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Junge schaut durch regennasse Scheibe nach draussen

Psychisch kranke Eltern

Schatten auf der Seele

Wenn Mutter oder Vater psychisch erkranken, gehen die Kinder oft vergessen. Sie leiden still vor sich hin. Das kann schlimme Folgen haben.

Eltern fühlen sich schuldig, überfordert, als Versager.

Wenn Julie nach Hause kam, stand ihre Mama auf dem obersten Treppenabsatz und wies sie an, die Kleider zu wechseln. Immer. Denn in der Vorstellung der Mutter lauerten die Krankheitserreger überall: auf Pullovern, Hosen, Röcken, an Türklinken und den eigenen Händen. Manchmal warteten der Vater, Julie und ihre drei Schwestern eine halbe Stunde am gedeckten Tisch. Mama schrubbte sich derweil im Badezimmer die Hände, seifte sie ein, wusch sich erneut – solange, bis sie wund waren, und irgendwann ein Ekzem die Haut überzog. Die psychische Krankheit von Julies Mutter bestimmte Rhythmus, Tonfall und Farbe des Alltags, meist umhüllte das Leiden die Familie wie ein grosses, schwarzes Geheimnis. Nach aussen durfte nichts dringen. Nicht der Waschzwang, nicht die tiefe Trauer, nicht die Tatsache, dass die Kinder sich häufig allein und verlassen fühlten. Freundinnen brachte Julie nie nach Hause. Wie hätte sie erklären sollen, dass ihre Mama am helllichten Tag mit heruntergezogenen Storen im Bett lag? Wie begründen, dass sämtliche Türen im Haus stets geschlossen waren?

«Wir glänzten als Familie mit Haus, Hund und gefreuten Töchtern», sagt Julie heute. Als sie 9 Jahre alt war, erklärte sie ihrer Mutter: «Ich kann für mich selber sorgen, ich brauche dich nicht mehr.» Ein Kind, ein Jugendlicher aber ist angewiesen auf Zuwendung. Auf Menschen, die es schützen, spiegeln, lieben. Julies Vater hielt die Familienwelt zwar zusammen, doch zum Spielen, Kuscheln, Lachen fehlte auch ihm die Kraft. Jetzt sitzt Julie, blonder Wuschelkopf, mittlerweile über vierzig, auf dem grossen Sofa in ihrem Häuschen mit Wintergarten und spult zurück. Zurück in eine Kindheit, von der sie lange glaubte, sie sei ganz normal. Wie sehr ihr Wärme und Geborgenheit damals gefehlt hatten, realisierte Julie erst, als sie nach 20 Jahren Magersucht und Bulimie in eine Klinik eingewiesen wurde.

Kinder wie Julie gibt es viele – möglicherweise immer mehr. Denn die Anzahl Diagnosen psychischer Erkrankungen nimmt zu. Fachleute schätzen, dass in der Schweiz rund 50 000 Kinder leben, deren Eltern unter einer Depression, unter Schizophrenie oder einer Persönlichkeitsstörung leiden. Jede dritte psychisch kranke Frau, jeder sechste kranke Mann sind Eltern von ein oder mehreren Kindern. Viele allein erziehend, weil Beziehungen an der Last zerbrechen.

Eine lange Odyssee

Was aber geschieht mit den Kindern, wenn Papa Stimmen hört oder Mama mit sich selber spricht? Noch immer dauert es viel zu lange, bis sich jemand um sie kümmert. Drei bis sieben Jahre vergehen, ehe das Problem als solches erkannt wird. Betroffene schweigen aus Angst vor Stigmatisierung und Sorgerechtsentzug. Lange wurde nicht einmal bei einer Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung nach den Kindern gefragt. Dabei werden Kinder psychisch verletzlicher Eltern häufiger vernachlässigt und missbraucht, rutschen öfter in Armut als andere, und das Risiko, später selber an Zwangshandlungen, Panikattacken oder Schizophrenie zu erkranken, steigt je nach Störung bis zum Achtfachen.

