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Depressive Mütter

Depression: Das Leiden der Kinder unter der Krankheit der Eltern

Depressionen sind schlimm. Für die Betroffenen - aber auch für deren Kinder. Denn wie kann Aufwachsen unter einer dunklen Wolke gelingen? Nur mit Hilfe. Doch die fehlt oft.

Vor dem Knacks und nach dem Knacks – so gliedert Sandra Caprez ihr Leben. Der Knacks, das ist dieser eine Tag damals, von dem an nichts mehr gut war. An diesem Tag beichtet der Vater die andere Frau, ihre Mutter beginnt zu weinen. Immer wieder. Jahrelang. Bis zu ihrem Selbstmord. Über 30 Jahre sind seitdem vergangen. Sandra ist heute 50. Klug, blond, blitzeblauäugig. Mit Sicherheit war sie früher ein auffallend herziges Kind. Nur, dass sie ab dem Alter von 10 Jahren kein Kind mehr sein konnte. Denn wie soll ein unbeschwertes Kinderleben neben einer stark depressiven Mutter klappen? Gar nicht.

«Vier Mal hat meine Mutter versucht, sich umzubringen. Beim fünften Mal hat es geklappt», sagt Sandra und guckt in den Himmel über der Aarauer Altstadt, oder vielleicht auch in die Vergangenheit in einem Aargauer 2500-Seelendorf in den 1980er-Jahren. «Kein Mensch hat mir geholfen», sagt sie. Nicht der Vater, der die Familie verlässt, nicht der Arzt, den sie anruft, als sie ihre Mutter zum ersten Mal reglos und mit einem Magen voller Tabletten in der Stube findet, nicht die Lehrerin, der sie versucht zu erklären, warum sie oft zu spät zum Unterricht kommt. «Niemand.»

Schwierigkeiten? Leugnen!

So wie Sandra geht es vielen Kindern. 140 000 Schweizer leiden, so Schätzungen, unter Depressionen. Rund ein Drittel davon hat minderjährige Kinder. Laut einer Umfrage des Instituts Kinderseele Schweiz und der Winterthurer Hochschule für Soziale Arbeit haben also 20 000 bis 50 000 Buben und Mädchen – etwa so viele wie die Stadt Thun Einwohner hat – mindestens einen Elternteil, der unter einer psychischen Krankheit leidet, manche Fachleute gehen aufgrund der hohen Dunkelziffer vom Dreifachen aus.

Hilfe finden nur wenige. Schliesslich tun die Eltern ihr Möglichstes, damit zumindest die Aussenfassade der Familie intakt erscheint, und die Kinder lernen früh: über Kopfschmerzen, Beinbrüche und Eisenmangel darf man offen reden. Über Schmerzen im Gemüt, Tränen und Mangel an Lebensenergie? Besser nicht.

Dabei ist die Krankheit «Depression» allgegenwärtig. Jeder fünfte Erwachsene ist im Laufe seines Lebens mindestens einmal von einer behandlungsbedürftigen Depression betroffen, jeder zweite zumindest von einer längeren Phase der Schwermut. 2020, prognostiziert die WHO, wird «Depression» die häufigste Erkrankung weltweit sein. Doch obwohl – rein statistisch – in jedem Büro mindestens einer hockt, der betroffen ist, bleibt die Krankheit mit ihren Auswirkungen auf die Angehörigen der rosa Elefant im Raum, den keiner sehen will. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Vielleicht, weil Männer ihr Problem lieber dynamisch «Burn-out» nennen oder gleich mit Alkohol wegspülen; vielleicht, weil Frauen Schwäche eher zeigen und zum Arzt gehen. Jedenfalls werden sie doppelt so oft wegen dieser inneren Leere und drückenden Traurigkeit behandelt. Der Höhepunkt des seelischen Tiefs liegt im Alter zwischen 30 und 45 – dem Alter, in dem Frauen Mütter junger Kinder sind. 30 Prozent der Patientinnen mit dem Grauschleier über den Gefühlen sind alleinerziehend. Sie haben keinen Partner, der die Familie stabilisieren könnte, dafür grosse Angst, das Sorgerecht zu verlieren. Deshalb lautet hier oft die Devise: Schwierigkeiten? Leugnen! Überforderung? Abstreiten. Kinder auf die «Alles-tipptopp»-Linie einschwören. Das Umfeld spielt das Spiel meist mit. Schliesslich müsste, wer fragt, je nach Antwort, auch handeln …

Unterlassene Hilfeleistung

«Systematisch unterlassene Hilfeleistung», heisst es im «Spiegel» über das Verhalten gegenüber den betroffenen Kindern in Deutschland. Die Lage in der Schweiz ist ähnlich. Klar, gibt es Anträge für Familienhilfen, Gelder für Alleinerziehende, die wegen der Krankheit nicht arbeiten können, Bücher, mit Tipps zur Stärkung der Kinder, Notfalldienste, die auf Wunsch auch nach Hause kommen. Aber kann das jemand organisieren, den schon das Aufstehen am Morgen überfordert?

