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Ines Müntener

Arbeitsmarkt / Mütter

Akademikerin mit Kind sucht Job

Das Kind: ein Tolggen im Lebenslauf? So empfinden es Tausende von hoch qualifizierten Müttern in der Schweiz, die nach Jahren erfolgreicher Berufstätigkeit plötzlich für keine Stelle mehr gut genug scheinen.


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«Eine Mutter von drei Kindern? Nein, ich brauche eine belastbare Person», liess der Verwaltungsratspräsident eines grossen Schweizer Detailhändlers Christina Kaufmann via ihre Headhunterin ausrichten. Die unterdessen vierfache Mutter und heutige Geschäftsführerin der Consultingfirma Maka Switzerland kombiniert ein spätes Frühstück in der fast leeren Basler «Markthalle» mit dem Interviewtermin und schüttelt den Kopf: «Dieses Vorurteil gehört nicht ins 21. Jahrhundert.» Eine ähnliche Geschichte erzählt Katja Stier in der «Kleinen Freiheit» in Zürich. Heute kann sie über vieles davon lachen, aber die detailgetreue Erzählung macht ihre damalige Verzweiflung greifbar: Vor einigen Jahren freute sie sich über die Geburt ihres Sohnes und schrieb in der Stillzeit einen Abschlussbericht. Die auf das befristete Projekt folgende Stellensuche endete nach 60 erfolglosen Bewerbungen auf dem RAV. Die berufserfahrene Kulturwissenschafterin und heutige Kommunikationsverantwortliche des Kurtheaters Baden ist schlussendlich in einen Studentinnenjob im Stundenlohn eingestiegen. Sie konnte damit knapp die Kita finanzieren.

Diskriminierte Eltern?

«Anstellungsdiskriminierungen sind kaum je nachweisbar, ein anderer Absagegrund findet sich immer», sagt die Präsidentin der Berner Fachkommission für Gleichstellungsfragen, Regula Rytz. Nachweisbar sind folgende Zahlen: 2015 verfügten gemäss Bundesamt für Statistik 277 000 Mütter von Kindern unter 15 Jahren über einen Abschluss einer Universität, einer Hochschule oder einer höheren Berufsbildung. 62 000 gingen keiner Erwerbstätigkeit nach, mehrheitlich ohne arbeitslos gemeldet zu sein. Laut der Studie «Steinzeit Teilzeit» der Boston Consulting Group werden dem Wirtschaftskreislauf so einige Milliarden Franken entzogen. Zum Vergleich: von den 337 000 hoch qualifizierten Vätern waren bloss 12 000 nicht aktiv erwerbstätig. Die Zahlen der nicht erwerbstätigen, hoch qualifizierten Mütter steigen sogar etwas – der Druck aus Bevölkerung und Politik scheint also auszubleiben.

Tatsächlich leisten viele dieser Mütter freiwillig Familienarbeit in Vollzeit. Die hohen Löhne in der Schweiz ermöglichen dies. Die berufliche Entscheidung dieser Vollzeitmütter wird richtigerweise weitgehend als Privatsache angeschaut – in der öffentlichen Diskussion müssen sich diese Vollzeitmütter allenfalls Naivität vorwerfen lassen oder werden wegen ihrer teuren, aber nicht angewendeten Ausbildung kritisiert. Berufstätige Mütter hingegen sind mit jeder Faser der öffentlichen Diskussion ausgesetzt. Artikel über diese und deren Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt provozieren emotionale Kommentare, gerne auch unter der Gürtellinie. Frauen, so der Grundtenor, sollen sich zwischen Familie und Job entscheiden. Gleichzeitig wird behauptet, dass Mütter nur deswegen nicht Karriere machten, weil sie frustriert und unfähig seien, Männer hassten oder sich selbst überschätzten. Gespräche mit Erwerbsarbeit suchenden hoch qualifizierten Müttern oder engagierten Vätern ergeben aber ein anderes Bild. Nach Jahren erfolgreicher Berufstätigkeit sollen sie plötzlich für keinen Job mehr gut genug sein. Nicht zuletzt aus Angst, gar keine Stelle mehr zu kriegen, lassen sich diese Mütter nicht namentlich zitieren.

Der Druck zur Veränderung bleibt aus – weil es sich bei den aktiv und erfolglos stellensuchenden Mütter um Einzelfälle handelt? Nein, ist sich die Betriebsökonomin Ines Müntener sicher. Nach der zweiten Babypause schien sie auf dem Arbeitsmarkt plötzlich wertlos zu sein. Sie selber hat sich dann zunächst mit einem Start-up selbstständig gemacht: «Mir wurde bewusst, dass niemand auf mich wartet.» Aber das Thema liess sie nicht los und was sie im Gespräch mit anderen Müttern erfahren hat, erschreckte sie: «Ich war überhaupt kein Einzelfall. Mütter verlieren nach dem Mutterschaftsurlaub ihre Stelle oder landen irgendwo auf einem Abstellgleis bei einem langweiligen Job.» Für die grüne Nationalrätin und Parteipräsidentin Rytz, die sich für die angebliche Unordnung in ihrer Wohnung entschuldigt – «mein Patenkind ist diese Woche bei mir in den Ferien» – ist dies nicht akzeptabel, denn «auch die Wirtschaft kann ohne Kinder nicht überleben». Sie will entsprechend den Bundesrat beauftragen, «einen Bericht zum Stand der Diskriminierung von Eltern im Arbeitsmarkt zu erarbeiten und als Gegenstrategie dazu einen Aktionsplan vorzulegen».

