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Aufräumen

Ordnung halten mit Kindern

Das Leben mit Kindern bringt oft Chaos und Gerümpel. Ein Coaching kann Eltern helfen, den Überblick in den eigenen vier Wänden zurückzugewinnen.

Miryam Kunz (37) stolpert über den roten Helikopter auf dem Boden. Hätte sie sich nicht geschickt am grünen Kachelofen abgestützt, sie wäre womöglich rückwärts auf Muhbert, die Kuh auf Rädern, gestürzt. «Ich sage es ja, es steht einfach zu viel herum bei uns!», ruft sie und lacht.

Maddox (4) und Yuna (2) wirbeln derweil durch die Stube – wo definitiv kein Mangel an Spielsachen herrscht: Legos, Puppen, Lastwagenladungen mit Plüschtieren, Traktoren, Rennautobahnen, Kisten voller Bücher, CDs – überall türmt sich Kinderspielzeug in doppelter und dreifacher Ausführung. Mitnichten nur Ramsch – viel pädagogisch Wertvolles ist darunter. In diesem Haushalt wird mit und für Kinder gelebt.

Familie Kunz wohnt in einer 3½-Zimmerwohnung im Erdgeschoss eines Bauernhauses in Mättenwil (AG). Wie ein Nestchen liegt der Weiler zwischen Feldern und Hügeln, darüber hat der Frühling seine Blumendecke geworfen. Idylle pur. Jürg Kunz (34) ist hier mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Das hilft ihm wohl dabei, sich vom kunterbunten Kuddelmuddel nicht gross beeindrucken zu lassen. Der Spengler und Kranführer spielt lieber ausgiebig mit seinen Kindern und nimmt das fröhliche Chaos locker.

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Kehricht oder Zwischenlager

Miryam hingegen trägt neben ihrer 40-Prozent-Stelle als Sachbearbeiterin in der Druckverarbeitung die Hauptlast von Haushalt und Kinderbetreuung. Ihr kam das Wohlfühlen zu Hause in letzter Zeit abhanden. Zwar räumt sie täglich auf. Staffelt, ordnet, putzt. Doch irgendwie, sagt Miryam, drehe sie sich im Kreis. Kaum herrscht in ihrem Blickfeld Ordnung, scheint sich die Unordnung hinter ihrem Rücken wieder breitzumachen. Ein Lebensgefühl, das sie mit den meisten Eltern teilt. Miryam Kunz nennt es eine «never-ending story». Wie aber aus diesem Teufelskreis aussteigen? Ohne Hilfe, schaffe sie es nicht.

Genau deshalb fährt Jutta Klein (44) an diesem Frühlingsmorgen nach Mättenwil. Die professionelle Ordnungs-Expertin ist so etwas wie die Feuerwehr für Menschen, die das Gefühl haben, dem Chaos in Wohnung, Haus oder Büro nicht mehr beizukommen. Oder für solche, die zwar Ordnungssinn haben, aber ihrer Habe womöglich etwas konzeptlos gegenüberstehen. Klar ist: Bei einer so privaten Angelegenheit wie Aufräumen duzt man sich.

Nach einem telefonischen Vorgespräch hat sich herausgeschält, dass für Miryam das Wohnzimmer, der Kinderkleiderschrank und die Garderobe die grössten Baustellen sind. Hier will sie endlich nachhaltig Ordnung schaffen.

Das grösste Ordnungsproblem ist der Überfluss an Zeugs

«Eine der Hauptquellen von Unordnung ist, wenn man von allem zu viel hat», erklärt Jutta. Schritt eins heisst bei ihr deshalb «Entsorgen» – oder poetischer: «Loslassen». In der Stube der Familie Kunz stellt die Instruktorin eine Rolle mitgebrachter Abfallsäcke bereit: für kaputtes Spielzeug, zerfledderte Puppen, losen Kram. Daneben einen Stapel Bananenschachteln für Spielsachen und Kleider, die im Speicher zwischengelagert oder verschenkt werden.

Nachdem die beiden Frauen im Wohnzimmer die Spielkisten zum Aussortieren auf den Boden gekippt haben, scheint da ein zunächst unbezwingbarer Spielzeugberg zu stehen. Doch Miryam entscheidet in Sekundenschnelle, ob etwas in den Kehrichtsack oder ins Zwischenlager wandert oder ordentlich verstaut in die Kiste zurückgelegt wird. Miryam legt ein Entsorgungstempo vor, das selbst Jutta beeindruckt. Oft erlebt die Beraterin, dass es Kunden schwerfällt, die angesammelten Dinge wegzugeben. Entweder haften Erinnerungen daran oder es sind Geschenke von geliebten Menschen, das investierte Geld spielt eine Rolle oder man fühlt sich besonders wohl in einem Kleidungsstück. Jutta muss mitunter auch Emotionen auffangen – und sich manchmal «abgrenzen wie eine Krankenschwester», sagt sie. Trifft sie auf Menschen wie etwa jenen Mann, der seit Jahren auf der Couch schlief, weil der Inhalt seines gesamten Kleiderschranks auf dem Bett lag, empfiehlt sie mit Nachdruck, eine psychologisch geschulte Person zu konsultieren.

