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Geburt / Plazenta

Rezepte für Mutters Kuchen

Plazenta

Nach neun Monaten hat die Plazenta in der Regel ausgedient. Hat sie das wirklich?

Während der Schwangerschaft ist die Plazenta die Futterkrippe für das ungeborene Kind. Sie versorgt es mit Nahrung, Sauerstoff und schützt es vor Gift- und Schadstoffen, allerdings nicht vor allen. Am Ende der Schwangerschaft ist das Organ, das aus mütterlichem und embryonalem Gewebe besteht, etwa ein halbes Kilo schwer und hat einen Durchmesser von 15 bis 20 Zentimetern.

Medizin: in den Abfall Nach der Geburt sinkt der Wert des Mutterkuchens von 100 auf null und er geht den Weg, den alles menschliche Gewebe im Spital geht: Er landet im Müll. Ausser die Frau will es anders. Dann kann vor der Entsorgung eine Nabelschnur- Blutspende entnommen werden, welche eingefroren und zur Behandlung von Kindern mit Leukämie verwendet wird. Eine weitere Möglichkeit: Die Plazenta wird der perinatalen Forschung zur Verfügung gestellt. Wenn die Frau es möchte, kann sie die Plazenta auch mit nach Hause nehmen, was laut Daniel Surbek vom Inselspital Bern die wenigsten wünschen.

Guten Appetit: in den Kochtopf Lesen Sie dies nur, wenn Sie über einen einigermassen robusten Magen verfügen, nicht kurz vor einer Mahlzeit stehen oder keine allzu blühende Fantasie haben. Fotos zeigen wir keine, denn diese brennen sich unwiderruflich auf der Netzhaut ein und verderben den zukünftigen Genuss von Lasagne, Gulasch oder Irish Stew. Der nüchterne Fachbegriff für den Verzehr der menschlichen Plazenta lautet Plazentophagie. Ob der Mutterkuchen ein kulinarisches Highlight ist, steht nicht zur Diskussion. Die Plazenta wird ausschliesslich ihrer gesundheitlichen Vorzüge wegen gerühmt; sie enthält neben Proteinen und Vitaminen grosse Mengen des stressreduzierenden Hormons Corticotropin. Puristinnen stecken sich deshalb gleich nach der Geburt ein Stück roh in den Mund, um sicherzugehen, dass Nährstoffe und Hormone zurück in den Blutkreislauf gelangen. Experimentierfreudige geben Banane und Kokoswasser mit einer Portion Plazenta ins Mixglas und pürieren das Ganze zu einem cremigen Smoothie. Wer Gekochtes bevorzugt, findet im Internet zahlreiche Rezepte, etwa Plazenta-Spaghetti, Plazenta- Pizza oder Plazenta-Braten. Einen visuellen Vorgeschmack gibts hier: www.twilightheadquarters.com/placenta.html

Gesundheit: in die Kapsel In den USA mausert sich das Vorgehen gerade zum Trend, spätestens seit Schauspielerin January Jones (Mad Men) es getan hat: Auf der Basis der Traditionell Chinesischen Medizin wird die Plazenta gewaschen, gekocht, getrocknet, zusammen mit ausgewählten Kräutern pulverisiert und in Kapseln gefüllt. Die Power-Pillen sollen Baby-Blues, Postnatale Depression, Eisenund Schlafmangel vertreiben, die Milchbildung fördern und Energieflügel und verleihen. Wissenschaftlich erwiesen ist dies kaum. Eine eben veröffentlichte Analyse der US-amerikanischen Northwestern University von 10 Studien zeigte, dass weder die Pillen noch der Verzehr der Plazenta gesundheitliche Vorteile haben. Anderer Ansicht sind 189 Frauen, die der Anthropologe Daniel C. Benyshek befragte. Diese bestätigen obgenannte positive Wirkung grösstenteils. Als Hauptnachteile nennen sie unangenehmes Aufstossen, Kopfschmerzen sowie unsympathischer Geschmack oder Geruch.

Wer die Kapseln in den USA nicht selber herstellen mag, findet im Internet zertifizierte Plazenta-Kapsel-Herstellerinnen. Kostenpunkt: je nach Angebot zwischen 150 und 360 Dollar («Deluxe-Package »). In der Schweiz ist die kommerzielle Produktion von Plazenta-Kapseln nicht erlaubt, da dafür eine Zulassung von Swissmedic erforderlich wäre. Eine solche wird jedoch nur erteilt, wenn «Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität des Präparats bewiesen sind», so Swissmedic-Mediensprecher Peter Balzli. Wer sucht, findet aber Doulas oder Hebammen, die sich um die Plazenta-Verarbeitung kümmern.

Plazenta

«Auch die zweite Plazenta ging vergessen»

Kosmetik: in die Faltencreme Unternehmen der Kosmetikindustrie entwickelten in den 1950er-Jahren Anti-Faltencremes mit Plazentafett, der darin enthaltenen Wachstumshormone wegen. Hebammen erinnern sich, wie in Kreisssälen die Nachgeburten tiefgefroren und in regelmässigen Abständen von Pharmaunternehmen abgeholt wurden. Das bekannteste Produkt hiess Hormocenta. Filmschauspielerin Maria Röck warb damals mit dem Slogan «verjüngt, verschönt und faltenlos». In den 1980er-Jahren wurde die Verwendung von organischem Material menschlichen Ursprungs in der Kosmetikindustrie aufgrund von Aids gestoppt.

