Menü

Hypnobirthing

Am Ende des Regenbogens

hypnobirthing_alexandra_kruse.jpg

Schöner und schneller Gebären, das verspricht die Geburtsvorbereitungsmethode «Hypnobirthing». Unsere Autorin Alexandra Kruse hat die Methode getestet.

Was ist Hypnobirthing? Wenn Sie denken, Hypnobirthing sei ein krasser Celebrity-Trend aus Amerika, dann haben Sie recht. Wie alle amerikanischen Franchise-Produkte lebt auch das als «Mongan-Methode» bekannte Konzept von seinen prominenten Fürsprechern. Den leuchtenden Miranda Kerrs, den Jessica Albas, Gisele Bündchens, Demi Moores und Pamela Andersons – allen, die nach vier Wochen wieder über Laufstege spazieren, als sei nichts gewesen, in Talkshows mit ihren Easy-Peasy-Geburten nerven und sowieso nur «Raw Organic» essen. Hypnobirthing hat jedoch weder etwas mit esoterischem Elfen-Wahn noch mit Sigmund oder Carl Gustav zu tun. Bei der Selbsthypnosetechnik ist das Gehirn davon überzeugt, dass – anders als in unserem Kulturkreis angenommen – Geburt nicht gleich Schmerz bedeutet. Es sei nur die Angst, welche Verspannung auslöst und diese wiederum führt zu Schmerzen.

Also lernt man – meist in Kursen – Atem-, Entspannungs- und Visualisierungstechniken und spezielle Affirmationen im Stil von «Ich sehe vor mir, wie mein Kind sanft aus meinem Schoss kommt» und erreicht unter (Selbst-)Hypnose einen Zustand körperlicher und vor allem mentaler Entspannung, die wiederum für eine leichtere, schmerzfreiere und vor allem natürliche Geburt sorgen soll. Das Ganze beruht auf einem zwanzig Jahre alten Buch der Amerikanerin Marie F. Mongan, hat sich mindestens «10 000-fach» bewährt und ist interessanterweise in einer eigenen Sprache verfasst. So heissen Wehen «Wellen», der Schleimpropf «Gebärmuttersiegel» und Schmerzen «Gefühle». Die Regenbogenentspannung ist eines der Kernstücke des Hypnobirthings.

Kreisendes Becken

Ich hatte das besondere Glück, die Geburt meines Neffen miterleben zu dürfen. Meine Schwester, damals 16 Jahre alt, atmete ihn einfach aus. Boom. Mit der Stärke und der Eleganz einer Raubkatze. Dazu lief Nirvanas «Smells like Teen Spirit». Danach assen wir alle gemeinsam Pflaumenkuchen. So war meine Vorstellung von einer Geburt, bis meine eigene näher rückte. Ich wollte am liebsten auf Hawaii unter dem Sternenzelt, begleitet von einer Delfinfamilie, bei Sonnenaufgang niederkommen. Die Temperatur des Zürichsees im Januar hielt mich gemeinsam mit den Horrorgeschichten meiner Freundinnen davon ab. Das Ganze, gepaart mit dem Gefühl eines gesellschaftlichen «Und, macht ihr einen Kurs?»-Zwangs, verleitete uns schliesslich dazu, einen «herbeigegoogelten» Hypnobirthing-Kurs zum Preis eines anständigen Babybetts zu buchen. Frohen Mutes traten wir also zu unserem ersten Kursabend an. Und landeten zwischen Orchideen, Keksen und Trockenfrüchten an einem hell beleuchteten Seminartisch im 3. Stock. Mit einer anderen Frau, die die einen erstaunlichen grünen Fleecepullover trug. Nennen wir sie Sybille. Ihr «Geburtsgefährte» war leider unpässlich. Sybille verwandelte sich bereits nach der zweiten Übung in ein heulendes, fleecegrünes Monster, das unter Tränen vom Trauma ihrer ersten Geburt erzählte. Eine Geschichte, so blutig und traurig – ich wollte sie sofort in den Arm nehmen und brauchte zwei Tage, bis ich von etwas anderem reden konnte. Das dritte Paar hatte sich kollektiv krank gemeldet. Beim zweiten Termin waren sie hingegen unglaublich gesund und erzählten ungefragt detaillierte Zeugungsgeschichten. Die Frau verbrachte die Pausen damit, afrikanische Tänze mit kreisendem Becken zu vollführen, begleitet von Walfisch-Tönen. Ihr Mann sprach mit dem Seifenspender und lobte unsere bunten Turnschuhe.