Auch bei Familie Kunz fegt Jutta Klein keineswegs wie eine strenge Fräulein Rottenmeier durch das vielleicht etwas überstellte, ansonsten aber urgemütliche Zuhause. Jutta Klein ist feinfühlig, zurückhaltend und strahlt Seelenruhe aus. Sie hat Verständnis für das Gefühl der Überforderung. Denn gerade das Leben mit Kindern bringe nicht nur Schwung, sondern auch «Zeugs» in die Bude. Vor allem, weil heute vieles zu Schnäppchenpreisen zu haben sei.

Auch Miryam Kunz geht gerne shoppen: Für 20 Franken erhält sie Jeans und T-Shirts im Multipack auf Marketplace bei Facebook, Gummistiefel und süsse Hoodies gibts im Secondhand, Spielzeug auf dem Flohmarkt. Hippe und teure Markenartikel erlaubt das Familienbudget zwar nicht, aber in Brockenhäusern und auf Online-Plattformen findet sich alles, was es für den Familienalltag braucht. Wohlgemerkt: Miryam Kunz ist weder shoppingsüchtig noch ein Messie. «Dennoch schleppe ich manchmal Dinge nach Hause, die ich gar nicht brauche», sagt sie und runzelt die Stirn.

Zu viel Kram und Krempel belastet die Seele, auch für die Aufräum-Expertin bedeutet physische Ordnung auch mentale Ordnung. Kein Wunder verbreiten sich Minimalismus und Marie Kondos Lächeln wie Seifenduft über den Globus – zumindest in der nördlichen Hemisphäre, wo Konsum noch immer der Königsweg zum Glück scheint. Aufräumen liegt im Trend. Denn im selben Mass, wie das Gefühl im materiellen Überfluss zu ersticken zunimmt, steigt auch die Sehnsucht nach Überschaubarkeit. Das Credo «Weniger ist mehr» beginnt jenem von «Konsum ist geil» den Rang abzulaufen. Vor allem die Generation der Digital Natives hängt weniger am Besitz als noch ihre Eltern, beobachtet auch Jutta: «Statussymbole wie ein eigenes Auto, Kaffeemaschine und Hochleistungsrasenmäher müssen nicht mehr sein – heute besticht man mit Erlebnissen, abenteuerlichen Reisen oder Bio-Produkten aus der Region.»

Was aber treibt Jutta Klein an, Menschen professionell beim Schaffen von Ordnung beizustehen? Der Betriebswirtschafterin fehlte bei der Arbeit als Managerin und Coach im Finanz- und Gesundheitswesen irgendwann die Sinnhaftigkeit. «Ich habe gemerkt, dass mein Herzblut vielmehr darin liegt, andere beim Ordnungschaffen zu unterstützen.» Deshalb gründete sie flugs ihr eigenes Unternehmen, schrieb ihr Aufräumbuch «Diamond for Life» und wurde Mitglied beim Verband Swiss Association of Professional Organizers (Swiss-APO). Jutta Klein selber lebt zwar nicht minimalistisch – aber ein wenig puristisch schon, wie sie selber sagt.

Inzwischen hat Miryam auch den Kinderkleiderschrank ausgemistet und arbeitet sich an Schritt zwei ab: «Sortieren» und «Aufräumen». Ob Unterhosen, Langarm-Pullis oder Shorts, blitzschnell entscheidet sie, welche Kleidungsstücke auf welches Ablagefach gehören. Für Jutta gehts beim Einräumen nicht um richtig oder falsch – einfach praktisch soll es sein. Es muss auch nicht jede Schublade, jedes Regal bis obenhin gefüllt sein, ein bisschen Luft dazwischen tut gut. Innerhalb einer Stunde wandelt sich der überfüllte Schrank von Maddox und Yuna zu einem Ruhepol im Kinderzimmer.

Zur Belohnung anstossen

Nach vier Stunden Aufräum-Marathon ist Miryam erschöpft. Schritt drei und vier wird Familie Kunz demnächst selber anpacken: «Nachhaltig Ordnung schaffen» und «Erfolg zelebrieren». Ordnungscoach Jutta Klein empfiehlt, nach der Entrümpelungsaktion vier Wochen lang täglich mehrere fünfminütige Ordnungsinseln zu schaffen und penibel dafür zu sorgen, dass jeder einzelne Gegenstand nach seiner Verwendung wieder an seinen für ihn bestimmten Platz zurückgelegt wird.

Und wie belohnen sich Miryam und Jürg Kunz selber für ihren Hochleistungseinsatz? Sie werden die Übernachtungsparty der Kinder in der Kita nutzen und bei einem Znacht auswärts auf das frisch entrümpelte Zuhause anstossen.

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