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Ehrgeiz

Gut, besser, am besten

Kind mit Boxerhandschuhe jubelt

Als Feindbild Nr.1 fungiert derzeit der ehrgeizige Mensch. Offenbar doppelt schlimm: ehrgeizige Mütter und Väter. Was für eine Heuchelei! Ein Plädoyer für ehrliche Ambition.

Wer sich als Eltern an den Rand der Gesellschaft katapultieren möchte, kann es ja mal mit dem Satz «Gute Noten finde ich prima» versuchen. Problemlos gelingt der soziale Selbstmord auch, wenn man öffentlich sagt: «Wäre schon nicht schlecht, wenn mein Kind aufs Gymi käme.» Tja. Dann steht man da. Allein, geächtet, vorwurfsvoll beäugt. Denn wenn es eines gibt, das derzeit verpönter ist, als einer Katze eine Konservendose an den Schwanz zu knoten, dann: Ehrgeiz.
Ehrgeiz, das klingt nach Tiger-Mom, nach André Agassis Vater, der seinen Sohn täglich 2500 Bälle schlagen liess, nach Drill, schmalen Lippen und gebücktem Kinderrücken. Ehrgeiz, pflichtet man heute Aristoteles, Einschätzung bei, gehöre zu den seelischen Lüsten und sei ein Laster. Selbst die evangelische Kirche surft derzeit auf der Welle. Lautet doch der Titel der diesjährigen Fastenaktion «7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz ». Ehrgeiz-Bashing wohin man schaut. Und während bei Casting-Show-Kandidaten und Fussballern der Wunsch, eine Runde weiterzukommen, noch gerade durchgeht, ist Ehrgeiz bei Eltern: bäh. Tabu. Verboten.
Nur: Das vermeintliche Abwerten von Ambition ist bigott. Das Lippenbekenntnis zu allumfassender Lockerheit oft eine fette Lüge. Selten haben nämlich Eltern grösseren Effort betrieben, um ihre Kinder zu fördern, als heute. Nie gab es eine solche Palette an Frühförder-Kursen, nie einen solchen Andrang bei zweisprachigen Kindergärten und Musiklehrern mit Klavier, Oboe oder Geige im Angebot. Fünfstellige Summen investieren Eltern des Kantons Zürich pro Jahr in private Gymi-Vorbereitungen. Nur jeder sechste Schüler erledigt seine Hausaufgaben eigenständig. 25 Prozent der Primarschüler bekommen ab und an oder regelmässig Nachhilfe, so die Studie des Schweizerischen Nationalfonds «Familie-Schule-Beruf» (F-S-B). Heimliche Nachhilfe, versteht sich. Jedes dritte Schweizer Schulkind wird in irgendeiner Form therapiert, um das Feintuning der Entwicklung zu optimieren.

Jeder möchte doch wohl lieber ein Sieger als ein Verlierer sein. Warum auch nicht?

Und – nie zuvor waren so viele Kinder vermeintlich hochbegabt. Zwar hält sich der Prozentsatz der tatsächlich Hochbegabten konstant bei 3 Prozent, die Zahl der Kinder, die zur Abklärung geschickt werden, liegt aber, laut «Spiegel», inzwischen doppelt so hoch wie vor 5 Jahren. «Hochbegabung» – vorhanden oder nicht – ist jedenfalls ein taugliches Label, um anrüchigen elterlichen Ehrgeiz perfekt zu kaschieren. Nicht länger ist es dann der Wunsch von Mutter und Vater, dass der Sprössling am freien Mittwochnachmittag zur Kinder-Uni geht, sondern es heisst nun: «Er langweilt sich ohne besondere Anregung.» Nicht länger müssen Mutti und Vati sich schämen, wenn sie ihrem Nachwuchs «Geolino» statt «Diddls Käseblatt» mitbringen. Und dass Sohn oder Tochter am Wochenende bei der «Opera Viva», der Mitspiel- Oper für Kinder, mittun, steht so auch nicht länger im Ruch, dass da Rüstzeug für den globalen Wettbewerb gesammelt wird, sondern «das Kind will das von sich aus».

