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Gesellschaft / Stillen

So lange es uns gefällt

Paar mit einem Kind, das grade gestillt wird

Sechs bis zwölf Monate stillen gilt als normal. Mütter, die ihrem Nachwuchs länger die Brust geben, spüren Gegenwind. Ist Langzeitstillen eine Marotte von Frauen, die ihr Kind an sich binden wollen?

Überbehütend, in einem pädagogischen Beruf tätig, Haremshosen tragend -gewundert hätte es mich nicht, auf solche Eltern zu treffen. Alles falsch. Aber auch passend: Jasmin Heierli stillt gerade ihre zweijährige Tochter Olivia, als ich im Zürcher Studentenlokal «Hot Pasta» an ihren Tisch trete. Wir treffen uns zum Gespräch übers Langzeitstillen. Abgesehen von diesem ersten, wenig erstaunlichen Eindruck werde ich in den folgenden zwei Stunden immer wieder überrascht. Es fängt da­mit an, dass nicht nur Mutter und Tochter beim Gespräch dabei sind, sondern auch der Vater. «Stillen ist etwas, das alle drei an­ geht», erklärt die 27-Jährige, «ich habe Thomas von Anfang an miteinbezogen.» Das war nötig, denn Jasmin Heierli hat ihr Studium der multilingualen Textanalyse an der Universität Zürich kurz nach der Geburt wieder aufgenommen, Milch für das Baby pumpte sie ab. Zwei Tage pro Woche geht Olivia seit sie ein Jahr alt ist in die Krippe, an einem Tag ist Thomas Heierli mit ihr zu Hause. Der Business Analyst bei der UBS hat das Glück, seine Jah­resarbeitszeit flexibel einteilen zu können. «Olivia lernte schnell. Zu Beginn hatte sie Mühe, ohne Stillen einzuschlafen. Doch bald war sie daran gewöhnt, im Tragetuch auf meinem Rücken in den Schlaf geschaukelt zu werden», erinnert sich der Vater. Die Eltern sind ein eingespieltes Team: «Thomas ist vollkommen in der Lage und kompetent, sich um das Kind zu kümmern. Ich vertraue ihm 100 Prozent», sagt Jasmin Heierli.

Olivia hat Mamas Brust mittlerweile fast unbemerkt losgelassen und sitzt jetzt mit am Tisch. Keinen Zentimeter Haut habe ich gesehen; nun gut, ich habe auch nicht gestarrt, aber Stillen kann man diskret, so viel ist klar.

Muttermilch und Oliven

Olivia wird schon lange nicht mehr ausschliesslich gestillt. Bereits mit fünf Monaten hat sie angefangen zu essen: Kaum jemals Brei, dafür hier ein paar Nudeln oder Apfelstückchen, da ein paar Oliven. Heute Mittag findet sie den Blattsalat und die Baumnüsse besonders gut, den Ziegenkäse schiebt sie zum Papa hinüber. Muttermilch erhält sie an manchen Tagen nur morgens und abends. Wenn sie krank ist, kann es jedoch sein, dass sie alle Nahrung ausser der Muttermilch verweigert.

In den allermeisten nicht-westlichen Kulturen wird auch heute noch ausdauernd gestillt. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO erhält weltweit die Hälfte der zweijährigen Kinder immer noch Muttermilch und gemäss verschiedenen Untersuchungen liegt die durchschnittliche Stilldauer bei etwa 30 Monaten. Archäologen können das Abstill-Alter an Knochenfunden abschätzen; die Ergebnisse weisen ebenfalls auf eine lange Stillzeit hin. In der Bibel ist zu lesen, dass die Hebräer ihre Kinder mit zwei bis drei Jahren entwöhnt haben. Der Koran empfiehlt eine Stilldauer von zwei Jahren. Was wir heute unter «Langzeitstillen» verstehen, entspricht also dem arttypischen Verhalten des Homo sapiens.

Sexualisierte Sicht auf die Brust

Doch unsere Gesellschaft tut sich schwer damit. Einerseits wird bei uns Muttermilch als beste Ernährungsform für das Kind gepriesen. Von den Kinderärzten über die Weltallianz für Stillförderung bis zur Weltgesundheitsorganisation wird kaum jemand müde, die Vorteile der Brusternährung hervorzuheben. Breast is best, so der Slogan. Und zwar bis über das dritte Lebensjahr hinaus, neben altersgerechter Gabe von Beikost selbstverständlich.

Stillen ist etwas, das alle drei angeht.

