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Digitale Flohmärkte

Warum ich Kinderkleider gebraucht kaufe

Kinder wachsen schneller, als man Kleider für sie kaufen kann. Deshalb muss ja nicht unbedingt alles fabrikneu sein, findet unsere Autorin. Und geht auf virtuellen Flohmärkten im Internet einkaufen.

Neulich war ich wieder in der Vorhölle: einer Kinder-Boutique. Es roch nach teurer Creme und an den Kleiderständern hingen Hosen und Pullis in Lila und Dunkelgrün, den Farben der Saison. Die Sachen hatten hübsche Holzknöpfe, eine hochwertige Goretex-Membran oder waren von tibetanischen Frauen handgestrickt. Und sie waren richtig teuer. Ich brauchte dringend eine warme Mütze für mein Kind, doch bei dem Preis von 56 Franken wurde mir kurz schummrig. Die Verkäuferin tröstete mich mit den Worten: «Aber die Mütze passt doch bestimmt drei Monate.» Drei Monate? Ich verliess den Laden, ohne etwas zu kaufen. Und ging abends online.

Auf digitalen Flohmärkten verkaufen Eltern die Sachen ihrer Kinder. Auf Seiten wie kleiderberg.ch, tutti.ch oder ricardo.ch kann man getragene Kinderpullis, -hosen und -jacken kaufen. Und zwar ganz stressfrei: Denn anders als auf einem echten Flohmarkt muss man nicht mit Ellbogen um die besten Stücke auf dem Wühltisch kämpfen, sondern kann sich in Ruhe Fotos anschauen. Und blättern. Und kombinieren. Und klicken. Zu jedem Kleidungsstück gibts eine kurze Info über Preis und Zustand. Wer Sonderwünsche hat, etwa bezüglich der Versandart, schreibt dem Verkäufer eine kurze Nachricht. Und natürlich darf auch gehandelt werden.

In Zeiten, in denen viele Eltern darüber nachdenken, wie sie etwas gegen den Überfluss an Dingen in der Welt tun können, sind Onlineangebote für gebrauchte Kinderkleidung totalement en vogue. Die Plattformen bringen Menschen, die etwas zu viel haben zusammen mit solchen, die es gebrauchen können. Die Idee ist genial. Denn mit den Kindern wachsen die Altkleiderberge und jeder fragt sich, wie er das Zeug wieder loskriegt. So findet sich online ein Kleiderschrank mit schier unendlichen Möglichkeiten: Bodys, Strampler, Hosen, Pullis, Jacken, Schneeanzüge, Sommerkleider, Badehosen, Sonnenhüte, Socken, Handschuhe. Für unsere Tochter Anouk habe ich zum Beispiel eine Wintermütze aus weicher Alpakawolle erstanden. Sie wurde vorher nur zweimal getragen, «denn dann wurde der Kopf unseres Kindes schlagartig grösser», schrieb die Vorbesitzerin. Das kann ich gut nachvollziehen, mir ging es einst ähnlich.

Mein Kind war damals noch ganz neu, der Strampler auch. Ein hellgrauer Anzug aus Nicki, mit einem grünen Monster drauf. Ich habe ihn geliebt – genau drei Wochen lang, dann war er schon zu klein. Meine Tochter schoss durch die Kleidergrössen wie ein Salat im Mai durchs Beet. Ich hatte vor der Geburt nur das Nötigste angeschafft. Plötzlich brauchte ich auf die Schnelle eine grössere Menge Strampler und Bodys – und wurde auf den virtuellen Flohmärkten ruckzuck fündig. Seitdem kaufe ich fast ausschliesslich auf dem Gebrauchtkleidermarkt. Es erspart mir den Besuch in teuren Kinderboutiquen und Schnäppchenjagden bei H&M.

Ich wäre vor dem Kind wohl nicht auf die Idee gekommen, Kleider aus zweiter Hand zu kaufen. Aber der Überfluss spricht für sich: In Deutschland etwa kauft jeder Bürger rund 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Vier Mal werden die Teile durchschnittlich getragen, dann werden sie aussortiert. Die wenigsten Besitzer verkaufen sie weiter, viele werfen sie einfach in den Müll. Auch Kinderklamotten sind davon betroffen – weil die Modeindustrie den Mamis gerne suggeriert: «Das Shirt mit dem Einhorn-Aufdruck – so last year. Kauf ein neues, ist ja billig.» Fast Fashion nennt sich dieser Kaufrausch zu Ramschpreisen. Niemand findet das wirklich gut, aber die meisten fügen sich. Also warum nicht gelegentlich Gebrauchtes kaufen, um die Spirale zu durchbrechen?

Meine Erfahrungen sind durchweg positiv: Die Klamotten sind immer gut in Schuss, oft neuwertig, auch die Spielsachen. Ich kaufe gerne Kleidungsstücke von hochwertigen Marken oder aus Bio-Baumwolle, die im Laden ein Vermögen kosten. Aus zweiter Hand sind sie erschwinglich – und durch die gute Qualität immer noch weich und anschmiegsam. Am meisten freut mich aber, dass ich mit dem Kauf dem Zuviel auf der Welt ein Schnippchen schlage: Für unsere Tochter Anouk muss nichts neu produziert werden. Vielleicht leistet sie damit einen kleinen Beitrag, damit es auf der Welt weniger überflüssigen Kram gibt.

Die Secondhand-Plattformen haben auch Unterhaltungswert. Manche Eltern scheinen ein verrücktes Verhältnis zum Shoppen zu haben. Anouk besitzt zum Beispiel einen krachneuen Pulli von «Petit Bâteau», für den ich 11 Franken bezahlt habe. Die Vorbesitzerin schrieb, sie habe ihn «im Schrank vergessen». Ans Herz gewachsen ist mir auch ein selbst gestrickter, blau-gelb-gestreifter Pulli, 5 Franken. «Nie getragen» pries die Verkäuferin ihn an. Der Grund: «Omi war mit dem Stricken zu langsam, da war das Kind schon rausgewachsen.»

Die Kommunikation mit den Verkäufern ist fast immer herzlich, manchmal sogar amüsant. So erreichte mich die Mail einer Frau, die im Radio gehört hatte, dass auf der Autobahn ein Postlaster in einen Unfall verwickelt war. Sie schrieb mir eine besorgte Mail: «Hoffentlich war da nicht Ihre Jacke drin. Sie könnte über Nacht kalt kriegen auf der Autobahn». Die dunkelblaue Zipfelmützenjacke, «Finkid», 28 Franken, kam zwei Tage später an, unversehrt. Unsere Tochter hat sie im Winter praktisch jeden Tag getragen. Und wenn sie ihr im nächsten Winter zu klein sein sollte, verkaufe ich sie auf dem Online-Flohmarkt weiter – auf dass sie noch ein anderes Kind warmhält. Die Hebammen predigen das ohnehin: Schon getragene und häufig gewaschene Kleider sind die besten – weil da die ganze Chemie raus ist.

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