Drei Kinder Jubeln weil sie Goldmedaille gewonnen haben

Die Liebe zum Durchschnitt

«Von sich aus», ist ohnehin seit Neustem in den heiligen Gral der Pädagogik graviert. Sechstklässler müssen «von sich aus» aufs Gymnasium wollen. Zwar haben sie so recht keine Ahnung, was ein Gymi überhaupt ist und was man als Beruf noch anstreben könnte, ausser «Lionel Messi werden», aber von sich aus wollen, sollen sie. Fünftklässler sollen «intrinsisch motiviert» das Hausaufgabenniveau 3 erledigen, was doppelte Arbeit im Vergleich zu Niveau 1 bedeutet. Komisch nur, dass offenbar alle Kinder ausgestorben sind, die lieber spielen statt «aus eigenem Bedürfnis» weitere Stöckli Divisionsaufgaben zu rechnen.
Nun ist es zwar so, dass die Evolution «von sich aus» nach Höherem strebt, sonst sässen wir ja noch immer in irgendeiner zugigen Höhle und grillten Mammut über offener Flamme; aber zu Darwin stehen? Bloss nicht!
Ziemlich widersinnige Haltung findet Markus Hengstschläger, Genetikprofessor an der Universität Wien und Autor des Buches «Die Durchschnittsfalle». Denn: «Der Durchschnitt hat noch nie etwas Innovatives geleistet. Wir leisten es uns zugunsten des Durchschnitts, Talente nicht zu fördern.» Aufgeregt besprochen wurde sein Text so ziemlich überall. Wird da etwa einer Leistungs-Elite das Wort geredet? Nein. Nur dem Mainstream ebenfalls nicht. Diesem unausgesprochenen Gebot zu Understatement, und «bloss nicht auffallen» – nicht mal positiv. Vielmehr kritisiert Hengstschläger die grassierende Hochleistungs-Phobie. Denn was etwa soll ein Schulsystem bringen, «das die Schüler anhält, dort am meisten zu lernen, wo sie die schlechtesten Noten haben, um sich auf Kosten jener Zeit, die sie mit ihren Stärken verbringen können, doch rasch wieder im Durchschnitt einzureihen»?

Chefs suchen Leute, die gut sind. Nicht nur gut drauf.

Applaudiert wird seinen Thesen lieber ohne Zuschauer. Schliesslich heisst die offizielle Devise: Allzeit relaxt sei das moderne Kind, sorglos und ohne Stress. Das Leben als begehbare Kuschelrock-CD.
Von der Realität ist das weit entfernt. Denn wenn Schweizer Eltern so easy drauf wären, ihr Kind ganz ohne Einflussnahme frei und unbehelligt vor sich hinwachsen liessen, hätte die F-S-B-Studie andere Ergebnisse gebracht. Die aber zeigen: 30 bis 50 Prozent der kindlichen Leistungen in Deutsch und Mathematik werden durch Erwartungen und Verhalten der Eltern bestimmt. Auch PISA belegte: Kinder von Müttern mit höherer Schulbildung haben ihrerseits eine höhere Lesekompetenz. Der Bildungsstand der Mutter wiederum beeinflusst die Schulleistungen des Kindes doppelt so stark wie der des Vaters, fand Edward Melhuish von der University of London heraus.
Fakt also ist, ob man das gut findet oder nicht: Die Mutter ist die Mutter des Erfolges. Das kollektive Aufheulen über die ehrgeizige Amy Chua ist vermutlich deshalb so schrill ausgefallen, weil Ehrlichkeit vor allem dann weh tut, wenn Wahrheit drin steckt.

Kleinkind liest ein Buch

Leistung macht zufrieden

Schliesslich ist es so, dass man laut Kindheitsforscherin Donatella Eschenbroich 10 000 Stunden Übung benötigt, um einen Sport oder ein Instrument zu beherrschen. Sollte jemand ein Kind kennen, das ohne Ermahnung in diesem Masse übt: Bitte beim Guiness- Buch der Rekorde melden.
Hart, aber wahr ist auch, dass ein Hochschulabschluss das Risiko, arbeitslos zu sein, im Vergleich zu anderen Abschlüssen glatt halbiert. Das mag man beklagen, ändern wird sich nichts daran, dass Arbeitgeber Leute wollen, die gut sind. Nicht nur gut drauf.
Darüber weg zu kuscheln bringt niemandem etwas.

Ist dies also ein Plädoyer für Druck, Zwang und Leistungsterror? Ein Plädoyer für durchgeknallte Moms wie diese Kerry Campbell, die ihrer 8-Jährigen Botox spritzte, um deren Chancen im Kinderschönheitswettbewerb zu erhöhen? Nein. Auch kein Plädoyer für Mütter, die sich durch ihre Kinder verwirklichen müssen, weil der Ehrgeiz fürs eigene Leben auf halber Strecke abhanden gekommen ist. Sondern für Ehrlichkeit. Authentizität. Ruhig auch für ein bisschen Stress, der zu Unrecht einen Ruf wie Jack the Ripper hat. Denn Stress, so Ines Possemeyer in «Geo»: «Stress sorgt erst mal dafür, dass das Gehirn hellwach ist, der Körper bereit zum Handeln.» Und für nicht heillos überfordernde Probleme gilt: «Ist die Situation bewältigt, sind Zufriedenheit und Entspannung der Lohn.» Das wären vielleicht keine schlechten Erziehungsziele: Leistung gepaart mit Zufriedenheit, Entspannung, klaren Zielen und einer Prise von Madonnas fröhlicher Chuzpe: «Ich bin ehrgeizig und ich weiss genau, was ich will. Wenn ich deshalb ein Miststück bin – okay!»

Markus Hengstschläger. «Die Durchschnittsfalle», Ecowin Verlag, 31.40 Fr.

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