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Jeder Erwachsene trägt ein inneres Kind in sich mit.

Das innere Kind

Wie uns Muster aus der Kindheit prägen

Manche Erlebnisse aus frühen Jahren prägen und beeinflussen unser Verhalten bis ins Erwachsenenalter. Muster aus der Kindheit eben. Was genau ist damit gemeint? Und was bedeutet dies für die Erziehung unserer Kinder?

Milch zu verschütten erlebte die kleine Felizitas als schlimmes Vergehen. Ihre Mutter wurde dann immer sehr laut und schimpfte. Auch erinnert sie sich noch genau, wie sie als Achtjährige den Christbaum schmücken durfte. Was war sie stolz auf ihr Werk! Doch als das Kind damals von der Schule kam, hatte die Mutter alle Kugeln umgehängt.

Die Erlebnisse mögen nicht gravierend erscheinen, dennoch realisierte Felizitas Ambauen Jahre später in ihrer Ausbildung zur Psycho- und Paartherapeutin: «Ich denke ja immer noch oft daran!» Mittlerweile weiss die heute 40-Jährige, dass diese Prägung auch noch im Grossmutteralter ein Teil von ihr sein wird. Triggert sie mal wieder eine Situation, kann sie heute jedoch sagen: «Oh, hallo, Muster!», und weiss: «Das gehört zur Kindheit, davon darf ich Abstand nehmen.»

Tatsächlich lotst uns ein unbewusstes Navigationssystem durchs Leben. So holen uns manche Erfahrungen immer wieder ein und bilden eine Art Subtext – was sich unbewusst auf unser Verhalten auswirkt, auf Partnerschaften und Freundschaften, aber auch darauf, wie wir unsere Kinder erziehen.

Frühe Erfahrungen prägen

Dabei sind Schemata – also typische Muster des Empfindens, Denkens und Verhaltens – erst mal nichts Negatives. Sie entwickeln sich meist in Kindheit und Jugend, beruhen also auf frühen Erfahrungen. Manchmal jedoch werden sie zu hinderlichen Lebensbegleitern – wenn etwa kindliche Bedürfnisse nach Zuwendung, Stabilität aber auch nach Grenzen nicht erfüllt wurden. Wird eines dieser Schemata im Erwachsenenalter durch eine neue Situation wachgerufen, treten intensive Gefühle auf wie Angst, Traurigkeit, Verlassenheit oder Wut, und die früh erlernten Muster werden wieder aktiv.

Muster aus der Kindheit nennt man auch das innere Kind.

Mit dem «inneren Kind» sind die im Gehirn gespeicherten Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit gemeint.

Von Stolpersteinen, die uns die Kindheit in den Weg gelegt hat, spricht die Hamburger Schematherapeutin Gitta Jacob (47): «Manche von uns stolpern nur ab und zu und verletzen sich dabei kaum. Andere brechen sich regelmässig die Knochen. Sie sind sichtlich gezeichnet und stehen wackeliger auf den Beinen.» Ist der Alltag vor lauter Stolpern nicht mehr zu bewältigen – etwa aufgrund massiver Beziehungsprobleme oder andauernder Konflikte im Job – lohne es sich, dem Ganzen auf den Grund zu gehen, etwa im Rahmen einer Schematherapie.

Muster, die uns steuern

Der Amerikaner Jeffrey Young entwickelte diese Form der Psychotherapie in den 1990er-Jahren. Er wollte damit schwer behandelbaren Patienten helfen, die etwa unter chronischen Depressionen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen leiden. Die Schematherapie geht von fest in uns verankerten Gefühls- und Gedankenmustern aus, die unser Verhalten steuern und uns – schlimmstenfalls – immer wieder in die gleichen Sackgassen manövrieren.

Dabei wird unterschieden zwischen vier Verhaltensmustern, die unser Handeln und Erleben bestimmen: Der Elternmodus (wenn Schuldgefühle oder fordernde innere Stimmen überwiegen), der Kindmodus (verletzte Gefühle, Hilflosigkeit und Verlassenheit dominieren), der Bewältigungsmodus (wenn wir versuchen, eine Situation zu erdulden, zu vermeiden oder zu kompensieren) oder der Erwachsenenmodus. Wir alle befinden uns mal in dem einen, mal in dem anderen Modus, idealerweise jedoch am häufigsten im Erwachsenenmodus.

Dieser zeichnet sich durch gute Strategien der Selbstregulation aus. Die Schematherapie versucht, seine Anteile zu stärken.

Doch auch wenn Stolpersteine einen nur hin und wieder ins Straucheln bringen, ist es sinnvoll, seine Muster zu kennen: Wann schiebt sich mein altes Schema rein und wann bin ich in der Gegenwart? «Erst wenn ich das Problem verstehe, kann ich gegensteuern», sagt Psycho- und Paartherapeutin Felizitas Ambauen, die in Nidwalden eine Praxis betreibt.

Eltern sollten die eigenen Muster kennen

Gerade Eltern sollten sich über ihre Muster klar sein, findet sie. Schliesslich geben wir diese an unsere Kinder weiter – und zwar ungefiltert. Die Psychotherapeutin weiss, wovon sie spricht: «Manchmal, wenn ich mit meiner vierjährigen Tochter rede, höre ich meine eigene Mutter. Als die Kleine neulich abends zum Beispiel das Badesalz im Wohnzimmer ausleerte, wurde ich kurz wütend. Doch dann erkannte ich: Vorsicht, altes Muster!»