Lehrerin entsorgen

Die Kursleiterin in ordentlicher weisser Bluse ist Hypnosetherapeutin und hat selber keine Kinder. Sie spricht vom «Emergency Room» – dem «Stress-Zustand» im Hypnobirthing-Slang – ich denke an George Clooney. Wir sehen YouTube-Videos von Frauen, die sich nach dreimal leisem Stöhnen das Kind aus dem Leib ziehen. Auf Nachfrage erfahren wir, dass dies die dritte Geburt einer Hebamme war. Haha. Das ist ungefähr so, als sollte man Autofahren lernen und zur Übung erst mal Formel 1 gucken. Der hellblaue Schnellhefter mit den Kursunterlagen enthält alle Tipps aus dem Buch in etwas kompakterer Form. Übungsanleitungen, ein wehenförderndes Auberginenrezept, ein bisschen Mut und regionale «Friends of Friends»-Tipps. Und neben einer CD mit der berühmten «Regenbogenentspannung» eine Zeichnung, die wir uns später über das Bett hängen werden: Ein Baby in der richtigen Schlüpfposition, die deutlich macht, dass der «Geburtsweg» nur ein paar Zentimeter lang ist. Mein «Geburtsgefährte» malt noch ein lustiges «Way Out»-Schild mit Pfeil dazu. Den zweiten Kursabend verliessen wir nach der Hälfte und gingen auch nie wieder hin. Wir haben uns nicht wohlgefühlt. Waren einfach noch nicht soweit. Nicht so weit wie Sybille, die ihre erste Geburt verarbeiten musste (erstaunlich viele Frauen erleben dank Hypnobirthing eine «glückliche» nächste Geburt). Und auch nicht so weit wie das Tanzpaar, das ihr offensichtliches Wunschkind feierte.

Das Einzige, was ich in diesem Kurs gelernt habe, war die Tatsache, dass ich meinem überwältigenden Mitgefühl dringend Platz einräumen muss. Und dass Paarveranstaltungen einfach noch nie was für uns waren. Das fängt schon beim Pärchenabend an. Wir vereinbarten noch zwei kürzere, aber private Sitzungen mit der Therapeutin, die sehr effizient und knackig waren und fanden heraus, dass ich – im Gegensatz zum Kindsvater – der totale Hypnose-Typ bin. Wir löschten ein paar negative Glaubenssätze, die in meinem Hirn spukten und räumten mental ein paar Personen aus dem Weg. Absurderweise tauchte eine Primarschullehrerin mit ihrem «Du kannst das nicht!»-Terror auf und wurde fachgerecht entsorgt. Ich übte brav zu Hause mit meiner CD – beim Kochen, in der Wanne; vor dem Schlafen sass ich auf meinem Regenbogen und visualisierte all seine Farben. Nicht – wie man sollte – täglich, aber über Monate wirklich regelmässig. Auch die Affirmationen sprach ich laut nach: «Ich bin entspannt und glücklich, dass mein Kind zu mir kommt», «Ich bin auf eine sanfte, leichte Geburt eingestellt», «Ich vertraue meinem Körper und werde mich von ihm leiten lassen». Zum Schluss fühlte es sich vollkommen selbstverständlich an, und ich glaubte mir alles, was ich da sagte. Klassische Gehirnwäsche. Die Folge war, dass ich spürbar gelassen blieb und selbst im Taxi auf dem Weg ins Spital meine Sätzchen vor mich hinmurmelte.

Geburtszimmer der Realität

Hätte ich geahnt, dass eine 58-Stunden-Geburt mit Notkaiserschnitt vor mir liegt – hätte ich mich vielleicht früher aus Rainbowcountry ins Geburtszimmer der Realität begeben. Oder schon viel früher aufgegeben. Die Kraft für diese übermenschliche Anstrengung habe ich allerdings ganz klar auch meinem Entspanntheitszustand und dem über sehr weite Teile unhysterischen, angstfreien Zustand zu verdanken. Es hat funktioniert. Einer der Grundsätze des Hypnobirthings lautet: «Ich bin bereit, mich auf alles einzustellen, welche Wendung die Geburt auch nehmen mag.» Genau das war ich. Blöd nur, dass ich vergessen hatte, dass man auch noch einen Körper dabei hat, der überzeugt werden muss, das Kind loszulassen. Das nächste Mal werde ich auch noch ein paar afrikanische Tänze in mein Geburtsvorbereitungsprogramm aufnehmen.


Das sollte man bedenken

Hypnobirthing – ob mit Kurs, Buch oder YouTube Tutorial («hypnosis + childbirth» eingeben) – ist ein gutes Geschäft, aber Tiefenentspannung kann man in keinem Kurs kaufen, man muss sie sich – egal wie – erarbeiten. Das Gefühl, gut vorbereitet und mental gestärkt in eine Geburt zu gehen, macht erstaunlich gelassen. Man sollte allerdings an die Möglichkeit einer natürlichen Geburt glauben und bereit sein, etwas Zeit (im Idealfall 30 Minuten am Tag) zu investieren. Super auch für Kontrollfreaks – man lernt, selbstbestimmt zu handeln und seine Geburtswünsche zu artikulieren. Nicht geeignet für Frauen mit «Augen zu und durch»-Mentalität. Ein weiterer Punkt: Beim Hypnobirthing wird der Partner stark integriert, was für ein echtes «Wir»-Gefühl sorgt. Die Techniken lassen sich, leicht geändert, auch im Leben nach der Geburt prima anwenden, z.B. beim Zahnarzt oder im stressigen Babyalltag. www.hypnobirthing.com (offizielle Website) www.hypnobirthing-schweiz.ch (Nadine Ballmer und ihr Team bieten Kurse in der ganzen Schweiz an.)

Auch lesenswert