Jasmin und Thomas Heierli

Doch seltsam: Die Altersangabe «Zwei Jahre oder länger» scheint hier geflissentlich überhört zu werden. Wie anders wäre es zu erklären, dass die meisten Menschen in der westlichen Welt mit kaum verhaltener Ablehnung reagieren, wenn sie merken, dass das Brustkind nach seiner Mahlzeit aufsteht und zurück in den Sandkasten läuft. Oder, wie Jasmin Heierli es schon erlebt hat, die Brust loslässt und sagt: «Mama, häschs Flugzüg ghört?»

Abartig finden das die Leute. Oder zumindest anstössig. Jasmin Heierli schaute zu, wie zwei Frauen ihretwegen die Parkbank wechselten, um nicht Zeugen des Brustgebens zu werden. Hätte Olivia einen Schoppen erhalten, dessen Sauger nichts anderes als eine Brustwarzenkopie aus Silikon ist, wären die Damen mit Si- cherheit sitzen geblieben. Jasmin Heierlis Erklärung für die Abneigung: «Die meisten Erwachsenen haben keine Erinnerung ans Stillen oder Gestilltwerden. Der Busen als Nahrungsquelle auch für ältere Kinder kommt in ihrem Bewusstsein nicht vor. Übrig bleibt dann nur die sexualisierte Sicht auf die Brust.»

Immerhin jedes elfte Kind wird laut Schweizerischer Gesundheitsbefragung von 2012 länger als 12 Monate gestillt. Ob sich die Stilldauer in den letzten Jahren verändert hat, ist unklar, da die Fragestellung nicht mit derjenigen der Vorjahre vergleichbar ist. Wer sich jedoch im Bekanntenkreis umhört, staunt, wer alles die gesellschaftsverträgliche Maximalstilldauer von 12 Monaten überschritten hat. Die Hauptgründe: Stillen ist praktisch, gesund und gut für das Kind.

Die Milchbar ist zeitweise geschlossen

An die grosse Glocke gehängt wird eine lange Stilldauer jedoch nicht, sondern im Gegenteil eher verheimlicht. Zu verbreitet ist die Überzeugung, Langzeitstillen schade der psychischen Entwicklung des Kindes, verwöhne es und sei letztlich egoistisch motiviert, weil die Frauen ihre Kinder nicht loslassen könnten – so auch die Meinung mancher Psychologen. Doch der weltweit grösste Verband von Kinderärzten, die American Academy of Pediatrics, kam nach gründlicher Auswertung der wissenschaftlichen Literatur zu folgendem Schluss: «Es gibt keine Hinweise auf schädliche Effekte auf die Psyche oder die Entwicklung des Kindes, wenn bis ins dritte Lebensjahr hinein oder länger gestillt wird.»

Klar ist: Stillen geht nur, wenn die Frau es auch selbst will, sich gut dabei fühlt und nicht unter Stress, Einschränkungen oder den Meinungen anderer leidet. Einen nicht zu unter­ schätzenden Einfluss auf die Stilldauer haben die Väter. Nicht selten sind sie es, die die Frauen zum Abstillen drängen - manchmal weil sie sich durch die enge körperliche Bezie­hung zwischen Mutter und Kind ausgeschlossen fühlen. Ein heikles Thema. «In den ersten Monaten nach der Geburt ist es schwierig, seinen Körper nicht nur mit dem Kind, son­dern auch noch mit dem Mann zu teilen», sagt Jasmin Heierli.

«Mit der Zeit lernt man jedoch, gerechter zu sein.» Sicher ist, dass der Paarbeziehung Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Rollt der Mann jedes Mal mit den Augen, wenn das Kind nach der Brust verlangt, sind das weder gute Voraus­ setzungen für eine lange Stilldauer noch für eine unterstüt­ zende Beziehung zwischen den Partnern.

Meistens sind es jedoch die Frauen selbst, die sich nicht vorstellen können, während mehrerer Jahre ständig verfüg­bare Nahrungsquelle für ihr Kind zu sein. Ein Kleinkind, das jederzeit den Pulli der Mama hochschiebt und sich an der Milchbar selbst bedient, ist eine abschreckende Vorstellung für viele. Auch für Jasmin Heierli. «Olivia muss manchmal warten. In einem sehr vollen Zug beispielsweise ist es mir beim Stillen nicht wohl. Da vertröste ich sie auf später.» Mitt­lerweile ist es 14 Uhr. Die Studentin muss zurück an die Uni. Der Vater legt das Tragetuch zurecht und hebt Olivia geübt auf seinen Rücken. Noch bevor die beiden am Bahnhof an­kommen, wird sie schlafen. Auch ohne Mamas Brust.


Eine weitere Sichtweise zum Langzeitstillen

Die Journalistin Annette Saloma-Huber hat ihr erstes Kind nach vier Wochen abgestillt. Bei Ihrem zweiten Kind macht sie es anders. Ihr Sohn ist 15 Monate alt und er trinkt noch von der Brust.