Laut der Winterthurer Studie erheben Schweizer Ärzte bei ihren Depressionspatienten fürs Patientenblatt die Anzahl der Kinder. Manchmal fragen sie auch, ob diese Kinder versorgt sind. Doch wie es den Kindern geht, wie es um deren Gefühle bestellt ist und ob sie ebenfalls Hilfe brauchen, danach fragt meist noch immer keiner.

«Es ist wirklich bedenklich», findet Wolfram Kawohl, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Königsfelden bei Brugg. Man wisse, dass nur ungefähr jedes dritte Kind mit einem depressiven Elternteil keine Auffälligkeiten zeigt. Man wisse, dass die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls an einem psychischen Leiden zu erkranken sieben Mal höher liege als bei Kindern, deren Eltern gesund sind. Das alles ist bekannt. «Trotzdem gibt es Abrechnungsmöglichkeiten nur für Patienten. Solange die Kinder also selbst keine Patienten sind …» Wolfram Kawohl lässt den halben Satz mal so stehen. Nur den Fakt hat er in seinem Bereich nicht so stehen lassen. In Königsfelden wird ein Hilfsangebot für erwachsene Angehörige und Kinder querfinanziert, wird getan, was getan werden muss und das Budget hinten angestellt. Oder besser eine Investition in die Zukunft getätigt. In die der Jungen und Mädchen.

«Viele Kinder machen sich grosse Sorgen oder haben Schuldgefühle. Sie denken, sie selber hätten sich falsch verhalten, seien frech oder unordentlich gewesen und deshalb sei die Mutter traurig», erklärt Monika Schreyer, für die Kinder und Angehörigen der Betroffenen zuständige Psychologin der PDAG in Königsfelden. Andere zeigten ungesunde «Parentifizierung», übernähmen in der Familie den Erwachsenenpart statt den des Kindes. Monika Schreyer kennt 8-, 9-, 12-Jährige, die den Haushalt führen, trösten, Gesprächspartner für Elternsorgen sind. «Dabei wäre es wichtig, dass die Kinder begleitet und gesehen werden. Mit dem, was SIE brauchen

Denn eine typische Begleiterscheinung der Depression sei, erklärt Schreyer, dass sie die Erkrankten in eine dicke dunkle Decke wickle. Eine Decke, die gefühllos macht, die Ohren abdichtet und die Sicht auf andere Menschen versperrt. Das macht es schwer für diejenigen, die sie lieben.

1975 sorgte eine bewegende Untersuchung für Aufsehen: das «Still Face Experiment», des amerikanischen Psychologen Edward Tronick. Mütter wurden vom Versuchsleiter gebeten, ihre Babys, mit denen sie vorher noch gescherzt und gespielt hatten, mit völlig unbeweglichem Gesicht anzusehen. Alle Säuglinge begannen nach wenigen Sekunden zu quietschen, zu strampeln und letztendlich – bitterlich zu weinen. Keine Reaktion von Mama – das hält kein Kind aus. Doch Kinder depressiver Mütter versuchen das. Ohne zu verstehen. Ohne Mittel dagegen. «Wir müssen ihnen Hilfe anbieten. Sonst können wir die Kinder irgendwann doch abrechnen: nämlich wenn sie als Patienten wieder zu uns kommen,» sagt Monika Schreyer.

Der achtjährige Max Brunner ist eines der Kinder, die präventiv zu der Psychologin nach Königsfelden kommen. «Ich wusste, dass Max Unterstützung braucht, als er eines Tages gesagt hat: Gell, ich kann kein Geschwisterchen bekommen weil du die Elefantenkrankheit hast.» Anna, seiner Mutter, steigen beim Erzählen die Tränen in die Augen. «Elefantenkrankheit», so haben die Brunners die Depression getauft, seit sie Dagmar Sczepanskis Büchlein «Mama, warum weinst du?» über eine traurige Elefantenmutter gelesen haben.

Anna Brunner wischt eine Träne weg. Die Hochs und Tiefs begleiten die Sportlehrerin seit Teenagerzeiten. Mal sägt sie voller Energie _bis spät in die Nacht, bei leuchtender Stirnlampe, einen kranken Baum im Garten ab, mal ist ihr _das leiseste Geräusch zu viel. Dann trägt sie Ohrenschützer, wie sie Bauarbeiter gegen Lärm benutzen.

«Stimmungsschwankungen hatte ich immer», erzählt die 43-Jährige. Doch seit Max’ Geburt pendeln sich die Schwankungen bei Tief ein. Max schrie häufig. Anna weinte noch häufiger und wünschte oft, sie könnte einfach rausschlüpfen aus ihrer Haut, gelassen und heiter bleiben, es gut als Mutter machen, am besten perfekt. An anderen Tagen sass sie einfach nur da wie ausgeknipst.

Viele der Kinder haben Schuldgefühle. Sie denken, sie selber hätten sich falsch verhalten.

