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Babyroboter Caren Battaglia-7618

Selbstversuch

Roboterbaby zum Üben

Wie ein Roboter-Säugling bei uns einzog und plüschige Erinnerungen einer Mutter samt Nerven geschreddert wurden. Das Protokoll eines turbulenten Selbstversuchs.

Es gibt Momente im Leben, da muss man, so gut es geht, verdrängen, man selbst zu sein. Dieser hier ist so einer. Doch leider bin das unzweifelhaft ich, die da vor dem Kühlregal von Lidl einem Plastik-Baby ein falsches Fläschchen an den falschen Mund drückt. Während vor mir ein Mann in fragwürdiger Pose seine Jacke ausbreitet. Zum Glück mein eigener. Als Sichtschutz, weil das Ganze hier einem jede Restwürde raubt und ich zudem Gefahr laufe, als Verrückte verhaftetet zu werden. Das will er nicht. Schon deshalb nicht, weil er dann allein wäre mit Clara. Clara, dem Roboter-Baby, das seit einigen Tagen bei uns wohnt und weint. Oft weint. Und das kam so:

«Ich finde, dass Mutterschaft extrem unehrlich besprochen wird. Auch Frauen, die das schon durchgemacht haben, reden verlogen wie in der Werbung. Ich hatte das Gefühl, ich werde verarscht, weil keiner mir auch nur ansatzweise gesagt hatte, wie rasend anstrengend es ist, ein Baby zu versorgen.» Charlotte Roche hat das Mal in einem «Nido»-Interview gesagt, und ich muss sagen: Recht hat sie.

Leben mit Neugeborenem: Alles ganz easy?

Schliesslich hatte ich mich selbst jahrelang für ein besonders klägliches Mängelexemplar von Mutter gehalten. Eingeschüchtert von der Glückseligkeitspflicht, verwirrt von dem Unterschied zwischen plüschigen Erwartungen, die man hat, wenn man in Erwartung ist, und kantiger Realität.

Beschämt von anderen Müttern, die scheinbar easy Job, Kind, anspruchsvollen Sex und vollständige Lektüre der NZZ inklusive Börsenteil in einen einzigen Tag quetschen. Und dann ich: Weit entfernt von all der pastellfarbenen Perfektion.

Verantwortung lernen. Warum nicht durch Familie auf Probe?

Möglicherweise empfinden viele Mütter klammheimlich ähnlich. Jedenfalls entwickeln, laut Studien, 19 Prozent der Frauen depressive Symptome nach der Geburt.
Ich war nicht darunter.

Daher ist es wohl meinem geländegängigen Gemüt geschuldet und dem Drang, unter dem Zuckerguss der Erinnerung die Wahrheit über den Neu-Mutter-Alltag wieder freizuknibbeln, dass ich jetzt hier mit diesem Säugling auf dem Schoss sitze.

Roboter hilft beim Realitäts-Check

Mit Clara, der Roboter-Puppe. Dem Säuglings-Simulator «Realcare® Baby», ausgeliehen von Anja Summermatter, Mitarbeiterin beim Projekt «Storch», des Sonderpädagogischen Departements der Universität Freiburg.

«Bitte sprechen Sie nicht von Puppe», sagt die 48-jährige Heil- und Sexualpädagogin, als ich meine neue Mitbewohnerin abhole. «Puppe klingt nach Spiel und Spass.» Storch dagegen, mit seinen computergesteuerten Babys, hat ein ernsthaftes Anliegen: Elternschafts-Realitätscheck ohne Risiko.

Gedacht ist der Simulationssäugling etwa für Schulprojekte mit Jugendlichen ab 13, 14 Jahren. In den USA, wo 1993 die Wiege des Robo-Babys stand, soll der Simulator helfen, Teenager-Schwangerschaften vorzubeugen. Kommen in Amerika doch 17,4 Schwangerschaften auf 1000 Minderjährige.

Jugendliche lernen Verantwortung mit Fake-Baby

Hier in der Schweiz sind es nur 4,3 auf 1000. Deshalb liegt beim Schweizer Storch der Fokus nicht auf Abschreckung. Vielmehr sollen die Jugendlichen anhand des Simulators Verantwortung und Empathie lernen, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, eigene Bedürfnisse ab und an zurückzustellen. Entwicklungsaufgaben, die in jeder Jugend anstehen.