Sie hatten lange ungepflegte Haare, trugen wallende naturfarbene Gewänder und Birkenstocksandalen. Die Frauen, die im Dokumentarfilm zum Thema Langzeitstillen ihre 2-, 3- oder gar 4-jährigen Kinder stillten, entsprachen jedem mir bekannten Klischee und bestätigten alle meine Vorurteile. Während ich ungläubig auf den Bildschirm starrte, schüttelte ich den Kopf. Wie kann man nur – dachte ich damals. Ich fand Stillen etwas Faszinierendes und Schönes, aber DAS eher seltsam und schräg und ich fragte mich, worum es diesen Müttern wirklich ging.

Meine erste Tochter habe ich nach vier Wochen abgestillt. Postpartale Depression, fehlendes Wissen und Unterstützung machten das Stillen zu einem einzigen Stress. Das Abstillen war eine Erleichterung. Doch als es mir psychisch wieder besser ging, kam die Reue. Ich brach in Tränen aus, wenn ich eine stillende Mutter sah. Keiner hatte mir gesagt, dass es stillfreundliche Antidepressiva gibt. Dafür hiess es, mit Schoppen sei alles einfacher. Was bei uns überhaupt nicht der Fall war. Mein zweites Kind, sagte ich im Scherz, mein zweites Kind stille ich bis zu seinem vierten Lebensjahr. In Wirklichkeit fand ich es seltsam, wenn jemand ein Kind stillte, das laufen konnte.

Drei Jahre nach der Geburt meiner Tochter schickte mir das Universum meinen Sohn. Er dockte gleich nach der Geburt an meine Brust an und liess sie die ersten drei Monate kaum mehr los. Er verweigerte Nuggi und Schoppen. Und da ich diesmal unbedingt stillen wollte, überwand ich mit eisernem Willen alle auftretenden Probleme und Schwierigkeiten, ignorierte gutgemeinte, aber leider nicht hilfreiche Ratschläge. Beim Thema Stillen, so wurde mir klar, haben diejenigen am Meisten zu sagen, die nie oder nur kurz gestillt haben. In Stillgruppen im Internet lernte ich sehr viel darüber, wie gesund und wichtig das Stillen ist, für Kind und Mutter. Und zwar über das erste Lebenshalbjahr hinaus. Warum sollte ich teures Milchpulver kaufen, wenn mein Körper die beste Nahrung für mein Kind produziert, so wie es die Natur vorgesehen hat? Die Stillhormone halfen mir zudem, trotz nächtlichem Stillen gut zu schlafen und eine erneute Wochenbettdepression schnell zu überwinden.

Mittlerweile ist mein Sohn 15 Monate alt. Er hat 8 Zähne und läuft. Und ich stille immer noch. Seit 7 Monaten arbeite ich Teilzeit und pumpe einmal pro Tag ab. Das Stillen empfinde ich als einmalig, auch was die Bindung zum Kind angeht. Ich werde weiterstillen, so lange es für beide stimmt. Es gibt kein Ziel, aber auch keine Grenze. Ich sehe darin überhaupt kein Problem mehr. Die Wissenschaft bestätigt mich, die Psychologie ebenfalls, die WHO sowieso. Da ich meinen Sohn seit Geburt täglich stille, ist es für mich auch nicht seltsam, dass er mittlerweile läuft. Wir sind da reingewachsen. Etwa zwei- bis dreimal am Tag watschelt mein Sohn im Entengang auf mich zu, im Arm seinen Plüschbär, der fast grösser ist als er und kuschelt sich an mich – das Zeichen, dass er stillen möchte. Und wenn er dann trinkt, mich anschaut und zwischendurch lacht, weiss ich, es ist gut und richtig wie es ist. Der einzige Nachteil des Langzeitstillens sind höchstens allfällige blöde Kommentare und Vorurteile. Aber Letzteres, das weiss ich jetzt aus eigener Erfahrung, kann man abbauen.


Stillkampagne 2015: Muttermilch stärkt

Die Stillkampagne 2015 will aufzeigen, dass Mutter­milch das Baby optimal gegen Infektionskrankheiten und Allergien schützt und dass gestillte Babys dadurch bestens gestärkt ins Leben starten. Die Kampagne unterstützt stillende Mütter mit ausführlichen Informati­onen und vielen wertvollen Tipps.

Im Rahmen der Stillkampagne findet am Mittwoch, 27. Mai 201 5 von 8.30- 11 Uhr im Haus Hiltl in Zürich ein Still-Zmorge statt. Stillberaterinnen beantworten alle Fragen rund ums Stillen.

Kosten: Fr. 29.- pro Person (Kinder gratis).

Infos und Anmeldung online unter www.stillkampagne.ch.

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