sie weiss, wie Paare wieder zur Lust zurückfinden. Und warum Humor wichtiger ist als Treue.

«wir eltern»: Paula Lambert, es gibt ein Sexleben, bevor man Kinder hat, und ein anderes danach. Würden Sie diese Aussage bestätigen?

Paula Lambert: Ja, absolut. Es gibt sogar ein Leben vor Kindern und eins danach.

Woran liegts?

Kinder ziehen etwa 85 Prozent aller Energie ab, die man früher für seinen eigenen Kram hatte. Es sagt einem vorher ja keiner, dass Kinder eine tolle Erfahrung sind, aber eine, die wahnsinnig erschöpft. Und erschöpfte Menschen haben keine Kraft mehr, um Sex zu haben. Das ist einfach so.

Stress, Erschöpfung, Libido tot. Und jetzt?

Man muss sich bewusst dazu entscheiden, wieder Sex haben zu wollen, darf aber auf keinen Fall erwarten, dass es wieder so wird wie vorher.

Es wird nie mehr, wie es mal war?

Es wird anders. Man darf sich nicht in die Falle begeben, vergleichen zu wollen. Nicht mit sich, nicht mit dem, was man im Internet zu lesen kriegt, und nicht mit dem, was andere so erzählen. Jeder leidet in den ersten Monaten und Jahren. Das ist die Norm. Aber man kann sich ganz bewusst dafür entscheiden, sich wieder neu zu entdecken. Dafür müssen aber beide bereit sein. Häufig beobachte ich jedoch, dass Paare keine Veränderungen wollen und erwarten, dass alles weitergeht wie vorher. Das ist schrecklich naiv und führt zu wahnsinnig vielen Verwerfungen.

Mit Baby fehlt oft das Bedürfnis nach noch mehr Berührungen.

Gibts was, das ein Mann tun kann?

Ja. Er kann darauf achten, mehr und tiefere Kommunikation anzubieten und zuzulassen. Und vor allen Dingen sich im Vorfeld darüber klar werden, dass eine Frau, die gerade geboren hat, nonstop berührt wird von dem Baby. Und dass sie möglicherweise dann weniger Bedürfnisse hat, noch mehr angefasst zu werden. Das ist normal. Aber darüber muss man einfach sprechen.

Und was kann die Frau tun?

Ehrlich mit sich sein. Viele Frauen verzweifeln ja, weil sie denken, ich bin gar nicht mehr so, wie ich früher war. So lustig und lustvoll. Sie unterschätzen häufig die eigene Erschöpfung. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass Frauen teilweise ihre Sexualität nach dem Kinderkriegen nicht mehr so zulassen. Also, dass sie denken: «Das muss jetzt nicht mehr sein. Ich bin ja jetzt Mutter und darf nicht mehr so wilde Sauereien machen wie früher.» Für beide Partner gilt eine etwas grössere Ehrlichkeit über die eigenen Befindlichkeiten. Das wäre sensationell.

Manche Mütter lassen nur wenig Raum zwischen dem Baby und sich, spalten Mutter- und Frausein voneinander ab. Können Sie das verstehen?

Ja. Bei mir war es so, dass nach der Geburt ganz viele Kindheitstraumata wieder hochgekommen sind. Daher plädiere ich sehr dafür, dass man seinen Kram aufräumt, bevor man Kinder bekommt, und sich intensiv mit den eigenen Ängsten und auch Mangelgefühlen auseinandersetzt. Denn alles, was vorher da war, wird mit einem Kind multipliziert. Gerade dieses Überprotektive, wenn Frauen zu Übermüttern werden, entspringt einer Angst, die wiederum häufig die Wurzeln in derer Kindheit hat.

Verlassenheitsangst, Kontrollzwang oder das Gefühl, ich muss es ganz anders machen als meine Eltern. Wenn man das aber dem Partner gegenüber offen kommuniziert und sagt: «Pass auf, ich hab da ein Thema und wenn ich wieder rumflippere, nimm das nicht persönlich, weil das hat den oder den Ursprung», dann kann man als Paar ganz anders damit umgehen und darüber reden.

Manche Frauen kommen auch mit ihrem veränderten Körper nicht klar, finden sich sexuell nicht mehr attraktiv. Was schlagen Sie vor?

Ich finde, ein bisschen Wertschätzung diesem veränderten Körper gegenüber täte schon mal gut. Der hat immerhin gerade ein Leben produziert. Wenn der Bauch nun gerissen ist, die Brüste grösser sind, mehr Gewicht drauf ist oder man ganz mager und ausgezehrt geworden ist, das gibt es ja auch, und Frauen das selber nicht respektieren, dann ist das schon mal eine Katastrophe. Sich offensiv damit beschäftigen, was sich warum verändert hat, hilft total.

Einfach aufeinander liegen und sich wohlfühlen. Hauptsache, man ist sich nahe.