Warum sie also nicht gezielt trainieren? Warum nicht mithilfe von Fake-Baby und Familie auf Probe? «Unsere zweite Zielgruppe sind Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung», erklärt Anja Summermatter. Schliesslich schliessen sich Lernschwierigkeiten und Kinderwunsch nicht aus; ein Spannungsfeld zwischen dem Menschenrecht auf Fortpflanzung und dem Kinderrecht auf angemessene Fürsorge entsteht. «Der Simulator hilft hier enorm.»

Ethisch unproblematisch und risikolos kann mit dem «Realcare® Baby» getestet werden, wie das so wäre: Eltern sein. «Eigene Erfahrung ist eindrücklicher als ein pädagogisch erhobener Zeigefinger», erzählt die Heilpädagogin.

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Fläschchen mit Sensor an Lippen mit Sensor: So geht Simulations-Säuglingsfüttern. Und wehe, man ist nicht schnell genug! Das Beschwerde-Geheul klingt jedenfalls täuschend echt.

Jetzt also Clara. Im Selbstversuch.
Erste Begegnung: 53 Zentimeter, 3500 Gramm, braune Augen, 3 Monate alt – rosa Outfit! Es lässt sich nicht leugnen, ich bin enttäuscht. Immerhin hatte ich extra diverse Stunden vergrübelt, um auf den anmutigen Namen «Clara» zu kommen und jetzt das: Äuglein verquollen, als hätte sie die Nacht durchgesoffen. Und zwar keine Milch. Haare platt. Dazu dieses Rosa… Nun denn. Seine Säuglinge kann man sich nicht aussuchen. Und schliesslich: Die inneren Werte zählen.

Roboterbaby speichert alles ab

Und innen, da besteht Clara aus drei Platinen, zwei Akkus, Drähten, Tongenerator, Wlan-Chip, Magnetspule, Kugelkontakt und allerhand anderem Computerzeugs, wie Theo Waldeier weiss, Techniker bei «babybedenkzeit», dem deutschen Pendant zu Storch.

Herzlos verfrachten wir die noch ausgeschaltete Clara – nach Anja Summermatters Bedienungs-Einführung – auf den Rücksitz. Samt MaxiCosi, Wickeltasche, Windeln, Krabbeldecke und Fläschchen. Viel Gepäck für so ein bisschen Baby. Säuglings-Erwachen ist morgen früh irgendwann. Aber wann?

Roboter Clara erwacht

9 Uhr: Wie? Wo? Was? Wer maunzt da? Ach ja, Clara weint. Und zwar so realistisch, dass, läge das Abstillen meiner leiblichen Tochter nicht nun wirklich lang genug zurück, ich bestimmt Probleme mit unerwünschtem Milcheinschuss hätte. Wie war das noch mal? Chiparmband vor die Andockstelle am Babybauch halten, Piep!, Fläschchen an Lippensensor… Das Greinen wird lauter. Nix Hunger. Also Windel. Runter mit rosa Hose, runter mit rosa Strumpfhose, runter mit dem ganzen rosa Zeug, Windel mit grünem Chip weg, Windel mit gelbem Chip dran.

Clara quiekt fröhlich. Na, geht doch! Ich muss sagen, so sollte Wickeln immer sein. Deutlich angenehmer als in meiner Erinnerung! Vor allem vom Geruch her.

Sechs nasse und mindestens eine üppiger gefüllte Windel produziert ein Durchschnitts-Dreimonatsbaby pro Tag, hatte ich im Internet nachgelesen. Bis so ein Kind sauber ist, wandern 4000 bis 5000 Windeln in den Eimer. Sechs bis achtmal würde es essen wollen, nachts fünf bis sechs Stunden schlafen, sich für seine Fingerchen interessi… Quääääk! Was? Schon wieder?

Mütterversagerin, Mausebesitzerin. Hilfe!

9.05 Uhr: Quäääääk! Zackzack, schnell per Chip einchecken, Flasche an Lippensensor: Stille. Schmatzen.
9.20 Uhr: Schmatzen.
9.35 Uhr: …. und Schmatzen. Von der flotten Truppe ist Clara jedenfalls nicht. Von Fast Food kann keine Rede sein. So verrinnt die Zeit. Ein langer ruhiger Fluss. Ein langweiliger langer ruhiger Fluss.
10 Uhr: Video-Konferenz mit Arbeitskolleg* innen: Clara sitzt auf meinem Schoss und schmurzelt zufrieden vor sich hin. So solls sein bei einem satten Säugling. Nettes Kind. Fazit bezüglich Beruf und Baby: easy! Vorausgesetzt: Das Baby ist falsch. Dann kann es nämlich nicht widerrechtlich auf Tasten tippen, nicht beim Chefin-Gespräch pupsen und auch kein Bäuerchen gegen den Bildschirm machen. Mal ehrlich: Die Technik ist der Natur doch manchmal voraus.
13 Uhr: Zwei Schoppen und zwei Windeln später: unser Clärchen schläft.
15 Uhr: Baby ratzt immer noch.
16 Uhr: ...und ratzt. Gute Güte, das Kind hat ein Temperament wie eine Wanderdüne.
16.30 Uhr: Das ist doch nicht normal! Krank kann sie ja wohl nicht sein. Oder doch ein Virus? Ein Computer-Virus? Alarmierte SMS an Anja Summermatter. Antwort: «Sie macht halt ein ausgiebiges Mittagsschläfchen.» Na, super. Adieu, Nachtruhe.

