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Kindermode

Kindheit aus der Mode

2 Kinder mit vollen Einkaufstaschen telefonieren.

Der Schein zählt – schon bei den Primarschülern. Wer nicht «gut aussieht», fällt durch. Was Eltern dem Modestress der Kids entgegensetzen können.

Das Bild prägt sich ein: Eine Frau um die 30 stakst mit hohen Absätzen und hautengen Jeans über die Strasse. An der Hand ihr ungefähr 10-jähriges Mädchen. Ebenfalls in enger Hose und mit überdimensionierten Klötzen an den Füssen. Das Kind als Miniaturausgabe der Mutter sozusagen – modisch zwar, aber zur Unbeweglichkeit verdammt.
Freiwillig zwängt sich kein Kind in solche Schuhe und Klamotten, sollte man meinen. Zumal es dem Naturell eines jungen Teenys doch eher entspricht, zu springen, hüpfen, rennen – statt in viel zu engen Kleidern rumzustöckeln. Aber: Die Kleinen ticken heute wie die Grossen. Sie machen nach, was ihnen vorgelebt wird. Und so merken Mädchen und Jungen schon früh, dass gutes Aussehen zählt. Dass sie bei Gleichaltrigen punkten, wenn sie sich dem Trend entsprechend kleiden, und dass es mega ankommt, die eh schon schlanke Silhouette mit der Röhrenjeans noch zu betonen.
Die Kids erfahren es auf allen Kanälen: Werbung, Film, Beauty und Styling-Zeitschriften oder im Internet – überall Mode und Trends, die sich gezielt auch an unter 12-Jährige richten. Hier lernen sie, wie erstrebenswert es ist, einen attraktiven, schlanken und trainierten Körper zu haben; sie erfahren, welches die hippsten Klamotten, der tollste Schmuck, das coolste Make-up ist. Willkommen auf dem Kinder-Laufsteg.
Ist das verwerflich? «Kommt darauf an, welchen Stellenwert es einnimmt», sagt Bettina Isenschmid. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Und beobachtet, dass Kinder heute unter enormem Druck stehen. Ihre Gedanken würden zunehmend darum kreisen, gut aussehen zu wollen. Manche beschäftigen sich derart intensiv damit, dass wesentliche Dinge zweitrangig werden: Freundschaften, Fairness, Mitgefühl.

Kommt hinzu, dass sich Mädchen und Jungen oft an Idolen orientieren, die mit der Realität nichts zu tun haben. «Schon seit Menschengedenken haben wir Vorbilder, heute sind das eben Stars und Models», sagt Bettina Isenschmid. Übersehen werde dabei allerdings, dass es sich kaum mehr um echte Menschen handelt – sondern um Artefakte aus Schönheits-OPs und am Computer optimierten Fotos. Drumherum eine fiktive Biografie, die sich gut liest – und fertig ist das Kunstprodukt. Das fasziniert und animiert junge Teenager dazu, sich in einschlägigen Internet-Foren darüber zu unterhalten, wie sie am besten zu einer Modelfigur kommen: 90-60-90 für die Mädchen, Sixpacks für die Jungs.

Heidi Klum als Massstab

Die Psychotherapeutin Bettina Isenschmid behandelt auch Kinder und Jugendliche mit Essverhaltensstörungen. In ihren Sprechstunden am Kompetenzzentrum des Spitals Zofingen AG hört sie von den jungen Patientinnen und Patienten oft, sie seien unter anderem durch diese unerreichbaren Vorbilder krank geworden. Kein Wunder, sagt die Fachärztin. In Sendungen wie «Germanys next Topmodel» stauche man die Kandidatinnen zusammen, weil sie angeblich den Ansprüchen nicht genügen: Du bist zu fett, hast keine Ausstrahlung, kommst nicht rüber vor der Kamera. All das bei den angeblich schönsten Frauen Deutschlands! Wie kann sich da ein Durchschnitts-Mädchen anders als schlecht fühlen?
Die 10-jährige Luana Favale aus Bischofszell TG hat mit derlei Sendungen nichts am Hut und ist nach eigenen Worten mit ihrem Aussehen zufrieden. Doch auch sie wollte schon abnehmen. «Auf einmal fand sie sich zu dick», erzählt ihre Mutter Yvonne Favale. Und das mit 29 Kilogramm und einer Grösse von 1,30 Meter! Es sei schnell klar gewesen, woher die Idee kommt: Luanas Freundin ist sehr schmal, und plötzlich habe ihre Tochter auch so aussehen wollen. Doch die Vernunft siegte: «Ich habe Luana erklärt, dass es wichtig ist für sie, richtig zu essen, damit sie sich normal entwickelt und gesund bleibt. Das leuchtete ihr ein.» Vielleicht verzichte sie heute mal auf ein Stück Schokolade, ansonsten seien Abnehmen und Diäten keine Themen mehr – im Moment.

Seit ungefähr einem Jahr beobachtet Yvonne Favale Veränderungen im Verhalten ihrer Tochter: Sie befasse sich nicht nur mit Aussehen und Figur, sondern auch mit Kleidern und Mode. «Sie selber sagt zwar, ihr sei das nicht so wichtig, aber sie legt schon Wert darauf.» Morgens müssen die Haare sitzen, die Stiefel zur Jacke passen, und bestimmte Farbkombinationen findet Luana gänzlich uncool, Blau mit Rot beispielsweise. Aus Sicht der Mama bewegen sich die Ansprüche der Tochter aber im grünen Bereich. Und ab und zu brauche es von elterlicher Seite her halt ein entschiedenes «Nein»: Sportkleider nur noch aus Marken-Kollektionen? Kommt nicht in Frage.
Eltern sollten Grenzen setzen, heisst es. Was aber, wenn die 11-jährige Tochter das hautenge Top mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel partout haben will? «Es verbieten, wenn Kleidung ungesund ist oder nicht dem Alter entspricht», sagt Dagmar Pauli, Chefärztin am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Zürich. Sie hat selbst zwei Töchter und weiss, was den Kindern Orientierung gibt: ein klarer Standpunkt und Sachargumente. «Schliesslich kann es gefährlich werden, wenn sich junge Mädchen zu sehr auftakeln.» Sie machten damit bei erwachsenen Männern auf sich aufmerksam, ohne es zu beabsichtigen.

