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Interview mit Hedvig Montgomery

Wie wir glückliche Familien werden

Die norwegische Bestseller-Autorin Hedvig Montgomery will uns nicht zu perfekten Eltern machen. Aber zu besseren. Ihre «Hedvig-Formel» verspricht nicht weniger als glückliche Familien.

Hedvig Montgomery könnte ewig weiterreden. Sagt sie und erzählt, lacht, dazwischen hört man sie einen Schluck vom Kaffee nehmen, den sie sich zu Beginn unseres Telefongesprächs kochte. Es ist Nachmittag in Oslo und Montgomery so etwas wie die J.K. Rowling in Sachen Erziehungsratgeber. Ihre Bücher sind Bestseller, nicht nur in Skandinavien. Band vier ihrer auf fünf Teile angelegten Reihe erschien dieser Tage auf Deutsch. Mit ihrer «Hedvig-Formel» will sie uns zu glücklicheren Familien machen.

wir eltern: Frau Montgomery, was fehlt Familien heute zu ihrem Glück?

Hedvig Montgomery: Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Das Familienleben hat ja immer auch mit der Gesellschaft zu tun. Viele Eltern fühlen sich heute überfordert, weil wir alle viel zu tun haben. Erziehung ist aber eine sehr langsame Arbeit, man kann sie nicht beschleunigen. Sie braucht gut 20 Jahre Zeit.

Dass sich Glück auf eine Formel herunterbrechen lässt, klingt nach gewieftem Marketing.

Mein Ansatz besteht aus sieben Schritten. Keine kleinen, es sind grosse Schritte. Allein schon zu wissen, dass ich etwas tun kann, um eine schwierige Situation zu ändern, verbessert sie. Mit meinem Buch möchte ich erreichen, dass Eltern sich nicht länger einsam fühlen: Genau an diesem Punkt, an dem sie sich gerade befinden, stand schon mal jemand.

Was ist der häufigste Fehler, den Eltern begehen?

Wenn sie zu streng sind, werden ihre Kinder nicht ihren Rat suchen. Der erste Schritt der «Hedvig-Formel» ist das Herstellen einer sicheren Bindung. Es geht vor allem um drei Dinge: Verfügbar zu sein, um das Kind zu trösten. Es braucht einen Platz, an den es kommen kann, wenn das Leben schwierig ist. Können Eltern mal nicht bei ihm sein, lassen sie es ihr Bild anschauen oder die Personen, die es betreuen, über sie reden. Bei Teenagern muss man sehr präsent sein, weil sie nur mit einem reden, wenn sie Lust dazu haben. Der zweite Schritt ist, man selbst zu sein, eine Familie zu sein. Da kommen Rituale ins Spiel: Wie man sein Kind zu Bett bringt, die Lieder, die man miteinander singt, die Geschichten, die man erzählt.

Das tönt nun nicht nach einem Geheimrezept...

Wichtig ist, dass Sie das Kind seinem Alter entsprechend «abholen». Das ist ein weiterer Punkt der «Hedvig-Formel». Behalten Sie den Überblick über die Phasen, die ein Kind während seiner Entwicklung durchläuft. Nur dann sind Sie in der Lage, richtig mit ihm zu kommunizieren. Der dritte Schritt für eine sichere Bindung ist, Verständnis für die Gefühle des Kindes zu haben. Wenn es während eines Wutanfalls seine gemalten Bilder zerreisst, sagen Sie ihm nicht, dass es nicht wütend sein darf. Sagen Sie: «Du bist zornig, das ist in Ordnung. Was ist denn der Grund? Herzen zu malen ist schwierig, nicht?»

So einfach ist es aber nicht, ein Kind während seines Wutrauschs zu erreichen.

Währenddessen macht es keinen Sinn, etwas erklären zu wollen. Das hört es gar nicht. Das Gehirn eines kleinen Kindes blockiert schnell, wenn die Emotionen es übermannen. Sie können nur versuchen, die Situation zu beruhigen. Danach können Sie das Kind kurz darauf ansprechen und seine Antwort akzeptieren. Das wird ihm beibringen, dass es selbst auch akzeptiert wird und dass sein Verhalten nicht aus dem Nichts kommt.

Wie hat sich Ihre Haltung zum Thema Erziehung verändert, seit Sie Mutter sind?

Bevor ich meinen ersten Sohn bekam, hatte ich die Idee von einem wohlerzogenen Kind. Ich dachte, dass ich ihn formen könnte, weil ich viel über die Psychologie des Menschen weiss. Aber direkt nach der Geburt, mein Sohn lag auf meiner Brust, war mein erster Gedanke: Er ist bereits eine Persönlichkeit, ganz er selbst. Also versuchte ich herauszufinden, wie ich mit diesem neuen Menschen leben und ihm dabei helfen könnte, zu sein, wer er ist. Haben Sie Kinder?

Ja, eine vierjährige Tochter.

Sie Glückliche. Mit einer Vierjährigen müssen Sie sich nie die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen. Sie halten ihn an der Hand.

Wir Eltern wollen gern alles anders machen als unsere eigenen. Und dann hören wir uns doch plötzlich an wie sie. Wie finden wir zu unserem eigenen Erziehungsstil?

Wir kommen alle an diesen Punkt, an dem wir unserem Kind etwas sagen, was wir so nie sagen wollten. Dass es sich nicht so mit Kuchen vollstopfen oder gefälligst seinen Pulli richtig herum anziehen soll, obwohl es stolz ist, weil es sich allein angezogen hat. Wenn man ängstlich, wütend oder traurig ist, verfällt man schnell in diese Automatismen. Geben Sie sich nicht die Schuld. Reflektieren Sie kurz: Was ist passiert? Wie hätte ich anders reagieren können? Sie können es besser machen, wenn Sie es nur zulassen.

