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Weiblichkeitszeichen in Wasserfarben gemalt

Elternkolumne

«Jetzt wird zurückgegendert!»

Echt jetzt!? An der geschlechtergerechten Sprache scheiden sich die Geister. Die Debatte eskaliert. Dabei gäbe es eine einfache und (un)gerechte Lösung, findet unser Kolumnist Reto Hunziker.

Wahnsinn, wie stark ein Sternchen polarisiert. Oder wie sehr sich Männer darüber echauffieren können, dass Frauen mehr als nur mitgemeint werden wollen. Sollen sich mal nicht so anstellen! Was wollen sie denn noch alles fordern! Das geht nun wirklich zu weit! Am Ende beanspruchen die Non-Binären auch noch ihre eigene Endung!

Nun, ich habe mich in der Diskussion um Gendersternchen und alle anderen Möglichkeiten der gendergerechten Sprache stets zurückgenommen. Das heisst, anfangs wollte ich mich auch noch auflehnen, fand, es sei zu umständlich, jedes Mal «Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter» zu schreiben oder es störe den Lesefluss. Auch ständig von «Personen», «Teilnehmenden» oder «Studierenden» zu reden, schien mir ulkig. Dann merkte ich: Das ist mein Problem; ich mag Veränderungen nicht, nicht mal die kleinsten. Und schon gar nicht an meinem Liebling: der Sprache.

Was natürlich trotzdem geringfügig ist im Vergleich dazu, wie Frauen sich (nicht nur sprachlich) behandeln lassen müssen. Seit immer. Also verkniff ich mir, mich zu beschweren, zumal ich einsah, wie lächerlich es ist. Und versuchte, vernünftig zu bleiben – wobei mir eine Idee kam. Sie ist weder besonders originell noch bahnbrechend, sondern simpel und daher vielleicht gar nicht so blöd. Ich bin sicher, es sind schon viele andere darauf gekommen, richtig ausführlich darüber gelesen habe ich trotzdem noch nirgends. Jedenfalls: generisches Femininum!

Obwohl ich weder ein Fan bin von «Auge um Auge», «Feuer mit Feuer bekämpfen» oder «den Teufel mit dem Beelzebub austreiben», fände ich es völlig in Ordnung, wir alle würden den Spiess umdrehen. Einfach immer die weibliche Form wählen – und Männer implizit mitmeinen. Das generische Femininum zum Normalfall machen. Nicht aus Rache, sondern … na gut, vielleicht ein bisschen aus Rache oder zumindest als Genugtuung, aber vor allem, um einen Punkt zu markieren: Wenn es nämlich überhaupt nicht schlimm ist, ständig nur impliziert zu sein, ohne erwähnt zu werden (wie viele von der «stellt euch nicht so an»-Front votieren), dann dürften sich die Männer damit ja wohl problemlos abfinden. Oder nicht?

Was meinen Sie, liebe Leserinnen? Das müsste doch breiten Konsens finden, bei Ärztinnen, Lastwagenchauffeusen, Unternehmerinnen, Bauarbeiterinnen, Wissenschaftlerinnen, Metzgerinnen und Kanzlerinnen. Es geht locker von der Hand und verlangt lediglich ein wenig Konsequenz. Ferner scheint mir der Lerneffekt dabei gross: Die einen merken nämlich bei jedem «-innen», wie unrecht sie zuvor den weiblichen Mitgemeinten getan haben und wie unschön es ist, unterschlagen zu werden. Und die anderen können weiterhin finden, das sei ja gar nicht so schlimm, dürften sich ergo aber nicht lange mit weiteren Überlegungen dazu aufhalten.

Raffiniert und trotzdem fair, finde ich. Und gnadenlos schnell umsetzbar. Denn bis sich eine einheitliche Lösung geschlechtsneutraler Sprache etabliert hat, kann es noch eine Weile dauern. Und auch jene Variante, die gewisse Feministinnen nach angelsächsischem Vorbild propagieren, braucht Zeit: nämlich – vereinfacht und exemplarisch – mehr Frauen in den Bundesrat zu wählen, bis, wenn wir von «Bundesrat» sprechen, eine Frau so gut wie ein Mann gemeint sein kann. Selbst wenn die Debatten und Nebeneffekte sich langfristig konstruktiv auswirken – bis sich das gefestigt hat ... Rascher gehts mit dem generischen Femininum, das sollte von der grössten Skeptikerin über die nüchterne Realistin bis zur überkorrekten Hardlinerin allen klar sein.

Und dennoch keine Dauer-, sondern eine Übergangslösung. Weil am Ende Gleichberechtigung und Gleichbehandlung das Ziel sind. In der Zwischenzeit könnte das generische Femininum allerdings ein bisschen Ungerechtigkeit kompensieren, die sprachliche Unsicherheit überbrücken sowie im besten Fall einige Vertreterinnen des männlichen Geschlechts zur Einsicht bringen.

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