Menü
iStock-522453904

Monatsgespräch

Lorenz Pauli: «Es ist schlimm: Ich bin nett.»

Geschichten sollen spannend sein. Und witzig. Aber bloss nicht moralisierend, findet Kinderbuchautor Lorenz Pauli. Ein Gespräch über Böses, Nettes und Einhörner.

«wir eltern»: Lieber Herr Pauli, da bin ich aber froh, dass unser Treffen geklappt hat, wo doch Ihre Katze mir eigenpfötig eine unfertige Mail geschickt hat.

Lorenz Pauli: Ja, das macht sie gerne. Keine Ahnung warum, aber sie läuft immer über meine Tastatur.

Vielleicht ist der Computer ja warm, hier in Ihrem Haus ist es nämlich enorm kalt.

Finden Sie? 20 oder 21 Grad ist es doch. Hoffe ich zumindest. Stärker zu heizen, dazu haben wir kein Geld (lacht).

Sie kokettieren. Als einer der bekanntesten Schweizer Kinderbuchautoren wird es wohl für ein warmes Häuschen reichen.

Ja. Tut es. Aber ich hatte trotzdem eine Riesenangst, meine feste Stelle als Kindergärtner aufzugeben und voll aufs Schreiben zu setzen. Zumal mir mein Lektor abgeraten hat. «Lorenz», hat er gesagt, «kündige nicht. Es ist etwas völlig anderes, schreiben zu wollen oder schreiben zu müssen.»

Und Sie haben den Rat fröhlich in den Wind geschlagen.

Mir wurde es zu viel. Meinen Job im Kindergarten gut machen, guter Vater sein, gut schreiben … Alles gut zu machen, geht nicht. Bereut habe ich den Sprung ins Ungewisse nicht.

Und dann sind Sprünge in Ihrem Lebenslauf ja ohnehin nicht ungewöhnlich. Vom Banklehrling über den Kindergärtner zum Buchautor ist es ein weiter Weg.

Banklehre … Mein Gott, worauf man so kommt, wenn man in der achten Klasse ist. Ich muss wohl «Geld!» und «Gold!» gedacht haben. Aber ich habe schnell gemerkt: Das ist nichts für mich. Eigentlich ahnte ich schon, dass «Bank» keine gute Wahl war, als ich für die Lehre meine langen Haare abschneiden musste. Naja, vielleicht nutzt es mir im Alltag etwas, dass ich mich durch diesen Ausbildungsumweg mit Abrechnungen auskenne.

Auch aus Ihren Büchern können Kinder etwas lernen. Etwa was es alles an gefährlichen Stoffen gibt in «Richtig giftig» und wie wichtig Lesen ist in «Pippilothek»

Autsch! Das tut weh. Ich will nämlich nicht einfach diese belehrenden, moralgetränkten Bücher schreiben. Okay, das Giftbuch ist eine Co-Produktion mit dem Bundesamt für Gesundheit. Kinder sollen damit auf Gifte aufmerksam gemacht werden. Aber lustig ist das Buch auch! Da besteh ich drauf! Kinderbücher sollen witzig sein, spannend, zum Philosophieren einladen. Die Haltung: «Wir machen jetzt ein didaktisches Buch passend zum Problem» kann ich nicht ausstehen. Möchten Sie übrigens noch heissen Tee, wegen der Temperatur?

Gern, das wäre nett. Nett sind übrigens auch all Ihre Figuren in den Büchern. Wo bleibt der Bösewicht?

Ja, es ist schlimm: Ich bin nett. Meine Figuren sind auch alle nett. Ich glaube, ich bin generell kein Freund von Schwarz-Weiss. Hier böse, da gut. So denke ich nicht. Auch Kinder brauchen kein Schwarz-Weiss. Und ganz bestimmt brauchen sie keine Bücher, die dazu missbraucht worden sind, eine Weltanschauung weiterzutragen.

