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Familie beim Kinderarzt

Interview

«Die Leidtragenden sind die Familien»

Medizinische Zentren sind ein Zukunftsmodell, sagt Heidi Zinggeler Fuhrer, Präsidentin Verband Kinderärzte Schweiz.

Gemeinden müssten viel aktiver werden und solche Zentren mitbegründen.

wir eltern: Heidi Zinggeler Fuhrer, warum werden heute fast ausschliesslich Frauen Kinderärztinnen?

Heute studieren grundsätzlich mehr Frauen Medizin. Sie fühlen sich zu Kindern und Jugendlichen hingezogen. Männer geben anderen Fachrichtungen den Vorzug.

Warum?

Tatsache ist, dass wir Kinderärzte nicht das gleich hohe Ansehen geniessen wie etwa andere Fachärzte. Das zeigt sich auch in der Entlöhnung.

Ist eine Änderung in Sicht?

Das hoffe ich sehr und setze mich auch dafür ein. Doch derzeit ist die Situation verfahren. Wir Ärzte haben es nicht geschafft, in den Tarmed-Verhandlungen zusammen mit den Tarifpartnern innerhalb der Frist zu einer Einigung zu kommen.Dass gespart werden muss, sehen wir ein. Doch wie der Bundesrat dies nun umsetzen will, ist der falsche Weg. Tritt nun der Tarifeingriff so in Kraft wie vorgesehen, wäre das ein Einschnitt in unseren Arbeitsalltag und würde uns bei unserer Tätigkeit unnötig behindern.

Was heisst das?

Zum Beispiel würden die vorgesehenen Limitationen die abrechenbare Konsultationszeit unnötig einschränken. Kinder lassen sich nicht auf Kommando rasch untersuchen, was mehr Zeit benötigt. Das hiesse, dass wir uns entweder nicht mehr die Zeit nehmen, welche wir dazu brauchen, oder wir sie nicht mehr abrechnen können. Mehrere oder komplexere Probleme könnten so schlechter gelöst werden.

Die Leidtragenden wären also die Eltern und Kinder?

Genau. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass dies zu einer Selektion der Patienten führt, wie man es schon von den Kassen kennt. Wenn schwer kranke Kinder nicht mehr aufgenommen würden, weil man den Aufwand nicht mehr abrechnen könnte. Es ist eine verantwortungsvolle Herausforderung, solche Kinder zu behandeln, emotional und fachlich. Wir haben viel Herzblut für unsere Arbeit. 95 Prozent der Fälle können wir Kinderärzte in der Praxis lösen und so hohe Mehrkosten vermeiden, die Krankenhausaufenthalte mit sich bringen würden. Will der Bund sparen, ist er bei den Haus- und Kinderärzten wohl am falschen Ort.

Diese unruhigen Zeiten machen es nicht gerade einfacher, mit einer Praxis eigene Wege zu gehen. Was müsste geschehen?

Wir brauchen grundsätzlich mehr Hausund Kinderärzte. Der Zuwanderungsstopp verschärft die Lage noch zusätzlich. Wir brauchen Lösungen für Notfalldienste, weniger administrative Aufwände, keine neuen Zwänge, wie sie beispielsweise das neue elektronische Patientendossier-Gesetz mit sich bringt, und gleicher Lohn für alle Fachärzte. Und wir brauchen neue Arbeitsmodelle.

Sie selber arbeiten im Medizinischen Zentrum Chur. Ein Modell der Zukunft?

Ja, ohne Zweifel eine der Möglichkeiten. Bei uns arbeiten verschiedenste Fachärzte in verschiedenen Anstellungsverhältnissen unter einem Dach. Praxisassistenten, Belegärzte, angestellte Ärzte in Teil- oder Vollzeit. Wir bieten ein niederschwelliges Angebot an, das das Weiterleiten der Patienten an die Fachleute im eigenen Haus und den Austausch unter den Ärzten einfacher und speditiver macht. Dieses System erspart den Patienten Kosten. Doch es ist nicht so wie Politiker meinen, dass mit solchen Zentren für die Ärzte alles billiger wird. Wir können zwar Synergien und Infrastrukturen nutzen. Aber damit ein solch grosses Unternehmen funktioniert, braucht es viel Entwicklungsarbeit. Der Zeitaufwand für Sitzungen und Absprachen ist enorm, die finanzielle Belastung gross. Es braucht viel Toleranz, Gelassenheit und Hartnäckigkeit.

Gibt es noch andere Zukunftsmodelle?

In unterversorgten Gebieten müssten auch die Gemeinden viel aktiver werden und solche Zentren, am besten interprofessioneller Art, mitbegründen. Interprofessionalität bedeutet, dass nicht nur Ärzte, sondern auch andere Gesundheitsfachpersonen wie etwa Apotheker, Sozialarbeiter, Spitex zusammenarbeiten und so den Mangel an Haus- und Kinderärzten durch Umverteilung der Arbeit mitausgleichen können.

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