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Enttäuschung

Enttäuscht vom eigenen Kind

Eltern dürfen nicht vom Kind enttäuscht sein. Das ist tabu. Dumm nur, dass sie es trotzdem manchmal sind. Gedanken zum Umgang mit einem verbotenen Gefühl.

Fusspilz ist okay. Steuerhinterziehung ist okay. Auch Zehennägel schneiden am Frühstückstisch geht noch irgendwie klar. Alles, alles kann man zugeben. Nur eines nicht: vom eigenen Kind enttäuscht zu sein.

Natürlich sind sich wohl alle einig, dass man seiner Tochter nicht zurufen sollte: «Meine Güte, Mausi, bist du fett geworden.» Auch: «Lieber Sohn, du bist wirklich das Dümmste, das unsere Familie seit dem Untergang des Hauses Bourbon hervorgebracht hat», verbietet sich. Und wer heute noch seufzte «Dabei habe ich doch alles für dich getan!» käme sich theatralisch und doof vor. Zu Recht, übrigens.

Nein, sowas gehört sich nicht, sagt man nicht. Nie. Doch was tun gegen das Gefühl der Enttäuschung? Dieses Nagen. Die kleine Traurigkeit, weil Träume geplatzt sind, Hoffnungen geschrottet. Oder weil dieser Mensch da, den man in die Welt gesetzt hat, verstörend anders als geplant geworden ist?

Stimmt, ein Kind muss keine Erwartungen erfüllen. Selbstverständlich ist es nicht Aufgabe eines Kindes, seine Eltern glücklich zu machen. Und, ja, das Gefühl der Enttäuschung ist ein schäbiges. Aber Gefühle, die schäbig sind, gibt es halt leider trotzdem. Neid. Eifersucht. Schadenfreude – alle nicht so toll und trotzdem hat sie wohl jeder schon mal empfunden; und wer nicht, sollte das Gespräch mit dem Papst suchen. Vielleicht geht da ja noch was in Sachen Heiligsprechung.

Der Wunsch von einem intelligenten Kind

Kurz: Mütter und Väter sind meist recht normale Menschen – mit Fehlern. Deshalb macht es auch wenig Sinn, die eigene Enttäuschung umzudeklarieren. Darin allerdings sind Eltern virtuos. Fatalerweise. Denn eigentlich steckt im Kern des Worts Ent-Täuschung etwas Positives, nämlich, dass eine Täuschung wegfällt, jemand um eine Illusion ärmer, dafür an Realismus reicher wird. Das klingt ja erstmal nicht grundverkehrt, vor allem nicht für einen Erwachsenen.

Sigmund Freud fand sogar, dass es ein wichtiges Zeichen von Reife ist, sich das «Realitätsprinzip» angeeignet zu haben. Doch beim eigenen Kind, da hören Spass und Wahrheitsliebe auf. Da ist die rosarote Brille das wichtigste Accessoire, sind Selbstbetrug und gephotoshopte Narrative Basics, die scheinbar nie aus der Mode kommen.

Fragt sich allerdings, ob das sinnvoll ist. Denn perlt wirklich die Kiffer-Karriere des Sohnes spurlos an den Eltern ab? Sehen sie nicht, dass da nicht etwas originell anders, sondern, sorry, richtig scheisse läuft? Empfinden Vater und Mutter allen Ernstes ihr Töchterchen als «geborene Prinzessin, haha!», wenn doch der Rest der Welt nur eine schwer erträgliche, verzogene und faule Göre wahrnimmt? Sind die Eltern nicht in Wahrheit enttäuscht? Oder war die aufgeblasene Pute etwa Absicht? Eher nicht.

Wo sind sie, die Dummen?

Ja, und dann ist da die Intelligenz. Alle Eltern wünschen sich ein intelligentes Kind. Und alle Eltern haben ein intelligentes Kind. Zumindest wenn man sich so umhört. Wieso der Durchschnitts-IQ immer noch bei 100 dümpelt, wo doch sämtliche Töchter und Söhne weit darüber liegen, ist ein Rätsel.

Wo sind sie, die Dummen? Nirgends. Denn bevor eine Mutter oder ein Vater enttäuscht vor sich und anderen zugäbe, dass das eigene Kind intellektuell nicht die hellste Leuchte im Lampenladen ist, wird der Nachwuchs zum Arzt geschleppt. Hat er vielleicht ADHS? Ist es ein Indigokind? Eine Spur autistisch? Oder bitte, bitte doch wenigstens etwas legasthenisch? Irgendetwas!