Schlafmangel mit Neugeborenem

3 Uhr: Baby heult. Hunger.
4 Uhr: Baby heult. Windel.
4.20 Uhr: Baby heult. Warum eigentlich?
6.30 Uhr: Ziehmutter heult fast. Wecker. Aufstehen. Wissenschaftler haben bewiesen, dass häufiges Stören mütterlichen Schlafes zu einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel und damit möglicherweise zu Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Konzentrationsschwächen, Übergewicht führt. Fühle mich spontan dick. Und: müde.
7 Uhr: Duschen. Der chiplose Ehemann hält derweil Clara. Clara heult. Nasser Arm aus der Dusche, andocken. Piep. Clara quengelt. Mutter duscht. Ziehvater singt vor. «Wooly Bully» von «Sam the Sham & the Pharaohs.» Gott, muss das sein? Ist schon im schimmeligen Original knalldoof, der Song. Gibt es denn nichts aus der samtigen Sparte Wiegenlieder? «Hey, Wooly Bully!» Clara gluckst froh. Na, dann. Mir auch recht.

Müdes Tappen zum Küchenschrank. Und dann: die Maus! Mutter schreit. Clara schreit. Vater schreit, weil Mutter schreit. Mutter hysterisch. Clara hysterisch. Vater genauso hysterisch, will es aber nicht zugeben.

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Der Computer im Roboter-Baby misst zum Beispiel die Zeit, die es vom ersten Weinen dauert, bis die «Mutter» mittels Chip am Handgelenk andockt und das Baby hochnimmt.

9.30 Uhr: Was, wenn das nicht nur eine einzelne Maus ist, sondern ein Rudel? Kann doch sein in unserem alten Haus! Mutter, also ich, erwägt, umgehend auszuziehen. Anruf beim Kammerjäger: «Ja, richtig, Maus! Im Haus. Genau. Was da so laut ist? Ein Baby. Aber kein echtes, das ist ein Roboter! Also als Baby geformt, sozusagen. Clara, jetzt sei doch mal still! Komm her, Kind. Ach, Mist, vergessen: Der Chip muss ja an den Bauch. (Massiv anschwellendes Gebrüll). Ja, exakt: Maus! Ich spreche ja schon lauter! Hallo? Nein, das Kind kann nicht einen Moment leise sein. Entschuldigen Sie, ich muss den Roboter füttern. Hier, guck, da ist dein feines Fläschchen… Okay, bis morgen. Ruhe!» Ups, vergessen, Claras Kopf zu stützen. Die Mutter schwitzt, die Puppe schreit. Und – speichert ab. Im Versuchsprotokoll wird «Kopf nicht gestützt» in der Rubrik «Misshandlung» notiert. Na, toll: Mütterversagerin. Mausebesitzerin. Hilfe!
18 Uhr: Simulator-Mutter immer noch völlig von der Rolle. Vater übt sich in Witzigkeiten und krabbelt hyperventilierender Säuglingsmutter, begleitet von «huh, hier kommt die Maus», am Bein. Wäääk, Clara weint. Auf die Couch: Füttern. Raschelt da etwa was? Hektische Bewegung, Kopf zu stützen vergessen, Clara schreit wie am Spiess. Drei Minuten lang. Herrje, jetzt geht mir diese Puppe aber doch gehörig auf den Senkel!
19 Uhr: Schlechtes Gewissen. Unser Clärchen kann doch nix für den Nager. Sie schnuffelt. So ein liebes Baby. Und diese niedlichen Äuglein. Schwellungsfreie Augen werden ohnehin völlig überschätzt. Sogar Claudia Schiffer hat Schlupflider. Und Leonardo di Caprio? Na, wenn der keine geschwollenen Augen hat, dann weiss ich es nicht. Hat doch trotzdem was aus seinem Leben gemacht, der Leo. Gell, Claralein?
4 Uhr und 5 Uhr: Babyweinen. Da hab ich was gutzumachen, an der Kleinen. Füttern, windeln, schaukeln, streicheln. Streicheln? Man vergisst glatt, dass unser Clärchen gefüllt ist mit Drähten und Platinen.
10.30 Uhr: Einkaufen beim Spar. Mutter, Vater, falsches Kind im Snugli. Der «Wooly Bully»-Papa trifft einen Arbeitskollegen.

