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Geburt – Dammverletzung

Dammschnitt bei Geburt: Wie es ohne geht

Viele Frauen fürchten sich vor Verletzungen am Damm während der Geburt. Manche erwägen deswegen einen Kaiserschnitt. Das muss nicht sein.

Zugegeben, die Vorstellung, dass zwischen den Beinen etwas reisst während der Geburt, ist nicht schön. Auch einen Schnitt wünscht sich niemand. Cornelia Engel aus Gossau SG setzte deshalb alles daran, dass es nicht so weit kommen würde. Die Hebamme empfahl der 30-Jährigen einen Monat vor dem Geburtstermin, das Gewebe täglich eine halbe Stunde mit einem Epi-No zu dehnen. Dabei wird ein Plastikballon in die Scheide eingesetzt und mit der dazugehörigen Handpumpe aufgeblasen. «Ich fand es unangenehm, blieb aber dran», erzählt sie. Als sie die vom Produktehersteller vorgegebenen acht bis zehn Zentimeter Durchmesser nicht schaffte, fühlte sie sich verunsichert.

Mit ihrer Furcht ist Cornelia Engel nicht allein. Bei vielen Frauen, vor allem bei Erstgebärenden, ist die Sorge um die Unversehrtheit von Scheide und Damm sogar so gross, dass sie einen Kaiserschnitt wählen. Laut Bundesamt für Statistik wird der Damm, also das Gewebe zwischen Vulva und After, bei zwei von drei Geburten verletzt. Entweder reisst es, wenn das Köpfchen des Kindes heraustritt, oder es wird vorsorglich ein Dammschnitt gemacht, um eine gravierendere Verletzung zu verhindern oder die Geburt zu beschleunigen. Sowohl Riss als auch Schnitt werden von der Frau kaum bemerkt, denn der Wehenschmerz überdeckt alles. In der Zeit nach der Geburt kann es aber zu Schmerzen kommen – beim Sitzen oder Gehen, beim Stuhlgang oder Wasserlassen, beim Sport oder Geschlechtsverkehr.

Tempo drosseln

Die gute Nachricht: «Das Dammgewebe ist das Körpergewebe, das am leichtesten heilt», sagt Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe des Universitätsspitals Zürich (USZ), «zudem ist das Risiko eines höhergradigen Dammrisses viel kleiner als die meisten Frauen annehmen.» Gemäss Statistik war 2012 nur gerade jede 50. von einem Dammriss 3. oder 4. Grades (siehe Infobox links oben) betroffen. Dennoch halten Fachleute die Dammriss- und die Dammschnittquote für zu hoch: «Die rund zwei Prozent bei den höhergradigen Dammrissen müssten nicht sein», sagt Zimmermann. Das USZ versucht diese Quote zu senken – mit Erfolg: Hier beträgt sie nur gerade 1,1 Prozent, halb so viel wie gesamtschweizerisch.

«Das richtige Geburtstempo beim Durchtreten des Kopfes ist das Wichtigste, um Dammverletzungen vorzubeugen», sagt Roland Zimmermann. «Es darf nicht zu hoch sein. Der Kopf des Kindes soll millimeterweise durch den Beckenboden treten, damit das Dammgewebe sich anpassen kann.» Die Frau soll sich in der letzten Geburtsphase deshalb Zeit lassen und nicht übermässig pressen, die Hebamme wenn nötig den Kopf des Kindes bremsen. Die USZ-Hebammen ermutigen die Gebärenden ausserdem, Mitverantwortung zu übernehmen. Karin Inderbitzin, Gruppenleiterin Hebammen, sagt: «Wir regen an, die Hand auf die Scheide zu legen. So spürt die Frau besser, wie schnell es für sie und das Kind gehen soll.» Neben dem Geburtstempo spielt laut Zimmermann die Gebärposition eine grosse Rolle. Die Frauen werden ermuntert, aufrecht zu gebären: sitzend, stehend oder in der Vierfüsslerposition. Bei einer Periduralanästhesie (PDA) wird die Seitenlage empfohlen. Aktuelle Studien der Universität Antwerpen zeigen, dass die aufrechten Positionen das Risiko einer Dammverletzung gegenüber der liegenden Position um fast 50 Prozent verringern. «Das Gewicht des Kindes belastet den Beckenboden so mehr seitlich und in Richtung Harnröhre anstatt in Richtung Damm», erläutert Roland Zimmermann. Es brauche aber noch mehr Wissen. «Da besteht erheblicher Forschungsbedarf.»

«Eine Geburt ist kein Kopfereignis»

Und was bringt die Dammvorbereitung in der Schwangerschaft? Roland Zimmermann ist skeptisch: «Die Studien, welche die Wirksamkeit der Dammvorbereitung belegen sollen, sind wenig aussagekräftig, da die Kontrollgruppen zu klein sind oder fehlen.» Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands, ist hingegen von deren Nutzen überzeugt. «Die Gebärenden haben meiner Erfahrung nach weniger Verletzungen, wenn sie den Damm konsequent vorbereitet haben.» Sie hält es zudem für sehr wertvoll, dass sich die Frauen im Rahmen der Dammvorbereitung mit dem Geburtskanal auseinandersetzen: «Je mehr Körperbewusstsein die Frau beim Gebären hat, desto besser. Eine Geburt ist kein Kopfereignis.»

Das Gerät Epi-No empfiehlt Stocker als nützliches Hilfsmittel zur Dammvorbereitung. Geburtssimulationsübungen, das heisst den aufgepumpten Ballon aus der Scheide gleiten zu lassen, wie der Hersteller empfiehlt, seien allerdings nicht für jede Frau geeignet. Vor allem solle die schwangere Frau den Dehnungsgrad nicht ausreizen. «Das kann zu Verletzungen führen.» Wichtig findet sie, dass schwangere Frauen darauf hingewiesen werden, dass sie nicht zwingend den vom Hersteller beschriebenen Ballonumfang erreichen müssen. «Das Geburtsgewicht eines Babys und sein Kopfumfang variieren. Auch verändern sich Scheidenschleimhaut und Dammgewebe unter den hormonellen Einflüssen der Geburt.»

Wäre Cornelia Engel dies klar gewesen, hätte sie ihrer ersten Geburt wohl ruhiger entgegengesehen. Allerdings: Der Arzt schnitt dann trotzdem. Als sie ein Jahr darauf ihr zweites Kind erwartete, liess sie die Dammvorbereitung bleiben, rechnete mit einem erneuten Schnitt. Doch siehe da: Ihr Sohn rutschte ganz leicht auf die Welt; sie trug nicht einmal eine Schürfung davon.


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