Besser krank als doof. Von einem kranken Kind ist man nicht enttäuscht. Enttäuschung abgewendet, uff. Das Dumme an diesem frommen Selbstbetrug ist nun aber leider, dass damit der Schwarze Peter dem Kind zugeschoben wird. Nicht wir, die Eltern, haben da ein Problem mit diesem ungut magmaartig brodelnden Gefühl, von dem wir nicht wissen, wie wir es händeln sollen, sondern: Das Kind hat das Problem. Das arme Kerlchen. Doch seht her: Es kämpft beeindruckend tapfer dagegen an.

Denn, 11. Gebot, auf sein Kind ist man stolz. Ja, oft. Weil man es lieb hat.

Nur – immer und jederzeit? Flächendeckender Stolz 24/7? Regelt man so nicht alle Erwartungen künstlich gen Null herunter? Wird Stolz dann nicht entwertet? Kränkt zuckrig falscher Applaus nicht sogar?

Erziehung ist zielgerichtet

Mal ehrlich: Ein Teenager-Schüler, der keinen Handschlag für eine Französisch-Prüfung getan hat, entsprechend eine 3 einfährt und zu Hause ein gepresstes «du hast sicher dein Bestes gegeben, ich bin stolz auf dich» hört, der hält seine Mutter doch schlicht – für bekloppt. Kein Kind kennt – beispielsweise – die vom Berner Soziologen Martin Schmeiser erstellte Studie, dass 75 Prozent der Akademikereltern davon ausgehen, ihr Kind absolviere mindestens ebenfalls die Matura, aber nur 60 Prozent dieser Kinder den Bildungs-Status halten können. Aber jedes weiss, was diese Diskrepanz bedeutet. Vor allem, wenn es zu den 40 Prozent gehört.

Denn wer davon ausgeht, ein Kind höre ausschliesslich das, was gesagt wird und nicht auch den Subtext, unterschätzt es fundamental. Ein Kind merkt, ob Mutter oder Vater stolz oder enttäuscht sind. Da können die in bester Absicht noch so viel Kreide über die eigene Stimmlage stäuben.

Genau da liegt das Problem. Und die Herausforderung. Denn Enttäuschung ist, wie gesagt, in Erziehung eingewebt wie Elasthan in die Stretch-Jeans. Weil nämlich Erziehung, per Definition, zielgerichtet ist. Wer erzieht, muss wissen wohin und wozu. Und wenn nun eben irgendetwas aus dem Kanon – Ehrlichkeit, Höflichkeit, Matura, Firmen-Nachfolgerin werden, Hilfsbereitschaft … egal was – nicht klappt; das Ziel verfehlt wird? Tja, dann tritt, ob man will oder nicht, dieses Gefühl ein, das so wenig genannt werden darf wie der Name Lord Voldemorts in «Harry Potter».

Dabei sind Erwartung und Enttäuschung zusammengewachsen wie siamesische Zwillinge. Und mal kommen sie besser miteinander aus, mal schlechter. Ob die Hoffnungen realistisch waren oder doch eine Melange aus Wolkenkuckucksheim und Projektionen eigener unerfüllter Ambitionen, das steht erst mal auf einem anderen Blatt.

Allerdings ist es dummerweise unmöglich, dieses Blatt hervorzukramen und es sich genau und selbstkritisch anzusehen, so lange jede Enttäuschung rundheraus geleugnet wird. Geleugnet werden muss. Der Shitstorm, der über die Mütter fegte, die sich bei «regretting motherhood» geoutet haben, dass sie trotz aller Liebe zum Kind bedauern, Mutter geworden zu sein, weil sie andere Vorstellungen davon hatten, bekommt einen kleinen Vorgeschmack der Omerta, die auf der Enttäuschung liegt.

Und wer gerne mehr hätte als einen kleinen Vorgeschmack, darf mal anfangen im Internet zu suchen, was es zum Thema «Ich bin von meinem Kind enttäuscht» gibt. Nämlich: nichts. Nicht mal in Foren, wo doch für gewöhnlich im Schutze der Anonymität wirklich alles rausgehauen wird. Höchstens finden sich einzelne Klagen alter Mütter und Väter darüber, dass die erwachsenen Kinder sie nicht besuchen.

Aber vor dem eigenen 65.Geburtstag, so scheint es, sind die Kinder ausschliesslich ein steter Quell von Freude und Wohlgefallen. Komisch allerdings ist, dass sich im Netz durchaus eine beachtliche Zahl von Beiträgen findet von Töchtern und Söhnen, die glauben, ihre Eltern seien von ihnen enttäuscht, hielten sie für schwarze Schafe, Versager und Schlimmeres.

Was, wenn das Kind die Erwartungen nicht erreichen kann?

