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Vaterschaft

Bin ich ein guter Vater?

Echt jetzt! Der Journalist und Autor Beni Frenkel hat seine Arbeit verloren. Nun muss er zu Hause aufräumen und sich als Vater neu erfinden.

Ich bin seit einem halben Jahr arbeitslos. Ich habe lange im Journalismus gearbeitet, wahrscheinlich zu lange. Zuletzt war ich auf einer Redaktion, in der jedes zweite Zimmer leer stand. Die Zeitung verlor jedes Jahr 2000 Abonnenten. Zuerst hat es die Sekretärinnen erwischt, dann die umsatzschwachen Anzeigenverkäufer, schliesslich Teile der Redaktion. Die erste Streichrunde habe ich überlebt, die zweite nicht mehr.

Die Kündigung hat mich nicht umgehauen. Ich habe es ja sehen kommen. Der erste arbeitslose Monat war toll. Alle klopften mir auf die Schultern und riefen: «Du findest ja schnell wieder einen Job!» Auch meine drei Kinder freuten sich, dass ich über Mittag zu Hause war. Da ich nichts zu tun hatte, übernahm ich das Mittagessen. Ich kochte viel Risotto, Reis und Nudeln. Dazu gab es Äpfel und Schokolade. Manchmal kaufte ich einen Eisbergsalat und zerschnitt ihn mit einem Brotmesser in kleine Fetzen. Als Sauce wählte ich Mayonnaise mit einem Hauch Paprika.

In der zweiten Woche sagte mir die Grosse, das Mittagessen sei ungeniessbar. Das traf mich. Zuerst die Kündigung, dann eine solche Pauschalkritik. Auch meine Hilfe bei ihren Hausaufgaben wurde nicht sonderlich geschätzt.

Früher, als ich noch gearbeitet habe, war meine Welt als Vater in Ordnung. Ich sah meine Kinder zwar erst am Abend, dafür störte ich niemanden. Ich ging immer zuerst zum Kühlschrank und holte mir ein Bier. Dann setzte ich mich auf das Sofa und hörte meinen drei Kindern mehr oder weniger zu, was sie alles in der Schule erlebt hatten. Wie gesagt, es war schon später Stunde und ich schenkte ihnen nur widerwillig meine Aufmerksamkeit. Das hatte zur Folge, dass ich keine Lehrperson mit Namen kannte. Ich wusste nur, dass eine Lehrerin immer schreit und eine andere nach Lehrerzimmer-Kaffee roch.

Aber das war okay. Die Kinder wussten: Papi arbeitet in einem grossen Büro und will am Abend in Frieden sein Bierchen trinken. Für alles andere ist Mami zuständig.
Wenn ich mich zurücksinne, hat das in unserer Familie Tradition. Meinen Vater hatte ich tagsüber auch nie gesehen. Sein Beruf war: lic. oec. publ. Mehr wusste ich nicht. Nur, dass er auch in einem grossen Büro arbeitete und uns Kinder immer wieder mit Firmen-Bleistiften und Linealen überraschte. Ich hatte eine Schublade im Kinderzimmer, die war voll mit Bleistiften und Linealen.

Jetzt sitze ich zu Hause und schreibe jeden Tag Bewerbungsbriefe. Jede Absage ist wie ein Stich ins Herz. Früher habe ich meinen Sohn nicht verstanden, wenn er im Sport nur Zweiter wurde und deswegen weinte. Heute lege ich ihm meinen Arm um seine Schultern und sage traurig: «Ich weiss, das Leben ist scheisse!» Ich glaube, er schätzt mein Mitgefühl sehr.

In der ersten Phase habe ich mich nicht getraut, den Kindern zu sagen, dass Papi entlassen wurde. Ich wählte andere Formulierungen wie: «Papi will sich neu orientieren», «Papi sucht eine neue Herausforderung», «Papi findet schnell wieder einen Job».

Doch als sich abzeichnete, dass daraus so schnell nichts wird, hat meine Frau ihr Pensum aufgestockt. Jetzt bin ich jeden Tag alleine. Wenn die Kinder zur Schule gehen, bleibe ich als Letzter in der unaufgeräumten Wohnung. Ich trage jetzt wieder Bart und in der Hand einen Zettel. Da steht, was ich heute alles machen muss: «Kinderklo putzen; Einkäufe (Züri-Säcke nicht wieder vergessen!); Verwaltung anrufen wegen defektem Geschirrspüler; Kuss» Ich stöhne. Sieht so mein Restleben aus? Am Abend kommt die Frau nach Hause und mäkelt an allem herum. Das Klo sieht in ihren Augen nicht richtig geputzt aus, ich hätte 35-Liter-Säcke kaufen müssen, nicht 110-Liter-Leichensäcke usw. Die Kinder hören natürlich alles mit und werden sich denken: «Hoffentlich findet Papi wieder einen Job, irgendeinen.»

Gestern habe ich den Kindern Pizza bestellt und viel Lob erhalten. Ich fragte sie geraderaus: «Bin ich ein guter Papi?» Sie schauten sich an und gaben mir Zuspruch. Das tat irgendwie gut. Ich weiss nicht, was meine Kinder über ihren Alten später einmal sagen werden. Hoffentlich das: Er hatte es nicht immer leicht in seinem Leben, aber er hat sich immer wieder neu erfunden.

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