Erleben, wie fertig fehlender Schlaf macht, ist etwas völlig anderes.

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Görpsen, schmusen, geschaukelt werden: Ohne ist auch Clärchen, das Roboterbaby, höchst unzufrieden.

Irritierte Blicke und mein Mann sagt jenen Satz, der in jedem Kontext alles nur noch schlimmer macht: «Es ist nicht das, wonach es aussieht.» Der Kollege verabschiedet sich hastig.
11 Uhr: Einkaufen beim Lidl: Babyschale im Einkaufswagen, Schal drüber, damit man uns nicht für völlig verrückt hält. Nutzt aber nichts. Clara weint, wir türmen. Babywickeln draussen auf dem Einkaufswagen. Erfahrungen ausserhalb der Komfortzone sollen jung halten, hab ich irgendwo gelesen. Noch ein paar Mal Wagen-Wickeln und ich kann meine Anti-Aging-Cremes wegschmeissen.

Fake-Füttern im Supermarkt

11.10 Uhr: Brot gekauft, Blumen, Kartoffeln… Was brauchen wir noch? Wäääähhh! Das darf doch nicht wahr sein. Nicht schon wieder! Rausrennen geht mit vollem Einkaufswagen nicht. Dann also: Fake-Füttern vor der Kühltheke. Die Mutter schwitzt. Sehr kühl kann die Kühltheke nicht sein. Erste genervte und nervende Blicke treffen uns. Sind Menschen immer so neugierig? Müssen die so starren? Etwa noch nie einen Mann mit offen gehaltener Jacke gesehen vor einer Frau, die ein Plastik-Baby vor einem Kühlregal füttert? Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts leidet jede zweite Mutter unter Stress. Jede vierte findet, ihr Stresslevel sei «hoch» oder «sehr hoch», Schwestern, an diesem Morgen bin ich eine von euch!
4.30 Uhr: Clara-Maus weint. Hab ich Clara-Maus gesagt? Igitt!
9 Uhr: Der Mausefänger ist da. Hurra! Befremdet betrachtet er seine Neukundin, wie sie einer Puppe ein oranges Armband an den Bauch drückt, während sie höchst aufgeregt etwas von Teenager-Schwangeren, Storch, Robotern und Chips in Windeln erzählt. Gedehntes «Aaah, ja.» Eine Fallen-Fachkraft mit dem Gemüt eines Bombenentschärfers.
15 Uhr: Jetzt ein Nickerchen, das wärs. Clara geht das am A… vorbei, um den sie jetzt – quääk – eine neue Windel möchte. Und – quääk – ein Fläschchen? Kein Fläschchen. Langeweile. Ich singe ein Schlaflied, aber ausser mir wird hier offenbar leider niemand müde davon. Quäääk. «Schlaf Kindchen, schlaf» scheitert. Sollte etwa ...? Ich versuchs einfach mal. Schliesslich wusste schon Joseph von Eichendorff: «Schläft ein Lied in allen Dingen/Die da träumen fort und fort/Und die Welt hebt an zu singen/Triffst du nur das Zauberwort». Unser Zauberwort heisst: «Wooly Bully».

Lust auf Sex vergeht

20.30 Uhr: Clara, Mann und ich hängen vor Netflix. Prima Serie. Um was gings noch mal? Vergessen. Zu erschöpft. Routiniert schöppelen wir nebenbei. Der Vater auch. Es ist schon erstaunlich, wie die Welt mit einem Säugling in sich zusammenschnurrt. Essen, stoffwechseln, schlafen. Im Babykosmos versinkt der Rest. Auch der Sex. Ich meine, wie sicher kann man bei einem Computer-Kind schon sein, dass da nicht was gefilmt wird? Will man ja ungern; vor allem nicht mit Müdigkeits-Ringen unter den Augen. Doch das ist es nicht allein.

Irgendwie haben wir mit dem Baby die Oberhoheit über unser Leben abgegeben. Jemand anderes gibt den Takt vor, zerhackt Pläne, Gespräche, Stimmungen und erstellt eine To-do-Liste, die nicht abgesprochen ist. Erotik verträgt sich damit schlecht. Schlechter jedenfalls als mit Netflix.

