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Was hinter dem Zank ums Chaos steckt

«Um Ordnung zu zanken, ist einfach.»

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Unordnung sorgt in Familien regelmässig für Streit. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit Brigitte Sindelar, Messie-Spezialistin an der Siegmund-Freud-Universität Wien.

wir eltern: Chaot oder Pedant – ist es angeboren, ob man ordentlich ist oder nicht?

Sindelar: Nein, ist es nicht. Aus der Neurobiologie wissen wir, dass nur wenige Eigenschaften erblich sind. Das ist die frohe Botschaft: Bemühungen, sich zu verändern, müssen nicht vergebens sein!

Gerade zwischen Eltern und Kindern ist Ordnung ein Reizthema.


Nicht nur zwischen Eltern und Kindern. Ordnung ist eine individuelle Angelegenheit, die auf unterschiedlichen Kodierungsstrategien beruht. Nehmen wir eine Telefonnummer: Die einen merken sich einen bestimmten Rhythmus, andere einzelne Zahlen, wieder andere komplexe Zahlen mit drei Ziffern ... Jede Variante ist ein Ordnungssystem, ein spezieller Weg im Denken. Menschen sind ordentlich – auf unterschiedliche Art.

Die Art von Kindern ist oft weit von der Art Erwachsener entfernt.


Ordnung hängt auch von der kognitiven Entwicklung ab. Ein zweijähriges Kind ist einfach noch nicht in der Lage, sinnvoll zu sortieren. Man muss gemeinsam aufräumen, dann wird es die aufräumende Person imitieren. Ab dem Kindergarten ist es möglich, etwa drei Häufchen zu bilden: Lego, Puppen, Autos. Ab sechs kann es eigenständig Kategorien bilden und danach eigenverantwortlich aufräumen. Allerdings bedarf es dazu noch jahrelang externer Motivation. Sonst geht es dem aufräumenden Kind wie mir beim Sortieren alter Fotos ... Ab der Pubertät ist dann zeitweilig Chaos im Körper, Chaos in den Gedanken, Chaos im Zimmer. Eltern legen dann am besten nur Basis-Massstäbe an.

Welche?

Ein Mindestmass an Hygiene. Etwa: Wir wollen keine Lebewesen mit vielen Beinen in der Wohnung, die keine Miete zahlen. Also bitte keine Pizzareste im Zimmer kompostieren. Auch wird nur gewaschen, was im Wäschekorb liegt. Das führt allerdings regelmässig zu grösseren Wutanfällen, wenn das Lieblingsleibchen nicht sauber ist.

Deeskalationsstrategie und Nervenstärke also?

Ja. Der Kampf um Ordnung lenkt von echten Konflikten ab. Das ist vor allem in Partnerschaften so. Paare können sich erbittert darum streiten, ob die Tassen im Schrank nach links oder nach rechts gehören.

Klingt lächerlich.

Eignet sich aber prima, um die wirklichen Schwierigkeiten zu kaschieren. Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, kann man wenigstens über Ordnung streiten. Auch eine Form der Kommunikation. Zudem geht ein Ordnungsstreit nicht ans Eingemachte. Es ist einfacher, darüber zu zanken, was beim Küche aufräumen nicht gut läuft, als darüber, was im Schlafzimmer nicht gut läuft ...

Ein symbolischer Streit?

So ungefähr. Ordnung oder Unordnung werden dazu benutzt, etwas zu sagen.

Was sagt das Zimmer einer 13-Jährigen aus, auf deren Sessel sich Klamotten stapeln, in dem Meerschweinchen-Futter neben dem umgefallenen Notenständer liegt?


Es sagt: Ich bin mit den Anforderungen über- fordert. Ich wäre auch gern so ein Meerschweinchen, für das alles gemacht wird. Und es sagt vor allem: Hey, ich bin in der Pubertät! Lohnend ist auch die Frage: Um wen geht es bei einem Ordnungszank eigentlich?

Meinen Sie, dass da etwa die Mutter etwas zu ihrer Sache macht, was nicht ihre Sache ist?

Genau. Oft gilt im Unterbewusstsein nämlich noch immer die Gleichung: tolle Hausfrau, tolle Schöne-Wohnung-Ordnung = gute Mutter. Das ist Quatsch. Wenn eine Mutter sich wegen des chaotischen Kinderzimmers vor der Schwiegermutter schämt, ist das eine Sache zwischen den beiden Frauen. Oder wenn der Vater aufgrund des Schreibtisch-Durcheinanders seines Sohnes Angst um dessen berufliche Zukunft hat ... Das ist ein Problem des Vaters, nicht des Jungen.

Und wenn die Gefahr besteht, das eigene Kind bald auf RTL in der Messie-Show zu sehen?

Entspannt bleiben. Ein Messie ist nicht schlicht unordentlich, sondern hat eine ernste psychische Störung. Diese Menschen verschanzen und isolieren sich, horten vermeintlich nutzlose Dinge und leiden unter enormer Scham. Messie und Zwangsneurotiker sind die Extremformen auf der Skala. Dazwischen ist alles normal. Aber selbstverständlich darf man seinen Kindern Grenzen setzen. Ordentliche Eltern müssen nicht, bloss weil das Kind anders tickt, den kompletten Kaufladen im Wohnzimmer dulden.

Wenn man den loswerden will? Heimlich ausmisten, wenn das Kind in der Schule ist?

Bloss nicht! Entrümpeln hat zwar eine befrei- ende Wirkung, Ballast entschwindet und schafft Raum für Neues. Aber das muss freiwillig passieren. Sonst ist es Diebstahl. Und in der Seele des Beklauten bleibt ein Loch.

Die Nachzieh-Ente noch mit 9 Jahren?

Wen störts? Die Nachzieh-Ente kann, bei Bedarf, bis zum 30. Geburtstag bleiben. Vielleicht freut sich ja dann der Lebenspartner auf den Gruss aus der Kindheit.

Sie scheinen eine Lanze für die Unordnung zu brechen.


Nein – für einen anderen Ordnungsbegriff. Es ist ja genauso ordentlich, das rote Feuerwehrauto zu den roten Socken zu sortieren, wie das Auto zu den Autos und die Socken zu den Socken zu tun. Lediglich eine Frage des Kriteriums. Niemand sollte sich selbst zum Massstab machen.

Das sagen Sie jetzt in auffallend ernstem Ton.

Ja. Ich finde Ordnung darf nicht mit Moral, mit gut oder schlecht vermengt werden. Die jüngere Geschichte zeigt, dass vollkommen Unmoralisches, Inhumanes überaus ordentlich organisiert ablaufen kann...


Brigitte Sindelar ist Messie-Spezialistin und Kinder- und Jugendpsychologin an der Siegmund-Freud-Universität Wien.

www.sindelar.at

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