Das scheint aber modern zu sein. Inzwischen werden viele Bücher sogar im Nachhinein zensiert. Politisch nicht mehr korrekte Wörter werden gestrichen, pummelige Wesen wie Pumuckl und Biene Maja zeitgeistkonform verschlankt …

Lucky Luke die Zigarette wegretouchiert… Es ist grauenhaft. Dabei böten doch genau Wörter wie etwa «Negerprinzessin» in Pippi Langstrumpf einen Gesprächsanlass. Man könnte beim Vorlesen stoppen und mit dem Kind darüber reden, warum manche Wörter heute nicht mehr benutzt werden. Also: gemeinsam schauen, hören, entdecken. Überhaupt finde ich: Vorgelesen zu bekommen ist ein Menschenrecht.

Das unterschreib ich sofort!

Aber leider sehen manche Erwachsene das anders. Viele Kinder hören niemals Geschichten oder ihnen wird die Gutenachtgeschichte zur Strafe gestrichen. Dabei sollte dieses schöne Ritual doch fest zum Leben gehören.

Genaugenommen bestrafen sich die Eltern selbst, wenn sie nicht vorlesen.

Das sehe ich genauso. Nehmen Sie etwa die herrlich schrägen Pettersson und Findus Bücher …

In Ihrem Buch «Pippilothek» gibt es im Text sogar eine Verbeugung vor Pettersson und Findus, als von einem alten Mann mit einer Katze die Rede ist…

Hurra, Sie haben es entdeckt! Kinder entdecken es übrigens auch jedes Mal. Aber wo waren wir? Ach ja: Vorlesen macht glücklich.

Ihre Kinder sind jetzt zu gross dazu.

Leider. Mein Sohn Emil kann zwar virtuos reimen, war aber nie eine Leseratte wie meine Tochter Luzia. Übrigens ist sie jetzt meine Gegenleserin und Kritikerin.

Ist sie streng?

Sehr. Ich habe kürzlich in einem Text beschrieben, wie eine Familie abends durch die sommerlichen Felder fährt und im Dunkeln ein Tier übersieht.

Na, und?

Meine Tochter hat zu Recht bemängelt, dass es im Sommer erst derart spät dunkel wird, dass die Kinder dann wohl kaum mehr dabei sind.

Wie schafft man das als Eltern übrigens, die Kinder zum Lesen anzufixen?

Tja. Mir selbst ist es ja auch leider nicht bei beiden Kindern gelungen. Aber ich finde es wichtig, dass man eine schöne Situation kreiert und die Figuren des Buches lebendig sprechen lässt. Nach einigen Passagen in Harry Potter war ich stockheiser, weil ich den Lord Voldemort natürlich sehr gruselig gekrächzt habe.

Und die schöne Situation? Kissen, kuscheln und Tee?

Apropos: Möchten Sie mehr heissen Tee? Falls Sie noch immer frieren?

Nein, danke. Aber das ist nett von Ihnen.

Zurück zur Situation: Kuscheln und Kissen sind prima. Man könnte aber auch eine Gruselgeschichte im Keller vorlesen. Oder mal im Garten lesen.

Woran arbeiten Sie eigentlich gerade?

Geheimnis! Aber so viel: Zwei Jungs, die sich nicht leiden können, müssen ein Fabelwesen retten.

Und am Schluss können sich die zwei dann leiden?

Nein! Das wäre doch wieder dieses penetrant Pädagogische. Aber sie akzeptieren sich und schaffen es immerhin, dem Wesen die Freiheit zurückzugeben.

Das Fabelwesen, lassen Sie mich raten, ist ein Einhorn? Kein Viech verkauft sich ja derzeit besser.

Gute Idee. Darüber sollte ich ernsthaft nachdenken. Am geschäftstüchtigsten wärs, wenn draussen am Buch auch noch ein plüschiges Einhorn dranhinge…

Mit schillernd rosa Horn selbstverständlich.

Super! Das Fabeltier ist noch in Arbeit.

Es könnte ja mal ein böses Fabeltier sein.

Ach nein. Sie wissen ja inzwischen: Ich bin unheilbar nett. Tut mir leid.

Auch lesenswert