Da stutzt der Laie. Und der Fachmann – zuckt die Achseln. Denn Wissenschaftler beschäftigen sich nicht mit elterlicher Enttäuschung. Keine Psychologen, keine Pädagogen, niemand. Weil das Gefühl nicht existiert? Es existiert. Weil es keine gravierenden Auswirkungen hat? Das glaubt nur jemand, der auch glaubt, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Fakt ist: Miese Gefühle von Eltern ihrem Kind gegenüber sind tabu.

Doch nur wenn es diesen blöden Bann nicht gäbe, der über die elterliche Enttäuschung verhängt ist, bestünde die Chance, sie sich anzusehen und ehrlich zu fragen: Besteht das Gefühl zu Recht, weil Schul-Rausschmiss/Omas Geburtstag ignorieren/Mitschüler mobben wirklich nicht so toll ist. Oder – stimmt etwas mit den Erwartungen nicht?

Dann nämlich wird es kompliziert und auch pädagogisch. Denn was, wenn das Kind diese meist unausgesprochenen Erwartungen nicht erfüllen kann, auch wenn es das noch so sehr möchte. Es von Herzen gerne die brillante Schülerin wäre, über die die Mutter sich so freuen würde. So gerne der furchtlose Skifahrer, wie einst Papa. Aber es klappt einfach nicht?

Dann sieht das Kind in den Augen von Mama und Papa dieses Grau statt Glanz, hört vielleicht noch, «Ach, das macht doch nichts» und weiss doch: «Macht wohl was. Ich hab es nicht geschafft, ich hab versagt.»

«Negatives Feedback darf und muss es trotzdem geben.»

Und die Eltern wissen auch, sie haben es nicht geschafft, nämlich ihre Enttäuschung zu verbergen, diese zutiefst ungerechte, ungerechtfertigte Enttäuschung. Und schlimmer traurig geht kaum. Was dann tun?

«Selbstregulation aktivieren», rät Trix Cacchione, Entwicklungspsychologin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Und was so ähnlich klingt wie das vom Raumschiff-Commander geraunte «Schutzschild aktivieren» im Science-Fiction-Film ist auch ähnlich gemeint. Als Schutz, Emotionsschutz des Kindes. «Es macht doch absolut keinen Sinn, seinem Kind zu spiegeln, du bist nicht das, was ich wollte, wenn dieses Kind gar nichts am Sachverhalt ändern kann. Was soll das dem Kind ausser einem Gefühl absoluter Hilflosigkeit bringen?» In diesem Fall lieber ein bisschen faken an Gesichtsausdruck und Gesagtem. Von Ehrlichkeit um jeden Preis dem anderen gegenüber hält die Psychologin nichts. Nicht in der Beziehung zum Partner, nicht in der Beziehung zum Kind. «Negatives Feedback darf und muss es natürlich trotzdem geben», betont sie. Wenn es so gehalten ist, dass der oder die Kritisierte auch wirklich etwas an einem Verhalten ändern kann und nicht stattdessen als gesamter Mensch als Pleite dargestellt wird. «Mir gefällt es nicht, dass du mir nicht zum Geburtstag gratulierst», ist in Ordnung. «Ich will, dass du künftig deine Hausaufgaben machst, damit du bessere Noten bekommst», auch. Aber hochemotionales, moralisches Grundrauschen? «Nein, eher nicht.»

Das offene Gespräch suchen

Zumal, wie der Philosophieprofessor und Jesuit Michael Bordt in seinem Buch «Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen» darlegt, Kinder ihre Eltern vor den Kopf stossen müssen. Geht gar nicht anders. Sie müssen sich von Mutter und Vater wegentwickeln, müssen neue Wege, die Wege einer anderen Generation, gehen und müssen irgendwann darauf bestehen, nicht mehr das schnusselige Kleinkind, sondern ein ernst zu nehmender Erwachsener auf Augenhöhe zu sein.

Wer als Kind nicht noch mit 45 und inzwischen Master of Fine Arts seine Eltern– gerne in grosser Runde – seufzen hören möchte: «So schade, dass unser Vreneli nichts Richtiges gemacht hat, sondern ihre Zeit mit diesem Gekleckse verplempert, statt unsere Kanzlei zu übernehmen», der sollte vielleicht irgendwann mal in Ruhe mit den Eltern offen sprechen, um das hinzukriegen, was Michael Bordt eine «authentische versöhnte Beziehung» nennt. Wahrscheinlich sind die Eltern dann ein bisschen enttäuscht. Aber das sind sie ja ohnehin immer mal wieder. Auch wenns keiner zugibt.

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