Seelentaub

10 bis 15 Prozent aller Mütter leiden an einer Wochenbettdepression. Doch Anna Brunners Traurigkeit hielt weit übers Wochenbett hinaus. «Ich war überfordert, konnte nicht schlafen, hatte keine Kraft, mit dem Kleinen zu spielen. Streitereien mit meinem Mann fingen an und auch diese Gedanken beim Brotschneiden – es wär doch ganz leicht: Nimm die Pulsader, nicht das Brot …» 90 Prozent aller Suizide, so vermutetet man, gehen auf Depressionen zurück. Wer weiss, wie weit es bei Anna Brunner gekommen wäre, hätte es die Kinderärztin nicht gegeben. «Ich wollte Max impfen lassen, dabei hat die Ärztin gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt und hat mir die Adresse eines Psychiaters gegeben.» Doch die Medikamente, die die fehlgeleiteten Stoffwechselvorgänge im Hirn regulieren sollen, helfen nur kurz. Nach einem halben Jahr ist Anna wieder soweit, dass sie die bunten Tabletten am liebsten auf einmal schlucken würde, sie geht in eine Klinik. «Ich hab nicht mal geweint, als ich mich von dem Kleinen verabschieden musste.» Seelentaub. Acht Jahre später lässt sie sich zum zweiten Mal einweisen. Max schluchzt. Er ist selber krank, hat Fieber, Grippe, ihm gehts schlecht. Doch Mama geht trotzdem weg. Max entwickelt sich zum Papakind. Schliesslich fährt Mama nicht mit in die Skiferien. Baut keinen Schneemann mit ihm, trägt komische Kopfhörer gegen seinen Lärm.

Trotzdem hat Max Glück. Er ist nicht allein. Da ist der Onkel, die Oma, die fast täglich vorbeikommt, der Arzt, der Anna auch daheim besucht, die Mutter eines Klassenkameraden, bei dem der Junge Essen darf –und Papa. Trotzdem sei Max sehr ernst für sein Alter, findet seine Mutter. Tage, an denen ihr Junge unbekümmert lache, seien selten. Deshalb hat Psychologin Monika Schreyer mit Anna eine Abmachung getroffen: Jeden Dienstag fix eine Max-Mama-Stunde einplanen. Diese 60 Minuten sind reserviert nur für sie beide. Für gemeinsames Malen oder Basteln oder Blümchen pflanzen. Auch zwischen den beiden wächst jetzt wieder was.

Ungehörte SOS-Signale

Sandra Caprez, inzwischen selbst vierfache Mutter, hätte so ein Netz, wie Max eines hat, gebraucht. Einen Vater, eine Nachbarin oder eine Frau Schreyer. Irgendwen, der ihre SOS-Signale hört.

Hat aber keiner. Als sie anfängt zu kiffen, reagiert die Mutter nicht. Nicht als die Noten der guten Schülerin absacken, nicht als sie anfängt, dauernd ohne jeden Anlass rot zu werden. Keiner hakt nach, warum Sandra niemals mit den anderen in die Disco im Jugendheim oder ins Kino darf. Vielleicht hätte sie sich aber auch nicht getraut, ehrlich zu antworten: «Meine Mutter erträgt es nicht, allein zu sein.» Das Selbstbewusstsein des Mädchens ist im Keller. Drittes Untergeschoss. Sie war fest überzeugt: «Ich kann ja nichts wert sein, wenn ich es meinem Vater nicht wert bin, dass er sich kümmert und meiner Mutter nicht, dass sie leben will.» Doch dann verliebt sich die 17-Jährige, sie lernt: Herzen können auch hüpfen, nicht nur schwer sein. Vielleicht wird das Leben doch schön. Aber das wird es nicht. Bei einem Töffunfall verunglückt Sandras grosse Liebe. Der Junge ist tot. Aber Sandras Mutter findet kein Wort des Trostes für ihre Tochter. «Da hab ich gefunden: Du kannst mich jetzt mal endgültig am Arsch lecken mit deiner Heulerei», sagt die heute 50-Jährige heftig. «Danach hatten wir viel Streit und ich bin oft in den Ausgang.» Doch als sie eines Abends kommt, sieht sie das Blaulicht, die Menschenansammlung. Diesmal hat ihre Mutter es geschafft. Sie ist tot. Abgase. Die gleichen Leute, die vorher stets stumm weggesehen haben, sehen jetzt hin.

Sandra Caprez steckt sich eine Zigarette an und guckt dem Rauch hinterher. Ob sie das wohl sagen kann, was sie jetzt gleich sagt? Ob das nicht herzlos ankommt? Sie sagt es trotzdem: «Ich war so erleichtert. Endlich Schluss mit der Weinerei. Endlich frei.» Ihr stehen die Tränen in den Augen. Lieb hat sie ihre Mutter trotz allem gehabt.

«Niemand darf weggucken», findet sie. Weil das, was die Kindheit geprägt habe, auch das Erwachsenenleben präge. «Ich denke bis heute: Nichts ist für ewig, was man liebt, kann plötzlich weg sein. Das macht Partnerschaften kompliziert.» Nachdenklich zieht sie an der Zigarette. Das Telefon klingelt, ein Blick auf das Display: «Meine Tochter», sagt sie liebevoll und die blauen Augen strahlen hell. Dunkel war es lange genug.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

Illustration 2

Aufwachsen im Schatten der Traurigkeit. Unterstützung ermöglicht den Schritt ins Licht.


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