Eine, die sich der tristen Statistik entgegenstemmt, ist Anja Mackensen. Die Leiterin der Fachstelle für Angehörige der Psychiatrischen Dienste Aargau mochte nicht länger zuschauen, wie Kinder gleichsam als belangloser Kollateralschaden der elterlichen Krankheit vergessen gingen. Welch ein Glück für jene Mädchen und Jungen, die bei der Psychologin FSP hin und wieder für eine Stunde Unterschlupf finden. Denn in ihrem Beratungszimmer stapeln sich auf den Regalen Tiere vom Tiger bis zum Dinosaurier, Puppen warten auf farbigen Decken, Buntstifte und Papier liegen bereit – ein Raum voller Spielzeug, das mithilft, den Ängsten und Leerstellen in den Kinderseelen Ausdruck zu verleihen. Ein Ort wie ein Schaffell vor dem Kachelofen.

Jetzt sitzt Anja Mackensen an ihrem Arbeitsplatz, aufrecht, über dem schwarzen Pulli baumelt eine goldene Taschenuhr – ein Blickfang für die Kinderaugen und vertrauenerweckend wie das freundliche Lächeln der Psychologin. Zutrauen zu finden – das haben die Kinder bitter nötig. Denn was sie nach einer langen Odyssee hierherbringen, sind Wagenladungen schwerer Gefühle. Anja Mackensen erzählt von einem Mädchen im Kindergartenalter, dessen Mama regelmässig in psychotische Zustände gerät. Als die Mutter eines Abends erneut reglos und abwesend auf dem Sofa liegt, und dem Mädchen nicht mehr antwortet, droht dieses, aus dem Fenster zu springen. Erst als es auf der Fensterbank kniet, kann die Mutter sich aus der Starre reissen und den Notfallarzt rufen.

Meist sind es zunächst die Grosseltern, der Ehepartner oder die Nachbarn, die bei Anja Mackensen anklopfen. Weil sie beobachten, dass in der Familie etwas aus den Fugen geraten ist. Beim kranken Elternteil fehle es manchmal an Einsicht oder die Eltern schämen sich, Hilfe zu holen. Sie fühlen sich schuldig, überfordert und glauben, als Erziehende versagt zu haben. «Beim ersten Gespräch fällt ihnen eine Last von der Seele, wenn ich sage: Ihr macht es trotz Krankheit gut – jetzt finden wir gemeinsam einen Weg, damit es allen in der Familie besser geht.»

Die Krankheit benennen

Anja Mackensen weiss, wo das kranke Familienmitglied Unterstützung erhält, hilft mit bei der Entscheidung, ob eine ambulante therapeutische Begleitung genügt, oder ob es Sinn macht, in einer Klinik zur Ruhe zu finden. Für die Kinder findet Anja Mackensen immer eine Lösung – wenn möglich bleiben sie im gewohnten Umfeld mit dem anderen Elternteil, Verwandten oder externer Betreuung. Zusätzlich besuchen die Mädchen und Buben regelmässig die Psychologin, gucken mit ihr Bilderbücher an, zeichnen – und sprechen vielleicht das erste Mal mit jemandem darüber, was sie bedrückt. «Wenn eine Mutter oder ein Vater emotional abwesend ist, sich seltsam verhält, ist das Kind verwirrt», sagt Anja Mackensen. Und wenn es für das Verhalten der Eltern keine Erklärung hat, nicht weiss, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt, reimt es sich etwas zusammen, das es belastet. Am schlimmsten seien die Schuldgefühle, sagt Mackensen. Denn es liegt in der Natur der kindlichen Psyche, dass es die Welt aus egozentrischer Sicht wahrnimmt: ‹Ich war nicht lieb, ich habe nicht aufgeräumt, deshalb schreit Mama herum›. Auch ältere Kinder beziehen das unbegreifliche Verhalten der Eltern auf sich: ‹Weil ich frech war und schlecht in der Schule, redet Papa nicht mehr mit mir und bleibt nächtelang weg›.