Kunstdruck: an die Wand Man lege die Plazenta auf eine glatte Unterlage, mit der Seite, die dem Baby im Bauch zugewandt war, nach oben und drücke ein Blatt saugfähiges Papier darauf, bis ein blutigschöner Abdruck entsteht. Wahlweise kann die Plazenta vorher gewaschen und mit Acrylfarbe eingepinselt werden.

Homöopathie: in den Milchzucker Keimfrei und wohl deshalb beliebt sind homöopathische Plazenta-Globuli, wie sie zum Beispiel die Löwen-Apotheke in Zürich herstellt. Vorgehen: Plazentastück etwa in der Grösse einer Haselnuss, verpackt in ein bruchsicheres Plastikgefäss, an die Apotheke schicken. Angeben, welche Verdünnungen gewünscht sind; empfohlen wird C5, C7 und C9. Kosten: 30 Franken für die Zubereitung, plus 12.50 pro 2,5 Gramm Globuli. Die Wirkung der Isotherapie, also die Behandlung mit Verdünnungen von Substanzen, die von der Person selbst stammen, ist wissenschaftlich nicht belegt. Empfohlen wird die Gabe von Plazenta-Globuli bei Kinderkrankheiten, Schnupfen, Husten, Fieber, Neugeborenen-Gelbsucht oder Milchschorf. Mütter behandeln damit einen Milchstau.

Historie: in den Keramiktopf 1984 entdeckte der Museumsleiter und ehrenamtliche Denkmalpfleger Kurt Sartorius in einem Keller im Deutschen Bönnigheim über 50 Keramiktöpfe und interpretierte sie als erster als Behältnisse zur Bestattung der Nachgeburt. Chemische Analysen bestätigten seine Annahme. Funde in ganz Deutschland und in der Schweiz folgten. Die Töpfe waren zwischen 1600 und 1900 vergraben worden. Gemäss alter Überlieferung sollten sie an einem Ort lagern, wo weder Sonne noch Mond hin scheint. «Man verehrte in der Plazenta ein geistiges Wesen, welches das günstige Gedeihen des Kindes förderte», so Sartorius. Wird dieses Wesen schlecht behandelt, rächt es sich am Kind, das krank wird oder stirbt. Mit der Krankenhausgeburt verschwand der Brauch der Nachgeburtsbestattung.

Prokrastination: in den Tiefkühler Für diesen Text fragten wir im «wir eltern»-Online-Forum, was Frauen mit der Plazenta getan haben. Manche liessen Globuli machen, andere vergruben den Mutterkuchen und pflanzten ein Bäumchen darauf, viele liessen ihn im Spital. Forumsteilnehmerin Daniela D. getraute sich zunächst nicht, öffentlich zu antworten, weil sie befürchtete, «gelyncht zu werden», wenn andere die Wahrheit erführen. Stattdessen schickte sie uns eine Mail: «Alle 3 Plazentas sind immer noch in unserem Tiefkühler ... natürlich gut eingepackt, im Spital haben sie extra Plastikbehälter für Plazentas.» Wie konnte das passieren? «Die erste Tochter kam im Winter zur Welt», so Daniela D. «Wir wollten die Plazenta aufbewahren und im Frühling ein Bäumchen darauf pflanzen.» Leider sei dieser Frühling sehr turbulent gewesen, weil ihre Mutter schwer krank wurde und starb. Die Plazenta sei vergessen gegangen. Die zweite Tochter wurde ebenfalls im Winter geboren. Auch in dem Frühling überschlugen sich die Ereignisse. «Dann kam unser Sohn zur Welt, im Juni. Wir legten seine Plazenta wie gewohnt in den Tiefkühler und vergassen sie ... » Ein klassischer Fall von Prokrastination, also einer Erledigungsblockade. Doch jetzt, schreibt Daniela D., aufgerüttelt durch ihr Coming-out, solle es ein kleines Familienfest geben, sodass 13, 9 und 7 Jahre später die Nachgeburten endlich raus aus dem Tiefkühler und rein in die Erde kommen. Liebe Frau D., damit Sie mit Ihrem Outing nicht so alleine dastehen: Auch ich, Redaktorin von «wir eltern», horte im Tiefkühler seit 15 Jahren eine Plazenta, die auf die ihr gebührende Entsorgungszeremonie wartet! Könnte es sein, dass es auch bei anderen Familien Fälle von ungeplanter Plazenta-Zwischenlagerung gibt? Mythologie: in die Erde Viele Völker vergraben die Plazenta und pflanzen einen Baum darauf, in Europa oft einen Apfelbaum. Der Legende nach bergen die Früchte von diesem «Baum des Lebens» für das Kind Heilkraft. Soll der Baum gedeihen, muss die Plazenta 20 Zentimeter tiefer als das Wurzelwerk eingegraben werden. Bei den mexikanischen Toltec wird die Plazenta unter einem heiligen Feuerplatz vergraben, damit das Kind mit dem Zentrum des Universums sowie mit der Wärme und der Liebe des Stamms verbunden ist. Makaberer geht es bei manchen Turkvölkern zu: Die Plazenta wird auf das Dach des Hauses oder auf einen Baum gehängt und dort von Raubvögeln gefressen. Der Glaube geht, dass der Seelenbruder des Menschen, der die Plazenta bewohnt, in den Vögeln weiterlebt.

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