Sollte ich eigene Fehler mit meinem Kind zum Thema machen?

Es genügt, zu sagen: «Entschuldige, dass ich dich angeschrien habe. Ich war verärgert. Das war falsch. Ich versuche, es nicht wieder zu tun.» Das Kind fühlt sich besser, weil es wert ist, dass man sich bei ihm entschuldigt. 20 Sekunden, die einen Unterschied machen. Sie müssen keine Rede halten.

Muss ich als Elternteil stets konsequent sein? Etwa wenn das Kind nicht ruhig am Tisch sitzt, sondern lieber spielen möchte.

Kein kleines Kind sitzt ruhig am Tisch. Die Welt ist so fantastisch, sein Geist brodelt quasi vor Ideen. Ein Essen mit kleinen Kindern ist eine kurze Angelegenheit. Versuchen Sie daraus einen schönen Moment zu machen, zu dem Sie zusammenkommen, sich unterhalten, gemeinsam lachen. Wir sollten sensibler sein, was Kinder und Essen angeht, um spätere Essstörungen vorzubeugen. Das Essen sollte ein Familienerlebnis sein, kein Disziplinarverfahren.

Wie ist das mit Dingen, die nun mal sein müssen: Was, wenn mein Kind sich nicht die Zähne putzen lässt?

Versuchen Sie, wie Ihr Kind zu denken. Oft gehen wir davon aus, dass das Kind mehr versteht, als es tatsächlich tut. Um die Konsequenz seines Handelns zu überdenken, braucht es aber viele Jahre. Das Zähneputzen morgens und abends sollte Routine sein. Wenn es an einem Abend schwierig ist, bringen Sie es schnell hinter sich. Sagen Sie: «Wir putzen nun schnell die Zähne, morgen werden wir das wieder gründlicher tun.» Sehen Sie nicht nur den Augenblick. Einen langfristigen Plan zu haben, gibt Ihnen das Gefühl von Kontrolle.

Die mir zu entgleiten droht, wenn ich morgens ins Büro muss, mein Kind aber nicht in den Kindergarten will...

Dann hat es vermutlich seine eigene Vorstellung davon, was an diesem Morgen passieren soll. Es möchte im Wohnzimmer spielen, Sie kommen ums Eck und sagen, dass es in den Kindergarten muss. Das Kind ist in diesem Moment nicht bereit dafür. Und es tut das nicht, um Sie zu ärgern. Sagen Sie: «Schatz, du hast gedacht, wir bleiben heute zu Hause. Das tut mir leid, aber nun gehen wir zum Kindergarten. Ich hole dich danach ab und du kannst weiterspielen.» Sie sind diejenige, die in der Lage ist, zu planen, ihr Kind nicht. Wir müssen den Kindern helfen, damit ihr Verstand reifen kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Kinder am Abend noch einigermassen funktionstüchtige Ansprechpartner brauchen und empfehlen, dass man auf dem Nachhauseweg Schokolade oder Nüsse isst, damit der Blutzuckerspiegel nicht zu weit absinkt. Was kann man sonst noch tun, wenn es abends Knatsch gibt, weil alle erschöpft sind?

Ich mache mir immer wieder klar, dass ich diejenige bin, die verantwortlich ist – und zwar für den ganzen Tag. Ich muss nach der Arbeit noch Ressourcen für den Abend daheim haben. Ich gehe zu Fuss nach Hause, so komme ich dort ruhiger an. Die Kinder sind nicht ewig klein. Man sollte jeden Moment mit ihnen nutzen.

Ihr neuestes Buch dreht sich um ältere Kinder: Was verändert sich, wenn die Schulzeit beginnt?

Das Buch über die 6- bis 13-Jährigen zu schreiben war hochinteressant. Es gibt viel Literatur über kleine Kinder, aber wenig zu dieser Altersgruppe. Eltern denken, dass ihre Kinder dann quasi fertig sind. Viele lassen sie zu früh los, weil sich deren Aufmerksamkeit nun Stück für Stück nach aussen richtet. Die Kinder versuchen herauszufinden, in was sie gut sind, sie beginnen, in einer Klasse zu funktionieren, was manchen leicht fällt, anderen nicht. Sie versuchen sich in Freundschaften, was sehr kompliziert sein kann. Eltern eines Schulkindes zu sein, bedeutet, viel mehr auf das zu achten, was in der Welt drum herum passiert. Wenn Sie eine Zehnjährige glücklich machen wollen, erlauben Sie ihr, nach der Schule eine Stunde allein daheim zu sein. Sie macht sich vielleicht eine Suppe und kommt sich dabei sehr erwachsen vor. Aber dann braucht sie Sie wieder. Kinder brauchen ihre Eltern länger als diese meinen.

Ich möchte, dass mein Kind mit allem, was es bedrückt, zu mir kommt. Wie gelingt das?

Nehmen Sie Ihr Kind ernst, wenn das Kind traurig ist, etwa, weil sich seine Freunde ohne es getroffen haben. Sagen Sie: «Ich weiss, das fühlt sich nicht gut an, aber die anderen haben nur eine schöne Zeit haben wollen, sie wollten dir nicht weh tun.» Viele Eltern sagen ihrem Kind ständig, was richtig und was falsch ist. Wenn Sie wollen, dass Ihr Kind mit allem zu Ihnen kommt – seien Sie ein guter Zuhörer.

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