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Esel Hippie frisst am Wegrand

Ferien

Eselwandern: Eine erzieherische Herausforderung

Für drei Tage bekommt unsere Familie Zuwachs: Esel Hippie trägt Gepäck und Kinder durch den französischen Jura und fordert uns ziemlich.

Pötzlich geht gar nichts mehr. Hippie stemmt die Beine in den Boden der ungemähten Wiese, die wir auf einem Trampelpfad überqueren sollen. Zurufe, ziehen, schieben, fitzen – nichts nützt. Er senkt den Kopf und frisst. Ratsch-mampfmampf. Ratsch-mampfmampf. Eher könnten wir Obelix’ Hinkelstein hochstemmen, als dieses Tier zum Weiterlaufen bewegen. «Machen wir eine Pause», sage ich, als hätten wir bestimmt, dass wir rasten, und nicht etwa der Esel.

Dabei hatte der Tag, der dritte unserer Eselwanderung, so gut begonnen. Als Hippie meinen Mann aus der Tür unserer Unterkunft ins Freie treten sah, begrüsste er ihn mit lautem Schreien. «I-ah! I-ah!» Vor Freude, stellten wir uns vor. Es war ein herzerwärmender Moment. Die Betreiber der Eselfarm «Vu d’en Haut» in La Pesse (F) hatten uns gesagt, dass sich Hippie als Teil unserer Gruppe fühlen würde, sobald wir die Farm gemeinsam verlassen. Meinen Mann anerkannte er offensichtlich als Oberhaupt. Schliesslich hatte dieser am ersten Tag die Führung übernommen und, wie es uns Alain und Regine Vuillermoz nahegelegt hatten, den Esel seine Autorität spüren lassen. Dabei hatte er ihm aber den gelegentlichen Snack – im Laufen! – nicht verwehrt. Schliesslich waren wir flott unterwegs und Hippie tat, wie ihm geheissen.

Jetzt, auf dieser sonnigen Wiese, lassen wir möglichst entspannt wirkend eine Gruppe Wanderer vorbeiziehen, die erste, die wir in diesen drei Tagen antreffen. Und fragen uns, ob wir Hippie zu viel haben durchgehen lassen. Esel seien scharfsinnig und würden ihre temporären Führer testen, heisst es in einer englischsprachigen Broschüre, die wir dabei haben. Den Satz «Don’t let him eat grass as he goes on, or your walking holiday may run into difficulties » lese ich darin – aber erst nach unserer Heimkehr. Der Fall ist klar: Den Machtkampf mit unserem Esel haben wir selbst verschuldet.

Zwei Tage sind wir schon unterwegs. Wir befinden uns im französischen Jura, in der Region Bourgogne-Franche-Comté. Nach einer Einführung auf der Eselfarm durch Regine und Alain (Verhaltensregeln, Bobos verarzten, striegeln, Hufe säubern, füttern, satteln) haben wir unser Gepäck in Hippies Satteltaschen verstaut, diese gewogen, um sicherzustellen, dass sie je zirka 16 Kilogramm nicht übersteigen und ausgeglichen gepackt sind, Hippie beladen – und sind losgezogen.

Mit Alains Worten im Ohr, die für Juli kühlen 12 Grad seien gutes Esel-Wetter, da es keine «mouches» (Fliegen) habe. Mit hüpfendem Gang, stolz, drei Tage lang die Verantwortung für einen Esel zu tragen. Schülern gleich, die während der Turnstunde im Wald OL-Posten suchen, zücken wir alle paar hundert Meter die Karte, um die Route zu überprüfen. Ab und an weisen uns Pfosten oder Markierungen mit einem Eselkopf unmissverständlich auf die Abzweigungen hin. Ergänzend zur Karte schickte uns Eselwanderungsanbieter Jura Randonnées bereits vorgängig mit den Reiseunterlagen einen Wegbeschrieb zu. Diesen kritzelte ich eines Abends auf dem Sofa mit Übersetzungen voll: poteau: Pfosten; génisses: Kälber; balisage: Markierung…

Lucky Luke im Sattel

Die erste Etappe ist nur sieben Kilometer lang. Wir durchwandern die sattgrüne Hochebene, steigen hier ein paar Meter durch einen Fichtenwald auf, dort ein paar Meter auf einem morastigen Trampelpfad ab. Auf dem Col du Nerbier auf 1312 m ü. M. ziehen wir die Pellerine über und freuen uns, als der Regenschauer rasch vorbeizieht und die Wolken sich heben, sodass wir den Blick rundum über die Hügelketten in die Weite schweifen lassen können. Unsere Buben bilden mal gemeinsam das Schlusslicht und erfinden Geschichten über ferne Galaxien oder wechseln sich gemütlich schaukelnd als Reiter ab. Während der Jüngere sich auf Hippies Rücken mit einem Holzstock über den Knien und einem Grashalm im Mundwinkel vorstellt, er sei Lucky Luke, wandern der Ältere und ich zuhinterst und spielen «ich seh’ was, was du nicht siehst».