Aussen Frau, innen Kind

Pauli weiss, dass es für Eltern manchmal schwierig ist, sich den Tatsachen zu stellen. Eine davon sei, dass Mädchen heute früher in die Pubertät kommen als noch vor 20 Jahren. Dementsprechend früh fangen sie an, sich mit ihrem Aussehen und ihrem Körper zu beschäftigen. Und natürlich wollen sie jenen nacheifern, die an der Schule als Trendsetter gelten: topmodern gestylt, mit Lidschatten und Absätzen. Hier strikte Verbote auszusprechen, hält Pauli für falsch. «Das Argument, dass wir uns mit 12 auch noch nicht geschminkt haben, reicht nicht aus.» Eltern sollten sich an heutigen Standards orientieren und dem Kind nicht nur die eigenen Massstäbe aufzwingen. Denn damit koppelt man die Tochter oder den Sohn möglicherweise ab von Gleichaltrigen und mache sie zum Aussenseiter. Es brauche vielmehr Kompromisse: Vielleicht reicht vorerst dezentes Make-up für das nächste Schulfest. Oder 2-Zentimeter-Absätze – die sind auch modisch, garantieren aber Bewegungsfreiheit.


Andrina Nef

Andrina Nef, 10 Jahre, Hemberg, SG

«Seit ungefähr einem Jahr gehe ich immer mit, wenn meine Mama für mich Kleider einkauft. Ich bin gross für mein Alter, deshalb schaue ich auch bei den Kleidern, die eigentlich für ältere Kinder sind. Meine Mama erlaubt mir vieles, es darf bloss keine Löcher haben und nicht zu teuer sein. Und kurze Röcke und Aufdrucke mit Totenköpfen oder Playboyhasen verbietet sie mir auch. Wir gehen oft zu H & M, dort hat es ganz gute Sachen. Das letzte Mal haben wir eine Jeans und einen grünen Pullover mit Kapuze gekauft. Den hatte ich heute in der Schule an. Den meisten Mädchen in meiner Klasse ist es nicht so wichtig, welche Kleider sie tragen und wie sie aussehen. Auch ich schaue nicht dauernd in den Spiegel. Aber manchmal stört es mich, wenn meine langen Haare widerspenstig sind. Ich trage sie offen, sie kräuseln sich schnell, wenn es draussen feucht ist. Neulich habe ich mir mit meiner Mama Bilder von Schauspielerinnen angeschaut. Das ist schon komisch: Es geht immer nur darum, wie sie aussehen. Ob sie nett sind zu anderen, danach fragt nie jemand.»


Luca Wittwer

Luca Wittwer, 10 Jahre, Oberkulm AG

«Die Farben müssen einfach stimmen – Grün und Blau trage ich am liebsten. Heute hatte ich in der Schule einen Kapuzenpulli an, dazu Jeans, eine grüne Jacke und die blau-weiss-grünen Schuhe.
Diese Kombination gefällt mir gut. Ich habe auch Kleider, die mir nicht gefallen: Die braune Hose ist schrecklich – meine Mami hat sie gekauft, obwohl ich sie nicht haben wollte! Wenn meine Lieblingskleider in der Wäsche sind, muss ich halt andere Sachen anziehen. Das verdirbt mir nicht gerade den Tag, aber ich fühle mich ein bisschen unwohl. Einigen Freunden ist es auch wichtig, was sie tragen und wie sie aussehen. Manche aus meiner Klasse haben einen Ohrring. Auch ich habe einen seit Weihnachten – einen kleinen aus Silber. Ich finde, das sieht gut aus. Aber meine Eltern erlauben mir nicht alles, teure Sachen zum Beispiel. Das ist okay, Marken sind mir nicht so wichtig. An meiner Schule tragen einige Nike-Turnschuhe. Solche wünsche ich mir aber nicht.»


Luana Favale

Luana Favale, 10 Jahre, Bischofszell TG

«Am liebsten trage ich Jeans, auch Hüftjeans, aber nur, wenn sie bequem sind. Röcke kann ich nicht leiden. Ich habe welche, aber die ziehe ich selten an. Zu Jeans trage ich gerne mein Jäckchen in Dunkelrosa, drunter das T-Shirt mit dunkelrosa Schrift. Manchmal schaue ich auch auf Marken. Ich habe eine Adidas-Hose mit lila Strichen. Meine Freundin hat die auch. Einmal waren wir genau gleich angezogen, das hat Spass gemacht. Ich wollte unbedingt eine Bench-Jacke. Sie ist kariert, hellblau, dunkelblau und schwarz, sie gefällt mir echt gut. Wenn ich mit meiner Mama Kleider kaufen gehe, darf ich mir manchmal selber etwas aussuchen. Wenn es teuer ist, muss ich einen Teil davon mit dem Taschengeld bezahlen. Oder ich muss warten, bis ich Geburtstag habe. Morgens brauche ich nicht so viel Zeit, um mich schön zu machen. Haare waschen, das würde zu lange dauern. Sie sind dunkelblond und gehen bis knapp über die Schultern. Sie gefallen mir, auch meine braunen Augen finde ich hübsch.»

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