Jahrelang erfolgreich – und plötzlich für keinen Job mehr gut genug.

Inputs kommen nicht an

Ein solcher Aktionsplan muss natürlich auch die Arbeitgeber einbeziehen. «Gerade angeblich fortschrittliche Grossunternehmen fördern in der Realität Mütter überhaupt nicht», kritisiert die Betriebsökonomin Müntener. International verankerte Unternehmen sind zumindest gezwungen, sich mit der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auseinanderzusetzen: Hier kommen Inputs beispielsweise von skandinavischen Mitarbeitenden, die eine ungleich höhere Erwerbsquote von Frauen kennen. Dass diese Inputs aber noch lange nicht überall in der Schweiz angekommen sind, Mutter Müntener auf dem RAV gemacht hat. Sie solle doch, so der gut gemeinte Ratschlag, ihre Kinder im Lebenslauf nicht erwähnen. Das war keine Option für Müntener, es zeigt jedoch, dass Mütter von kleinen Kindern regelmässig durch die Bewerbungsraster der Personalabteilungen fallen. Einige Chefs dürften sich dessen gar nicht bewusst sein.

Christina Kaufmann vergleicht dies mit der diskutierten Frauenquote in Verwaltungsräten: «Ein schon sehr betagter Verwaltungsrat des Kantonsspitals hat mir gegenüber eingeräumt, dass er die Frauenfrage gar nie gestellt hat.» Bei vielen anderen kommen regelmässig zwei Totschlagargumente gegen die Rekrutierung von Müttern: Die sässen doch immer zu Hause bei ihren kranken Kindern. Solche Abwesenheiten kommen tatsächlich vor. Wie auch grippebedingte Abwesenheiten von den Chefs selber. Oder unfallbedingte Abwesenheiten von Freizeitsportlern. In allen Fällen muss die Arbeit anderswo, zu einem anderen Zeitpunkt und bisweilen auch von einer Vertretung erledigt werden. Der andere Grund, keine Mütter mit Teilzeitwunsch anzustellen: Verantwortungsvolle Positionen sollen nur zu 100 Prozent besetzt werden können. Diese Zahl ist allerdings relativ: Um die Arbeit zu 100 Prozent erfüllen zu können, brauchte ein Schweizer bis in die 1960er-Jahre 6 Tage die Woche; heute mit durchschnittlich 42,9 Wochenstunden immer noch einige Stunden mehr als ein Skandinavier.

Kinder sollten im Lebenslauf als Verkaufsargument hervorgehoben werden.

Elternschaft als Gewinn

Engagierte Eltern brauchen wohl noch weniger Stunden: «Bei mir und meinem Mann erlebe ich es so, dass wir viel besser organisiert sind: Wenn wir arbeiten, sind wir zu 100 Prozent da», sagt Müntener, die unterdessen neben ihrem Start-up wieder als Projektleiterin in Teilzeit eingestiegen ist. Und liefert ein Argument von vielen dafür, dass die Kinder im Lebenslauf nicht gestrichen, sondern als Verkaufsargument hervorgehoben werden sollten. Ob Christina Kaufmann in der Basler «Markthalle»», ob Katja Stier in der Zürcher «Kleinen Freiheit», ob Regula Rytz auf ihrem Berner Balkon – alle müssen tief Luft holen bei der Frage, was eine Mutter oder ein engagierter Vater einem Unternehmen denn bringt. Nicht, weil sie nachdenken müssen, sondern weil sie nicht wissen, wo anfangen.

Eltern haben ein grosses Verantwortungsbewusstsein. Sind flexibel, kreativ, zuverlässig, empathisch und kompromissbereit. Die Belastbarkeit versteht sich schon nur angesichts ihrer ständigen Verfügbarkeit auch und vor allem nachts von selbst. Regula Rytz kann als ehemalige Berner Gemeinderätin nur Positives über familiär und beruflich engagierte Väter und Mütter sagen: «Diese bleiben länger im Betrieb und bringen wertvolle Erfahrungen hinein.»

Wie aber bringt man die grosse Masse der Arbeitgeber dazu, die Elternschaft als Gewinn und nicht als Makel zu betrachten? «Wenn ich das wüsste, würde ich eine Initiative starten», sagt Christina Kaufmann. Die Markthalle hat sich inzwischen gefüllt mit Frauen und Männern in der Mittagspause. Kaufmann lässt ihren Blick schweifen und fügt an: «Eigentlich finde ich hier gesetzliche Regelungen lächerlich, aber vielleicht sind solche als Anstoss notwendig.»

Nach den Wünschen für ihre Töchter, Söhne und Patenkinder befragt, sind sich alle Gesprächspartnerinnen einig: Diese sollen mit ihren Familien so leben und arbeiten können, wie sie möchten. Ebenso einig sind sie sich darin, dass es mindestens noch eine Generation braucht, um diese Freiheit zu erreichen. Ein Mentalitäts- und vielleicht auch ein Personalwechsel insbesondere in den Führungsetagen ist zwingend. Christina Kaufmann schreibt ihre Stellen bereits jetzt konsequent und bewusst 80–100 Prozent aus und besetzt sie entsprechend. Auch gerne mit Müttern sowie mit engagierten und damit belastbaren Vätern.


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