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Schwangere Frau

Geburt / Meine Wünsche

Gebären nach Plan

Eine Geburt ist unberechenbar wie kaum etwas im Leben. Trotzdem – oder genau deswegen – ist es sinnvoll, einen Geburtsplan zu formulieren. Auch wenn dann alles ganz anders kommt.

Zu wissen, dass deponiert wurde, was einem wichtig ist, kann für die Frau beruhigend sein.»


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Geburt und Plan – im ersten Moment scheint dies ein Widerspruch in sich zu sein. Geht es doch bei einer Geburt zugeben und die «Gebärmutter gebären zu lassen», wie die Physiotherapeutin und Autorin Antoinette El Agamy sagt. Ist der Geburtsplan also ein Tool für Kontrollfreaks, die Überraschungen aus dem Gleis werfen wie schlecht zusammengesteckte Schienen den Lego-Zug? Keinesfalls, findet Awital Zingg-Bollag, Mutter von vier Kindern und Hypnobirthing-Kursleiterin im Raum Baden: «Ein Geburtsplan kann ein Weg sein, sich mit der Geburt auseinanderzusetzen und zu überlegen, was einem wichtig ist bezüglich Schmerzlinderungsmethoden, Dammschnitt oder Stillen und dies mit dem Vater des Kindes zu besprechen.» Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die nicht genau wissen, was sie wollen, unbewusst die Verantwortung für die Geburt ans Klinikpersonal abgeben – und hinterher nicht selten enttäuscht sind darüber, wie es gelaufen ist. Selber hat die 39-Jährige bei jedem Kind einen neuen Plan geschrieben. «Eine Geburt ist wie ein Marathon; auf jeden Marathon muss man sich extra vorbereiten.»


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Den Plan besprechen

Blicken wir zurück in der Geschichte, sehen wir, dass Frauen ihre Geburten schon immer geplant haben. Sie entschieden, wer dabei sein sollte, wann die Hebamme zu rufen war und wer nach der Geburt kochen würde. Mitte des letzten Jahrhunderts etablierte sich in der westlichen Welt das Spital als Geburtsort. Dort hatten sich die Gebärenden der Autorität des Klinikpersonals unterzuordnen und verloren einen grossen Teil ihrer Selbstbestimmung. Das akzeptierten nicht alle Frauen gleich willig und als der Zeitgeist dank Flowerpower und Bürgerrechtsbewegungen wieder freier wurde, wuchs auch die Unzufriedenheit über die Situation in den Geburtsabteilungen. Als Reaktion darauf begannen Geburtsbetreuerinnen in den USA in den 1980er-Jahren die Schwangeren dazu zu ermutigen, einen Geburtsplan zu schreiben. Dadurch sollten sie einen Teil der Kontrolle über das Geburtsgeschehen − und über ihren Körper − zurückgewinnen.

40 Jahre später ist die Idee aktuell wie damals. Wer heute sein Kind in einem Spital auf die Welt bringt, und das sind in der Schweiz genau 98 Prozent der Frauen, begibt sich in ein medizinisches Umfeld, das darauf ausgerichtet ist, pathologische Entwicklungen frühzeitig aufzuspüren und wenn nötig sofort einzugreifen. Dementsprechend werden Schwangerschaft und Geburt heute engmaschig überwacht. An die Stelle des Vertrauens in die Gebärfähigkeit der Frau ist technokratische Kontrolle getreten. Es ist deshalb sinnvoll, sich im Voraus mit dem Thema Geburt vertieft zu befassen, sich über mögliche Interventionen zu informieren und in einem Vorgespräch mit dem Spital der Wahl dessen Gebärkultur kennenzulernen. Der Geburtsplan kann dabei als Checkliste oder Gesprächsgrundlage dienen.

Nicht vergessen: Es kann auch alles ganz anders kommen als geplant.

In den Kliniken kennt man sich mit Geburtsplänen aus. «Die Hebammen behandeln das Thema bereits im ersten Semester des Studiums», erläutert Andrea Stiefel, Stellvertretende Leiterin des Studiengangs Hebamme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Im Spitalalltag gehen die Ansichten darüber auseinander. Monya Todesco, Chefärztin in der Frauenklinik Aarau begrüsst es, wenn Schwangere sich im Detail damit auseinandersetzen, was bei der Geburt auf sie zukommt. Das bestätigt auch Christa Gutknecht, Co Stationsleiterin in der Frauenklinik des Inselspitals Bern, fügt aber an: «Wir haben gemischte Gefühle, wenn eine Frau mit einem sechsseitigen, aus dem Internet heruntergeladenen Papier kommt, auf welchem sie ein paar Kreuzchen gemacht hat. Da kann viel Leerlauf drin sein, wenn Dinge vorkommen, die bei uns selbstverständlich sind. Wie etwa die eigene Kleidung tragen während der Geburt.» Positiv finden sowohl die Gynäkologin wie die Hebamme, wenn ein Geburtsplan mit dem Spital vorbesprochen wird. «Zu wissen, dass deponiert wurde, was einem wichtig ist, kann für die Frau beruhigend sein und Sicherheit geben», so Gutknecht. «Für manche Gebärende ist es ein Weg, erst richtig loslassen zu können.»

Hat eine Frau jedoch ganz viele Wünsche und fixe Vorstellungen, die sie mit ihrem Geburtsplan sozusagen zementieren will, sind Stress und Frustration programmiert. Die werdende Mutter sollte deshalb bei der Vorbereitung bedenken, dass auch alles ganz anders kommen kann und die geplante Spur verlassen werden muss, wenn die Situation es erfordert: «Eine gewisse Flexibilität ist notwendig», sagt Monya Todesco. Das findet auch Awital Zingg-Bollag, Inhaberin von MyGentleBorn: «Es ist wichtig, dass wir als Gebärende vermitteln, was wir wollen, denn schliesslich ist es unser Körper und unsere Geburt. Wir sollten uns aber nicht in etwas verbeissen und offen bleiben für Unvorhergesehenes.»


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