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Freiwilligenarbeit

«Mich interessiert der Mensch, nicht die Tat»

Cinzia Marena (49) aus Niederwangen kümmert sich um die, mit denen keiner etwas zu tun haben will: um inhaftierte Straftäter. Derzeit besucht sie einen Pädophilen. Warum tut das eine Mutter von zwei Kindern?

Genau die Frage stellen mir ‹meine› Strafgefangenen auch immer wieder. Warum machst du das? Bekommst du wirklich kein Geld? Machst du das allen Ernstes freiwillig? Hat dich doch jemand geschickt? Sie können es einfach nicht glauben. Oft denken sie selbst, sie seien es nicht wert, dass jemand sich um sie kümmert. Aber: Nein, mich hat niemand geschickt und ich möchte gar kein Geld dafür bekommen, dann wäre die Vertrauensbasis eine andere und ich würde mich verpflichtet fühlen. So gehe ich aber jedes Mal mit Freude. Weshalb ich das tue? Weil ich das Gefühl habe, vom Leben reich beschenkt worden zu sein. Davon kann ich gut etwas abgeben. In der Gefangenen-Betreuung kommt mir zugute, dass ich fliessend vier Sprachen spreche: Italienisch, Englisch, Deutsch und Französisch.

Das erleichtert den Zugang zu den Menschen. Wenn andere Leute hören, was ich mache, ist die Reaktion mal Bewunderung, mal Unverständnis. Manchmal höre ich: Straftäter? Nur gut, dass die weggesperrt sind. Am besten wärs für immer. Vor allem bei Pädophilen ist der Ekel enorm. Ich empfinde so nicht. Ich sehe den Menschen. Der interessiert mich. Nicht die Tat. Und diese ganzen Klischees: Denen im Knast gehts viel zu gut, die leben ja wie im Hotel und ähnliches, die kann ich nicht mehr hören.

Vor allem bei Pädophilen ist der Ekel enorm.

Jeder sollte mal eine Strafanstalt besuchen, dann spürt man am eigenen Leib, wie beklemmend es ist und wie einem das Gefühl, nicht frei zu sein, den Hals zuschnürt. In Thorberg, eine Hochsicherheitsjustizvollzuganstalt, kann ich ‹meine› Insassen oft nur durch Schutzglas sehen. Das ist blöd, weil es spiegelt und man sich nicht gut sehen kann; das macht den Besuch irgendwie unpersönlicher. Viele Männer, die da drin sitzen, bekommen niemals Besuch. Oft will selbst deren Familie nichts mehr mit ihnen zu tun haben. ‹Mein› Pädophiler wird therapiert, er ist nicht im Hochsicherheitsgefängnis. Ich gehe manchmal mit ihm Radfahren oder Kaffee trinken. Ich erzähle von meinem Tag und er von seinem. Es berührt mich, wie offen er zu mir ist. Und auch die anderen. Möglicherweise bin ich die Einzige, zu der sie offen sein können, denn ich will ja nichts von ihnen. Ich bin keine Anwältin, kein Therapeut. Es gibt nichts Richtiges oder Falsches zum Sagen. Es ist mir wichtig, auch meinen Kindern zu vermitteln, dass man Menschen nicht vorschnell verurteilen soll. Wir sind alle nur Menschen. Menschen mit Schlechtem und Guten.

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