Laut der deutschen Zeitschrift «Eltern» schlafen 39 Prozent der frischgebackenen Mütter und Väter ein halbes Jahr nach der Geburt nur noch zweimal im Monat miteinander. 73 Prozent der Kleinkind-Mütter gaben an, aus Müdigkeit auf Sex zu verzichten. 6 Prozent der Eltern tun es einfach gar nicht mehr. Wie lange noch mal war abgemacht, dass Clara bei uns bleibt?

3.30 Uhr: Wääääk. Die «Stunde des Wolfes», wie der Schlafforscher Jürgen Zulley jene Zeit im Morgengrauen nennt, wenn es draussen dunkel ist und die eigenen Gedanken sind es auch. Der Grund für das depressiv angehauchte Grübeln: Melatonin. Das Hormon kreist um diese Uhrzeit in besonders hoher Dosis im Blut. Oft kreisen dann auch die Gedanken. Selten heitere. Sicher, jeder kennt die Geschichten von nachtaktiven Säuglingen und müden Eltern. Aber Kennen ist das Eine, Erleben, wie fertig fehlender Schlaf macht, ist etwas völlig anderes. Hatte ich fast vergessen.

Schlechtes Gewissen klebt an Müttern

9 Uhr: Wäääk. Von gemütlichem Sonntagmorgen-Frühstück kann keine Rede sein. Mensch, was fallen mir alle auf den Wecker! Kann der Mann nicht auch mal das quengelige Baby nehmen? Muss die grosse Tochter so krumm am Tisch sitzen? Und – meine Güte – es kann doch nicht so schwer sein, Krümel wegzuwischen. Dann hätten wir vielleicht auch nicht diese verdammte Maus! Ich zicke und meckere und maule in die Runde. Sofort meldet sich das schlechte Gewissen zum Dienst, das ja ohnehin gerne an Müttern klebt, wie das Pech an der Marie.

Regelmässiger Begleiter ist das schlechte Gewissen bei zwei von drei Frauen mit Kindern, hat die Pädagogikprofessorin Margrit Stamm herausgefunden. Wo Mutterschaft verklärt, Erziehung zum Leistungssport wird, können Frauen die hochgelegte Latte nur reissen. Join the Club: Alle Mütter sind herzlich eingeladen, sich als Versagerinnen zu fühlen! Der fatale Mechanismus greift sogar bei einem falschen Baby.

Die Autorin füttert das Roboterbaby vor dem Kühlregal.

Besser mal verdrängen, was man da gerade tut: Füttern vor dem Kühlregal.

Abschied und Stunde der Wahrheit: Ich bin nervös. Erstens, weil die Nerven Nager- und Nachtwache-bedingt durchgeschubbert sind; zweitens, weil eine Trennung ansteht – ein Simulator ist schliesslich auch nur ein Mensch. Und drittens, weil jetzt das Resultat der Aufzeichnungen in Claras Innerem kommt. Und welche Mutter will nicht eine Spitzenkraft am Säugling sein?

Bin ich eine schlechte Mutter?

«Jetzt kommen Sie doch erst mal rein», begrüsst Anja Summermatter beruhigend. «Das ist doch kein Wettbewerb hier.» Deshalb wird bei Storch das Ergebnis zwar besprochen, nicht aber ausgeteilt. Vergleichen tun sich echte Mütter mehr als genug, da muss man nicht auch schon bei den falschen damit anfangen.

Was soll ich sagen, mein Ergebnis ist: so lala. Schnell verstanden, gewickelt, gefüttert, getröstet. Volle Punktzahl. Aber diese beiden nicht gestützten Köpfchen... Zwei Zahlen in anklagendem Rot.

Klar, die Maus, der Job, der Jäger, der Stress… Hätte ich bei einem echten Baby anders reagiert? Ich weiss es nicht. Ich hoffe es. «Sie waren doch gut», tröstet Anja Summermatter. «Sehen Sie, was Sie alles prima gemacht haben, wie Sie sich eingefühlt und die Verantwortung übernommen haben.»

Das, erklärt sie, sei auch im Projekt Storch ganz wichtig: Kompetenzen aufzuzeigen, Vertrauen in eigene Fähigkeiten zu stärken. «Eltern machen Fehler, das ist doch okay», sagt sie. Und dann noch den schönen Satz: «Perfekt sein muss keiner. Gut genug reicht.» Hätte mir Storch als Schwangere geholfen? Vielleicht. Hätte mir dieser Satz geholfen? Ganz sicher.

Wieder zu Hause ist es jetzt sonderbar leer. Keine Clara. Nur die Maus.

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