Was, wenn der Mann mit den körperlichen Veränderungen der Frau nicht klarkommt?
Das würde kein gutes Licht auf diesen Mann werfen. Natürlich ist das eine blöde Situation, sich dann zu fragen, ob das der richtige Partner ist. Aber eigentlich ist das die Frage, die man sich stellen müsste. Ein Mensch, der mich, nachdem ich ihm ein Kind geschenkt habe, nicht akzeptiert, nicht attraktiv findet oder mich kritisiert, der sollte eigentlich vom Hof gejagt werden.

Nun will der eine Sex, der andere nicht. Ein Teufelskreis entsteht. Was, wenn das Paar nun gar nicht mehr zum Sexleben zurückfindet?

Da es ja so ist, dass sich fast alle Leute nach gutem Sex besser fühlen als vorher und denken, Mensch, warum tun wir das nicht öfter, ist das bei den wenigsten Paaren wirklich eine Sackgasse. Man muss lernen, vernünftig darüber zu sprechen, und die eigenen Bedürfnisse benennen. Und auch darüber, was für Gefühle hochkommen, wenn der andere sagt, ich möchte jetzt Sex haben. Manche fühlen sich bedrängt oder überfordert.

Wenn man eine gute Kommunikationskultur hat, garantiere ich, dass sich alles irgendwann in Luft auflöst. Auch hilft, wenn man dieser ganzen Sexgeschichte auch nicht mehr so diese wahnsinnige Bedeutung beimisst. Es muss ja nicht jedes Mal ein weltbewegendes Erlebnis sein. Man kann auch einfach so ein gutes Gebrauchsgefühl hinlegen, einfach aufeinander liegen, sich ineinander stecken und sich wohlfühlen. Hauptsache man ist sich nahe.

Wichtig beim Sex ist Humor. Zusammen lachen nimmt viel Druck weg.

Stress im Kopf heisst Stress im Bett. Bei Männern kann das zu Erektionsstörungen führen. Nur spricht niemand darüber. Warum?

Der Glaube, dass Männer immer können, immer kommen können und super potent sind, ist eine enorme Belastung für sie. Darum wäre es schön, wenn mal ein junger, cooler Mann sagt: «Ab und zu habe ich Erektionsstörungen und das hat mir dabei geholfen.» Denn es ist ja bei Weitem kein Problem, das nur ältere Männer betrifft, sondern auch viele jüngere, die total gestresst sind oder unter Druck stehen. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn das öffentlich mehr diskutiert würde.

Was raten Sie einem betroffenen Mann?

Darüber sprechen. Mit der Partnerin, vielleicht mit einem guten Freund, falls er einen hat. Und sich möglichst schnell an Fachleute wenden. Urologisch abchecken lassen logischerweise, aber auch mit einem Psychologen darüber reden, was gerade im Leben ansteht, woher das kommen könnte, was so seine Gedanken sind.

Frauen nehmen Erektionsstörungen häufig persönlich. Was raten Sie ihnen?

Liebevoll sein. Es ist ja nicht so, dass der Mann sie nicht mehr sexy findet. Die Wurzeln des Problems liegen woanders. Darum ist ein behutsames Gespräch total wichtig, um allfällige Missverständnisse zu klären und Verständnis für den Mann zu haben.

Warum fällt es eigentlich so schwer, mit dem Partner über Sex zu sprechen?

Na ja, weil das einfach so schambehaftet ist. Man muss sich nackig machen, auch innerlich. Man zeigt sich schutzlos. Darum fällt es vielen schwer, ehrlich zu sein.

Haben Sie Tipps, wie man sexuelle Bedürfnisse ansprechen kann?

Ich würde einfach klein anfangen, wie bei allem. Quasi bei null. Ich würde sagen: «Ich möchte heute gerne mal mit dir über Sex sprechen.» Und dann mal schauen, was passiert. Ich finde es eine Überforderung, zu sagen: «Ich möchte gerne mit dir darüber sprechen, wie ich gerne Oralsex hätte.» Das ist viel zu viel für schüchterne Leute. Klein anfangen und schauen, ob sich beide dabei wohlfühlen. Dann kann man sich elegant reintasten und genau so weit gehen, wie beide möchten.
Wichtig dabei finde ich den Humor, dass man gemeinsam darüber lachen kann, ist unglaublich wichtig und nimmt viel Druck weg. Wenn ein Partner aber das Gespräch verweigert, ist das ganz schwierig. Eine Partnerschaft besteht aus zwei Menschen, die geben müssen. Wenn das nicht passiert, sind da wenig Chancen.

Was, wenn man das Sexleben schon länger nicht mehr spannend findet, aber nie was gesagt hat. Das nach langer Zeit ansprechen ist ja echt schwierig.

Ja. Absolut. Aber das kann man gut umgehen, indem man total ehrlich ist, und sagt: «Jetzt habe ich so lange nichts gesagt, und nun würde ich gerne mit dir darüber reden, aber ich schäme mich so wahnsinnig.» Und zack, ist man schon mittendrin, in der Unterhaltung.

Einer möchte mal was anderes ausprobieren, der andere hat aber null Bock auf Veränderungen und steht halt einfach nur auf «Blümchensex» im Dunkeln? Was dann?

