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Freiwilligenarbeit

«Ich mach' endlich was Richtiges»

Die Aladdin-Stiftung versucht, Familien mit schwer kranken Kindern zu entlasten: Etwa durch Freiwillige, die die Kinder im Spital besuchen, mit ihnen spielen, spazieren gehen – oder, wie an diesem Abend: Karaoke singen. Wir haben in der Kinder-Reha-Klinik in Affoltern am Albis mit zwei Freiwilligen gesprochen. Tanja Eichholzer (43) und Fritz Stegmann (69).

wir eltern: Frau Eichholzer, Herr Stegmann, ich frag mal ganz bitterböse: Ist Ihnen als Freizeitgestaltung nichts Lustigeres eingefallen, als mit schwerstkranken Kindern zu arbeiten?

Eichholzer: Wir HABEN es lustig. Wir lachen viel mit den Kindern. Wer denkt, hier sei alles nur supertraurig, weil die Kinder krank sind, der täuscht sich. Es ist kein Opfer, das ich hier bringe.

Stegmann: Richtig. Ich bin Pensionär, soll ich jetzt etwa Golf spielen oder mir einen Hund anschaffen? Nein danke. Ich war früher Werber, ich könnte Ihnen jeden Scheiss hübsch verpackt verkaufen. Ich hab schon immer – im Spass– gesagt: Wenn ich im Ruhestand bin, dann mach ich endlich mal was Richtiges.

Die Männer interessieren sich kaum dafür oder sie verstehen nicht, wie man arbeiten kann, ohne Geld dafür zu kriegen.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihr Engagement? Werden Sie bewundert oder gibt es Gemäkel, weil Ihr Einsatz freie Zeit schluckt?

Eichholzer: Meine Freiwilligenarbeit schränkt mein Privatleben nicht ein, sondern sie färbt positiv darauf ab: Ich rege mich über Kleinigkeiten nicht mehr auf, sondern denke «schön seid ihr da, und schön seid ihr gesund».

Stegmann: Mein Umfeld reagiert gespalten. Die Männer interessieren sich kaum dafür oder sie verstehen nicht, wie man arbeiten kann, ohne Geld dafür zu kriegen. Wenn es wenigstens was Sportliches wäre, dann vielleicht. Aber meine Chancen bei Frauen erhöhen sich rapide, sobald ich erzähle, was ich mache (lacht). Meine eigene Frau findet mein Engagement ohnehin gut, sie ist Kindergärtnerin, da helfe ich auch schon mal, wenn sie etwa Ausflüge machen oder auch als Samichlaus.

Haben Sie hier schon mal geweint? Sie sind ja schliesslich keine Profis.

Eichholzer: Nein. Denn wenn ich arbeite, dann ist das in dem Moment schon Arbeit. Aber wenn man wieder daheim ist, dann haut einen manchmal um, was andere Eltern aushalten müssen: Vergangenes Jahr war hier ein neunjähriger Bub. Herzinfarkt. Er konnte nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen. Nichts.

Stegmann: Ich weine nicht. Ich bin so erzogen. Das heisst: Ich weine nicht nach aussen, aber doch manchmal in mich hinein, wenn ich wieder im Postauto nach Erlenbach sitze.

Eichholzer: Die Eltern tun mir leid. Sie wohnen ja manchmal in Genf, in Basel, im Tessin… haben noch weitere Kinder und können deshalb nicht bei ihrem schwerkranken Kind sein.

Stegmann: Aber wir können das.

Was steht heute Abend auf dem Programm?

Eichholzer: Ich habe heute keinen Dienst. Meine Einsätze sind manchmal recht spontan. Ich glaube, nächstes Mal helfe ich beim Rollstuhl-Basketball.

Stegmann: Karaoke mit den grösseren Kindern. (lacht) Vielleicht hab ich Glück und die Musikmaschine ist kaputt. Sonst werde ich wohl singen müssen. Die armen Kinder.

Die Pflegekräfte haben ja nicht, wie wir Freiwilligen, die Zeit, mit jedem Kind spazieren oder Häsli füttern zu gehen.

Eichholzer: Ich kann mich ja nicht über Langeweile beklagen, ich arbeite 80 Prozent als Kinderbetreuerin, habe drei Kinder, zwei Katzen, 5 Meerschweinchen, 4 Hasen, ein weiteres ehrenamtliches Engagement in der Sterbebegleitung… Aber wenn ich mit einem schwerstbehinderten Kind zwei Stunden mit dem Rollstuhl spazieren gehe, dann fühlt sich das, genau wie Fritz sagt, «richtig» an. Die Pflegekräfte haben ja nicht, wie wir Freiwilligen, die Zeit, mit jedem Kind spazieren oder Häsli füttern zu gehen.

Stegmann: Ich bin mit dieser Freiwilligenarbeit ins kalte Wasser gesprungen. Gleich am Anfang habe ich mich um einen kleinen Jungen, Jonas, gekümmert. Er konnte nicht sprechen, sich nicht bewegen, und einmal hatte er plötzlich einen epileptischen Anfall. Ich wusste gar nicht, was ich tun sollte. Ich habe ihm dann von meinem Jonas erzählt, von meinem Sohn, der jetzt schon erwachsen ist, und irgendwie hat sich der kleine Jonas dadurch entspannt. Wir hatten einen Draht zueinander. Kommunizieren heisst nicht immer mit Worten kommunizieren.

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