Im Gegensatz zu ihrer Mutter damals, entschuldigte sie sich umgehend bei ihrer Tochter und saugte die Sauerei mit ihr gemeinsam auf. «Was ich ohne das Wissen um meine Muster vielleicht in dieser Konsequenz nicht gemacht hätte.»

Ihren Kindern zuliebe sollten Eltern deshalb als erstes versuchen, sich selbst zu verstehen – wovon letztendlich auch der Nachwuchs profitiert. Doch dafür muss uns zunächst klar sein, wie es uns tatsächlich geht und was unsere Bedürfnisse sind – Dinge, die oft überdeckt werden von unzähligen auf uns einprasselnden Anforderungen des Alltags. Blenden wir unsere Gefühle und Bedürfnisse jedoch permanent aus, entwickeln sich im Extremfall Depressionen oder andere psychische Leiden.

Das innere Kind

Eine Möglichkeit, um Schicht für Schicht seine verdrängten Bedürfnisse und Gefühle heraus zu schälen ist das psychologische Konzept des inneren Kindes. Damit sind die im Gehirn gespeicherten Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit gemeint.

«Vielen fällt es leichter, wenn sie sich vorstellen, diese Gefühle sind ein Kind», sagt Schematherapeutin Gitta Jacob. Über Fragen wie «Stelle dich als Kind vor», oder «Wie geht es deinem vierjährigen Ich, was braucht es jetzt?», finden wir häufig einfacher Zugang zu unseren innersten Wünschen.

Dies erlebte auch Sarah (38). Die Oberärztin litt an Depressionen und war gestresst von ihrem fordernden Beruf, der sie permanent ihre eigenen Grenzen überschreiten liess. Mit einer Therapeutin näherte sie sich ihrem inneren Kind an und realisierte dabei, dass sie einem Muster aus Kindertagen treu geblieben war: So hatte bei ihren Eltern Schwäche als Versagen gegolten und Leistung war Mass aller Dinge. Plötzlich spürte die Ärztin wieder, wie sie als Kind ihre Bedürfnisse – auch mal nicht perfekt zu sein – immer verdrängen musste. Und realisierte, dass sie dies auch als erwachsene Frau noch tat.

Heute nimmt Sarah nicht mehr jede zusätzliche 12- Stunden-Schicht an. Wie eine Löwenmutter wirft sie sich jeweils schützend vor ihr überarbeitetes inneres Kind und sagt «nein». Was Therapeuten nicht überrascht, schliesslich kann man für sein Kind immer am besten einstehen – selbst, wenn es ein imaginäres ist.

In sich hineinhorchen

Idealerweise setzen wir uns jedoch mit unseren Bedürfnissen und Gefühlen nicht erst bei gravierenden Problemen auseinander. Einmal am Tag, raten Fachleute, sollte man kurz innehalten und sich fragen: Wie geht es mir eigentlich? Was brauche ich? Kann ich meine Gefühle benennen? Auch hier erleichtert das innere Kind oft den Zugang.

«Häufig reicht es, die Augen zu schliessen und sich als einstiges Kind vorzustellen, dem man nun als Erwachsener begegnet», sagt Ambauen. «Vielleicht lässt sich das innere Kind sogar in den Arm nehmen, und man kann ihm signalisieren, dass man seine Gefühle und Bedürfnisse ernst nimmt.» Oft braucht es dafür allerdings etwas Übung oder Anleitung.

Doch weshalb ist es so schwer, sich selbst Sorge zu tragen und auf Bauchgefühl und Intuition zu hören? «Es wurde uns abtrainiert», sagt Ambauen. Schliesslich wuchs die heutige Elterngeneration eher mit autoritären Regeln auf, oft im Bewusstsein, Empfindungen nicht zeigen zu dürfen. Wer als trauriges Kind immer gesagt bekommt «ist doch nicht so schlimm», lernt schnell, sich nicht mehr zu spüren, eigenen Gefühlen keinen Raum zu geben.

Auf eigene Bedürfnisse achten

Heutige Eltern laufen daher eher Gefahr zu überkompensieren, beobachtet die Psychotherapeutin. Wer als Kind emotional vernachlässigt oder nicht gesehen wurde, will es besser machen, überschüttet seine Kinder tendenziell mit Fürsorge und achtet gleichzeitig nicht auf eigene Bedürfnisse. Der Nachwuchs wiederum entwickelt womöglich ein Muster von Verstrickung, weil er viel zu sehr an Mutter oder Vater gebunden ist, und Mühe hat, selbst Entscheide zu fällen.

Kurz: Wir versuchen, am eigenen Kind etwas gut zu machen, was wir zuerst unserem inneren Kind zugestehen müssten. Deshalb sollten Eltern bei sich selbst ansetzen, begreifen, was sie brauchen und neue Rituale der Selbstfürsorge finden. Denn: «Wir können unseren Kindern nur das geben, was wir uns auch selbst zugestehen.»

Muss ich nun jedes Wort auf die Goldwaage legen, damit Tochter und Sohn keine negative Schemaprägung davontragen? Gitta Jacob entwarnt: Natürlich habe die Kindheit Einfluss, doch nicht aus jeder negativen Erfahrung entstehe ein Trauma. Anders gesagt: Es ist normal, sich anzubrüllen oder mal nicht miteinander zu reden.

Kinder müssen lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen, Streit und Uneinigkeiten gehören zum Leben. Wichtig sei jedoch, dass Kinder wissen: Meine Eltern haben mich bedingungslos lieb – egal, was passiert. Manchmal rappelt es zwar kurz, aber dann ist es auch wieder gut. «So lange diese Basis stimmt, ist alles andere zweitrangig.»

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