Kinder passen sich psychisch den windschiefen Bedingungen zu Hause an. Damit schlittern sie oft in eine Erwachsenenrolle, die sie letztlich nicht zu schultern vermögen: den Haushalt erledigen, Mama trösten, daheim bleiben, statt mit Freunden zu spielen – brav sein in der Hoffnung, dass die Lebensgeister der abgedrifteten Eltern wieder zurückkehren. Weil aber oft ungewiss ist, ob und wann Mama oder Papa wieder «zurückkehrt», erklärt Anja Mackensen dem Kind in Gesprächen, was die Krankheit der Mama ist, woher sie kommt und wie es lernen kann, damit umzugehen. «Ein Kind, das dem sonderbaren oder beängstigenden Gebaren einen Namen geben kann, weiss, dass Mama nicht ganztags auf dem Sofa liegt, weil es böse war, sondern weil sie sehr traurig ist.» Das Kind sucht die Schuld nicht mehr bei sich selber.

Zuversicht trotz Tragik

Auch Daniels Kindheit war überschattet von der Krankheit seiner Mutter. Ihre Schwermut entging ihm nicht, auch nicht die Diskussionen der Eltern um die Antidepressiva, die sie hätte einnehmen sollen. Wie Wellen kamen die Hochs und Tiefs. An den letzten Aufschwung erinnert sich Daniel gut, an jene symbolhafte Szenerie, als seine Mutter ihm die neu gekauften Teller zeigte, jeder bunt bemalt mit Früchten. Der Anblick erfüllte ihn, den damals 11-Jährigen, mit dem Gefühl: «Nun wird alles gut!». Wenige Monate darauf stürzte sich seine Mutter von einer hohen Mauer.

Jetzt federt ein junger Mann in Turnschuhen auf das Tischchen zu in einem Zürcher Starbucks, kastanienbraune Haare, klare Stimme. 15 Jahre sind seit dem Tod der Mutter vergangen. Daniel spricht offen über die dunkle Zeit. Auch wenn es ihn noch immer bewegt, als er erzählt, wie gern er sich als Kind im Liegestuhl am Strand an seine Mama schmiegte, wie es wehtat, zu merken, dass sie traurig war, wie sehr er und seine Schwester gelitten haben, als sie nicht mehr da war. Verbitterung aber ist bei Daniel keine zu spüren. Wie kommt es, dass er nicht hadert mit seinem Schicksal? Nicht wie viele andere verloren durchs Leben schlingert? «Am Tag, als unsere Mutter starb, brachte mein Vater mir und meiner Schwester das sehr schonend bei. Am Tag darauf gingen wir, wie jeden Samstag, einkaufen.» Daniels Vater schaffte es, den Kindern trotz der Katastrophe Zuversicht zu vermitteln, ihnen zu zeigen, dass das Leben weitergeht. Die Krankheit und der Tod der Mutter wurden nie verschwiegen, Daniel und seine Schwester konnten jederzeit darüber sprechen. Für Daniel suchte der Vater eine Psychologin, zu der er als Junge schnell Zutrauen fand und die über die darauf folgenden Jahre ein klein wenig die Mutter ersetzte.

Auch Julie kämpfte sich ins Leben zurück. Sie arbeitet heute als Kindergärtnerin, Erwachsenenbildnerin und Redaktorin und engagiert sich für Kinder psychisch kranker Eltern. Die Essstörung hat sie überwunden, «das Gefühl der Einsamkeit aber trage ich immer noch in mir», sagt sie. Julie macht ihrer Mutter keine Vorwürfe – sie habe damals nicht anders gekonnt. «Rückblickend aber wäre vieles einfacher gewesen, wenn meine Eltern nicht heile Welt gespielt, sondern von aussen Hilfe geholt hätten.» Julie streichelt das weiche Fell einer ihrer geliebten Siamkatzen. Das hilft ihr ein klein wenig gegen das emotionale Loch, die unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit hinweg.


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