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Vater mit Kind am Flughafen

Familie / Expats

«Wer sich nur im Schweizerclub bewegt, der verpasst viel»

Expat-Experte Samuel van den Bergh erklärt, weshalb es wichtig ist, sich auf die fremde Kultur einzulassen.

Für die Mitreisenden ist es wichtig, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden.

wir eltern: Herr Professor van den Bergh, Sie coachen Arbeitnehmer, die von ihrer Firma für mehrere Jahre ins Ausland geschickt werden. Wie beraten Sie diese zukünftigen Expats?

Samuel van den Bergh: Während eines Coaching-Tages sprechen wir über die Kultur des Ziellandes, über eigene Erfahrungen und über Strategien, die beruflich und privat zu Erfolg oder Misserfolg führen können. Die meisten Entsandten sind Männer. Haben diese eine Familie, binde ich Frau und Kinder mit in das Gespräch ein. Ansonsten ist das Risiko gross, dass es nicht klappt.

Der Auslandaufenthalt scheitert wegen Frau und Kind?

Der Mann ist durch seine Arbeit in der Firma in eine soziale Struktur eingebunden. Während er in der Schweiz von 9 bis 17 Uhr abwesend war, arbeitet er nun allenfalls sehr viel länger und nimmt noch an Geschäftsessen teil. Realisiert die Frau, dass sie abends mit niemandem über ihren Ärger oder ihre Leere sprechen kann und tagsüber eigentlich nur gelangweilt und deprimiert zuhause sitzt, ist das schwierig zu ertragen.

Ist es für die mitreisende Frau nicht einfach toll, in einem meist schönen Haus zu wohnen und die freie Zeit zu geniessen?

Wer nur wegen allfälliger Privilegien wie einer Villa, Swimmingpool, Hausangestellten, Nanny und Chauffeuren in einem fremden Land lebt, aber kaum Eindrücke der Kultur mit nach Hause nimmt, verpasst viel.

In einem exotischen Land ist es unter Umständen schwierig, Anschluss zu finden.

Die Sprache ist noch immer das A und O, um mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen. Egal wo, es freut die Leute, wenn der Gast «Hallo», «Wie gehts?», «Danke» und «Bitte» sagen kann. China-Reisenden etwa empfehle ich, einen Kaligrafie-Kurs für Anfänger zu besuchen, um die Basis der Sprache zu lernen. Ebenfalls in China gibt es schon morgens ab 6 Uhr viele Interessengruppen in den Parks. Wenn man sich da einer Tai-Chi-Gruppe anschliesst, lernt man schnell Leute kennen.

Ist es nicht hilfreicher, andere Expats zu treffen, die ja in derselben Situation sind?

Menschen aus dem Heimatland und andere Expats helfen über Einsamkeit und Heimweh hinweg. Wer sich allerdings nur im Schweizerclub bewegt, lässt die Gelegenheit, seinen Horizont zu erweitern, ungenutzt verstreichen. Zudem werden in Expat-Zirkeln Kultur und Menschen des Aufenthaltslandes manchmal etwas stereotypiert wahrgenommen. Da wird dann oft gemeinsam über das Gastgeberland gejammert…

…und Kulturklischees zementiert…

Es gibt überall Leute, die ihr Heimatland als Massstab und Vorbild betrachten und sich entsprechend arrogant verhalten. Andere wiederum idealisieren die fremde Kultur – beides macht blind. Wenn man wissen will, wie eine andere Kultur tickt, muss man sich mit ihr auseinandersetzen.

In Ihren Kursen lernen angehende Expats «interkulturelle Kompetenz». Was genau bedeutet das?

Kurz und bündig: Interkulturell kompetent sind jene, die wissen, dass sie – für den Rest der Welt – nicht normal sind.

Paare, die vorgängig gut gecoacht werden und sich neugierig auf die neue Kultur einlassen, haben also nichts mehr zu befürchten?

Mit einer seriösen Vorbereitung erfährt man, was in einer fremden Kultur normal ist oder umgekehrt, was als sehr unanständig gilt. Ein Kulturschock wird damit aber nicht verhindert. Die meisten Paare durchlaufen zunächst eine «Honeymoon-Phase». Sie sind enthusiastisch und freuen sich auf den Neuanfang. Spätestens nach ein paar Wochen folgt der Kulturschock. Kann sich das Paar jetzt nicht gegenseitig stützen, wird es schwierig. Für die Mitreisenden – meist die Frau – ist es wichtig, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden.

Scheitern viele Familien?

Fünf bis sieben Prozent der Expats brechen die Übung ab. Ein misslungener Auslandaufenthalt kann zu zerbrochenen Ehen führen: Paare stehen vor einem Scherbenhaufen, mittendrin die Kinder.

Das klingt nicht sehr ermutigend …

Zwar braucht eine globalisierte Welt auch in Zukunft Expats. Doch der Trend, mit Familie zu reisen, nimmt eher ab, denn diese kosten die Firmen viel Geld. Die Arbeitgeber setzen zunehmend auf Pendler – also etwa Väter, die jeweils eine Woche pro Monat und ohne Familie ins Ausland reisen.


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