Ja, viele Partner tun dann so, als wären sie völlig überrascht davon. Aber in Wahrheit zeigen sich ja Menschen schon von Anfang an, wie sie sind. Daher ist es wichtig, sich schon früh über die Grundbedürfnisse einig zu werden. Natürlich gibt es Entwicklungen bei Menschen, und manche entdecken ihre Bedürfnisse erst spät. Aber ich kann den anderen nicht in etwas reinzwängen, was für ihn einfach nicht geht. Man kann schauen, ob man einen Kompromiss finden kann. Falls das nicht möglich ist, muss man überlegen, ob die Beziehung noch die richtige ist, oder eben nicht.

Dessous, Sextoys, Rollenspiele: Kann das hilfreich sein für wieder mehr Drive im Bett?

Kann. Muss nicht. Dessous können keine Beziehung retten. Doch es kann sicher einen kleinen Anreiz geben. Wenn die Kommunikation stimmt, kann man natürlich alles ausprobieren, was man möchte. Kommunikation und Erotik hängen unmittelbar miteinander zusammen.

Kommen wir zur Treue. Laut Statistik hält das sexuelle Interesse einer Frau an ihrem Partner zwischen zwei und vier Jahren. Trotzdem halten wir eisern an der Monogamie fest. Ist das immer noch realistisch?

Ich glaube, das Modell der Monogamie ist überholt. Das haben zumindest die meisten von uns festgestellt. Aber sie ist insofern eine gute Stütze der Gesellschaft, weil Stabilität für die Menschen immer besser ist als Instabilität. Ich glaube aber, dass es zeitgemäss ist, Partner für Entwicklungsphasen zu haben. Das kann durchaus auch fünfzehn oder vierzig Jahre dauern, dagegen spricht ja nichts. Aber weil es meist so nicht funktioniert, müssen wir uns frei machen von der Vorstellung, dass man diesen Partner finden muss, mit dem man dann für immer und ewig zusammenbleibt. Das reduziert den Druck total.

Was halten Sie von offenen Beziehungen?

Leute, die das leben, reden nonstop darüber, was sie brauchen und wollen, was stört und so weiter. Insofern ist das eine gute Kommunikationstrainingsmethode. Ob man das leben möchte, ist eine andere Frage. Für viele ist bereits ein Partner oder eine Partnerin anstrengend. Für mich wäre das nichts. Es kommt aber auch darauf an, wie man offene Beziehung definiert. Für die einen sind das mehrere Partner gleichzeitig, für andere heisst das, es ist einmal Sex mit einem anderen Menschen pro Jahr. Es ist eine Frage des persönlichen Bedürfnisses. Wichtig dabei ist, sauber zu kommunizieren.

Manchmal braucht man einfach diese recht oberflächliche Berauschung.

Trotz eigentlich guter Beziehung trennen sich viele Leute nach einem Seitensprung des anderen. Schade, oder?

Ja, das ist total schade, zumal ganz viele Beziehungen sensationelle Werte haben, die in anderen Bereichen als der Sexualität liegen. Jedes Paar muss das natürlich selber entscheiden, aber gesellschaftlich täten wir uns einen Gefallen, wenn man sich von der absoluten Treue lösen würde, die nicht für jeden, aber zumindest für viele unrealistisch ist. Auch wenn man sich das schönreden will. Es kann einfach passieren, weil wir menschlich sind, interessiert und abenteuerlustig. Und weil wir manchmal diese recht oberflächliche Berauschung brauchen.

Wieder mal rumknutschen am Strassenrand, rumfummeln in einer Ecke, wieder mal einen anderen Körper spüren. Da ist wieder mal jemand, der uns bewundert. Jeder, dem das schon mal passiert ist, kann bestätigen, dass das nicht bedeutet, dass man den Partner nicht liebt. Sondern dass man diese Aufregung und Bewunderung in diesem Moment als wahnsinnig nützlichen Lebensimpuls empfunden hat.

Müssten wir grosszügiger werden, uns selber und dem Partner gegenüber?

Vor allem den eigenen Fehlern gegenüber. Die Leute scheinen davon auszugehen, dass der Mensch keine Fehler hat. Das stimmt aber nicht. Menschen haben wahnsinnig viele Fehler, Mängel und Bedürftigkeiten. Die machen den Menschen auch aus. Natürlich sind serielle Fremdgänger ausgenommen, weil das in sich unsichere, oft schäbige Menschen sind. Aber die Annahme der Fehler des anderen und der eigenen würde schon helfen.

Also nicht gleich davonrennen?

Ja unbedingt! Die meisten Leute gehen aus Beziehungen raus, weil sie Angst haben, was das Umfeld darüber sagt. Sie würden vielleicht bleiben wollen, aber die Scham ist zu gross. Ich finde, wenn man alles im Leben, das Gute wie das Schlechte, als Lehre betrachtet, dann lässt sich vieles deutlich einfacher leben. Statt sich sofort zu trennen, wäre der smartere Move sich zu fragen, wie ist es passiert, was war mein Anteil daran. Häufig werden da eigentlich gute Beziehungsstrukturen in die Tonne getreten, nur um das Gesicht zu wahren.

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