Bald ist zwischen dem Zeigefinger auf der Karte, der unseren Standort markiert, und dem allein stehenden Gebäude, wo wir für die erste Nacht hin sollen, nur noch eine kurze gerade Linie zu sehen. Hippie bekommt beim Gasthaus «Le Refuge du Berbois» eine Weide zugewiesen, wir zu unserer Begeisterung eine Jurte im Garten. Der Plankenboden ist belegt mit Teppichen, die vier Betten mit orientalischen Kissen geschmückt. Bis zum Nachtessen (dampfende Schüsseln regionaler Köstlichkeiten) lesen und spielen wir in der Jurte und stellen fest, dass unser Gepäck nach Esel riecht. Die komplette Stille der Nacht wird gegen Morgen unterbrochen: Das Brummen von Flugzeugen erinnert uns daran, dass wir in unserer Idylle nur ein paar Hügelketten vom Genfer Flughafen entfernt sind.

Cool durch die Kuhherde

Am zweiten Tag ist eine 15-Kilometer-Etappe mit einer Zeitangabe von fünfeinhalb Stunden vorgesehen. Ratsch-mampfmampf. Ratsch-mampfmampf. Kaum halten wir an, um die Karte zu studieren oder etwas zu trinken hervorzuholen, senkt sich Hippies schwarzer Kopf. Mit Vorliebe frisst er Wiesen-Kerbel, für den er liebend gern auch den Weg verlassen würde. Nachdem wir durch einen Wald abgestiegen sind und uns einem der zahlreichen Viehgatter nähern, sehen wir sie auf uns zu rennen: Eine Herde Kühe. «Sie sind nur neugierig», sage ich, Coolness vortäuschend, und ermahne die Kinder möglichst ruhig zu gehen. Den jüngeren Sohn fest an der einen Hand, halte ich mit der anderen einen kleinen Stock hinter mich, um wenigstens ein bisschen Abstand zu den Kuhmäulern herzustellen. Die Herde folgt uns geschlossen über die Weide und bleibt erst zurück, als wir durch ein Gatter schlüpfen können.

Nach der Mittagsrast entscheiden wir uns, die Abkürzung zu nehmen, die als Tour-Variante eingezeichnet ist. Zwar führt sie der Strasse entlang, aber während der Stunde, die wir dort laufen, passieren uns nur drei Autos. Am späten Nachmittag erreichen wir Les Molunes und die Unterkunft «La Vie Neuve» in einer ehemaligen Schule, wo uns Jean-François Fillod herzlich empfängt und den Trockner für unsere Schuhe und Jacken anwirft. Gepflegt und gefüttert lassen wir Hippie in den «Parc des ânes» gleich neben dem Hotel. So einfach auch diese Unterkunft, sie ist perfekt: Aus den drei Hochbetten im Zimmer können sich die Kinder ihre Schlafplätze aussuchen und sich gemütlich einrichten.

Wie ein Fünfjähriger

Und nun stehen wir also nach einer stillen Nacht und einem einfachen Frühstück mit köstlichem Brot in der Sonne auf dieser blühenden Wiese, lassen Hippie eine Weile fressen, naschen selbst vom Picknick, das uns Jean-François zusammengestellt hat, und dann nimmt mein Mann die Führleine wieder in die Hand, zieht daran, sagt «on y va» und: Hippie läuft. Wir sind wieder unterwegs. Doch der Rest dieses dritten Tages ist aufreibend. Ein Esel ist kein Leiterwägeli. Hippie rupft rechts und links, bleibt stehen, wie’s ihm beliebt; das «On y va» meines Mannes wechselt sich bald im 30-Sekunden-Takt mit meinem «ho-o-pp, ho-o-pp» von hinten ab. Je länger wir an diesem Tag unterwegs sind, desto gereizter die Stimmung, sodass mein Mann und ich einander bei einer Wegkreuzung anfauchen, als ich nicht rasch genug durchgebe, ob es jetzt links oder rechts weiter geht. Zwischendurch rufe ich meiner Familie zu, doch bitte auch die Landschaft zu geniessen – denn sie ist wunderschön, wild und weitgehend unbesiedelt.

Begegnen wir doch mal anderen Wanderern oder Velofahrern, ernten wir heiter erstaunte und positive Reaktionen und kommen hier und dort ins Gespräch. Ein Wanderer klärt uns auf, Esel seien vom Charakter her vergleichbar mit fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ah, damit sollten wir uns aber auskennen! Also mit frischem Mut weiter. Als wir später ein Stück neben dem Pfad rasten, kommen wieder die Wanderer vom Vormittag vorbei. Wir grüssen einander lachend – und Hippie stimmt mit ein: «Iah! I-ah!» Da ist er wieder. Ein Moment der Innigkeit, der Freude. Deshalb: Eselwandern? Jederzeit wieder. Jetzt wissen wir schliesslich, woraufs ankommt. On y va!

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